12.07.2005 Vermisst vor Langeoog (Ausbildung)

 

Im SEEKAJAK (Nr. 97/05, S.34-35), dem Mitgliedermagazin der Salzwasserunion e.V. (SaU), berichtet Hakola Dippel in dem Beitrag:

 

„Überfällig auf Langeoog.

Bericht einer etwas abenteuerlichen Tagestour Himmelfahrt 2005“

 

über einen befürchteten Seenotfall, der sich jedoch nicht als solcher erwies, aber dennoch so behandelt wurde.

 

Was war passiert?

 

Nun, 3 Kanuten wollten am 7.05.05 von Spiekeroog aus Langeoog umrunden, bei 4 Bft. Wind aus West und 11° C Wassertemperatur. Sie erreichten planmäßig den im Südwesten von Langeoog liegenden Hafen. Nach einer Pause traten sie um 17.40 Uhr, d.h. ca. knapp 1 Std. vor Niedrigwasser Langeoog, die Rücktour an. Sie paddelten zunächst mit dem letzten ablaufenden Wasser Richtung Seeseite (ca. 8 km). Anschließend sollte es mit dem beginnenden auflaufenden Wasser (ca. 19.00 Uhr) entlang der Brandungsseite Richtung Westseite von Spiekeroog zum dort liegenden Zeltplatz gehen, den sie noch vor Sonnenuntergang (SU = 21.05 Uhr) erreichen wollten. Für die insgesamt ca. 22 km lange Rückfahrt hatten sie folglich knapp 3:30 Std. Zeit. Derweilen kam der Wind mit nunmehr 5 Bft. aus Nordwest. Bei der Durchquerung der ca. 1,5 m hohen Brandung kenterte einer der 3 Kanuten, während es den beiden anderen gelang, die Brandung zu durchqueren. Um einer weiteren Kenterung vorzubeugen, beschloss der Fahrtenleiter, allein zum „Kenterbruder“ zurückzupaddeln und nachzuschauen, was zu machen sei. Der dritte Kanute sollte in der Zwischenzeit langsam entlang der Brandungsseite Richtung Spiekeroog paddeln und warten, bis die beiden anderen Kanuten ihn wieder eingeholt haben. Da sich der „Kenterbruder“ nicht mehr sicher fühlte, vereinbarte er mit dem Fahrtenleiter, dass er per Fähre zurück ans Festland fährt. Mit ca. 30 Minuten Verspätung stieg der Fahrtenleiter erneut in sein Seekajak, um zum dritten Kanuten aufzuschließen. Da er ihn nach kurzer Suche nicht finden konnte, paddelte er auf dem schnellsten Weg zum Zeltplatz Spiekeroog, den er um 21.40 Uhr erreichte. Ca. 20 Minuten vorher wurde vom Zeltplatz aus ein einzelner Kanute am Nordost-Strand von Langeoog gesichtet. Einzelheiten waren in der einsetzenden Dämmerung nicht mehr zu erkennen. Eine Handy-Verbindung zum nunmehr vermissten Kanuten konnte nicht hergestellt werden. Da die Gefahr bestand, dass der dritte Kanute in der Brandung gekentert ist, im Wasser trieb und allmählich bei den recht niedrigen Wassertemperaturen unterkühlte, wurde „die Seenotleitstelle in Bremen (Handy-Nr. 124124) verständigt, mit der Bitte, ein Rettungsboot zu schicken, um die Situation zu klären …“ Um ca. 22.30 Uhr konnte der Vermisste, der sich am Nordost-Strand von Langeoog aufhielt, doch noch per Handy erreicht werden. Die Rettungsleitstelle wurde darüber sofort in Kenntnis gesetzt. Sie erklärte daraufhin um ca. 23.00 Uhr den Einsatz für beendet.“

 

Und was geschah mit dem dritten Kanuten? Er war allein in der Brandungszone bis kurz vorm Gatt zwischen Langeoog und Spiekeroog gepaddelt. Beeindruckt wohl durch die Grundseen, die sich am Eingang des Gatts an den Untiefen des Westerriffs und Süderriffs auftürmten, paddelte er dichter unter Land und kenterte ca. 300 m vorm Langeooger Strand. Beim Versuch, per Paddlefloat wieder einzusteigen, brach sein teilbares Holzpaddel. Daraufhin legte er sich auf das Achterdeck seines Seekajaks und ließ sich von der Brandung an den Strand treiben, versuchte selber vergeblich, per Handy Kontakt mit dem Fahrtenleiter aufzunehmen, biwakierte am Rande der Dünen, treidelte am nächsten Morgen Richtung Langeoog-Ort und fuhr anschließend ebenfalls mit der Fähre ans Festland.

 

Folgendes „Fazit“ zieht der Autor, der zugleich SaU-Ausbilder ist:

 

 

Als „Konsequenzen“ werden lediglich erwähnt:

 

 

Können wir wirklich nicht mehr aus diesem Fall lernen?

