08.04.2007 Seenotfall: 80 km Querung misslungen (Ausbildung)

 

Im Seekjakforum.de wird auf einen Beitrag auf der Homepage des CHICAGOMAGZIN verwiesen, in dem Sharon Bloyd-Peshkin am 23.03.07 in dem Beitrag:

 

„Lake Effect“

 

über eine 80-km-Querung des Lake Michigan berichtete, die von New Buffalo (Michigan) aus startete und 5 km vor dem Ziel Monroe Harbor (Chicago) als Seenotfall endete. Folgende Punkte der Tour sind erwähnenswert:

 

  • Die Querung unternahmen Paul Redzimski (45) und Mike Agostinelli (42). Beides waren erfahrene Seakayaker, die schon seit über 8 Jahren paddelten.
  • Paul fuhr in einem Skeg-Seekajak von P&H („Quest“) und Mike in einem geliehenen Steuer-Seekajak von Epic („Endurance“). Beide benutzten Wingpaddel, und zwar fuhr Paul mit einem großen Blatt und Mike mit einem mittleren Blatt.
  • Gepaddelt wurde am 9. Oktober 2006.
  • Gestartet werden sollte um 5.00 Uhr, los kamen sie jedoch erst 90 Minuten später.
  • Folgende Ausrüstung wurde u.a. mitgeführt: Schwimmwesten, Reservebekleidung, je eine Schleppleine, 3 UKW-Sprechfunkgeräte, je ein Handy, Messer, je ein Kompass, 3 GPS-Geräte, Signalspiegel, Taschenlampe, Erste-Hilfe-Material, Reparaturmaterial, Verpflegung & Trinkwasser, zusätzliche Auftriebskörper, Reservespritzdecke, Seeanker, Signalpfeife, Seenotsignalmittel (3 Signalkugeln; 1 Handfackel), Lenzpumpe.
  • Der Wetterbericht prognostizierte in den Tagen zuvor für den Starttag einen Seegang von 0,90-1,50 m bzw. 1,20-1,80 m bzw. 0,90-1,50 m. Einmal wurden 1,80-2,40 m vorhergesagt. Übrigens, bei einem 8 Bft. Wind ist mit einer 4-5 m See zu rechnen.
  • Zum Zeitpunkt des Starts wehte ein 2 Bft. Wind, der ein 0,3 m See hervorrief.
  • Anfänglich paddelt die beiden mit 8 km/h.
  • Auf halber Strecke rollten beide. Dabei stellte Paul fest, dass ein Trockenanzug nicht ganz dicht war.
  • Bald darauf schmerzte Paul’s Schulter. Daraufhin tauscht er sein Paddel mit großem Paddelblatt gegen das kleinere von Mike ein. Der Schmerz ließ nach.
  • Der Wind dreht und frischt auf (4-5 Bft.). Der Seegang erhöhte sich auf 0,90 m und etwas später auf 1,20 m.
  • Mike fiel langsam zurück. Die Ursache war schnell gefunden. Der Gepäcklukendeckel auf dem Hinterdeck war undicht. Ins Achterschiff schien Wasser eingedrungen zu sein. Beim Öffnen des Hecklukendeckels konnte Paul dann auch feststellen, dass der Gepäckraum halb voll Wasser und schließlich – mit dem nächsten Brecher, der über Mike’s Kajak schwappte – ganz voll Wasser war. Irgendwie drang auch Wasser in Mike’s Sitzluke ein.
  • Zunächst wurde versucht, mit einem Auftriebskörper das Wasser aus dem Heckraum herauszudrängen, was jedoch nicht gelang. Auf den zweiten Auftriebskörper wollten sie jedoch nicht zurückgreifen, da er im Bugstauraum lag, ein Öffnen des Lukendeckels jedoch bei dem Seegang als zu gefährlich angesehen wurde.
  • Daraufhin entschloss sich Mike auszusteigen und Paul lenzte Mike’s Kajak erfolgreich, und zwar bei einem 1,80 m Seegang.
  • Der Wind bliest nun mit 5 Bft. und der Seegang lag zwischen 1,80-2,40 m.
  • Da Mike’s Kajak erneut voll lief, musste Mike wieder aussteigen und Paul Mike’s Kajak nochmals lenzen.
  • Paul bekam nun Probleme, sein Skeg-Kajak auf Kurs zu halten. Die vielen Bogenschläge ließen seine Schulter erneut schmerzen.
  • Mike’s Kajak nahm immer mehr Wasser auf. Sein Kajak wurde kippliger. Das Tempo ging auf 3,2-4,8 km/h zurück.
  • Plötzlich ließ eine 2,70 m See Mike kentern. Er rollte sofort auf, wurde jedoch von der nächsten Welle gleich wieder gekentert. Er stieg aus. Paul half ihm erfolgreich beim Wiedereinstieg. Doch bald darauf kenterte Mike erneut und musste wieder aussteigen. Wiederum gelang der Wiedereinstieg. Da sie aber anscheinend Mike’s Kajak nicht mehr lenzten, lief es allmählich immer voller.
  • Es wurde dunkel. Die Lichter von Chicago waren deutlich zu sehen. Mike wurde immer schwächer. Ca. 5 km vor dem Ziel entschlossen sie sich, per UKW-Sprechfunk über Kanal 16 die Seenotrettung zu alarmieren.
  • Zwei Seenotrettungsboote, die gerade von einer Fahrt zurückgehrten, wurde Richtung der beiden Seakayaker geschickt.
  • Auf dem Wasser war es nun stockdunkel. Damit die Retter sie leichter finden schlug Mike der Seenotleitstelle vor, Signalkugel abzufeuern. Zunächst sollte eine der drei Signalkugeln gezündet werden. Es funktionierte jedoch keine der drei verfügbaren Signalkugeln. Als in der Ferne das blaue Licht des Seenotrettungsboot auftauchte, schaltete Paul ein weißes Signallicht an und winkte damit.
  • 13 Std. nach dem Start wurden die beiden an Bord des Seenotrettungsboot geholt.
  • ….. und Paul & Mike planen schon den nächsten Querungsversuch, dann aber im Sommer, wenn es länger hell ist.

