21.07.2006 Paddeltechnik: Kurven (Ausbildung)

 

Im SEA KAYAKER erläutert Doug Alderson in dem Beitrag:

 

„Tactics for Turning“

 

welche Paddelschläge einzusetzen sind, um bei Wind & Wellen effizient den Kurs zu ändern, d.h. Kurven zu paddeln. Für jene, die über kein wirksames Steuer verfügen, stehen die folgenden Paddeltechniken zur Auswahl:

 

 

Natürlich gibt es auch noch den Konterschlag (Bremsschlag) bzw. Bogenschlag rückwärts, aber diese Schläge bremsen ein Seekajak stark ab und werden nur dann eingesetzt, wenn all die anderen Schläge keinen Erfolg bringen bzw. die Kurskorrektur wichtiger ist als die Aufrechterhaltung der Bootsgeschwindigkeit.

 

Folgende Situationen werden beschrieben:

 

Das Seekajak läuft recht leicht durchs Wasser.

(a)   Wenn nach rechts gekurvt werden soll, genügt es, wenn wir mit einem „Bogenschlag vorwärts“ auf der linken Seite die Kurve nach rechts einleiten.

(b)   Dabei bietet es sich an, dass wir unser Seekajak nach links ankanten, damit die Veränderung der Hydrodynamik des Seekajaks das Kurven nach rechts unterstützt.

 

Das Seekajak läuft etwas unruhiger im Wasser. Der Bug gleitet wohl noch relativ leicht durchs Wasser, nicht jedoch das Heck, da sich dort bei Seitenwind das Wasser verwirbelt. Die Folge: Da der Bug wegen weniger Wasserverwirbelungen stärker vom Wasser geführt wird, driftet er nicht so leicht nach Lee wie das Heck. Das ist auch der Grund, warum ein – neutral getrimmtes - Seekajak immer dazu neigt, bei Seitenwind luvgierig zu werden.

Anmerkungen: Deshalb wird auch ein Seekajak mit zunehmender Tempo bzw. zunehmenden Wind immer luvgieriger, was nur mit Hilfe von Paddeltechnik, Skeg bzw. Steuer korrigiert werden kann, d.h. ein Seekajak ohne Skeg ist dann – der richtige Trimm wird dabei vorausgesetzt – nur noch bei entsprechender Paddeltechnik beherrschbar, und zwar einer Paddeltechnik, die den Schwerpunkt darauf legt, das Seekajak auf Kurs statt auf Tempo zu halten!

 

(a)   Soll nach rechts gekurvt werden, leiten wir das Kurven mit einem linken „Bogenschlag vorwärts“ ein

(b)   und – da nun am Ende des linken Bogenschlags das rechte Paddelblatt sich sowieso vorne befindet – ergänzen ihn mit einem rechten „Bugruder“.

(c)   Dabei lege wir unseren Oberkörper etwas nach vorne, um das rechte Paddelblatt möglichst weit nach vorne zu bringen und so die Effizienz des „Bugruders“ zu erhöhen, und um unser Körpergewicht Richtung Bug zu verlagern und so die Luvgierigkeit, d.h. den Leedrift des dadurch etwas mehr aus dem Wasser ragenden Hecks zu erhöhen.

(d)   Wer sich bei dem durch den Wind verursachten Seegang noch traut, fördert die Rechtsdrehung seines Seekajaks noch dadurch, dass er es links ankantet.

(e)   Wem das „Bugruder“ nicht so geläufig ist wie das „Heckruder“, kann nach dem linken „Bogenschlag vorwärts“ rechts mit einem „Heckruder“ das Kurven unterstützen.

 

„Bogen- & Ruder-Schlag“ sind so lange im Wechsel auszuführen, bis das Seekajak den gewünschten Kurs fährt, jedoch sollte dem „Bugruder“ ein rechter „Vorwärtsschlag“ folgen, bevor der nächste linke „Bogenschlag“ eingesetzt wird, um auf diese Weise nicht so viel Fahrt aus dem Seekajak zu nehmen.

