24.12.2005 Wellentohuwabohu: eine kleine Wellentypologie (Ausbildung)

 

Wer mit seinem Seekajak hinaus aufs Meer paddelt weiß, dass es nicht immer gleich aussieht. Das Meer ist wohl eine Wasserwüste, es ist aber dort draußen Off-Shore nicht eintönig, sondern höchst unterschiedlich, äußerst wandelbar. Recht deutlich wird das bei seinem Seegang, seinen Wellen; denn jede ist anders. Eines ist aber immer gleich: eine Welle kommt selten allein … und alle zusammen bestimmen das Aussehen der Meeresoberfläche, welche einer ständigen Veränderung unterworfen ist.

 

Beim Küstenkanuwandern interessieren uns von all den Wellen nicht die unsichtbaren Wellen (sog. Tiefwasserwellen), sondern nur die sichtbaren Wellen (sog. Oberflächenwellen). Diese sind charakterisierbar durch ihre Wellenhöhe, Wellenlänge und Wellenperiode, welche die Bestimmungsfaktoren für die für uns so relevante Wellensteilheit und die Art des Wellenkamms sind.

 

White Horses, Diät-Wellen, Kabbelwasser, Klapotis, Schwell ~~~~~~~~~~~~~~~

 

Die eine Welle ist kurz, spitz & steil, die andere wiederum lang & rund.

 

Einige fletschen die „Zähne“, andere zeigen Schaumköpfe (auch als „Katzenpfötchen“ bekannt) bzw. schmücken sich regelrecht mit Schaumkämmen oder tragen „weiße Westen“.

 

Einzelne schäumen über, sprühen nur so vor Temperament oder kommen gar ins Galoppieren (die Briten sprechen dann von „White Horses“);  andere sind wiederum die reinsten Diät-Wellen (immer ohne „Sahne“, wie hoch sie auch wogen).

 

Manche sind still, andere rauschen, brausen, donnern bzw. pfeifen. Zu den letzteren gehören übrigens die „rasenden“ Wellen (sog. ICE-Wellen), deren Tempo einen erst so richtig bewusst wird, wenn sie von „Schaumköpfen“ gekrönt sind.

 

Es gibt friedliche Wellen (sie tun noch nicht einmal jenen etwas an, die im Kajak einnicken), aber auch solche, die sich mit anderen Wellen kabbeln (sog. Kabbelwasser) und alles umschmeißen, was zwischen sie gerät (sog. Sauwasser); und schließlich auch solche, die wohl kein Feuer speien, dafür versprühen sie ständig Wasser (Gischt- oder auch Spray-Wellen genannt).

 

Jeder kennt sie, die schuppenförmig aussehenden Kräuselwellen. Ein leichter Windzug genügt, um sie entstehen zu lassen. Ein naher Verwandter davon sind die Riffelwellen. Sie sehen aus wie die Riffelung von Oma’s altem „Waschbrett“ (die schütteln einen durch, als ob wir mit ‚nem „Golf“ über Ostdeutschlands Kopfsteinpflaster fahren). Verwandelt sich das „Waschbrett“ in ein ausgefahrenes „Manövergelände“, dann wird von „ausgereifter“ Riffelsee oder auch Brandung gesprochen.

 

Wenn es mal richtig bläst, entstehen Wellenberge. Zunächst vereinzelt, dann immer häufiger, tauchen – wie aus dem Nichts – besonders penetrante Wellen auf (sog. Brecher). Ein Brecher kommt jedoch selten allein. Spätestens nach der „Siebten Welle“ taucht der nächste auf. Der König aller Brecher ist übrigens der Kaventsmann. Er ist, wie Könige es so mal an sich haben, nur selten anzutreffen (jede 10.000ste Welle, auf die wir nur dann treffen, wenn wir ca. 27 Stunden hintereinander in der aufgewühlten See paddeln) und übersteigt alle Wellen seiner Umgebung um über das 2 ½-fache. Legt sich der Wind, kehrt jedoch schnell wieder Ruhe ein. Die Kaventsmänner tauchen wieder ab, die Brecher kommen zur Besinnung und marschieren mit den anderen Wellen ordentlich nebeneinander her, ganz gleichmäßig aufgereiht (Dünung, auch als Schwell und neuerdings als Gammelsee bekannt).

