01.04.2007 Seenotfall: Vom Starkwind überrascht (Ausbildung)

 

Im SEA KAYAKER berichten Ken Johnson & Tim Hamilton in dem Beitrag:

 

„A Sudden Storm“

 

über die Probleme, die ihnen ein angekündigter Sturm bereitete, da er ein paar Stunden früher als prognostiziert über sie hereinbrach.

 

Ken (74) und Tim (40) waren beide erfahrene Kanuten. Ken saß seit 15 Jahren fast täglich im Kajak und Tim, ein Fitnesstrainer, paddelte wöchentlich mindestens zwei Mal zwischen 13 bis 20 km. Sie waren in Seekajaks (Maße: 493 x 60 cm, jedoch ohne Skeg bzw. Steuer) entlang der Küste von Texas unterwegs.

 

Gestartet wurde um 8.15 Uhr. Die Lufttemperatur lagen bei +24° C und die Wassertemperaturen bei +15° C. Es sollte mit 3-5 Bft. wehen. Für mittags jedoch wurde ein stürmischer Wind mit Böen bis zu 9 Bft. angekündigt. Aber bis dahin wollten sie wieder vom Wasser sein. Tim paddelte aufgrund der Lufttemperaturen mit nacktem Oberkörper und packte seine Schwimmweste aufs Achterdeck. Ken wollte eigentlich mit Trockenjacke und Schwimmweste paddeln. Wegen der Lufttemperaturen und weil er gegenüber dem 34 Jahre jüngeren Tim keine „Schwächen“ zeigen mochte, tat er es ihm gleich.

 

Tim fühlt sich unterwegs topp fit. Mehrmals rollte er links, rechts und auch ohne zurecht gelegtes Paddel. Kurz nach 9 Uhr, also nachdem eine ¾ Std. gepaddelte wurde, zeigte sich am Horizont die erste Bewölkung. Ein erster Regenschauer zog vorbei, aber die Sonne schien erneut. Am liebsten wäre Ken wieder zurück gepaddelt, aber Tim wollte noch ein wenig im Seegang surfen. Um 9.29 Uhr schoss Ken ein Foto, auf dem Tim noch im Sonnenlicht zu sehen war und sich deutlich vom durch Wolken tiefschwarz gefärbten Himmel abzeichnete. Es handelte sich wohl um die angekündigte Kaltfront, die 2 bis 2:30 Std. früher als prognostiziert heranzog. Sie befanden sich ca. 400 m von der Strandpromenade entfernt.

 

Kurz danach brach dann urplötzlich – aber eigentlich nach dem Foto nicht überraschend - der Sturm aus. Kurz davor fühlten sie sich noch wohl, nun kämpften sie um ihr Leben! Die Lufttemperatur sackte sofort auf +10°C ab (bei dem Wind entsprach das einer gefühlte Temperatur von -5°C). Die Windstärke stieg abrupt von 4 Bft. auf 8 Bft. in Böen 9 Bft. an. Der Sturm heulte und wehte Gischt & Schaum über das Wasser. Die Böen rissen am Paddel. Zum Glück wehte es ablandig, sodass der Seegang noch nicht ganz so heftig war; dennoch brach jede Welle und „hämmerte“ gegen die Kajaks. Die beiden versuchten sofort, Richtung Strand zu paddeln; denn vom Sturm hinaus auf die offene Bay getrieben zu werden, hätte ihren persönlichen GAU bedeutet. Aber die Kajaks ließen sich nicht gegen den Wind drehen. Der Winddruck war einfach zu groß. Bislang waren sie gewohnt, auch mal bei 5-6 Bft. Wind und 1,20 m Welle zu paddeln. Aber dieser Sturm war einfach zu heftig. Er lehrte beiden das Fürchten. Um 9.35 Uhr schaute sich Tim nach Ken um. Eine Böe fiel über ihn her und kenterte ihn. In seiner Panik dachte er gar nicht mehr ans Rollen, sondern nur noch ans Aussteigen. Im Wasser schwimmend griff er sofort nach seiner Schwimmweste. Beim Überziehen verlor er den Griffhalt zu seinem Seekajak. Sofort wurde es von Wind & Wellen davongetrieben. Nur unter äußerster Anstrengung – vielleicht, weil er kaum bekleidet war – gelang es ihm, sein Seekajak schwimmend zu erreichen. Da er merkte, dass er immer weiter hinaus auf die Bay trieb, entschied er sich, sein Seekajak loszulassen und allein Richtung Strand zu schwimmen.

 

Plötzlich tauchte um 9.45 Uhr Ken auf, mehr oder weniger sicher sitzend in seinem Seekajak. Er hatte wohl vorher schon mitbekommen, dass Ken gekentert war, aber der Wind hinderte ihn daran, hinüber zu paddeln und ihm beim Wiedereinstieg zu helfen. Nun bot er ihm sein Heck an. Dort hielt sich Tim fest und dann wurde kräftig Richtung Strand gepaddelt bzw. – den Hecktoggle fest im Griff – geschwommen. Irgendwann merkten beide, dass sie sich nicht dem Land näherten. Tim ließ daher das Seekajak von Ken gehen und versuchte es wieder mit Schwimmen. Ken paddelte etwas seitab, um Tim jederzeit zu Hilfe zu kommen, falls dieser schwächelte. Nach endlos erscheinenden ca. 15 Minuten spürte Tim plötzlich Grund unter den Füßen. Um 9.50 Uhr betrat er den Strand. Ende gut, alles gut!?

 

Quelle: SEA KAYAKER, Nr. April/2007, S. 32-37 – www.seakayakermag.com

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