 

Übrigens, das „Bugruder“ wirkt effizienter als das „Heckruder“, da es schneller eingesetzt werden kann und die Abdrift des Bugs nach Lee nicht nur verhindert, sondern den Bug sogar Richtung Luv zieht (deshalb wird statt von „Bugruder“ auch von „Ziehschlag“ gesprochen). Die Effizienz des „Bugruders“ wird dabei erhöht, je höher das Tempo, je weiter vorne das Paddelblatt eingesetzt und je optimaler das Paddelblatt angewinkelt wird.

 

Verfügt das Seekajak über ein Skeg, sollte es vor der Einleitung der Kurve eingezogen werden; denn im ausgezogenen Zustand erschwert es das Drehen des Seekajaks Richtung Luv. Verfügt das Seekajak über ein Steuer treten wir in die Pedal und leiten so die Kurve ein, ohne die Paddelschlagtechnik wesentlich zu ändern, d.h. wird setzen unsere „Vorwärtspaddelschläge“ fort, um kein Tempo zu verlieren.

 

Anmerkungen: Die Luvgierigkeit kann auch über den „Lateralplan“ erklärt werden, d.h. der seitlichen Ansicht des Unterwasserschiffs. Der Lateraldruckpunkt ist dabei jener Punkt bei Tempo Null, wo die Flächen des Unterwasserschiffs des Bugs gleich der Flächen des Unterwasserschiffs des Hecks ist.

(a)   Bei Tempo & Seitenwind wandert der Lateraldruckpunkt nach vorne. Das Seekajak wird luvgierig!

(b)   Wird das Skeg herausgefahren, wandert der Lateraldruckpunkt wieder nach hinten Die Luvgierigkeit vermindert sich, wird aufgehoben oder schlägt in eine Leegierigkeit um, je nachdem wie weit das Skeg herausgefahren wird und wie groß das Skeg ist und wie getrimmt das Seekajak ist!

Wird das Skeg eingefahren, wandert der Lateraldruckpunkt weiter nach vorn. Die Luvgierigkeit erhöht sich und das Seekajak dreht leichter in den Wind.

(c)   Wird das „Bugruder“ eingesetzt und das Paddelblatt fest im Wasser gehalten, wirkt es wie ein herausgelassenes Bug-Skeg. Der Lateraldruckpunkt verschiebt sich desto weiter nach vorne, je weiter vorne das Paddelblatt eingesetzt wird, wodurch die Luvgierigkeit noch weiter erhöht wird!

(d)   Wird das Körpergewicht nach vorne verlagert, taucht der Bug etwas tiefer ins Wasser, was den Lateraldruckpunkt weiter nach vorne wandern lässt. Das Seekajak wird noch luvgieriger und dreht dadurch leichter in den Wind!

(e)   Wird statt des „Bugruder“ das „Heckruder“ eingesetzt, verschiebt das den Lateraldruckpunkt nach hinten, was die Luvgierigkeit eigentlich vermindert und das Drehen zum Wind erschwert.

(f)     Gelingt dann einem „Anfänger“ z.B. trotz rechtem „Heckruder“ nicht die Drehung nach rechts in den Wind, leitet er i.d.R. einen rechten „Bogenschlag rückwärts“ ein, mit der Folge, dass das Tempo aus dem Seekajak genommen wird, sodass der Lateraltdruckpunkt wieder nach hinten wandert, wodurch das Drehen nach Luv weiter erschwert wird.

(g)   Übrigens, haben wir im Heckgepäckraum zu schweres Gepäck geladen, wird das Seekajak hecklastig. Das Heck taucht dadurch tiefer ein. Der Lateraldruckpunkt wandert nach hinten und Seekajak wird weniger luvgierig bzw. sofern es vorher neutral lief, leegierig.

Außerdem ragt der Bug nun weiter aus dem Wasser heraus, bietet eine zusätzliche Windangriffsfläche, was ebenfalls dazu führt, dass das Seekajak eher leegierig wird.