 

In der Tat handelt es sich bei diesem Seenotfall ca. 5 km vor dem Ziel um ein interessantes "Lehrstück"; denn die beiden hatten bei ihrer Querung nicht nur Pech gehabt. Folgende 10 Punkte sind kritisch anzumerken:

 

  1. Höre vor dem Start zu einer solchen mindestens 12-Std.-Tour stets nochmals den Wetterbericht ab und starte nur bei einer Wetterlage, die für die nächsten 3 Tage maximal 2 Bft. Wind prognostiziert. Ein 3er Wind ist nur noch dann akzeptable, wenn er von achtern kommt.
  2. Paddle solch lange Querungen nie mit einem geliehenen Seekajak.
  3. Sei dir bewusst, dass dir bei solchen Touren nicht nur ein Skeg-Seekajak, sondern auch ein Seekajak mit Gepäcklukendeckeln, die z.B. per Riemen und Neo-Lukendeckeln gesichert werden, Probleme bereiten können.
  4. Berücksichtige, dass ein Paddel mit großen Blättern, welche für Kurzstrecken gut sind, für Langstrecke nicht geeignet zu sein brauchen.
  5. Starte zu solchen Querungen schon kurz vor Sonnenaufgang, damit der Tag voll genutzt werden kann.
  6. Vermeide es, schon beim Start mit (90 Min.) Verspätung zu starten.
  7. Nimm dir eine solche Tour lieber im Juni/Juli statt im Oktober vor, dann sind die Tage noch ein paar Stunden länger.
  8. Konzentriere dich unterwegs auf die Tour und verzichtete auf Rolleinlagen (außer bei drohendem Hitzschlag).
  9. Alle Ausrüstungsteile, die bei einem Notfall benötigt werden, müssen griffbereit gelagert werden, und zwar nicht unter, sondern auf Deck. Sei dir bewusst, dass ein Öffnen der Lukendeckel bei kritischem Seegang dazu führen kann, dass der geöffnete Gepäckraum von einer einzigen über Deck schwappenden Welle geflutet werden kann.
  10. Nimm bei solchen Passagen Seenotsignalmittel mit, die möglichst frisch sind und verlass dich dabei nicht nur auf Signalkugeln, sondern nimm mindestens pro Person noch 2 Fallschirmraketen, 1 Handrauchfackel (für den Seenotfall am Tag) und 1 Handfackel (für die Nacht) mit.

 

Link: www.chicagomag.com > Lake effect

oder: http://www.chicagomag.com/ME2/dirmod.asp?sid=8642F5EFCEA14A939100AB7214F31861&nm=Archives&type=PubPagi&mod=Publications%3A%3AArticle+Title&mid=61BFC65300D24DB58350C761094153A1&tier=4&id=2877A76E2DE44877BC72636F4D779EE7