19.09.2005 Seenotfall bei ablandigem Wind (Ausbildung)

 

Im SEA KAYAKER berichtet John Kraske in dem Beitrag:

 

„Crossing the Line“

 

von einem  Seenotfall, der sich an einem Neujahrstag am „Puget Sound“ (Nordwestküste der USA) ereignet hatte.

 

Was war passiert?

 

John, ein erfahrener Seekajak- und Wildwasserfahrer sowie Kajakausbilder, wollte mit seinem Bekannten Chris, einem erfahrenen Bergsteiger, aber wenig erfahrenen Kanuten den ersten Tag im neuen Jahr mit etwas Paddeln verbringen. Wegen eines stärkeren Windes aus Südwest änderten sie den Plan, eine Insel zu umrunden, stattdessen suchten sie sich eine windgeschützte Passage aus. Der Wind blies dort ablandig, sodass jeder in einem Einer-Seekajak im Schutz der Nordwest-Küste paddeln konnten. Bis zum nächsten Kap waren es ca. 2 km. Kurz vorm Kap wollten sie wieder umkehren und zurück paddeln. So weit, so gut.

 

Obwohl es Chris eigentlich bewusst war, dass sie diese Passage genau deshalb gewählt hatten, weil sie im Windschutz lag, entfernte er sich langsam immer mehr von John und von der im Lee liegenden Küste. John rief ihm ein paar Mal zu, dichter entlang der Küste zu paddeln, aber irgendwie schien er das zu ignorieren. In der Zwischenzeit waren sie knapp einen Kilometer gepaddelt. John wurde allmählich ungeduldig und sprintete hinaus zu Chris, um ihn zurück zu holen. Als er sich Chris bis auf ca. 15 m angenähert hatte, kenterte dieser im Seegang. John ging längsseit, versuchte das gekenterte Seekajak per T-Lenzmethode zu lenzen, was ihm jedoch bei dem Wind & Seegang nicht möglich war, ohne selber in Gefahr zu geraten zu kentern. Deshalb legte er das Kenter-Kajak parallel zu seinem Kajak und forderte – da Chris ein wenig zögerlich war (!) – seinen Kameraden in aller Schärfe auf, wieder einzusteigen, dabei hielt er mit einer Hand die Sitzluke des Kenter-Kajaks und mit der anderen Hand (!) sein Paddel. Anschließend lenzte er mit einer Handlenzpumpe und Chris mit einer Wasserflasche (!) die randvoll mit Wasser gefüllte Sitzluke. Ab und an schwappte wohl eine Welle ins Cockpit, aber sie schafften es schließlich, die Sitzluke zu lenzen und anschließend (!) wieder die Spritzdecke zu schließen. Da Chris sein Paddel nicht festgehalten hatte (!), war es fort getrieben. Zum Glück aber hatte John ein Reservepaddel auf seinem Achterdeck. Er holte es heraus und gab es Chris.

 

Chris fing an zu frieren, trug er doch nur Fleece-Bekleidung und darüber eine Paddeljacke (!), ideal zum Paddeln, schlecht aber nach einer Kenterung im Winter. Seine Paddelschläge waren ohne viel Kraft, sodass er kaum noch gegen den Wind zurück zur Küste vorankam. Da kenterte er ein zweites Mal … und alles begann wieder von vorne: Längsseit gehen, einsteigen, lenzen, Spritzdecke schließen. Dazwischen versuchte John Chris zu beruhigen und ihn wach zu halten. Der Einsatz einer Schleppleine kam nicht infrage, da Chris zu unsicher in seinem Seekajak saß, dennoch versuchten beide erneut jeder für sich Richtung Süd zur Küste zu paddeln. Bald darauf kenterte Chris zum dritten Mal ….