 

Ganz selten nur bin ich Weihnachtswellen begegnet, weil sie halt nur des nachts zu beobachten sind (das sind jene Wellen, die die Planktonart „Noctiluca miliaris“ – auch als „X-Mass luca“ bekannt -  dazu anregen zu leuchten (sog. Meeresleuchten).

 

Chamäleon, Proletarier, Straßenköter-Wellen, Dumpers ~~~~~~~~~~~~~~~~~~

 

Wellen sind sehr gesellig, sie kommen nur selten allein.

 

Manche benehmen sich sehr eigenartig, sind sehr wandelbar; denn je nach Wind- & Stromrichtung, Bodenbeschaffenheit bzw. Bewölkungszustand nehmen sie eine andere Farbe, eine andere Form an (sog. Chamäleon-Wellen).

 

Ansonsten sind Wellen sehr zuverlässig & berechenbar, die reinsten Bilder- oder auch Lehrbuchwellen. Sage mir die Windstärke (gemessen in Bft.), die Wirkdauer des Windes und seine Wirklänge (Fetch) … und ich sage dir die Höhe, Länge und Verlagerungsgeschwindigkeit der dazugehörigen Wellen. Nenne mir die Widerstände, auf die eine Welle trifft (z.B. Winddrehung, Strom, eingeschränkte Wassertiefe), und ich prognostiziere dir die zu erwartenden Veränderungen des Wellenbildes.

 

Gerade deshalb können Wellen recht bockig, aber auch sanft sein, hinterhältig oder ehrlich (wir sehen sie schon von weitem ankommen und wissen, bald werden wir geduscht), manchmal sogar recht treu (die einmal durchgelaufen und gleich wieder zurückkommen, insbesondere bei Hafendurchfahrten gefürchtet (sog. Hafenwellen)).

 

Einige Wellen zeigen’s dir einmal und dann hast du Ruhe; andere „karren nach“, und zwar so lange, bis einem von beiden, d.h. der Welle oder dir, die Kraft verlässt, die Luft ausgeht.

 

Manche haben etwas mit einem Fahrstuhl gemein, manche mit einer „gesunden“ Ohrfeige, bzw. gar mit einem Fußtritt.

 

Ich kenne auch aristokratische Wellen (solche, die groß aufgeplustert mit weißem Haupt an einem vorbeirauschen, ohne von einem Notiz zu nehmen); Proletarier (das sind viele kleine, recht fleißige Wellen, jede für sich sehr harmlos und ohne bleibende Erinnerung, aber in der Masse doch sehr aufdringlich) und Straßenköter-Wellen (jede hinterlässt nur einen klitze-kleinen Spritzer, wenn wir sie aber aller hinter uns gelassen haben, sind wir total nass.

 

Schlimm sind die übrigens die akademischen Wellen, die wir insbesondere an steil ins Wasser laufenden Stränden erleben können (kriegen die z.B. ein Faltboot zu fassen, zerlegen sie es in alle Einzelteile (sog. Akademiker, im amerikanischen auch als die gefürchteten Dumpers bekannt)).

 

Manchmal träume ich von „herrlichen“ Wellen, die über tiefes Wasser wogen (sog. Tiefwasserwogen, auf denen sich – sofern sie mal etwas kürzer ausfallen -  wunderbar surfen lässt).

 

Am meisten missfallen mir die „dämlichen“ Wellen, die wir selber mit unseren Seekajaks erzeugen, wenn wir über Flachstellen paddeln (sog. Flachwasserheckwellen, die so unheimlich anhänglich sind und das Wasser so zäh erscheinen lassen).

 

Es gibt autoritäre, aber auch antiautoritäre Wellen (bei letzteren müssen wir schon selber etwas dafür tun, um nass gespritzt oder gar umgeschmissen zu werden).

