01.08.2007 Gewässerschwierigkeitsbewertungen (Ausbildung)

 

In KANU SPORT stellt U.Beier in dem Beitrag:

 

„KANU-SPORT-Praxistipp: Gewässerschwierigkeiten“

 

die Bewertung der Gewässerschwierigkeiten von:

 

  • Zahmwasser (ZW)
  • Wildwasser (WW)

und

  • Küstengewässer (KW)

 

vor.  Folgende Ausführungen dürften insbesondere Küstenkanuwanderinnen und –wanderer interessieren:

 

„Paddeln ist nicht immer so einfach. Spätestens wenn das Kanu anfängt zu kippeln, wird es aufregend, und zwar nicht nur für den Anfänger. Meist sind diese Schwierigkeiten „hausgemacht“, d.h. wir sind selber dran Schuld:

 

  • weil uns die paddlerischen Fähigkeiten fehlen, die halt nötig sind, um den Machtkampf Kanute contra Kanu für sich zu entscheiden. Wer da „krebsfrei“ vorwärts- und rückwärts paddeln kann, und zwar nicht nur geradeaus, und wer notfalls sein Paddel auch als „Stütze“ einsetzen kann, hat diesbezüglich kaum was zu befürchten;
  • weil wir uns das falsche Bootsmaterial ausgesucht haben; denn wer in einem zu kippligen Kajak ohne Sitz-, Schenkel- und Fußhalt paddelt und dazu noch ein unpassendes Paddel in den Händen hält, steht schon von Anfang an auf der Verliererseite; und
  • weil wir auf einem für uns zu schwierigem Gewässer paddeln möchten, auf dem die ersten Gefahren gleich hinter der nächsten Kurve, der vor uns liegenden Gefällstrecke bzw. dem nahen Kap lauern.

 

Wenn wir also den Schwierigkeiten aus dem Weg gehen wollen, sollten wir uns ein unschwieriges Gewässer aussuchen, z.B. ein „Ententeich“, auf dem es weder windet & wellt, noch strömt, und darauf mit einem breiteren Kanu paddeln, jedoch nur dann, wenn wir wissen, wie wir mit dem Kanu dahin kommen können, wohin wir wollen, ohne dass es sich dabei allzu plötzlich um seine Längsachse dreht, d.h. kentert.

 

Was aber ist, wenn uns das Paddeln auf einem „Ententeich“ irgendwann langweilt; wenn wir uns danach sehnen, auf Gewässern mit Strömung, Wellen, Schwällen, Walzen, Brechern, Gischt und Böen zu paddeln? Nun, dann sollten wir es tun, aber nicht dabei vergessen, die paddlerischen Fähigkeiten und die Ausrüstung an den zu erwartenden Gewässerbedingungen anzupassen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass wir in der Lage sind, abschätzen zu können, welche Schwierigkeiten solche Gewässer uns bereiten können, und uns nur dann ins Kanu wagen, wenn wir uns sicher sind, dass wir bei der Tour nicht überfordert werden.

 

Gewässerschwierigkeitsbewertungen

 

Je nach Gewässertyp gibt es unterschiedliche Ansätze, um auf mehr oder weniger einfache Weise jene Kriterien aufzuzeigen, die letztlich maßgebend für die Schwierigkeitsbewertung sind.

 

Zahmwasser (ZW) …………………………

 

Wildwasser (WW) ………………………….

 

Küstengewässer (KW)

 

Küstengewässer definieren sich wohl grundsätzlich über das „Salzwasser“, dennoch sollten wir uns bewusst sein, dass auf so manchem „süßwasserhaltigen“ Großgewässer Gewässerbedingungen herrschen können, an der auch eine erfahrene Küstenkanuwanderin bzw. ein erfahrener Küstenkanuwanderer scheitern kann. Wer einmal bei stärkerem Wind auf dem Bodensee oder auch nur auf der Müritz gepaddelt ist, kann u.U. von einem Seegang erzählen, den alte „Seebären“ niemals an der Küste Grönlands erlebt haben. Und bei einer Fahrt auf dem Rhein können ebenfalls tagtäglich Gewässerbedingungen erlebt werden, die nicht alle Tage im ostfriesischen Wattenmeer zu beobachten sind.

