07.06.2005 Brandungsübungen bei starken bis steifen Winden (Ausbildung)

Was machen wir eigentlich, wenn Brandungsübungen für „Brandungsanfänger“ angesetzt sind, und es mit 6 Bft. und mehr auflandig windet? Insgesamt werden 10 erste Schritte vorgestellt, an die wir uns halten sollten, wenn wir das Brandungspaddeln erfolgreich zum Abschluss bringen möchten:

1. Beruhigung:

Zunächst einmal sind die Ängstlichen unter den "Brandungsanfängern" zu beruhigen; denn wer zum ersten Mal solche Brandungsbedingungen erlebt, braucht Zuspruch, und zwar auch dann, wenn die einzelnen Kanuten schon seit Jahren auf Flüssen & See –zig Kilometer gepaddelt sind.

Außerdem bringt es nichts, sich hinter’m Deich zu verstecken. Am besten ist es, wir gehen an den Strand, um Wind, Regen und Algenblütenschaumen „aus erster Hand“ zu erleben. Erst dann können wir uns entscheiden, ob wir in die Brandung hinein paddeln oder an Land bleiben.

Um die letzte Scheu vor dem kalten Wasser und den anrauschenden Brechern zu nehmen, sollten wir – bevor es mit den Seekajaks in die Brandung geht – „zu Fuß“ einmal versuchen, die Brandung am ganzen Körper zu spüren.

2. Wahl eines flachen Strandabschnitts:

Je flacher der Strand ausläuft, desto „sanfter“ rauscht die Brandung heran und desto leichter haben wir es, wenn wir dort mit einem Seekajak paddeln. Die Wucht des Seegangs wird nicht – wie bei steilen Stränden – auf einige wenige Brecher, sondern auf viele Brecher verteilt, sodass wir und unsere Seekajaks bei flachen Stränden in einem Seekajak eine größere Chance haben, die Brandung „heile“ zu überstehen.

3. Luftübungen:

Um sich von der Kraft des Windes zu überzeugen, nehmen wir – unsere Seekajaks links liegen lassend - erst einmal das Paddel in die Hände, um mit ihm „durch die Luft“ zu paddeln. So können wir den Winddruck am Paddelblatt erspüren und erkennen, wie kritisch es werden kann, wenn der Wind unters Paddelblatt greift.

Übrigens, wenn wir erst mal auf dem Wasser paddeln, ist der Winddruck meist nicht mehr ganz so heftig, da der Wind dicht über der Wasseroberfläche durch die Reibung an Wucht verliert.

4. Nötige Ausrüstung:

Zur Ausrüstung zählen sollte ein „kentertüchtiges“ Seekajak, d.h. ein Kajak mit mindestens doppelter Abschottung, (fest eingebauter) Lenzpumpe, Rettungshalteleinen, Toggles und – schnell lösbarer Paddelsicherungsleine.

Außerdem gehören zum Brandungspaddeln noch folgende Ausrüstungsgegenstände: u.U. ein Kälteschutz (Neo- oder Trockenanzug), sowie Schwimm-/Rettungsweste, Schutzhelm und mindestens ein 6-schüssiges Nicosignal (ausgestattet mit mindestens 2 weißen Signalkugeln).

5. Trocken- & Aufwärmübungen:

Am Rande des i.d.R. nur noch schwer erkennbaren Spülsaumen bzw. der Wattkante übt jeder für sich im "Trockenen" am Strand zunächst die flache, dann die hohe Paddel-Stütze, d.h. die zentralsten Paddelschläge, die wir beim Brandungspaddeln beherrschen müssen.

Wenn wir auf dem Weg hin zur Brandung und bei den vorherigen „Luft- und Trockenübungen“ noch nicht warm geworden ist, sollten noch ein paar Aufwärmübungen angesetzt werden.

6. Warnungen:

Anschließend folgen an die Adresse der Brandungsübungsteilnehmer ein paar Warnungen:

a) Ohne Steuer bzw. Skeg paddeln, da in der Brandung Grundberührungen nie auszuschließen sind (Beschädigungsgefahr!)

b) Hand und Ellenbogen beim Stützen nie über die Schulter hinaus anheben (Auskugelungsgefahr!)

c) Beim Kentern Kopf einziehen Richtung Kartendeck (Verletzungsgefahr!)

d) Nicht über die erste Brecherreihe hinaus paddeln (erhöhte Kenter- und Abdriftgefahr!)

e) Keiner paddelt unbeaufsichtigt in der Brandung (Verlustgefahr!)