 

1) Gewässerbedingungen:

 

 

2) Verhalten des Vermissten:

 

 

In einer us-amerikanischen Untersuchung von Forgey wird davon ausgegangen, dass bei Wassertemperaturen von 10° C je nach Bekleidung der Personen nach dem folgenden Zeitraum mit Bewusstlosigkeit zu rechnen ist:

(a) 0:50 – 1:15 Std. bei unbekleideten Person;

(b) 1:50 – 2:45 Std. bei normaler Bekleidung;

(c) 3:30 – 4:20 Std. bei einem 5 mm Neoanzug;

(d) mindestens 6 Std. bei einem Trockenanzug.

Übrigens, die Zeit des Herstillstandes soll mindestens 55 % über der Zeit liegen, bei der die Ohnmacht eintritt, wovon jedoch nur jene Personen profitieren können, die eine ohnmachtsichere Rettungsweste tragen. Ob jedoch der Kanute einen Trockenanzug und eine Rettungsweste trug, konnte dem Bericht nicht entnommen werden.

 

D.h. der Kanute selber hätte sich folglich bei der Seenotleitung in Bremen melden und diese darüber informieren müssen, dass er sich  wohl auf am Strand von Langeoog befindet. Mit einem solchen Anruf hätte er seinem Fahrtenleiter und den Rettungsmännern des DGzRS manches erspart! Auch wenn – im Gegensatz zur britischen Coast Guard - die deutschen Seenotretter eigentlich nicht daran interessiert sind, von Kanuten stets darüber informiert zu werden, wann sie eine Küstentour antreten und wann diese beendet ist, meine ich, dass sie sehr wohl nichts dagegen einzuwenden hätte, wenn „vermisst geglaubte“ Küstenkanuwanderinnen bzw. –wanderer sich bei ihnen meldeten, und zwar so rechtzeitig, dass keine Rettungsaktion eingeleitet zu werden braucht.

 

3) Verhalten des Fahrtenleiters:

 

 

4) DGzRS: Die stets rettende Alternative?

 

 

Nachher sind wir immer klüger!

oder: Irgendwann wird jeder mal einen gravierenden Fehler machen!

 

Bei meinen anspruchsvolleren Touren passiert fast immer ein Kinken. Bislang hatte mich jedoch „Neptun“ stets vor Schlimmern bewahrt und mir so die Chance gegeben, aus eigenen Fehlern zu lernen.

 

Damit nicht jede Küstenkanuwanderin und jeder Küstenkanuwanderer nur aus seinen eigenen Fehlern lernen muss, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, tatsächliche und vermeintliche Seenotfälle daraufhin zu analysieren, ob nicht dabei Fehler gemacht wurden, von denen Dritte etwas lernen können. Eine solche Fehleranalyse ist eigentlich in vielen Sportdisziplinen üblich und beim us-amerikanischen SEA KAYAKER Magazin seit Jahrzehnten Tradition. Bislang tat sich die SaU hier etwas schwer. Lange Zeit wurden solche Fälle fast überhaupt nicht gemeldet, als ob es peinlich sei, unterwegs auf dem Meer Fehler mit Folgen begangen zu haben. Wie die Fälle von Baltrum (2004) und Langeoog (2005) zeigen, ändert sich das jedoch allmählich. Leider hapert es noch an einer umfassenden seemännischen Analyse … Gerade deshalb habe ich mich veranlasst gefühlt, meine Sicht dieses vermeintlichen Seenotfalls vorzutragen.

 

Text: U.Beier

Links:

Zum Seenotfall Baltrum: www.kanu.de/nuke/downloads/Seenotfallanalyse-II.pdf

Über Solo-Küstentouren: www.kanu.de/nuke/downloads/Solotouren.pdf

Über Gruppenfahrten: www.kanu.de/nuke/downloads/Gruppenfahrten.pdf

Über Brandungsfahren: www.kanu.de/nuke/downloads/Brandungsfahren.pdf

Über Unterkühlungsgefahren: www.kanu.de/nuke/downloads/Gefahr-Unterkuehlung.pdf

Zum „Re-Entry & Roll“-Wiedereinstieg: www.kanu.de/nuke/downloads/Reentry+Roll.pdf

Über Trockenanzüge: www.kanu.de/nuke/downloads/jTrockenanzug.pdf

Über Schwimm- oder Rettungsweste: www.kanu.de/nuke/downloads/Rettungsweste.pdf

Über Life-Line: www.kanu.de/nuke/downloads/Life-Line.pdf

Über Seenotsignalmittel: www.kanu.de/nuke/downloads/Seenot-Signalmittel.pdf

Über Gewässerbedingungen: www.kanu.de/nuke/downloads/Gewaesserbedingungen.pdf

Über Wind & Seegang: www.kanu.de/nuke/downloads/Paddeln-Wind&Seegang.pdf

Über Salzwassserschwierigkeitsgrad: www.kanu.de/nuke/downloads/SSG.pdf

Über Spiekeroog & Umgebung: www.kanu.de/nuke/downloads/Tour-Spiekeroog.pdf

Über Seeseite Ostfriesland: www.kanu.de/nuke/downloads/Tour-Ostfriesland-Seeseite.pdf