02.11.2007 Kameradschaft (Ausbildung)

 

In KANU SPORT geht U.Beier in dem Beitrag:

 

„Kameradschaft: Ein Plädoyer für Gruppenfahrten“

 

auf die Vorteile der Gruppenfahrt gegenüber einer Solotour ein. Folgendes ist zu lesen, wobei einzelne Punkte nochmals überarbeitete wurden.:

 

Das Gelingen einer Paddeltour, egal ob es nun aufs Wild- oder Zahmwasser, Süß- oder Salzwasser geht, hängt von den verschiedensten Voraussetzungen und Umständen ab. Nicht nur die Ausrüstung muss stimmen, sondern auch die körperlich & geistige Fitness. Dazu kommen noch die entsprechenden Kenntnisse & Fertigkeiten, die erforderlich dafür sind, um mögliche Gewässerschwierigkeiten zu erkennen und zu bewältigen. Vernachlässigt werden darf dabei aber nicht das Einschätzungsvermögen, d.h. jene Mischung aus Wagemut & Angst, die uns ein Gefühl dafür gibt, ob die Befahrung eines Gewässerabschnitts gewagt oder gemieden werden sollte.

 

Dennoch kann immer noch manches falsch gemacht werden, sei es, dass wir die Gefährlichkeit eines Gewässers unterschätzen bzw. das eigene Leistungsvermögen überschätzen. Das braucht nicht weiter schlimm zu sein, wenn, ja wenn wir von Kameradinnen bzw. Kameraden begleitet werden, die einen aus einer momentanen Notlage helfen können.

 

Deshalb ist es so wichtig, dass wir weniger harmlose Passagen nur in Begleitung von 2, 3 oder 4 Leuten paddeln. Natürlich gibt es, wenn wir mit mehreren paddeln, „Gruppenprobleme“, d.h. wir müssen:

 

·         uns abstimmen und uns um den Zusammenhalt der Gruppe kümmern;

·         Rücksicht auf die anderen nehmen;

·         in Kauf nehmen, dass durch das leichtsinnige Verhalten der u.U. weniger erfahrenen Kameraden, manche Befahrungen kritischer verlaufen;

·         uns der Kritik der anderen stellen.

 

Alles hat halt seine zwei Seiten: Nur diese zweite Seite einer Gruppenfahrt ist wesentlich akzeptabler, als die zweite Seite einer Solotour: die Notlage, aus der wir uns u.U. aus eigener Kraft nicht mehr befreien können.

 

10 Punkte, die für eine Gruppenfahrt sprechen

 

Worin bestehen nun aber die Vorteile, zusammen mit Kameradinnen und Kameraden zu paddeln? Abgesehen von der Volksweisheit „Geteilte Freude ist doppelte Freude!“ interessiert hier mehr die andere Variante: „Geteiltes Leid ist halbes Leid!“, D.h. es kommt im Folgenden auf jene Aspekte an, die darauf hindeuten, dass die, die mit uns paddeln, einem helfen können, kritische Situationen leichter zu meistern.

 

Eine solche Kameradenhilfe kann dabei direkt erfolgen:

 

1. Aufpassen: Kameraden können mit aufpassen, dass wir keine Fehler macht, z.B. bei der Berechnung der Tidenzeiten, bei der Festlegung der Kurse, bei der Navigation unterwegs, bei der Beobachtung und Einschätzung der Schifffahrt oder von Hindernissen, bzw. bei der Auswahl der Befahrungsroute durch ein Labyrinth von Gefällstufen.

 

2. Beraten & Ermuntern: Kameraden können einen beraten & ermuntern, wenn wir den Ansprüchen einer Tour nicht (mehr) gewachsen sind.

 

3. Sichern: Kameraden können sichern, damit kritische Passagen mit geringerem Risiko befahren werden können.

 

4. Stützen & Unterstützen: Kameraden können einen stützen & unterstützen, wenn wir Beistand benötigt. Sie können sich z.B. zu einem Floß („Päckchen“) zusammenlegen oder anregen, am Ufer anzulegen, damit wir uns erholen und stärken bzw. unsere Ausrüstung reparieren oder richten können.

 

5. Schleppen: Kameraden können einen schleppen, wenn es mit der Paddelei überhaupt nicht mehr klappen will, weil wir z.B. wegen Seekrankheit, Krämpfen, Gelenkschmerzen, Erschöpfung bzw. plötzlichen Kreislaufproblemen völlig geschwächt sind, oder sie können einem beim Umtragen kritischer Passagen helfen.

