19.07.2006 Selbstrettung nach Kenterung (Ausbildung)

 

Im SEEKAJAK berichtet Eckart Pfeffer über einen:

 

„Workshop Selbstrettung auf Spiekeroog“

 

In dem Beitrag wird hervorgehoben, dass „… harter Seegang bzw. körperliche Erschöpfung, die zur unfreiwilligen Kenterung führen, nicht zu simulieren sind. Selbstrettung ist deswegen keine Garantie für den Ernstfall. Wir propagieren das Paddeln in Gruppen. Die Gruppe ist unser Rückhalt und zweite Chance!“

 

Was das Training der Selbstrettung betrifft, ist diese Aussage jedoch nur als eine „Ausrede“ anzusehen. Wir können sehr wohl die Selbstrettung bei harten Bedingungen üben, wenn wir es bloß täten, d.h. wir bräuchten nur, wenn wir mal wieder etwas länger draußen auf dem Meer unterwegs sind und es – wie so oft berichtet – mit 5-6 Bät. bläst, kentern und checken, welche Schwierigkeiten einem nun die Rolle bzw. der Wiedereinstieg nach dem Ausstieg bereitet. Leider sind zu einem solchen „Kentermanöver“ die wenigsten Fahrtenleiter bzw. Ausbilder bereit, was nicht zu kritisieren ist; denn letztlich tragen sie die Verantwortung, wenn etwas schief geht.

 

Folgende Aspekte werden in dem Beitrag u.a. angesprochen:

 

Nur wer nach einer Kenterung aussteigt, kann in Schwierigkeiten geraten. Wer dagegen hochrollt bzw. solange – in der Sitzluke sitzend – mit seinem Seekajak schwimmt, bis ein Kamerad ihm die Möglichkeit bietet, sich an dessen Seekajak festzuhalten und hochzuziehen, wird nur nass, d.h. unterkühlt weniger schnell, und ist sofort wieder bereit zum Weiterpaddeln.

 

Anmerkungen:

Leider ist nicht jeder Kanute in der Lage, nach einer Kenterung in der Sitzluke zu bleiben; denn wir fallen doch unvorbereitet ins Wasser. Nicht jeder ist während einer Kenterung imstand, vorher nochmals Luft zu holen. Außerdem befindet sich der Körper nicht in einer Ruhephase, die es ihm ermöglichst 30 Sekunden und länger unter Wasser auszuharren. Schließlich führt auch das kalte Wasser dazu, dass viele von uns beim Eintauchen ins Wasser sofort das Gefühl haben, außer Atem zu sein. D.h. viele Kanutinnen und Kanuten empfinden nach einer Kenterung sofort „Luftnot“. Die Folge: Sie denken nur noch ans Aussteigen, nicht aber ans Spritzdecke öffnen bzw. Rollen bzw. Schwimmen mit dem Seekajak.

Dennoch ist jeder Kanutin und jedem Kanuten zu empfehlen, mal zu versuchen, nach einer Kenterung in seinem Seekajak sitzen zu bleiben und mit ihm zu schwimmen. Nicht jeder schafft das, aber vielleicht gehört der eine oder andere von uns dazu, der es schaffen kann. Die SaU propagiert schon seit langem dieses „Kayak Swimming“ (eigentlich müsst es Kajak-Schwimmen heißen; denn nicht die Briten, sondern Bernhard Hillejan hat auf die Relevanz dieser Rettungsmethode hingewiesen). Es bietet für jene, die nicht Rollen können in der tat eine effiziente Möglichkeit, den nassen Ausstieg zu verhindern.

 

Wichtig ist, dass zur richtigen Seite hochgerollt wird, d.h. es ist  „sozusagen die Orbitalbewegung der Wasserteilchen in der Welle auszunutzen. Auf der Rückseite einer heranrollenden Welle unterstützen die aufwärts strebenden Wasserteilchen das Paddelblatt, vor dem Wellenkamm hingegen ziehen sie ein Paddelblatt nach unten.“

 

Anmerkungen:

Soweit so richtig, nur das ist reine Theorie. In der Praxis ist es beim Rollen im Seegang entscheidend, dass es leichter ist, zum „Wellenluv“ hochzurollen, da Wind bzw. Seegang den „Kenterbruder“ daran hindern, direkt senkrecht unter seinem Seekajak zu liegen. Vielmehr wird er stets zum Wellenluv hin versetzt unter seinem Seekajak hängen, sodass es ihm leichter fällt, sein Paddel Richtung Wasseroberfläche zu transportieren, um dann anschließend hochzurollen.