 

Kreuzsee, Klapotis, Platscher, Sixpacks, Tsunamis ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

 

Ich beobachte manchmal aufdringliche Wellen (sie bestehen darauf, dass wir sie von der Luke aus probieren, und wenn’s auch nur ein kleiner Schluck ist), aggressive Wellen (sie verwandeln die See regelrecht in ein „Schlachtfeld“ (sog. Kreuzsee) und dominierende Wellen (sie steigen vor einem plötzlich auf wie ein „Rülpser“ und bestimmen, zu welcher Seite wir kentern (sog. Klapotis)). Letztere sind besonders an Steilküsten (sog. Reflexionswellen) anzutreffen und hinter kleineren Inseln oder Untiefen, die einem nur vermeintlich Wellenschutz bieten (sog. Refraktionswellen, die in Interferenz- oder Konvergenz-Wellen ausarten können).

 

Wellen können sehr fürsorglich sein, sie waschen & spülen uns dann nicht nur die Haare, sondern verpassen uns ab und an auch mal schon eine Nasen-, Ohren- oder Augenspülung (sog. Therapie-Wellen).

 

Einige Wellen fördern uns in unserer Paddelei; andere behindern uns dabei (sog. Platscher oder Stampfwellen, die jedes Mal die Fahrt aus unserem Seekajak nehmen, oder sog. Wellenwalzen, die einen nach hinten mitnehmen, wenn wir eigentlich nach vorne wollen).

 

Da gibt’s „mutige“ Wellen (sog. „Pilot-Wellen“, die bei Landannäherung als erste über Untiefen laufen (Grundseen) oder über vereinzelte Felshindernisse stolpern (sog. Boomers), „todesmutige“ Wellen, die sich mitunter regelrecht wie Ballermänner gebärden (das sind solche Grundseen, die vom Meeresgrund Steine aufwirbeln, an die Meeresoberfläche hinaufbefördern und uns auf’s Deck schmeißen), Mitläufer-Wellen (ein Synonym für Strömungswellen, die ihren Höhepunkt in der durch Overfalls, Kaskaden, Haystacks, Walzen und Kehrwasser gekennzeichneten Stromkabbelung (sog. „Tidal Race“) finden) und „feige“ Wellen (simple, durch kleinere Brisen erzeugte Windsee, die klammheimlich unterm Seekajak durchlaufen).

 

Gerade entlang der Seeseite von Inseln kommen des Öfteren „diebische“ Wellen vor, die alles, was nicht an Deck angebunden ist, mitnehmen (sog. Seeräuber).

 

Ich kenne aber auch „verlässliche“ Wellen, die meist im „Dreier-„ oder „Viererpack“ eintrudeln (sog. Dampferwellen, und zwar unterscheidbar als divergente Welle (sog. Bugwelle) und transverse Welle (sog. Heckwelle)), sowie „trügerische“ Wellen (letzter kommen wohl auch im „Pack“ an, aber das einzige, worauf wir uns bei ihnen verlassen können, ist, dass wir verlassen sind; nicht, wenn wir uns weit draußen Off-Shore, wohl aber, wenn wir uns in Strandnähe (egal ob Near-Shore oder On-Shore) befinden; denn diese Sixpacks sind regelrechte Killerwellen (sog. Tsunamis).

 

Übrigens, das Gegenstück zum Tsunami, der sich am Strand austobt, ist die Monsterwelle, der Vater aller Kaventsmänner. Wir treffen sie nur selten an und wenn, dann nur weit draußen Off-Shore. Sie entsteht meist dadurch, dass sich mehrere Kaventsmänner aufeinander türmen und jeder versucht, sich mit Hilfe von eins, zwei, drei …. – nein, acht, neun … anderen Kaventsmänner in die Höhe zu katapultieren. Der Kaventsmann, dem es gelingt, als letzter den Turm aus Kaventsmännern zu erklimmen, der bringt dann jenes Wellengebilde zur Vollendung, was gemeinläufig als Monsterwelle bezeichnet wird.

