07.08.2005 Seenotfall vor einer Steilküste (Ausbildung)

 

Im SEA KAYAKER  berichten Grant Hermann und Gail Green in dem Beitrag:

 

„The Loss of a Son. An Accident on Lake Superior

 

über einen tödlich ausgegangen Seenotfall, der sich im August 2004 an einer Steilküste am Lake Superior (USA) ereignet hat.

 

Was war passiert?

 

Zwei durchschnittlich erfahrene Kanuten (Vater & Sohn) paddelten in Einer-Seekajaks aus PE (Länge: ca. 518 cm; doppelt abgeschottet) ohne Kälteschutzbekleidung und ohne Kenntnis der Windvorhersage von einem ihnen bekannten Strandabschnitt in Richtung einer mit Höhlen durchsetzten Steilküste. Der Vater war ein begeisterter Schwimmer, der öfter auch längere Strecken im kalten Wasser schwamm. Die Lufttemperaturen lagen bei knapp über +15° C, die Wassertemperaturen bei +13° C und die Windstärke betrug etwa 6 Bft. in Böen 8 Bft. Der Einsatzort befand sich im Windschutz. Die Wellen waren ca. 60 – 90 cm hoch und bereitete den beiden Kanuten schon beim Hinauspaddeln Schwierigkeiten. Da sie sich aber draußen sicher fühlten, paddelten sie in Landnähe weiter Richtung der Steilküste, die jedoch auf einer Strecke von ca. 5 km kaum Ausstiegsmöglichkeiten bot.

 

Die Steilküste lag genau außerhalb des Windschutzes. Die draußen im ungeschützten Bereich sich entfaltenden Wellen waren ca. 120 bis 180 cm hoch. Als sie auf die Steilküste trafen, erzeugten sie eine schier undurchdringliche Kreuzsee (sog. „Egg-Carton Waves“), die mit Klapotis durchsetzt war und eine  Höhe von bis zu 240 cm erreichte. Verbunden mit dem nun auch voll einsetzenden Wind änderten sich die Gewässerbedingungen schlagartig. Kaum dass die beiden Kanuten diesen ungeschützten Bereich erreicht hatten, bekamen sie Probleme mit dem Seegang und dem Windruck. Der Sohn - er war nur mit Shorts, einem T-Shirt und einer Schwimmweste bekleidet – kenterte zuerst, stieg aus und kletterte auf sein im Wasser treibendes Kajak.

 

Leider verfügte der Vater über keine Schleppleine, mit der er verhindern konnte, dass sein Sohn samt Kajak auf die Klippen trieb. Irgendwann verließ der Sohn sein Kajak und kletterte aufs Heck des Kajaks seines Vaters. Auf dem Weg in einen etwas geschützten Bereich kenterte jedoch auch der Vater und musste ebenfalls aussteigen. Beide verloren im Seegang den Bootskontakt und trieben in eine der Höhlen. Nach etwa einer Stunde, während der sie innerhalb einer Höhle immer wieder vom chaotischen Seegang durcheinander gewirbelt und des Öfteren von einander getrennt wurden, litt der Sohn so stark an Unterkühlung, dass er nicht mehr handlungsfähig war. Der Vater erkannte, dass nur noch dann eine Überlebenschance bestand, wenn er allein aus der Höhle hinaus schwimmt und Hilfe holt. Unterwegs zu einem etwas sicheren Strandabschnitt wurde er im Wasser schwimmend von einigen Wanderern entdeckt, die per Handy Rettung anforderten. Dem Vater gelang es selber noch, das Land zu erreichen und die ca. 1,5 km zurück zu seinem Auto zu laufen. Knapp 50 Minuten später erreichte die Coast Guard den Unfallort. Ein Rettungsschwimmer – gesichert mit einer ca. 30 m langen Leine – schwamm vom Rettungsboot zum Verunglückten und barg ihn. 8 Std. später starb dieser ihm Krankenhaus.

 

Fazit & Konsequenzen?

