05.07.2007 ”Komplizierte” Kenterung (Ausbildung)

 

Im SEEKAJAK analysiert Bernhard Hillejan in dem Beitrag:

 

„Zwischenfall bei einem Rettungsworkshop in Köln. Komplizierte Kenterung“

 

eine unfreiwillige Kenterung bei 19-20° C Wassertemperatur auf einem Binnengewässer. Der „Kenterbruder“, der immerhin Rettungsschwimmer ist und einen Neo-Long-John trug, stieg nach einer Kenterung nicht aus, sondern versuchte mit seinem Seekajak zu schwimmen. Nach ein paar Mal Luft holen sank er jedoch ab und verharrte wie gelähmt regungslos & passiv unter Wasser in seiner Sitzluke. Das Angebot eines herbei gepaddelten Kameraden zur Eskimorettung nahm er nicht wahr. Der zuständige Ausbilder eilte ebenfalls sofort herbei und zog den „Kenterbruder“ an seiner Schwimmweste an die Wasseroberfläche. Daraufhin „erwachte“ er sofort aus seiner „Starre“. Er war wohl etwas ermattet, aber trotzdem relativ handlungsfähig. Der „Kenterbruder“ erinnerte sich später nicht an den max. 20 Sekunden dauernden Zeitraum, wo er regungslos unter seinem Seekajak hing. Nach einer Ruhephase kenterte er nochmals freiwillig und konnte problemlos aussteigen.

 

Es handelt sich hier um eine Situation, die recht selten passiert. Bei den vorherrschenden Wassertemperaturen ist ein „Kälteschock“ auszuschließen. Vielleicht hat der „Kenterbruder“ beim Versuch, mit dem Seekajak zu schwimmen, hyperventiliert. Gegebenenfalls führte der Stress der unfreiwilligen Kenterung auch zu einer vollständigen Handlungslähmung (sog. „Totstellreflex“).

 

Etwas vom Ergebnis her Vergleichbares erlebte ich einmal vor Jahren bei Rettungsübungen im warmen Hallenbad. Die „Kenterschwester“ sollte bewusst kentern, die Spritzdecke öffnen und aussteigen. Nach der Kenterung versuchte sie jedoch gar nicht die Spritzdeckenschlaufe zu erreichen, stattdessen legte sie sich nach hinten und verharrte dort mehr oder weniger regungslos. Vom Beckenrand aus konnte ein Kamerad das Heck ihres Seekajaks ergreifen und hochheben. Die „Kenterschwester“ fiel heraus, wusste jedoch später keine Erklärung für ihr Verhalten und praktizierte ca. 30 Minuten später mit Erfolg den Wiederausstieg nach einer freiwillig herbeigeführten Kenterung.

 

In Anbetracht dessen, dass eine Kenterung tödlich enden kann, wenn die Rolle, die Eskimorettung bzw. der Ausstieg nicht klappt, sollte bei jeder Kenterung seitens der Mitpaddler sofort reagiert werden. D.h. es ist sofort zum „Kenterbruder“ zu paddeln, um ihm Hilfe anzubieten oder direkt zu helfen. Ein extra Warten darauf, ob u.U. die Rolle bzw. der Ausstieg klappt, ist nicht nötig; da bei der Annäherung zum „Kenterbruder“ schon genug Zeit verstreicht.

 

Übrigens, was passieren kann, wenn der Ausstieg nicht gelingt, ist im us-amerikanischen SEA KAYAKER beschrieben und in KANU SPORT analysiert worden.

 

Text: U.Beier – www.kanu.de/kueste/

Quelle: SEEKAJAK, Nr. 107/07, S.6-7 – www.salzwasserunion.de

Literatur: Dr.med. M.Huber / U.Beier, Nur beinahe Ertrunken und trotzdem verstorben, in: Kanu Sport, Nr. 6/06, S.36-39; è www.kanu.de/nuke/downloads/Seenotfallanalyse-IV.pdf