10.01.2004 Seenotfall durch Steuerschaden (Ausbildung)

 

Im us-amerikanischen SEA KAYAKER berichtet Michael Jeneid in dem Beitrag:

 

„The Breaking Point. A Trial by Wind on Nevada’s Pyramid Lake

 

über eine Tagestour mit einer ca. 10 km Querung, bei der ihm auf der Rückfahrt ca. 2 km vor dem Ziel ein Steuerseil riss und Wind & Seegang eine weitere Annäherung an das angepeilte Ufer unmöglich machte. Der Kanute war so nicht wie geplant ca. 2 Std., sondern insgesamt 5 Std. unterwegs und erreichte erst in der Dunkelheit das gegenüberliegende Ufer einer menschenleeren Gegend, und zwar völlig durchnässt, ausgehungert und schwach unterkühlt.

 

Dieser Fall verdeutlicht die Wichtigkeit der folgenden Punkte:

 

(1) Kameradschaft:

 

  • Wie hilflos man doch plötzlich werden kann, wenn man solo unterwegs ist.

 

(2) Tourenplanung:

 

  • Wie problematisch es sein kann, wenn man vor einer Tour sich nicht von der Intaktheit seiner Ausrüstung, insbesondere der Steueranlage überzeugt.

 

(3) Bekleidung:

 

  • Wie entscheidend es werden kann, wenn man so bekleidet ist, dass eine Wetterverschlechterung einem nicht gleich auskühlen lässt.

 

(4) Erfahrung:

 

  • Wie wichtig es sein kann, wenn man bei Solotouren auf einen Ausstieg vorbereitet ist, d.h. so gekleidet ist, dass unterwegs ein nasser Ausstieg möglich ist (z.B. zwecks Demontage des Steuerblatts), und so erfahren ist, dass man nach einem Ausstieg auch wieder allein ins Seekajak einsteigen und weiterpaddeln kann.

 

(5) Kajakausrüstung:

 

  • Wie vorteilhaft es sein kann, wenn man über ein Kajak verfügt, dessen Steuerblatt auch bei einem Steuerschaden ins Heck eingezogen werden kann (möglich u.U. bei integrierten Steueranlagen) bzw. wenigstens hinten aufs Heck gezogen werden kann (wenn auch dadurch die Luvgierigkeit erhöht wird).
  • Wie kritisch es werden kann, wenn die Fahreigenschaften eine Seekajaks voll von der Funktionstüchtigkeit der Steueranlage abhängt (wenn auch Steuerschäden bei entsprechender Inspektion weitaus seltenere - als immer wieder behauptet - auftreten).
  • Wie praktisch es wäre, wenn man so gut paddeln könnte, dass man ganz auf ein Steuer-Seekajak verzichten kann und stattdessen ein Skeg-Seekajak bzw. – da auch ein Skeg Probleme bereiten kann (hier: Beschädigung bzw. zu starke Vertrimmung) – ein Seekajak ohne Steuer bzw. Skeg beherrschen kann.

 

(6) Signalmittel:

 

  • Wie lebenswichtig es sein kann, wenn man unterwegs griffbereit Seenotsignalmittel bzw. ein UKW-Sprechfunkgerät gelagert hat.

 

(7) Verpflegung & Getränke:

 

  • Wie problematisch es werden kann, wenn man unterwegs nicht trinken & essen kann.

 

(8) Reparatur-/Ersatzmöglichkeiten:

 

  • Wie leichtsinnig es ist, auf Reparaturen - zumindest an Land – nicht vorbereitet zu sein, d.h. keine Taschenlampe, kein Werkzeug (Zange, Schraubendreher), kein Gewebeband, kein Reservesteuerseil, keine Steuerseilklemmen, kein Reservepaddel u.ä. dabei zu haben.

 

(9) Not-Biwak:

 

  • Wie gefährlich es werden kann, wenn man bei Tagestouren in unbewohnte Gegenden nicht auf ein Not-Übernachtung vorbereitet ist (hier: Biwak-Sack, u.U. Schlafsack, Reservebekleidung, Reserveverpflegung; Feuezeug bzw. Streichhölzer, Papier).

 

(10) Vermisstenmeldung:

 

  • Wie beruhigend es sein kann, wenn man Dritte vorher über seine Tour informiert hat (sog. „Floatplan“) bzw. nachher z.B. per Handy oder Seenotfunkbank alarmieren kann.

 

Übrigens, nach dem der Havarist im Dunklen wieder den Platz erreicht, wo er zuvor mittags pausiert hatte, und mangels Ausrüstung keine Möglichkeit zum Biwakieren und mangels Feuerholz keine Möglichkeit zum Aufwärmen sah, reparierte er provisorisch im Lichtschein seines Kochers das Steuerseil und stieg fröstelnd & ausgehungert wieder in sein Seekajak, um erneut die Querung zu wagen. Zum Glück hatte in der Nacht Wind & Seegang nachgelassen.

 

Quelle: SEA KAYAKER, Nr. Febr. 04, S.48-53 – www.seakayakermag.com