 

Nur Phantomwellen begegnen wir nicht. Die gibt es höchstens in der Fantasie einiger Küstenkanuwanderer, die meinen, gerade so noch einmal mit dem Leben davongekommen zu sein. Sie werden geprägt von der Erinnerung an einen Seegang, der meist nur Kopfhöhe erreichte, aber sich anfühlte, als ob er bis an die Regenrinne eines einstöckigen Hauses langte.

 

… und Dauerwellen finden wir ebenfalls nicht, zumindest nicht auf dem Meer: Sie geistern höchstens auf bzw. in den Köpfen unserer Küstenkanuwanderinnen herum. … und auch nicht Donauwellen, höchstens während einer Paddelpause als Nachtisch.

 

Ja, und Bio-Wellen, die gibt’s auch nicht auf dem Meer, gab’s nie auf dem Meer – dafür um so mehr auf dem Schwaben-, Steinhuder- & Zwischenahnermeer - und wird’s wohl auch in Zukunft niemals auf dem Meer geben. Dafür ist einfach der Natriumgehalt des Meerwassers einfach zu hoch.

 

Vielleicht tauchen aber eines Tages Ballaststoffwellen auf (das ist so’n Cocktail aus Schwermetallen, Klärschlamm, Haushaltsmüll, Schiffsabfällen, Treibgut und das alles verseucht mit einem Schuss Becquerel sowie einem Spritzer reinem Salzwasser.

 

Wellengärten, Wellenalleen, Wellenkorridore, Brandungszone ~~~~~~~~~~~~~~

 

Dafür kenne ich regelrechte Wellengärten, in denen eine größere Anzahl verschiedenster Wellen versammelt sind, jedoch penibel voneinander getrennt, je nach Kategorie, Gattung, Art, Typ und Spezies.

 

… oder Wellenalleen, wo auf einem schmalen, aber meist sehr langen Abschnitt immer nur ein und dieselbe Wellenart vertreten ist.

 

Übrigens wo Wellenalleen anzutreffen sind, gibt es auch Wellenkorridore, nämlich jene Bereich innerhalb z.B. einer Brandungszone, wo gar keine Wellen anzutreffen sind.

 

Wellensalat, Wellenkessel, Wellentohuwabohu, Wave Inferno ~~~~~~~~~~~~~~

 

Schließlich habe ich in meinem Küstenkanuwanderleben auch einmal Wellensalat miterleben ………. und trotz aller Prognosen überleben dürfen:

 

Jede der hier beschriebenen, aber auch die nicht hier erwähnten Wellen, sind etwas Besonders, etwas Einzigartiges, so was mit Charakter, den sie auch bereitwillig offenkundig machen möchten. Diesen ihren „wahren“ Charakter zeigen sie aber nur, wenn sie allein auftreten, unter sich sind, sich ungestört von anderen Wellen entfalten können. Je stärker sie von Dritten behindert werden, desto mehr verlieren sie ihren Charakter, umso charakterloser werden sie. Sollte sich mal die Situation ergeben, dass alle diese Wellen alle auf einmal an einem einzigen Ort alle mit den unterschiedlichsten Geschwindigkeiten aufeinander träfen, alle sich immer dichter zusammen drängten und schließlich alle total miteinander vermischten, ja dann läge solch ein Wellensalat à la frutti di mare vor.

 

Ach ihr armen Küstenkanuwanderinnen und -wanderer! Wehe euch, wenn ihr in ein derart entstandenes Seegangsspekturm geratet. Das hat nichts mehr mit „Learning by Doing“ oder wenigstens mit „Learning The Hard Way“ zu tun. Solche Salatbedingungen durchbrechen einfach den eigentlich nach oben geschlossenen Salzwasserschwierigkeitsgrad um mindestens 6 weitere Grade. Altbewährte Tipps degenerieren zur Hypothesen.

 

Entsprechende Relevanz erhalten die:

 

  • TOP TEN OF “SAVVY SEA KAYAKING“,

 

z.B.:

 

1.     „Less than tree shall never be!“ – Bei Wellensalatbedingungen würden Euch Eure Kameraden sofort abschreiben. Keine Sau könnte Euch dann mehr helfen.