Übrigens, wenn die übliche kurze Bogenschlag-Rolle nicht klappt, sollten wir  nicht sofort verzagen und aussteigen, sondern wie ein Kraulschwimmer versuchen, während des gescheiterten ersten Rollversuchs wenigstens Luft zu schnappen, um dann nochmals zur Rolle anzusetzen. Als Rollvariante bietet sich beim zweiten Versuch die lange Bogenschlag-Rolle (sog. „Bauernrolle“) an. Wegen des größeren Hebels lässt sie sich wohl nicht so schnell ausführen, dafür ist sie aufgrund der größeren Hebelwirkung effizienter und verzeiht ein paar Fehler (hier: Paddelblatt nicht ganz an der Wasseroberfläche, zu geringer Hüftknick, zu wenig Rückenlage, unsauberer Bogenschlag).

 

Um zu verhindern, dass beim nassen Ausstieg der „Kenterbruder“ den Griffkontakt zu seinem Seekajak verliert, wird empfohlen, sich mit einer Lifeline zu sichern, die am Heck des eigenen Kajak zu befestigen ist und „unbedingt unter Zug einfach und schnell zu lösen“ ist. Außerdem ist das Paddel mit einer Sicherungsleine vor Verlust zu sichern: „Die Länge der Paddelleine soll das Hochrollen erlauben … und auch unter Zug losnehmbar sein. Schließlich muss die Sitzluke „frei zugänglich sein. Fuß- oder Sitzmatten können verkeilen … Alles was sich an Deck oder im Cockpit selbständig gemacht hat, wird an seinen Platz zurückverbracht.“

 

Anmerkungen:

Leider fehlt ein Hinweis, dass zunächst nach einer Kenterung mit Ausstieg unbedingt darauf zu achten ist, den Griffhalt zum eigenen Seekajak nicht zu verlieren, was bei kräftigem Seegang nur dann zu erreichen ist, wenn der „Kenterbruder“ sofort zum Heck (sofern sich dort keine Flip-off-Steueranlage befindet) oder Bug schwimmt und sich dort am Toggle festhält und auf Kameradenhilfe wartet.

Übrigens, die „Life Line“ sollte nicht nur unter Zug, sondern auch, wenn keine Zug drauf ist, leicht zu öffnen sein, was am ehesten sichergestellt werden kann, wenn sie mit einem Steckverschluss (ca. 3 cm breit) am Körper gehalten wird.

Was die Sitzluke betrifft, so sollte dort nichts gelagert werden, was sich lösen und beim Wiedereinstieg stören könnte. Z.B. genügt ein kleiner Gegenstand auf der Sitzschale, um die Rolle bzw. den Wiedereinstieg wesentlich zu erschweren. Wenn dennoch etwas aus der Sitzluke fällt und fort treibt, sollten wir nicht versuchen, es wieder „einzufangen“. Zumindest gilt das bei schwierigen Gewässerbedingungen. Die Rettung des „Kenterbruders“ hat Vorrang. Außerdem kann das Aufsammeln von „Treibgut“ weitere Kenterungen zur Folge haben.

Was die Paddelsicherungsleine betrifft, so kann ich eigentlich nur vor jenen kommerziellen Leinen warnen, die mit Klettverschluss statt Steckverschluss arbeiten. Immer wieder muss ich bei Touren feststellen, dass der Klettverschluss bei Beanspruch nicht hält. Ob das nun an einem ausgefransten Klettverschluss liegt oder an einem Handhabungsfehler, spielt dabei eigentlich keine Rolle. Dabei ist es so einfach sich eine Paddelsicherungsleine selber zu basteln: Man nehme ca. 1,80 m elastisches Seil (5 mm Ø), bilde an dem einen Ende ein Schlaufe mit doppeltem Knoten und befestige am anderen Ende eine Steckschnalle (ca. 3 cm breit) (wobei der Stecker zur Steckschnalle seitlich links oder rechts am Kartendeck befestigt wird). Vor einer Tour wird die Schlaufe um den Paddelschaft gelegt und zugezogen, anschließend wird die Steckschnalle in den Stecker gedrückt. Fertig! Sollte es nötig sein, die Paddelsicherungsleine vom Seekajak zu lösen, greifen wir zum Stecker der Steckschnalle und drücken ihn mit einer Hand auf. Eine gute Steckschnalle erkennen wir daran, dass sie auf Fingerdruck sofort aus dem Stecker springt.

