09.09.2007 Anlandeprobleme bei Brandung (Ausbildung)

 

Im SEA KAYAKER berichten Sheldon Green und Sheila Keet in dem Beitrag:

 

„Risk and Rescue in the Aleutians

 

über eine Tour im Zweier-Seekajak entlang den im Nordpazifik liegenden aleutischen Inseln Unalaska und Umnak.

 

Beim Anlanden in einer sandigen Bucht mit sehr steilem Strand gerieten sie unerwartet in bis zu 1,5 m hohe und sehr steil brechende Brandung (sog. „Dumpers“). Eine Kenterung war unsausweichlich: Der Zweier stoppte bei der ersten Grundberührung des Bugs abrupt ab, trieb mit dem rücklaufenden Wasser sofort wieder zurück in den nächsten ankommenden Brecher, der ihn quertreiben und kentern lies.  Während die Kanutin nach dem Ausstieg sich hoch auf dem Strand retten konnte, rollte der ebenfalls ausgestiegene Kanute samt des Zweiers mit jedem Brecher zunächst den Strand hoch und dann mit dem Rücklauf wieder zurück ins ca. 6° C kaltes Wasser usw. usf.

 

Irgendwann fasste die Kanutin den Mut, zurück ins Wasser zu laufen, um den angespülten Zweier, in welchen ihr Partner in der Zwischenzeit wiedereingestiegen war, erneut am Zurücktreiben zu hindern. Sie mied es dabei wohlweislich, sich so zu positionieren, dass sie sich zwischen Zweier und Strand befand, da sonst die Gefahr bestand, dass der nächste Brecher den Zweier mit voller Kraft auf sie drückte und dabei gegebenenfalls ihre Beine brach. Stattdessen versuchte sie, sich zwischen Brecher und Zweier zu platzieren, was bei der Wasserwucht der Brecher jedoch nicht minder gefährlich war; denn nachdem der Zweier mit viel Schwung den Strand hinauf gespült wurde, trieb er anschließend mit demselben Schwung wieder zurück. Ein beladener Zweier, dessen Sitzluken zusätzlich mit einem Wasser/Sand-Gemisch gefüllt sind, entwickelt dabei nicht viel weniger Kraft als beim Anspülen. Aber soweit kam es gar nicht mehr. Auf dem Weg von der Strandseite des Zweiers zu seiner Seeseite schleuderte ein Brecher der Kanutin den Bug so heftig in die Knie, dass sie nicht mehr handlungsfähig war. Trotzdem schafft es irgendwann ihr Kamerad, auch ohne ihre Hilfe den Zweier auf den Strand hochzuziehen.

 

So weit so gut. Wegen der Verletzung war bei diesen Gewässerbedingungen nicht an ein Weiterpaddeln zu denken. In Anbetracht der menschleeren Gegend gab es praktisch nur zwei Möglichkeiten:

 

(1)   der Versuch, mit dem UKW-Sprechfunkgerät von nächsten Gipfel aus Kontakt mit einem zufällig in der Ferne vorbei fahrenden Fischerboot aufzunehmen, und wenn das nicht gelingt,

(2)   etwa 50 km lang durch die felsige Insellandschaft bis zur nächsten Fischersiedlung zu wandern.

 

Zum Glück klappte es mit dem Funkkontakt, so dass bald ein Fischerboot vorbei kam und beide mit einem kleinen Schlauchboot ohne Motor abholte. Sämtlich Ausrüstung wurde zurückgelassen.

 

Quelle: SEA KAYAKER, No. Oct. 2007, S.19-23 – www.seakayakermag.com

Link: www.kanu.de/nuke/downloads/Brandungsfahren.pdf

Anmerkung U.B.:

Die Schwierigkeiten beim Starten und Anlanden werden im Wesentlichen von der Brandung bestimmt. Je steiler das Ufer – günstigenfalls Strand, ungünstigenfalls felsiger Untergrund – desto kritischer wird es. Schon ein nur 1 m hoher Brecher, der auf einen steilen Strand aufläuft, kann ein Starten bzw. Anlanden ohne Hilfe Dritter unmöglich machen.

Deshalb empfiehlt es sich auch, dass beim Starten durch Brandung der fähigste Paddler als letzter startet („Last in!“). Er kann den anderen dann „Starthilfe“ geben und die anderen können nur hoffen, dass er es allein schafft, ihnen zu folgen.

Umgekehrt gilt, dass der Fähigste als erster anlandet („First out“), um dann – sofern er damit erfolgreich war – die anderen, einen nach den anderen, an Land zu lotsen und beim Anlanden ihre Seekajaks vorm Querschlagen bzw. Zurücktreiben zu sichern.

Aber was machen wir, wenn wir zu zweit in einem einzigen Zweier unterwegs sind? Nun, dann sollten wir:

(1)   uns mit dem Brandungsfahren sehr gut auskennen

(2)   und uns die hereinlaufende Brandung sehr genau anschauen und prüfen, wie viel Brecher hintereinander wie steil und in welcher Sequenz hinein laufen und ob sich z.B. Felshindernisse in der Brandungszone befinden.

Sind wir uns nicht sicher, zu zweit im Zweier sicher anzulanden, dann sollten wir - wie es manche Faltbootfahrer tun - abwägen, ob:

(3)   nicht der in der vorderen Luke Sitzende aussteigt, schwimmend den Strand erreicht und von dort aus den Anlandevorgang des Zweiers unterstützt. Dabei ist es von großem Nutzen, wenn das Seekajak zumindest über einen frei am Bug schwingenden Toggle verfügt, der es nämlich ermöglicht, das Seekajak auch dann noch zu halten, wenn es vom Brecher um die Längsachse gedreht wird.

Bei all diesen Überlegungen muss es uns jedoch bewusst sein, dass irgendwann von diesem Strand auch wieder zu starten ist. Das kann dann in umgekehrter Reihenfolge ablaufen: Der vorne Sitzende bleibt am Strand zurück und hilft seinem Partner allein im Zweier hinaus durch die Brandung zu paddeln. Anschließend versucht er hinaus zu schwimmen und zurück in den Zweier zu klettern.

Aber was ist, wenn das nicht klappt, weil die Brandung plötzlich viel zu hoch aufläuft? Deshalb spricht alles dafür, möglichst kritische bzw. potenziell kritische Brandungsbereiche zu meiden und immer nur dort anzulanden, wo die Brandung weniger kritisch ist, und zwar sowohl beim Anlanden als auch beim Starten am nächsten Tag.

Und für die, die in solch unbewohnten Gegenden paddeln und die das Risiko suchen bzw. sich bewusst sind, dass sie es nicht richtig einschätzen können, bietet sich eigentlich nur noch eine Seenotbake an, mit deren Hilfe über Satellit ein Notruf abgesendet werden kann (vgl. hierzu: www.kanu.de/nuke/downloads/Seenotsender-ACR.pdf ). Dieser Seenotsender sollte möglichst am Körper getragen werden, sodass wir auch bei Bootsverlust auf ihn zurückgreifen können. Die beiden Havaristen hatten diesbezüglich mit ihrem UKW-Sprechfunkgerät doppeltes Glück gehabt: erstens hatten sie ihr UKW-Sprechfunkgerät bei der ganzen Aktion nicht verloren und zweitens gelang es ihnen trotz der beschränkten Reichweite eines solchen Gerätes, Kontakt mit einem ca. 18 km entfernt fahrenden Fischerboot aufzunehmen.