 

Die Schlüsselgröße zur Bestimmung der Gewässerschwierigkeiten entlang der Küste stellt nicht – wie beim Zahmwasser – die Strömungsgeschwindigkeit, sondern die Windstärke dar, zumindest trifft dies für Nord- und Ostsee und auch das Mittelmeer zu. In Anlehnung an den WW-Grad findet bei der Bestimmung der Schwierigkeiten für Küstengewässer ebenfalls eine Einteilung von I (= KW I) bis VI (= KW VI) statt.

 

Natürlich wird uns bei einer Inspektion vor Ort WW III schwieriger als Küste III erscheinen. Berücksichtigen wir jedoch, dass eine WW III-Passage vielfach nur für maximal 1 Minute gepaddelt wird und das nach vorheriger Erkundung und ausgiebigen Diskussionen mit den uns begleitenden Kameradinnen und Kameraden, auf einer KW III-Passage wir aber u.U. mehrere Stunden unterwegs sind, und zwar ohne vorherige Erkundung – der Blick auf die Seekarte muss genügen –, ohne Diskussion – da Wind- und Wellengeräusche eine Verständigung fast unmöglich machen – und ohne Pause – denn der rettende Strand befindet sich nicht immer stets seitab, dann dürfte sich doch das Ausmaß der Schwierigkeiten bei Wildwasser und Küstengewässer weitgehend annähern. Der einzige Unterschied zwischen diesen beiden Gewässern ist wohl bei einem Todesfall zu sehen: Der WW-Kanute wird ungünstigstenfalls nach 5 Minuten ertrunken sein, während der Küsten-Kanute möglicherweise stundenlang im kalten Wasser treibt, bis er dann wegen Unterkühlung ohnmächtig wird und dann erst ertrinkt. Dennoch scheint mir – zumindest was die Unfallstatistik betrifft – das Wildwasserfahren die gefährlichere Sportart zu sein.

 

Wie können wir nun die Schwierigkeitsbewertung eines Küstengewässers vornehmen? Zunächst einmal müssen wir die Windstärke (gemessen in Beaufort (Bft.)) kennen. Auskunft hierüber erhalten wir für Nord- und Ostsee per Seewetterbericht, der über die folgenden Infoquellen zu erhalten ist:

 

  • Rundfunk: z.B. Deutschlandfunk/Deutschlandradio, zu empfangen über die Frequenzen 1.269 + 177 + 6.005 + 6.190 kHz, und zwar um 1.05 + 6.40 + 11.05 + 22.05 Uhr;
  • Telefon: z.B. Tel.-Nr. 01803-254608 (Deutschlandradio);
  • Internet: www.seewetter.de bzw. www.dwd.de
  • Handy: kostenpflichtiger SMS-Abo-Service; Anmeldung über z.B. www.wetterwelt.de

 

„Besser als gar nichts“ sind die Wettermeldungen nach den Rundfunknachrichten des z.B. Norddeutschen Rundfunks anzusehen. Da jedoch nicht immer die Windstärke in Bft. angegeben wird, sondern verbal umschrieben wird, sollten wir wissen, dass „mäßiger Wind“ einem 4 Bft. Wind, „frischer“ Wind = 5 Bft. und „starker“ Wind = 6 Bft. entspricht.

 

Kennen wir nun die Windstärke, brauchen wird davon nur 2 abzuziehen, um einen ersten Anhaltspunkt dafür zu bekommen, mit welchem Schwierigkeitsgrad wir an der Küste zu rechnen haben (vgl. Tab. 3).

 

 

Schwierigkeitsgrad:

Windstärke

(gemessen in Beaufort)

(Bft.)

Gewässer-

Charakteristik

Küste I

(KW I)

è unschwierig

1-3 Bft.