2.     „P & R: the key to sea kayaking!“ - Schmeißt sie all diese Paddel- & Rettungstechniken über Bord. Nichts mehr würde klappen wollen, weder die flache, noch die hohe Paddelstütze, geschweige denn das Inuitieren. X-, H-, P-, T-, Doppel-X-, HI bzw. V-Methode oder gar die „Päckckenbildung“? Forget it! Abhaken … Eure Ausrüstung gleich mit!

3.     „Only those are seaworthy, who sit in a seaworthy sea kayak!“ - Der so etwas herausposaunt, ist noch nie bei Wellensalatbedingungen draußen gewesen. Diese reinrassigen untervolumigen Torpedos sind wohl verdammt windunempfindlich, aber tauchen einfach ab und Ihr ertrinkt im Sitzen!

4.     „Paddlefloat: sea kayaker’s big friend against “Paddlertod”!“ - Die pure „Fickfackerei“! Es ist schon von Deck gespült worden, bevor Ihr nach ihm sucht!

5.     „Last not least: Brose’s “Rolling-Float” respectively Zölzer’s “Paddelschaft-Float”!“ … außer die sind mit Helium gefülllt!

6.      „Sea anchor: your hold among breakers!“ - Seid Ihr Kayaker oder Kiter? Bei den Windverhältnisse bleibt der nicht lange im Wasser!

7.     „E-Bilge.Pump: the second man on board!“ - Die Schwachstelle ist die Batterie! Noch nie etwas von Blitzentlandungen bei Wellensalatbedingungen gehört?

8.     „VHF: the direct line to the coast guard!“ - Wie das, wenn die Ultrakurzwellen den Euch umgebenden Wellenkessel (auch als Whirlpool bekannt) nicht verlassen können!?

9.     „Sprayhood: your trump card against spray!“ - Logo, aber nur bis 12 Bft. und nicht bei Wellensalatbedingungen. Der Luft- & Wasserdruck bläht ihn doch so weit auf, dass er sich schließlich schlichtweg zerlegt, samt dem was er verhüllen & beschützen soll!

10. „Capsize-Sack: the sea kayaker’s straw!“ - Nun, eventuell kann er wirklich was nützen, sofern Ihr in der Lage sind, ihn – nachdem Ihr rechtzeitig (d.h. praktisch vor Eintritt in den Wellensalat) hineingekrabbelt seid - oben dicht zu verschließen!

 

„Was, ihr seid seegangstüchtig? … zertifiziert durch BCU, DKV, Paddelpraat oder SaU?“ „Wie, ihr habt das Seakayaking unter der Schirmherrschaft von „Eckehard dem Furchtlosen“ gelernt, oder direkt bei „Nanuk dem Eisbären“ bzw. bei unserem „Papiertiger“ aus dem Elfenbeinturm (Tiefparterre links!) Ach ihr Bedauernswerten! Die Zeit oder das Geld oder beides war das nicht wert! Wellensalat ist doch kein Seegang mehr … wie ein Gewitterregen auch kein Küstenregen mehr ist! Wellensalat beginnt dort, wo die international gültigen Bezeichnungen für Seegang enden! Begreift doch, dass Wellensalatbedingungen den Gegenpol zu „Ententeichbedingungen“ charakterisieren. Luft und Meer sind eines. Überall ist Schaum und Gischt. Alles ist weiß. Die Sicht ist Null, zum einen, weil es nichts mehr zu sehen gibt, und zum anderen, weil wir unsere Augen geschlossen halten müssen, um sie vor dem Stakkato aus Schlag-, Strahl- & Sprühwasser zu schützen. Wohl dem, der zufällig eine CE-geprüfte Taucherbrille nicht nur dabei hat, sondern schon trägt, wenn er in den Wellensalat gerät; denn befinden wir uns erst einmal mitten drin, dann ist ein Nachrüsten nicht mehr möglich. Mission Impossible!

