08.10.2003 Risikogleichgewicht (Ausbildung)

Ich kenne eine Küstenkanuwanderin, die paddelt deshalb nicht mit Trockenanzug bzw. im Zweier-Seekajak, weil sie Angst hat, dass dann ihr Partner mit ihr bei härteren Gewässerbedingungen hinaus aufs Meer paddelt. Der Psychologe M. Stadler nennt dass "Risikogleichgewicht":

"Der Sicherheitsvorteil durch konstruktive, gesetzliche oder ausrüstungstechnische Maßnahmen wird durch erhöhte Risikobereitschaft vernichtet."

In der YACHT, Nr. 21/03, S.32 ff., beklagt sich M. Müller in dem Beitrag "Seemannschaft mangelhaft" darüber, "dass gute Seemannschaft nicht mehr sehr verbreitet ist" und liefert dazu dieselbe Antwort, nämlich, dass das " ... so absurd es zunächst klingt, auch mit Fortschritt zu tun hat. .... Technik vermittelt häufig das trügerische Gefühl von Sicherheit. Navigation wird per GPS erledigt, das kann jeder. Und fährt zuweilen gedankenlos auch durch unbekannt Reviere, ohne auf der Seekarte noch groß zu navigieren oder Kurs und Verhältnisse zu kontrollieren."

Wenn dann die Seekarte nicht auf dem aktuellen Stand ist, das GPS plötzlich wegen schwacher Batterien bzw. schlechtem Empfang ausfällt, der UKW-Notruf nicht gehört wird, die Seenotsignalmittel nicht gesehen werden, der Paddle-Float-Wiedereinstieg nicht funktionieren will ... und man im Wasser nicht in den Rettungssack (sog. "Thermal Protective Aid") rein kommt, spätestens dann bereut man es, die eigene Leistungsfähig- & Standfestigkeit überschätzt und die Gefahren, die von Wind, Kälte, Tide, Dunkelheit & der übrigen Schifffahrt ausgehen können, unterschätzt zu haben.