(schwach windig)

Die See ist nicht mehr spiegelglatt, sondern bewegt. Ab und an können die Wellen schon einmal weiße Schaumköpfe haben. Ein erfahrener Zahmwasserkanute hat keinen Grund, sich vor dem Seegang zu fürchten, sofern er in der Lage ist, nach einer Kenterung wieder zurück in sein Kanu zu kommen und weiter zu paddeln.

 

Küste II

(KW II)

è mäßig schwierig

 

4 Bft.

(mäßiger Wind)

Überall beginnen die Wellen sich zu brechen und der Wind fängt an, einem am Fortkommen zu behindern. Treten dann zusätzliche Schwierigkeiten auf, bekommen die meisten Kanuten Probleme.

 

Küste III

(KW III)

è schwierig

 

5 Bft.

(frischer Wind)

Weiße Schaumkämme prägen die Wasseroberfläche. Der Seegang und der Windruck erfordern Konzentration, Bootsbeherrschung und Kondition.

 

Küste IV

(KW IV)

è sehr schwierig

 

6 Bft.

(starker Wind)

Große Wellen beginnen sich zu bilden. Ihre Kämme brechen. Der auflandige Bereich einer Küste ist kaum noch befahrbar. Jeder paddelt für sich. An einen Gruppenzusammenhalt ist kaum noch zu denken.

 

Küste V

(KW V)

è äußerst schwierig

 

7 Bft.

(harter, steifer Wind)

Die See türmt sich auf. Gegen den Wind wir wohl keiner mehr Strecke paddeln können. Es gibt keine Sicherheitsreserven mehr. Jede weitere Schwierigkeit führt zur Unbefahrbarkeit.

 

Küste VI

(KW VI)

è Grenze der Befahrbarkeit

 

 

8 und mehr Bft.

(stürmischer Wind

Von den Kanten der Wellenkämme beginnt Gischt abzuwehen. Im Allgemeinen ist eine Befahrung unmöglich. Lediglich im Notfall ist im Wind- und Wellenschutz einer Steilküste bzw. Insel an ein Paddeln zu denken, sofern wir uns wirklich ganz dicht unter Land halten und keine Düsen-, Kapeffekt bzw. Fallwinde auftreten können.

Tab. 3: Küsten-Schwierigkeitstabelle (DKV 2006)

 

Diese erste Schwierigkeitseinschätzung liefert einen wichtigen Anhaltspunkt für die auf einer Tour entlang der Küste zu erwartenden Schwierigkeiten. Wenn es uns bewusst ist, dass es noch weitere schwierigkeitsbestimmende Faktoren gibt:

 

  • z.B. Stromkabbelung; Wind gegen Strom; Dünung; Brandung an Stränden bzw. über Untiefen, Kreuzsee, Reflexionswellen; Dampferwellen; Windverstärkung durch Kap- bzw. Düseneffekten, Fallwind; Kälte; Nebel; Dunkelheit)

 

und dass jeder einzelne dieser zusätzlichen Faktoren das Potenzial hat, den per Windstärke ermittelten KW-Grad um mindestens einen Grad zu erhöhen (Ausnahme: z.B. kann Brandung, egal nun ob durch Windsee oder Dünung verursacht, jeden Gewässerabschnitt unbefahrbar machen = KW VI), so verfügen wir über die „Schlüsselinformation“ in Sachen Schwierigkeitsbewertung. Wenn wir bei einer 3er Windprognose aufs Meer hinaus paddeln und entsprechend seetüchtig sind, d.h. nicht nur in der Lage sind, bei einem 3-Bft.-Seegang zu paddeln, sondern auch nach einer Kenterung wieder weiter paddeln zu können, müssen wir eigentlich nur noch zwei Bedingung erfüllen, um sicher paddeln zu können: Nämlich in der Lage zu sein, z.B. mit Hilfe der Seekarte und der vor uns liegenden Küstenlandschaft erkennen zu können, wo zusätzliche Schwierigkeiten auf uns lauern könnten und wie diese zu umfahren sind.“

 

Quelle: KANU SPORT, Nr. 8/07, S.36-38 – www.kanu.de