 

Es wird erkannt, dass i.d.R. die Probleme des Wiedereinstiegs – sofern Kameraden hilfreich zur Seite stehen - nicht beim Wiedereinstieg selber, sondern beim Schließen der Spritzdecke und dem Lenzen des Seekajaks nach dem Wiedereinstieg beginnen. Festeingebaute Fuß- bzw. E-Pumpe könnten zumindest das Lenzen erleichtern. Der Wiedereinstieg unter Wasser mit anschließendem Spritzdeckeschließen und Hochrollen wird dagegen als zu schwierig und wenig effizient verworfen; denn bei einer Kenterung im Seegang wird sich die Sitzluke nach einem Ausstieg unweigerlich mit Wasser füllen.

 

Anmerkungen:

In dem Beitrag wird jedoch nicht darauf verwiesen, dass die Fußpumpe nur Solo-Paddlern zu empfehlen ist, da es sehr mühsam und zeitaufwändig ist, allein mit der Fußpumpe die Sitzluke zu lenzen.

Ebenfalls wird nicht auf das Problem hingewiesen, dass zumindest bei der Partnerrettung der kritischste Punkt des Wiedereinstiegs eigentlich jener Moment bildet, wenn der Retter das Päckchen mit dem „Kenterbruder“ auflöst. Sofern nämlich dabei nicht darauf geachtet wird, dass der „Kenterbruder“ möglichst schnell Fahrt aufnehmen kann, ist eine Re-Kenterung nicht auszuschließen. D.h. beim Auflösen des Päckchen sollte der Retter, der ja eigentlich der sichere Kanute ist, den „Kenterbruder“ nicht seitwärts wegdrücken, sondern vorwärts schieben, sodass der „Kenterbruder“ sofort lospaddlen kann.

 

Es wurde die Erfahrung gemacht, dass „im Wasser zu schwimmen extrem erschöpfend ist. Genau wie jeder misslungene Einstiegsversuch. … (außerdem) erwies sich (beim Schwimmen im Seegang) die Orientierung als schwierig.“

 

Anmerkungen:

Viele Kanuten ist es gar nicht bewusst, dass Küstenkanuwandern ab 3-4 Bft. Wind zu einer „sportliche Angelegenheit“ wird, bei der die Grenzen persönlicher Leistungsfähigkeit schnell überschritten werden, wenn sie kentern und aussteigen müssen. Wer sich konditionell nicht auf eine Küstentour vorbereitet, braucht sich daher nicht zu wundern, wenn er unterwegs schlappt macht, spätestens nach einer Kenterung. Ein alter Kanute, der mit seinem relativ langsam „Pintail“ bei jeder Gruppenfahrt vorne weg paddelt, sagte einmal: „Vom Paddeln bekommst du keine Kondition, du musst schon 3x in der Woche Krafttraining machen!“ Sicherlich ist das etwas übertrieben. Aber wer an einem verlängerten Wochenende 100 km entlang der Küste paddeln möchte, sollt schon darauf achten, dass er in den letzten 4 Wochen vorher wenigstens dieselbe Strecke im Kajak zurückgelegt hat, z.B. dergestalt, dass er in der Woche zweimal aufs Wasser geht und jeweils zum Training ca. 10-15 km paddelt. Außerdem ist es ganz hilfreich, wenn er an zwei weiteren Tagen in der Woche ca. 3-5 km joggt.

 

Leider wird in dem Beitrag nicht erwähnt, dass die Selbstrettung nicht erst nach der Kenterung, sondern vor der Kenterung einsetzt, nämlich dergestalt dass wir lernen mit einer flachen oder hohen Stütze eine Kenterung zu verhindern. D.h. Rettungsübungen beginnen nicht erst beim Üben z.B. der Rolle bzw. der P-, V-, Schwimm-, „Cowboy“- oder Paddlefloat-Wiedereinstiegsmethode, sondern schon beim Üben zunächst der flachen und dann der hohen Paddelstütze.

 

Text: U.Beierwww.kanu.de/kueste/

Quelle: SEEKAJAK, Nr. 102/06, S.18-20 – www.salzwasserunion.de