 

Nachdem Chris wieder in seinem Seekajak saß, das Cockpit gelenzt und die Spritzdecke geschlossen war, band John beide Seekajaks mit einem Seil zusammen; denn eine vierte Kenterung wollte er nicht mehr riskieren. Dann trieben sie langsam immer weiter hinaus, ohne die Gewissheit zu haben, irgendwo an einer der vor ihnen weit verstreut liegenden Inseln zu stranden. John sprach ständig Chris an, um ihn Hoffnung zu machen und wach zu halten. Zwischendurch schaute er immer wieder in die Runde, ob nicht ein Schiff in Sicht war. Plötzlich entdeckte er eines, ca. 3 – 4 km entfernt. John öffnete seine Spritzdecke, holte sein Sicherheitsbeutel heraus und schloss erneut die Spritzdecke. Dann kramte er ein halbes Dutzend, knapp Bleistift große Signalmunition („Pencil Flares“) hervor. Die erste Signalkugel schoss er ab und verbrannte sich dabei seinen Daumen. Das Schiff änderte jedoch nicht seinen Kurs. John schoss die nächste Signalkugel ab und siehe da, das Schiff kam langsam auf sie zu. Da entdeckte er, dass von hinten ein kleines Fährschiff ebenfalls Kurs auf sie genommen hatte. Der Rest war Rettungsroutine. Beide wurden samt ihrer Seekajaks an Deck der Fähre geholt. Chris wurde versorgt und anschließend ins Krankhaus gebracht.

 

Konsequenzen?

 

Dieser Seenotfall zeigt Parallelen zu jenem Seenotfall auf, über dem im SEA KAYAKER; Nr. Aug./05, berichtet wurde (è www.kanu.de/nuke/downloads/Seenotfall-VIII.pdf ). Dort verunglückte ein Küstenkanuwanderer tödlich, als er aus dem Windschatten heraus in stärkeren Wind geriet, der ihn kentern und auf eine Steilküste treiben ließ. In dem hier geschilderten Fall wurde ebenfall im Windschatten gestartet. Dabei unterschätzte vermutlich der verunglückte Kanute die Gefahr, außerhalb des Windschattenbereichs zu paddeln. Er paddelte zu weit hinaus, wurde von Wind & Seegang überfordert und kenterte. Letztlich ohne Hilfe der alarmierten Berufsschifffahrt hätte auch diese Kenterung tödlich enden können.

 

 

Wie stark nun der Wind und wie groß der Seegang war, kann dem Bericht leider nicht entnommen werden. Fest steht jedoch, dass beides den „Kenterbruder“ überfordert hatte.

 

 

 

Ab dem Zeitpunkt der Kenterung hat John eigentlich sehr seemännisch gehandelt:

 

 

 

 

 

 

John bemängelte selber u.a. Folgendes:

 

 

Dabei ist es doch so leicht, selber aus einer ca. 1,50 m langen ca. 4 mm dicken Elastikleine eine solche Sicherungsleine zu basteln, an deren einem Ende eine Schlaufe geknotet wird, welche um den Paddelschaft gelegt wird, und an deren anderem eine – jederzeit mit einer Hand zu öffnende - Steckschnalle befestigt wird. Das Gegenstück der Steckschnalle wird am besten am Rande eines Kartenhaltegummis verknotet. Übrigens, statt einer Steckschnalle einen Klettverschluss zu verwenden, ist nicht zu empfehlen, da dieses sich unter Zug zu leicht öffnen kann.

 

(a)              dass beide Bootsspitzen in dieselbe Richtung zeigen („Bug neben Bug“), der „Kenterbruder“ sich aber hinter seinem Retter im Heckbereich dessen Seekajaks festhält;

(b)              dass beide Bootsspitzen in die entgegengesetzte Richtung zeigen („Bug neben Heck“), der „Kenterbruder“ sich aber vor seinem Retter im Bugbereich dessen Seekajaks festhält.

Der „Kenterbruder“ muss sich dabei so festhalten, dass sein Retter in der Lage ist, vorwärts zu paddeln. Am leichtesten dürfte der „Bug-neben-Bug“-Transport“ funktionieren, da hierbei es weniger Probleme mit dem Seekajak des „Kenterbruders“ gibt; denn wenn der „Kenterbruder“ nicht aufpasst, wird der Bug seines Seekajaks quergetrieben, sodass sein Retter kaum noch Vorwärtsfahrt machen kann.

