22.05.2005 Eskimorettung (Ausbildung)

 

Im SEEKAJAK berichtet Bernhard Hillejan über die Bedeutung der Eskimorettung („Eskimo Rescue“, passender: „Inuit-Rettung“), d.h. jener Rettungsmethode, bei der man nach einer Kenterung nicht aussteigt, sondern solange im Wasser wartet, bis man sich am Boot eines Kameradens wieder über Wasser ziehen kann. Das klingt faszinierend. Zwischen Paddeln und Anwendung von Partnerrettungsmethoden gibt es also neben:

 

 

nun auch:

 

 

und zwar nicht am eigenen Paddel (das wäre dann die Rolle), sondern am Boot des Retters.

 

B.H. führt 6 Vorzüge der „Inuit-Rettung“ auf, die wie folgt subsumiert werden können:

 

  1. Die mit den Partnerrettungsmethoden verbunden Gefahren (hier: einerseits die Gefahr der Unterkühlung, Personenverletzung bzw. Materialbeschädigung, andererseits die Gefahr, des Verlusts des Gruppenzusammenhalts) wird herabgesetzt, da die Gesamtrettungszeit vermindert wird.
  2. Die Seegangstüchtigkeit bleibt erhalten bzw. wird baldmöglichst zurückgewonnen (hier: was das Seekajak des Kenterbruders bzw. den Kenterbruder selbst betrifft).

 

Das Problem der „Inuit-Rettung“ wird dabei von zwei Größen bestimmt:

 

a)      Wie lange kann sich der Kenterbruder kopfüber in seinem Seekajak halten?

b)      Wie lange braucht der Retter, um dem Kenterbruder zu Hilfe zu eilen.

 

Hat der Kenterbruder gelernt, seinen „Ausstiegsreflex“ zu unterdrücken und seine – insbesondere bei kaltem Wasser empfundene – „Atemnot“ zu ignorieren, dürfte ihm der erste Schritt zur „Inuit-Rettung“ gelungen sein. Da aber der Atem irgendwann jedem Kenterbruder ausgehen wird, sollte er – so schlägt es B.H. vor – versuchen, mit seinem Seekajak zu schwimmen. Das setzt Folgendes voraus:

 

  1. Sollte der Kenterbruder nicht versuchen, den Kopf ständig über Wasser zu halten!
  2. Sollte er versuchen in Rückenlage aufzuschwimmen!?
  3. Sollte er jede Hektik vermeiden!

 

und – darauf weist B.H. leider nicht hin –

 

  1. Sollte er versuchen, wie beim Kraulen zu atmen, d.h. noch unter Wasser sollte er ausatmen, damit er über Wasser Zeit genug hat, Luft einzuatmen.

 

Damit die „Inuit-Rettung“ klappt, wird ein Training beschrieben, welches in 12 Schritten abläuft.

 

Was den Part des Retters wird sehr richtig Folgendes angemerkt: „Wer eine Kenterung bemerkt, überlegt nicht lange, sondern spurtet los …“, um möglichst schnell beim Kenterbruder zu sein. D.h. wer erst einmal wartet, ob der Kenterbruder erfolgreich „inuitiert“, der trägt zum Scheitern der „Inuit-Rettuing“ bei.

 

So weit, so gut! Leider wird bei der Erläuterung der Konstellation zwischen Retter – und Kenterbruderboot etwas beschrieben, was die Effizienz der „Inuit-Rettung“ infrage stellt:

 

 

Denn es ist überhaupt nicht erforderlich, dass der Kenterbruder sich allein am „Bug des Retters“ hochzieht; denn er kann überall am Seekajak des Retters anfassen. Hauptsache er kriegt es zu fassen. Das Hochziehen ist weder für ihn noch für den Retter problematisch. Abgesehen davon, dass es im Seegang nur schwer möglich ist, genau den Bug in Höhe des Kenterbruders zu platzieren, verliert der Retter auch Zeit, wenn er versucht, den Bug seines Seekajaks Richtung Kenterbruder zu manövrieren. Zumindest bei den von mir veranstalteten Rettungsübungen hatten die „Kenterbrüder“ (und „–schwestern“) keine Probleme, sich irgendwo am Retter-Boot hochzuziehen. Auch brachten sie beim Aufrichten nur sehr unsichere Retter in Gefahr. D.h. die Warnung von B.H.:

 

 

ist unbegründet, sofern dem Retter vorher klar gemacht wird, dass er bei der Anwendung der „Inuit-Rettung“ niemals das Seekajak des Kenterbruders anfasst, sondern stets beide Hände am Paddel lässt, um notfalls mit seinem Paddel sich auf dem Seekajak des Kenterbruders abstützen zu können! Eine sichere Stützfläche als die eines Seekajaks gibt es nicht!

 

Übrigens, abgesehen davon, dass es mir persönlich nicht gelingt, in & mit meinem Seekajak zu schwimmen, bin ich in meinem Fahrtenleiterleben bislang 4x mit der „Inuit-Rettung“ konfrontiert worden:

 

  1. Bei einer Tour entlang der Ostsee kenterte ein Seeanfänger in seinem unabgeschotteten Kajak. Er stieg erstaunlicherweise nicht aus, sondern fing an, mit seinem Kajak zu schwimmen. Als er das in der Nähe treibende Kajak einer Kanutin zu fassen bekam, schrie diese ihn verängstigt an, sofort loszulassen. Im allgemeinen Durcheinander, das dann folgt, kenterten insgesamt 7 von 12 Teilnehmer (s. mein Bericht im Seekajak, Nr. 16/88, S.28-31).
  2. Während Brandungsübungen kenterte ein Kanute, konnte jedoch nicht aussteigen, da er die Schlaufe der Spritzdecke beim Schließen der Spritzdecke nicht freigelegt hatte. Irgendwann bemerkte ich sein „Gestrampele“, paddelte längsseits und ermöglichte ihm so, sich an meinen Seekajak hochzuziehen.
  3. Anlässlich einer Umrundung von Scharhörnriff kenterte derselbe Kamerad (s. 2.). Da  er darauf vertraute, dass ich, der leicht versetzt hinter ihm her paddelte, ihm zu Hilfe eilen würde, bliebe er in seinem Seekajak sitzen und warte darauf, dass ich längsseits ging. Der Rest war schon „Routine“!
  4. Seitab von Langeoog kenterte ein „erfahrener“ Kanute in der Brandung. Da ich darauf vertraute, dass er „inuitiert“, wartete ich ein paar Sekunden zu lange, sodass ich ihn nicht mehr rechtzeitig vor seinem Ausstieg erreichen konnte. Dumm gelaufen!

 

Quelle: SEEKAJAK, Nr. 96/05, S.14-15 – www.salzwasserunion.de