 

6. Retten: Kameraden können einen retten, wenn wir kentern oder unter einem ins Wasser gestürzten Baum hängen bzw. in einer verblockten Gefällstrecke stecken bleiben. Sie können einem vor einem Ausstieg auf hoher See bewahren („Eskimo-Rettung“) bzw. nach einem Ausstieg wieder zurück ins Kajak helfen oder schlicht und einfach aus misslichen Lagen befreien und zurück ans rettende Ufer bringen.

 

7. Kümmern: Kameraden können sich um die Ausrüstung kümmern, die seit der Kenterung bzw. dem Unfall von Wind bzw. Strömung abgetrieben wird, was letztlich Voraussetzung dafür ist, das anschließend die Tour überhaupt fortgesetzt werden kann.

 

8. Erste Hilfe: Und benötigen wir Erste Hilfe, so können die Kameraden einspringen bzw. kompetentere Helfer herbeirufen.

 

Die Kameradenhilfe kann aber auch mehr indirekter Art sein:

 

9. Beruhigen: Wird die Situation draußen auf einem Großgewässer bzw. unten in einem Bachbett kritisch, fühlen wir uns in einer Gruppe sicherer und wohler. Es beruhigt einen, wenn wir die Kameraden problemlos paddeln sehen und paddeln dadurch selbst „angstfreier“.

 

10. Übersehen & Überfahren: Paddelt wir in einer Gruppe, ist die Gefahr geringer, dass die übrige Schifffahrt einen übersieht und überfährt.

 

… und was sollten die bedenken, die solo unterwegs sind?

 

Dennoch entscheiden sich vielfach Flusswander-, Wildwasser- und Seekajakfahrerinnen und -fahrer bewusst dazu, allein zu paddeln. Schon ein einziger Fehler bzw. Schwachpunkt kann dann lebensbedrohende Folgen nach sich ziehen. Verantwortungsbewusste Kanutinnen und Kanuten raten deshalb stets dazu, nicht alleine Touren zu unternehmen. Dennoch hören wir des Öfteren von anderen, dass sie allein unterwegs sind, und zwar nicht nur bei „Ententeichbedingungen“, sondern auch dann, wenn z.B.:

 

·         ein Wanderfluss Hochwasser führt,

·         ein Wildfluss 3er Stellen aufweist,

·         die Wassertemperaturen unter 10° C liegen,

·         es auf einem Großgewässer mit 4-5 Bft. weht,

·         die Sicht nicht mehr ausreichend ist (hier: Dunkelheit bzw. Nebel),

·         die sichere Küste hinterm Horizont verschwindet;

 

Wir täten diesen Leuten Unrecht, sie genauso pauschal als „Hasardeure“ abzuqualifizieren, wie ich es persönlich am liebsten mit jenen Fahrtenleitern tue, die mit viel zur großen Gruppen schwierigere Gewässer befahren. Hängt es doch – wie vieles im Leben – immer vom Einzelfall ab.

 

Wenn aber im Einzelfall deutlich wird, dass jemand aufs Wasser geht

 

1.      ohne geeignetem Kajak (z.B. fehlender Auftrieb, schlechter Sitzhalt, ineffiziente Steueranlage);

2.      ohne erforderlichem Kälteschutz (abhängig von Luft- und Wassertemperatur sowie Gewässertyp kommen u.a. in Frage: Paddeljacke, Neo, Trockenanzug);

3.      ohne Schwimm- bzw. Rettungsweste;

4.      ohne Beherrschung entsprechender Paddeltechniken (z.B. flache und hohe Paddelstütze) und Rettungstechniken (hier: Eskimorolle);

5.      ohne sich vorher über das zu befahrende Gewässer „schlau“ zu machen;

6.      ohne Kenntnis der für das Gewässer geltenden Verkehrsvorschriften;

7.      ohne Kenntnis der zu erwartenden Wetter- bzw. Gewässerbedingungen;

8.      ohne vor Antritt der Fahrt Dritte über die Fahrtenplanung zu informieren;

9.      ohne entsprechende Kartenmaterial (hier: Karten vom Gewässer und der Umgebung) und der Möglichkeit, seinen Kurs zu bestimmen (z.B. Kompass);

10.  ohne auf die Möglichkeit vorbereitete zu sein, in der Not auf sich aufmerksam zu machen (z.B. per Handy);

 

der verdient es, in eine Ecke gestellt zu werden, wo wir eigentlich nur jene finden, die alljährlich in der Unfallstatistik von KANU SPORT ein letztes Mal auftauchen.

 

Quelle: KANU SPORT, Nr. 11/07, S.33 – www.kanu.de