Wird dieses zusätzlich Gepäck jedoch in einem Gepäcksack auf dem Achterdeck verpackt, kann es möglich sein, dass dieser Sack zusätzliche Windangriffsfläche liefert, die u.U. dazu führen kann, dass die durch das Gepäckgewicht erzeugte zusätzlich Leegierigkeit kompensiert werden kann.

 

(a)   Tempo aufnehmen (fördert die Wirkung des Ruder-Schlages, aber erhöht eigentlich die Luvgierigkeit, obwohl Leegierigkeit erwünscht ist).

(b)   Rechts ankanten.

(c)   Linker „Bogenschlag vorwärts“.

(d)   „Heckruder“ links. (was nicht nur verhindert, dass das Heck nach Lee abdriftet, sondern – bei entsprechendem Anwinkeln das Paddelblatts – dazu beiträgt, dass das Heck Richtung Luv gedrückt wird; außerdem vermindert sich mit dem Heckruder das Tempo, was das Seekajak weniger luvgierig werden lässt).

Übrigens, das „Heckruder“ lässt den Lateraldruckpunkt nach hinten wandern und erhöht so die Leegierigkeit des Seekajaks und somit das Drehen weg vom Wind.

 

Allgemein gilt, dass der Wechsel zwischen den einzelnen Paddelschlägen möglichst schnell erfolgen soll. Ein kürzeres Paddel ist dabei förderlich.

 

Das Drehen kann erleichtert werden, wenn der Seegang genutzt wird.

(a)   Wollen wir zum Wind hin drehen, sollte das Heck nicht von einer Welle überspült werden; denn das Heck lässt sich leichter durch den Wind drehen als durchs Wasser. Außerdem unterstützt der Wind das Drehen des Seekajaks, da er das in der Luft hängende Heck nach Lee verbläst.

(b)   Wollen wir weg vom Wind Richtung Lee drehen, sollte der Bug in der Luft hängen und nicht in eine Welle bohren, letztlich weil dann der Wind den Bug leichter Richtung Lee verblasen kann.

 

Insbesondere bei Brandung von der Seite können Drehungen wie folgt erreicht werden (worauf in dem Beitrag jedoch nicht eingegangen wird!):

(a)   Wollen wir hin zu den ankommenden Brechern drehen, sollten wir – sobald der Brecher beginnt, uns mit unserem Seekajak seitwärts mitzunehmen - mit Hilfe einer „hohen Paddelstütze“ hin zur Welle dadurch die Drehung einleiten, dass wir das Paddelblatt im Wellenluv auf der Bugseite unseres Seekajaks ins Wasser tauchen. Das Heck unseres Seekajaks wird dann vom Brecher ungebremst mitgenommen, sodass der Bug anschließend hin zu den Brechern zeigt. Je nach der Kraft des Brechers, kann es dann natürlich passieren, das wir ins Rückwärtssurfen kommen.

(b)   Wollen wir den Bug unseres Seekajaks Richtung Wellenlee drehen, sollten wir während der „hohen Paddelstütze“ das Blatt unseres Paddels stattdessen auf der Heckseite ins Wasser tauchen, und zwar ebenfalls im Wellenluv. Würden wir zum Wellenlee hin stützen, würde unser Seekajak vom Brecher auf das Paddelblatt gedrückt und darüber „stolpern“. Eine Kenterung wäre unausweichlich. Auch hier gilt, dass wir bei genügender Kraft des Brechers unser Seekajak nicht nur um 90° in Richtung auslaufendem Brecher gedreht bekommen, sondern dass unser Seekajak dann anfängt, mit dem Brecher mit zu surfen (Vorwärtssurf).

 

Sollten beim Paddeln im Wind keine Kurven eingeleitet werden, sondern nur kleinere Kurskorrekturen, sollten wir das allein mit „Bogenschlägen“ erreichen; denn der Einsatz des „Bugruders“ würde zuviel Fahrt aus dem Seekajak nehmen. Lediglich bei einem Rückenwindkurs bietet es sich an, „Bogschläge“ mit dem „Heckruder“ zu kombinieren.

 

Quelle: SEA KAJAKER, Nr. August/2006, S.24-27 – www.seakayakermag.com