8.11.2004 Kenterung mit tödlichem Ende (Ausbildung)

 

Was mancher Seeanfänger bzw. Fahrtenleiter befürchtet, ist nun eingetreten, zumindest in den USA: eine tödlich endende Kenterung, bei der es dem in Panik geratenen Kanuten nicht möglich war auszusteigen, da sich die Spritzdecke nicht vom Süllrand löste.

 

Da in Deutschland i.d.R. Seeanfänger keine Paddelanfänger sind, die ohne Paddelkenntnisse und somit „Kenterfahrungen“ gleich aufs Meer hinaus fahren, beschränkt sich die Angst der meisten Seeanfänger eigentlich nur darauf, dass sie in der Hektik einmal vergessen könnten, vor dem Ablegen die Spritzdecke so zu schließen, dass die Halteschlaufe herausschaut. Immerhin musste ich bei meinen Touren deshalb schon zweimal einem Kameraden helfen. Ich merkte, dass er nach einer Kenterung aussteigen wollte, aber nicht konnte. Ich paddelte sofort zu ihm hin und legte mich mit meinem Seekajak seitwärts zu seinem Seekajak, um ihn die Gelegenheit zu geben, sich irgendwo an meinem Boot hochzuziehen (sog. „Eskimorettung“). Damit ich vom „Kenterbruder“ nicht selber gekentert werde, stützte ich mich mit meinem Paddel auf dem gekenterten Kajak ab.

 

Im SEA KAYAKER berichtet nun Charles A. Sutherland in dem Beitrag:

 

„The Loss of a Novice.

The Tragic Consequences of an Unexpected Capsize”

 

über den Tod eines Anfängers (51 Jahre), der bekleidet mit Neo und Schwimmweste bei einer Ausbildungsfahrt bei +24° C Luft- und +15° C Wassertemperaturen entlang der Küste am Rande eines befahrenen Fahrwassers während der Übung der flachen Paddelstütze ca. 30 m vom Strand entfernt im ruhigen, aber tiefen Wasser kenterte, vor Panik hektisch im Wasser herumplantschte (sog. „aktive“ Panik), statt kontrolliert die Spritzdecke zu öffnen, ca. 10-15 Sekunden unter Wasser blieb, Wasser einatmete, mit Kameradenhilfe ausstieg, noch ca. 5 Minuten ansprechbar war, dann ohnmächtig wurde und 1 Std. später starb. – Übrigens, zu Beginn der Tour wurde den Kursteilnehmern an Land gezeigt, wie man nach einer Kenterung aussteigt. Die Aussteigübungen im Wasser sollten jedoch wegen der Wassertemperaturen erst am Ende der Tour durchgeführt werden.

 

Ich persönlich hat eine ähnliche Situation auch einmal erlebt, zum Glück im Hallenbad. Eine nicht unerfahrene Kanutin sollte zu Beginn einer Rettungsübung bewusst kentern, unter Wasser die Spritzdecke öffnen und dann aussteigen. Nachdem sie kenterte, geriet sie sofort in Panik, statt sich nach vorne zu legen, die Spritzdeckenschlaufe zu ergreifen und die Spritzdecke zu öffnen, legte sich nach hinten und verharrte in dieser Stellung (sog. „passive“ Panik) bis wir Kanuten, die am Beckenrand standen, stutzig wurden, das Heck des Kenterkajaks ergriffen und soweit hoch hoben, dass die Kanutin Luft holen und ihre Sitzluke verlassen konnte. Nach einer Verschnaufspause setzte sich die Kanutin nach 30 Minuten nochmals in ihr Kajak und stieg nach einer freiwillig herbeigeführten Kenterung ohne Probleme aus.

 

In dem Beitrag werden einzelne Punkte angesprochen, u.a. dass

 

 

Bei der Diskussion des Seenotfalles ist jedoch auf die folgenden Punkte nicht eingegangen worden:

 

(a)   Übung der Stütze an Land, d.h. im Trockenen.

(b)   Übung im sehr flachen Wasser (ca. 50 cm tief), sodass der Übende sich im Falle einer Kenterung sofort mit dem Paddel auf dem Grund abstützen und wieder hochdrücken kann.

(c)   Übung im flachen Wasser (ca. 100-150 cm tief), sodass der Übende zugleich erfährt, wie leicht es ist – entsprechende Wassertiefe vorausgesetzt -, sich nach einer Kenterung per Paddel wieder aufzurichten, statt einfach auszusteigen.

(d)   Übung mit Stützen auf dem parallel neben sich liegendem Kajak eines Mitpaddlers, und zwar als Ausgleich dafür, falls die Übungen (b) und (c) mangels flachen Wassers nicht durchgeführt werden können.

(e)   Übung während der Fahrt, d.h. während des Paddelns nimmt man etwas Tempo auf und versucht dann nach ein paar Paddelschlägen immer häufiger mal links, mal rechts, mal flach, mal hoch zu stützen. Zunächst sollte das zaghaft erfolgen, damit man das Gefühl bekommt, wie man das Paddelblatt einsetzen, d.h. anwinkeln, muss und welche Wirkung das stützende Paddelblatt entfalten kann. Anschließend sollte man sich so auf die Paddelstütze verlassen können, dass man sich traut, beim Stützen mit der Schulter das Wasser zu berühren.

(f)     Übung bei brechendem Seegang zwecks realistischen Einsatzes der flachen bzw. hohen Stütze hin zur brechenden Welle. Bei etwas höherer Brandung kann das mit Kameradenhilfe erfolgen, und zwar dergestalt, dass im ca. 50-100 cm tiefem Wasser der Helfer das Kajak mit dem Übenden seitwärts zur Welle hält, sodass dieser die Möglichkeit hat, relativ häufig hintereinander in der brechenden See zunächst die flache und anschließend die hohe Stütze zu üben, ohne dass er Angst zu haben braucht, dabei zu kentern.

 

Text: U.Beier

Quelle: SEA KAYAKER, Nr. Dec. 2004, S.42-45 – www.seakayakermag.com