2.12.2004 „Europäischer Paddler-Pass“ (Ausbildung)

 

In KANU-SPORT wird darüber berichtet, dass auf der „DKV-Konferenz Freizeit- und Kanuwandersport“ in Duisburg über die Relevanz des „Europäischen Paddler-Pass“ diskutiert wurde. Die Idee des „Europäischen Paddler-Pass“ („EuroPaddlePass“) stieß auf Zustimmung. Verschiedene europäische Kanuverbände – und zwar: Frankreich, Irland, Großbritannien, Slowenien, Schweden und Dänemark - haben hierzu Überlegungen auf dem ICF-Kongress in Stockholm vorgestellt. Innerhalb des DKV hat sich bereits eine Arbeitsgruppe mit erforderlichen Kriterien beschäftigt.

 

Was versteht man aber konkret unter dem „Europäischen Paddlerpass“ und was will man mit diesem Ausbildungskonzept erreichen?

 

Näheres hierzu kann man unter:

 

www.europaddlepass.com

 

abrufen. Der „EuroPaddlePass“, wird im „European Year of Education through Sports” (EYES 2004) von der EU-Kommission gefördert. Die Ziele von EYES sind dabei u.a.:

 

 

Das Projekt des „EuroPaddlePass“ wird vom Französischen Kanu-Verband geleitet und koordiniert. Die folgenden Ziele werden dabei verfolgt:

 

 

Erreicht werden sollen diese Ziele durch:

 

 

D.h. es wird versucht, Rahmenbedingungen für die Ausbildung im Kanusport bereitzustellen, die von den einzelnen nationalen Kanuverbänden der EU übernommen werden können, aber nicht müssen. Diese Rahmenbedingungen geben außerdem nur Minimalanforderungen vor, d.h. jedem nationalen Kanuverband bleibt es überlassen, zusätzliche Bedingungen als wichtig zu erachten, um z.B. auf diese Weise regionale Gegebenheiten berücksichtigen zu können (z.B. Gezeiten, Dünung, Windeffekte, Temperaturen; Ausrüstungspotentiale).

 

Die aus 5 Ländern bestehende Gründungskommission hat bislang die folgenden Rahmenbedingungen erarbeitet, die je nach Kanusport-Disziplin mehrstufig gegliedert sind:

 

  1. Kajak (4-stufig: Level 1 (Gelb) bis Level 4 (Rot));
  2. Kanadier (4-stufig: Level 1 (Gelb) bis Level 4 (Rot));
  3. Seekajak/Küste (2-stufig: Level 3 (Blau) bis Level 4 (Rot));
  4. Surf (2-stufig: Level 3 (Blau) bis Level 4 (Rot));
  5. Slalom (3stufig: Level 3 (Blau) bis Level 5 (Schwarz)).

 

Was das Küstenkanuwandern betrifft, sollen hier kurz die Entwürfe vorgestellt werden, die das Kompetenzniveau der folgenden Ausbildungs-/Prüfungsstufen widerspiegelt:

 

Level III (Blau) – Küste

 

Voraussetzungen:

Vorbedingungen sind insgesamt drei 4-stündige Tagestouren auf offenem Wasser bis max. 3 Seemeilen (ca. 5,5 km) vom Land entfernt bei 3 Bft. Wind jedoch ohne Stromkabbelung (Tidal-Races) und ohne erschwerte Anlandebedingungen (z.B. starke Brandung, Felsküste mit Seegang?); mit 1 Pause unterwegs, bei der sich der Kanute selber versorgen muss. Max. 1 Tour darf in einem Mündungsgebiet (oder auch: Förde, Bodden) stattfinden (z.B. betrifft das in Deutschland Elb-, Weser-, Emsmündung) und eine der 3 Touren muss in einem völlig unterschiedlichen Gebiet (z.B. Borkum Wangerooge Nordenham Cuxhaven Eidermündung Schlüttsiel Höjer (DK); Flensburg Travemünde Fischland-Darß Greifswald Odermündung).

Die Prüfung selbst soll während z.B. einer Tagestour bei 2-4 Bft. Wind bzw. 2-4 Seegang (d.h. schwach bis mäßig bewegt; wobei letzteres dem Seegang von 5 Bft. entspricht) stattfinden. Jede Prüfungsgruppe soll aus max. 3 Kanuten bestehen.

Bedingung: Bestandener Test Level II (Grün) oder IV (Rot) – Kajak?

 

Anforderungen an die Paddeltechnik:

Sie betreffen Paddeltechniken beim Starten/Anlanden, Vorwärts-/Rückwärts-/Kurvenfahren, Stoppen, Ziehschläge, flache/hohe Stützschläge, Heckruder-Schläge.

Dazu kommen Kentern & Aussteigen und Anwendung von Partnerrettungs-Techniken, sowie Paddeln gegen bzw. mit Wind und in Brandung (max. 1 m).

Kenntnis von 5 verschiedenen Knoten.