 

Im Abschnitt „Lessons Learned“ wird hauptsächlich und richtigerweise darauf hingewiesen:

 

 

Das setzt natürlich voraus, dass sie sich vorher die Wetter- und Windvorhersage beschaffen und über entsprechend aussagefähiges Kartenmaterial von der Küste verfügen. Bei Kenntnis der Faustformel zur Bestimmung des „Salzwasserschwierigkeitsgrads“ (SSG), wäre es dann ein Leichtes gewesen zu erkennen, dass bei 6 Bft. Wind:

 

a)      im ablandigen Bereich außerhalb des Startplatzes der SSG = II-III („mäßig schwierig“ bis „schwierig“) beträgt (= 6 minus 2 abzüglich einem Korrekturfaktor von 1 bis 2 wegen ablandiger Windverhältnisse);

b)      im auflandigen Bereich der Steilküste jedoch der SSG = V-VI beträgt („äußerst schwierig“ bis „Grenze der Befahrbarkeit“) (= 6 minus 2 plus einem Korrekturfaktor von 1 (wegen Kreuzseen) bis 2 (zusätzlich wegen Grundseen)).

 

Leider wird nur am Rand darauf eingegangen:

 

 

Ebenfalls wird eher beiläufig:

 

 

Schließlich wird ganz darauf verzichtet, darauf hinzuweisen:

 

 

Last not least fehlen auch Hinweise auf die Bedeutung von:

 

 

 

Dafür wird schon vorher bei der Schilderung des Unfallherganges:

 

 

U.U. hätte hier der „Solo-Päckchen-Schlepp“ noch die größte Chance geboten, den kritischen Seegangsbereich zu überstehen. Hierbei wird wie folgt vorgegangen:

 

Der Kenterbruder steigt mit Hilfe des Retters wieder in sein Kajak ein (hier per „Parallel-Wiedereinstiegs-Methode). Dann hält er sich am Achterdeck des Kajaks seines Retters fest, um nicht erneut zu kentern, während der Retter versucht, paddelnd einen weniger kritischen Bereich zu erreichen. Wenn der Kenterbruder darauf achtet, dass sein Bug nicht den Retter am Paddeln stört, dürfte durchaus die Chance bestehen, etwas Strecke zu paddeln.

 

Übrigens, als potenzieller „Retter“ habe ich extra in Höhe des Kartendecks meines Seekajaks einen Gurt mit Steckverschluss befestigt. Für den Fall, dass ich einen nicht mehr seegangstüchtigen Kanuten solo schleppen muss, lege ich den Gurt um den Bugtoggle bzw. die Rettungshalteleine des zu schleppenden Kajaks und ziehe den Gurt so fest, dass ich Strecke paddeln kann, ohne dass der Bug des zu schleppenden Kajak mich allzu sehr beim Paddeln stört.

 

Es wird jedoch versäumt, in diesem Zusammenhang das Thema:

 

 

Fit for Fun

 

Der Seenotfall zeigt erneut auf, dass nur dann das Küstenkanuwandern Spaß macht, wenn wir fit sind für eine Tour hinaus aufs Meer. Gemeint ist dabei nicht nur:

 

 

sondern u.a. auch:

 

 

 

 

 

Leider wird das nicht wenigen Küstenkanuwanderinnen und –wanderern erst dann bewusst, wenn sie unterwegs in Schwierigkeiten geraten. Wer also nicht immer bloß aus den eigenen Fehlern lernen möchte, dem ist anzuraten, von den Erfahrungen Dritter zu profitieren, d.h. zusammen mit erfahrenen Küstenkanuwanderinnen und – wanderern auf Tour zu gehen bzw. an Kursen zum Küstenkanuwandern teilzunehmen. In Deutschland bieten solche Kurse der DKV (über seine an der Küste liegenden Landes-Kanu-Verbände) (z.B. www.hamburger-kanu-verband.de/termineall.php?show=7 ), die Salzwasserunion e.V. ( www.salzwasserunion.de ) und einige kommerzieller Veranstalter an (z.B. www.nanuk.de )

 

Text: U.Beier

Quelle: SEA KAYAKER, Nr. August/05, S.50-53 – www.seakayakermag.com