 

Ihr hättet in einem solchen Wellensalat keine Chancen mehr! Selbst die:

 

  • Big Ten aus „KÜSTENKANUWANDERERS SEEMANNSCHAFT“

 

sind bei solchen Gewässerbedingungen (SSG VI++++++) reinste Makulatur:

 

1.     „Kompass & Bibel?“ – „Wozu noch! Keine Zeit zum Hinschauen, keine Zeit zum Lesen, keine Zeit zum Orientieren bzw. Beten und keine Zeit zum Warten!“

2.     „Kajaks mit einem maximalen Krängungsmoment von über 1.000 Newtonmeter bei 85°?“ -  „Okay, vielleicht! … aber ist das noch ein Seekajak?“

3.     „Trockenanzug mit integriertem Pinkler?“ – „Nur nicht jetzt unnötig Wärme abgeben!“

4.     Seenotbake?“ – „Kameradinnen und Kameraden, was spricht gegen ein Seemannsgrab? Wollt Ihr danach wirklich gefunden werden?“

5.     „St.Peter’s Brandungsübungen?“ – „Von der Idee her lobenswert, aber was Ihr auch dort alles gelernt haben möget, nun könnt Ihr’s getrost vergessen.“

6.     „Und was ist mit der viel gerühmten Intuition, dem Erfahrungsschatz jener zum lebenslangen Küstenkanuwandern verdammter Kanutinnen und Kanuten?“ ?????????

7.     … und was mit dem Autogenen Training, welches Hannes Lindemann den Weg über den Atlantik ebnete?“ – „Nur lebensverlängernd, aber nicht lebenserhaltend!“

8.     „… und mit tiefem Glauben?“ – „Wer’s glaubt wird seelig und wer trotzdem dran glaubt, kommt in den Himmel … das Seekajak darf er aber nicht mitnehmen!“

9.     „…. ein Maskottchen von Neptun?“ – „Nun, ich habe gehört, es soll Euch auch helfen können, wenn Ihr nicht daran glauben wollt, … aber wer von Euch hat immer schon solch ein Fetisch dabei?

10. „Genügt nicht ein „eiserner Wille“?“ – „Zugegeben, zumindest mir hat das geholfen, … aber denkt daran, … Eisen geht unter … allein schon auf Grund seines spezifischen Gewichts!“

 

Wenn ihr erst mal im Wellensalat steckt, würde nämlich alles zu spät sein. Ja, euer Untergang stände bevor; denn das pure Wellenchaos würde von euch Besitz ergreifen! Nur noch das Wellentohuwabohu, wie manche es schon bei auflandigem Orkan an einer Steilküste aus der Fußwanderperspektive beobachten konnten, könnte ein solches Chaos toppen … oder jenes fürchterliche – bei den Briten bekannt als -  Wave Inferno, welches einst mein alter Fahrensmann Edgar und ich im Mahlstrom-Wirbel der Lofoten erlebt haben

 

Text: U.Beier – www.kanu.de/kueste/

Quelle: SEEKAJAK, Nr. 19 v. 1989, S.17-18 (überarbeiteter Wiederabdruck)

Literatur:

J.Dowd: Sea Kayaking. A Manual for Long Distance Touring (2004)

R.Schumann/J.Shriner: Sea Kayak Rescue (2001)

D.Alderson: Savvy Paddler. More than 500 Tips for Better Kayaking (2001)

Seewetteramt: Seewetter (2002; S.232ff.)

E.Soares/M.Powers: Extreme Sea Kayaking (1999)

N.Foster: Surf Kayaking (1998)

H.Lindemann: Allein über den Ozean (1985)

W.Bascom: Waves and Beaches (1976)

Link:

Gewässerbedingungen: Bestimmungsfaktoren & Probleme:

è www.kanu.de/nuke/downloads/Gewaesserbedingungen.pdf

Gewässerschwierigkeiten (Küste):

èwww.kanu.de/nuke/downloads/SSG.pdf

Im Wirbel des Mahlstroms:

èwww.kanu.de/nuke/downloads/Tour-Mahlstrom.pdf

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