Um das zu verhindern, habe ich an meinem Seekajak in Höhe des Kartendecks seitlich ein kurzes Band mit Steckverschluss montiert, welches ich im Falles des „Päckchen“-Schlepps am Toggle des zu schleppenden Seekajaks befestige, sodass dieses immer dicht an der Seite meines Seekajaks bleibt.

Übrigens, eine andere Möglichkeit, den „Kenterbruder“ vor einer Re-Kenterung zu bewahren wäre – sofern beide über ein Paddel-Float verfügen – jene, zunächst an beiden Paddelblättern des „Kenterbruders“ je ein Paddel-Float zu befestigen und ihn dann zu schleppen. Solange mit dem „Kenterbruder“ nicht innerhalb von Brechern gepaddelt wird, müsste es ihm möglich sein, sich mit Hilfe der Floats oben zu halten!?

 

 

Insbesondere ein Trockenanzug (inkl. Füßlingen) bietet in Kombination mit warmer Unterbekleidung und einer Neopren-Kopfhaube maximalen Schutz gegen Unterkühlung. So bleiben wir bei einer Wassertemperatur von +6° und rauer See nur zwischen 0,4 – 1,3 Std. handlungsfähig, sofern wir ledig „leicht bekleidet“ sind. Tragen wir einen 4,8 mm Neopren-Anzug, erhöht sich die Zeitspanne auf 1,6 – 4,7 Std. Schützen wir uns dagegen mit einem intakten Trockenanzug (inkl. dicker Fleece-Bekleidung) gegen das kalte Wasser, verbleiben uns je nach unserer Konstitution 2,9 – 8,8 Std. Übrigens ein Trockenanzugträger muss damit rechnen, dass er bei solchen Gewässerbedingungen nach 5,7 – 18,2 Std. bewusstlos wird. Nur eine Rettungsweste, die für die nötige Ohnmachtsicherheit sorgt, kann noch die Zeitspanne bis zum Eintreten des Herzstillstands hinauszögern. Spätestens nach 9,1 – 30,0 Std. ist alles „vorbei“.

 

Ich selber habe im Cockpit 2 Fallschirmsignalraketen und auf Deck ein Rauchsignal sowie eine Fackel gelagert. Weitere Fallschirmsignalraketen verstaute ich bei meinen mich begleitenden Kameraden, um im Notfall entsprechenden darauf Zugriff zu haben. Zusätzlich sollte jeder meiner Mitpaddler über ein Nicosignal (mit 6 Signalkugeln) (mit ca. 80 m Steighöhe und ca. 7 Sek. Brenndauer) verfügen, welches griffbereit am Körper zu befestigen ist.

 

Da die beiden sich in unmittelbarer Landnähe aufhielten, hätte u.U. sogar ein Handy genügt, um Hilfe herbei zu rufen, vorausgesetzt, dass es griffbereit gelagert und wasserdicht verpackt ist.

 

Schließlich wollte John in Zukunft darauf achten, dass die ihn begleitenden Kameraden etwas seetüchtiger sind. Es reicht einfach nicht aus, bei Flachwasserbedingungen paddeln zu können, wenn nicht weit davon entfernt, Gewässerbedingungen anzutreffen sind, die volle Bootsbeherrschung erfordern.

 

Fazit

 

Dass der Seenotfall sich an der felsigen Pazifikküste der USA ereignete, sollte uns nicht denken lassen, hier bei unseren Sandstränden an Nord- & Ostsee seien wir sicher vor solchen Gefahren ablandiger Windverhältnisse. Insbesondere bei:

 

 

sind ablandige Gewässerbedingungen zu beobachten, die – sofern wir uns darüber nicht im Klaren sind – uns in Bedrängnis bringen können, wenn wir mit unseren Seekajaks den Landschutz verlassen. Besonders gefährlich kann es auf der Nordsee werden, wenn die Tide in Windrichtung strömt; denn wenn wir unter solchen Bedingungen kentern, treiben wir mit unserem Seekajak noch schneller hinaus. Wenn wir dann nur zu Zweit unterwegs sind, kann es nach einer Kenterung mit Ausstieg insbesondere dann Probleme geben, wenn der Mitpaddler nicht leistungsfähig genug ist, d.h. weder kenter- noch seegangstüchtig ist. Insofern sollte uns bewusst sein, dass wohl eine Tour zu zweit sicherer sein kann als eine Solo-Tour, aber halt nicht so sicher wie eine Tour zu dritt. Zumindest bei diesem Seenotfall hier hätte ein seegangstüchtiger dritter Kanute die Sicherung des „Kenterbruders“ übernehmen und so dazu beitragen können, dass die Kenterung von Chris nicht zum Seenotfall wird. Nach dem Wiedereinstieg von Chris hätte nämlich dieser Dritte zusammen mit ihm ein „Päckchen“ bilden können, das dann von John - sofern er Zugriff zu seiner Schleppleine gehabt hätte - Richtung Land geschleppt worden wäre.

