22.10.2003 Solo-Touren (Ausbildung)

In der YACHT hat C. Kemmling in dem Beitrag

"Stilles Glück - das Erlebnis des Flow-Effektes"

darüber geschrieben, wie Psychologen das Phänomen erklären, warum manche bei Solotörns ein besonders intensives Gefühl erfahren. Im Folgenden ist dieser Beitrag sinngemäß auf das Küstenkanuwandern übertragen worden:

Solotouren hinaus aufs Meer üben eine besondere Faszination aus. "Es passiert etwas mit dir, sobald du ablegst", berichten viele Solisten, ohne das Phänomen exakt beschreiben zu können. Psychologen glauben, dass sich dieser "magische" Effekt dann einstellt, wenn zum Alleinsein ein intensives Naturerlebnis hinzukommt.

Die US-amerikanischen Wissenschaftler Foster und Little haben sich diese Erkenntnis zu Nutze gemacht und unter der Bezeichnung Vision Quest erfolgreich eine Methode zur Selbsterfahrung entwickelt. Wer sie anwendet, löst sich für vier Tage aus dem Alltag und versucht, ohne Nahrung und Zelt auf sich allein gestellt in der Wildnis zu überleben. Vorbild sind die Riten der Indianer, die ihren Nachwuchs auf einsame Wanderungen schickten. Erst nach dieser Erfahrung wurden die Jungen als vollwertige Mitglieder in die Gesellschaft integriert. "Alleinsein in der Natur hat eine reinigende, stärkende und spirituelle Wirkung", so die Wissenschaftler.

Bei Solotouren kommt verstärkend der entspannende Effekt der See hinzu. "Du findest auf See, was immer du suchst." (Konrad Lorenz, Verhaltensforscher) "Wasser hat eine beruhigende Wirkung auf den Menschen." (Birgit Leifeld, Psychotherapeutin). Ferner sei bekannt, dass der Körper seine Funktionen herabsetze, wenn das Gesicht mit Wasser benetzt werde. Ein Reflex aus der Urzeit. Schließlich stammen wir aus dem Wasser. Unter dem Einfluss des Wellengeräusches passe sich sogar die Atmung dem Rhythmus an, so Leifeld.

Wegen des Fehlens zwischenmenschlicher Einflüsse fördert eine Solotour die Entspannung. "Die Konzentration auf sich selbst kann enorme Glücksgefühle bewirken. Man müsse allerdings bereit sein, sich darauf einzulassen. Bei Angst oder Unsicherheit stelle sich ein solcher Positiv-Zustand nicht ein." (Reinhard Mann, Psychologe)

"Wer sicher allein unterwegs aufs Meer hinaus fährt, kann effektiv den Alltagsballast ablassen. Der Solofahrer gerät automatisch in einen Zustand meditativer Entspannung, weil er mehr von seiner Umwelt wahrnimmt." (Meeno de Groot, Psychologe)

In der Psychologie ist dieses Phänomen, in der das Zeitempfinden verloren geht, als "Flow-Effekt" bekannt. Der Psychologe Mihalyi Csikszentmihalyi sieht in diesem Zustand der Selbstvergessenheit den Schlüssel zu Glücksgefühlen. Es ist der Moment, in dem Menschen völlig in ihrer Tätigkeit aufgehen.

Allerdings: Überforderung macht Angst, Unterforderung erzeugt Langeweile. Deshalb ist der Schlüssel zu "beflowten" Solotouren das eigene Können und das Vertrauen darauf.

Quelle: YACHT, Nr. 22/03, S.26 - www.yacht.de