7. „Persönlicher“ Brandungshelfer:

Bei starken bis stürmischen Winden paddelt kein "Brandungsanfänger" allein mit seinem Seekajak in die Brandung hinaus, d.h. jedem „Brandungsanfänger“ ist ein Brandungshelfer zuzuordnen.

Gibt es weniger Brandungshelfer als „Brandungsanfänger“, müssen jene Kanutinnen und Kanuten die nicht betreut werden können, an der Wattkante zurückbleiben und warten, bis sie dran kommen.

8. Startversuche:

Unter Aufsicht eines Brandungshelfers versucht der „Brandungsanfänger“ von der Wattkante aus ins tiefere Wasser zu starten. Auf diese Weise kann er erfahren, wie schwer es ist, ohne Hilfe Dritter, mit seinem Seekajak in Fahrt zu kommen. Folgendes ist dabei zu beachten:

a) Zunächst ist das Seekajak mit dem Bug exakt zu den anrauschenden Brechern auszurichten, und zwar noch dort, wo das Boot Grundberührung hat, anderenfalls schlägt das Boot quer und muss erneut wieder ausgerichtet werden.

b) Dann ist die Spritzdecke zu schließen, damit die Sitzluke trocken bleibt.

c) Nun wird versucht, mit Händen und Paddel sich ins tiefere Wasser zu „robben“, wobei stets darauf geachtet werden sollte, dass das Seekajak mit dem Bug zu den Brechern ausgerichtet ist. I.d.R. haben wir immer dann eine Chance, mit dem Seekajak Richtung Brandung voranzukommen, wenn gerade mal wieder eine kleinere Brandungswelle herangerauscht kommt und das Seekajak unterspült.

d) Wenn das Seekajak von der Brandung quer geschlagen wird, versuchen wir es wieder auszurichten, paddeln notfalls rückwärts hinaus bzw. steigen aus und richten das Seekajak erneut aus.

Das Starten in der Brandung ist nicht einfach. Warten zu viele „Brandungsanfänger“ auf ihren Einsatz, ist es am einfachsten & schnellsten, wenn der Brandungshelfer das Seekajak des „Brandungsanfängers“ am Toggle Richtung Brandung ins Hüft tiefe Wasser zur ersten Brecherreihe zieht. Allein – d.h. ohne Hilfe Dritter - ist das nämlich bei etwas stärker Brandung für einen „Brandungsanfänger“ ohnehin kaum zu schaffen, da schon die ersten kleineren Brecher sein Seekajak sofort quer stellen und zurück zum Strand spülen.

9. Stützübungen mit Togglekontakt:

An der Brecherreihe ankommen dreht der Brandungshelfer - das Seekajak des "Brandungsanfänger" fest am Toggle im Griff - das Seekajak seitwärts zu den Brechern und fordert den "Brandungsanfänger" auf,

a) zunächst die flache Paddelstütze,

b) später die hohe Paddelstütze zu üben,

und zwar

c) erst auf der einen, dann auf der anderen Seite

und schließlich

d) ohne jegliche "Griff-Hilfe" des Brandungshelfers.

Die „Brandungsanfänger“ wundern sich immer wieder, wie leicht mit Hilfe der Paddelstütze hin zum Brecher und – je nach Brecherhöhe – und mehr oder weniger starkem Ankanten hin zum Brecher die einrauschenden Brecher per Paddelstütze „abgefangen“ werden können. Während Stützübungen bei „Ententeichbedingungen“ immer wieder mit Kenterungen verbunden sind, da das Paddelblatt allzu schnell im „weichen“ Wasser versinkt und mit ihm der die Paddelstütze übende Kanute, passiert so etwas praktisch nicht in der Brandung, da das Paddelblatt im scheinbar „brettharten“ Wasser einfach nicht versinken kann, zumindest so lange nicht, wie der anrauschende Brecher einen samt Seekajak mit nimmt.

10. „Alleingelassen“:

Erst nachdem jeder zeigt, dass er mit den Brechern zurecht kommt, dürfen die ganz mutigen & fähigen "Brandungsanfänger" alleine für sich in der ersten Brecherreihe paddeln, ohne jedoch zu vergessen, sie vorher darauf aufmerksam zu machen, dass die Warnungen d) & e) unter Punkt 6. auch weiterhin Gültigkeit besitzen.

Text: U.Beier

Links zum Brandungspaddeln:

è www.kanu.de/nuke/downloads/Brandungstaktik.pdf

è www.kanu.de/nuke/downloads/Brandungsfahren.pdf