 

Übrigens Touren entlang der Küste stecken voller Imponderabilien. Auch erfahrene Küstenkanuwanderinnen und –wanderer können nie ganz ausschließen, selber in solch eine misslich Lage zu geraten, sei es, dass sie unterwegs:

 

 

Text: U.Beier

Quelle: SEA KAYAKER, Nr. Oct./05, S.41-45 – www.seakayakermag.com

 

Links:

Seetüchtigkeit – Ein Muss beim Küstenkanuwandern

è www.kanu.de/nuke/downloads/Seetuechtigkeit.pdf

Routenwahl

è www.kanu.de/nuke/downloads/Routenwahl.pdf

Gruppenfahrten entlang der Küste – 10 erfolgversprechende Kernpunkte

è www.kanu.de/nuke/downloads/Gruppenfahrten.pdf

Kameradschaft – 10 hilfreiche Punkte

è www.kanu.de/nuke/downloads/Kameradschaft.pdf

Gemeinschaft – 10 vermeidbare Fehler …

è www.kanu.de/nuke/downloads/Gemeinschaft.pdf

Der Langsamste bestimmt das Tempo? 10 störende Problemfelder

è www.kanu.de/nuke/downloads/Langsamkeit-contra-Tempo.pdf

Angstbewältigung – 5 beruhigende Aspekte

è www.kanu.de/nuke/downloads/Angsbewaeltigung.pdf

Zum Einfluss des Windes auf Seegang, Staudruck und Belastung

è www.kanu.de/nuke/downloads/Bft-Skala.pdf

Gewässerbedingungen – Bestimmungsfaktoren & Probleme

è www.kanu.de/nuke/downloads/Gewaesserbedingungen.pdf

Gewässerschwierigkeiten (Küste) – 3 Berechnungsvarianten

è www.kanu.de/nuke/downloads/SSG.pdf

Sausichere Seekajaks – Zur Kippligkeit von Seekajaks: 10 wacklige Tatsachen

è www.kanu.de/nuke/downloads/Sausichere-Seekajaks.pdf

Volumen & Sitzhalt - Zwei kaufentscheidungsrelevante Kriterien

è www.kanu.de/nuke/downloads/Volumen&Sitzhalt.pdf

Vorwärtspaddeln bei Wind & Seegang – 10 tempobeeinflussende Situationen

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Gepäckverteilung – 2x5 gewichtige Aspekte

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Ernährung beim Paddeln - 10 leistungsbestimmende Aspekte

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Trinken beim Paddeln – 10 leistungssteigernde Tipps

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Sehnenscheidenentzündung – 10 schmerzhafte Punkte

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Seekrankheit vermeidbar? Ursachen – Prophylaxe – Gewöhnungseffekt

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Hitzeerschöpfung – Hitzschlag – Sonnenstich – eine tabellarische Gegenüberstellung

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T-Lenz-Methode – 10 Schritt bis zum wieder fahrtüchtigen Kajak

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Life-Line – Ein Muss zumindest beim Solo-Küstenkanuwandern

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Schwimmweste oder Rettungsweste – Was ist geeigneter fürs Küstenkanuwandern?

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Trockenanzüge – Ein Muss fürs Küstenkanuwandern?

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Seenot-Signalmittel – Technische Infos, Einsatzbereiche, Tipps & Erfahrungen

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Plädoyer für das „Nicosignal“ als Grundausstattung

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Seenotfall-Meldung über UKW-Sprechfunk

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Sichtbarkeit – 10 einleuchtende Punkte

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