 

Anforderungen an die Ausrüstung:

Sie betreffen Kajak (hier: Toggles, Rettungshalteleinen, Abschottung bzw. genügend große und gegen Verschiebung & Verlust gesicherte Auftriebskörper) Paddel, Bekleidung (wind-, wasserdicht), Schwimmweste, farbig-leuchtende Kopfbedeckung, Spritzdecke und Haltegriff zum Öffnen, Erste-Hilfe- & Reparturmaterial, Reservebekleidung, Verpflegung & Trinken, Notausrüstung (z.B. Kompass, Notverpflegung, Signalpfeife, Feuerzeug/Streichhölzer, Seenotsignalmittel, Rettungsdecke). Das erforderliche Gepäck muss wasserdicht verpackt sein.

 

Anforderungen an die Sicherheit:

Sie betreffen Schlepp- und Rollkenntnisse (wünschenswert: vorbereitete Rolle auf einer Seite).

 

Anforderungen an grundlegendes Basiswissen:

Sie betreffen lokale und allgemeine Gewässerbedingungen, die durch Tide/Strom/Wind bzw. Schiffsverkehr hervorgerufen werden können.

Sie umfassen auch die Kenntnis von Fahr-/Vorfahrtsregeln (inkl. Schallsignale), Unterkühlung und Erste-Hilfe.

 

Level IV (Rot) – Küste

 

Voraussetzungen:

Die Prüfung soll bei 4 Bft. abgenommen werden, inkl. Stromkabbelung (Tidalrace, Overfalls) (hier: starke Strömung mit Strudeln & Kehrwasser, sowie steile brechende, teils stehende Wellen (Grundsee)).

Bedingung: Bestandener Test Level III (Blau) – Küste.

Die Prüfung selbst muss während einer Tagestour bei 4 Bft. Wind erfolgen.

 

Anforderungen an Paddeltechnik, Ausrüstung, Sicherheit und Basiswissen:

Wie bei Level III (Blau) – Küste, jedoch den erschwerten Bedingungen von 4 Bft. angepasst.

 

Dieses bis zu 5-stufige Ausbildungsmodell dient der Vermittlung und Abprüfung von Kenntnissen, Fähigkeiten & Fertigkeiten (kurz: Wissen) im Rahmen des Kanusports. Jedes EU-Land kann freiwillig mitarbeiten und nationaltypische Korrekturen bzw. Ergänzungen vornehmen. Keine Kanutin und kein Kanute wird gezwungen, sich einer derart strukturierten Ausbildung zu „unterwerfen“. Jene Kanuten, die jedoch bereit sind, sich entsprechend dem „EuroPaddlePass“ ausbilden zu lassen, wird die Möglichkeit geboten, nicht nur etwas in Sachen Kanusport zu lernen, sondern auch zu erkennen, welches Ausbildungsniveau er erlangt hat. Der „EuroPaddlePass“ fördert auf diese Weise nicht nur die Motivation, sich gezielter ausbilden zu lassen, sondern trägt auch zur Erhöhung der Transparenz darüber bei, über welchen Ausbildungsstand ein Kanute verfügt. Das ist nicht zuletzt bedeutsam, wenn man als Kanute an einer nationalen oder europäischen Kanusportveranstaltung teilnehmen möchte. Jeder Organisator (hier: Fahrtenleiter bzw. Ausbilder) einer solchen Veranstaltung kann nämlich über die Vorlage eines solchen „EuroPaddlePass“ in etwa auf die Kompetenzen schließen, über die ein Kanute verfügt.

 

Natürlich kann man dem „EuroPaddlePass“ auch negative Seiten abgewinnen. Zum einen macht er u.U. eine Änderung gewohnter Ausbildungsprogramme erforderlich bzw. setzt entsprechend instruierte Ausbilder voraus, wenn das europäische Kanusport-Ausbildungsprogramm bei den Kanuten Zuspruch finden sollte. Zum anderen weckt das Ängste, weil u.U. eine solcher „EuroPaddlePass“ entweder vom Staat als Voraussetzung dafür rechtlich festgeschrieben werden könnte, wenn man bestimmte Gewässer befahren will (z.B. Schifffahrtsstraßen) oder von Gerichten bzw. Versicherungen als Schlüsselinformation dafür „missbraucht“ werden könnte, bei einem Gewässerunfall zu prüfen, ob der Fahrtenleiter bzw. Ausbilder u.U. nicht fahrlässig gehandelt hat, da er auf einer Tour für ein Gewässer einen Kanuten mitgenommen hatte, der die Anforderungen für dieses Gewässer lt. „EuroPaddlePass“ nicht gewachsen war. Ich meine jedoch, so diskutabel auch solche Bedenken sein könnten, dass zunächst einmal die Verbesserung des Ausbildungsstandes der Kanuten im Vordergrund stehen sollte. Mit dem „EuroPaddlePass“ wird das in zweifacher Weise erreicht, zum einen über die lehrenden Kanuten, die quasi über den „EuroPaddlePass“ das „Kerncurriculum“ eines EU-weiten Ausbildungsprogramms erfahren, welches einen Anstoß zur Reflektion darüber geben kann, wie sie bislang ihre Ausbildung betrieben haben, und zum anderen über die lernenden Kanuten, die schon im voraus Klarheit darüber bekommen, was sie nach Abschluss einer bestimmten Ausbildungstufe beherrschen sollen.

 

Text: U.Beier

 

Quelle: KANU-SPORT, Nr. 12/04, S.36-37 – www.kanu-verlag.de

Link: www.europaddlepass.com