06.11.2007 Schleppen (Ausbildung)

 

In OCEAN PADDLER schreibt Jeff Allen in Teil II der Beitragsserie „Incident Management“ über das Thema Schleppen:

 

„Towing

 

Zunächst werden zwei Schleppsysteme vorgestellt:

 

Die Schleppleine am Kajak befestigt, und zwar mittig direkt hinter der Sitzluke.

Dafür ist es erforderlich, dass mittig hinter der Sitzluke eine Halterung befestigt ist, durch die die Schleppleine gelenkt wird, und seitlich links oder rechts am Rand der Sitzluke eine Art Klampe montiert ist, die die Schleppleine so festhält, dass sie im Notfall schnell abgeworfen werden kann.

Eine solche Schleppleine ist jedoch bei Gruppenfahrten nur dann „gruppentauglich“, wenn mehrere Kanuten über eine solche Schleppleine, zumindest über diese beiden Schleppvorrichtungen (hier: Halterung u. Klampe) verfügen, sodass die Schleppleine auch einmal an einem anderen Kanuten weitergereicht werden kann.

Anmerkung: Leider wird in dem Beitrag nicht erwähnt, dass bei Einsatz dieses Schleppsystem kein Gepäck, auch keine Reservepaddel auf dem Achterdeck verstaut werden darf und dass das Kajak weder über eine Steueranlage verfügen darf, welche hinten am Heck befestigt wird, noch eine Heckform aufweisen darf, welche höher hinaus ragt, als die Halterung hinter der Sitzluke; denn in all diesen Fällen kann die Schleppleine an diesen Gegenständen verhaken, d.h. nicht immer frei schwingen, sodass der Schlepper Schwierigkeiten bekommt, wenn er seinen Kurs halten bzw. eine Kursänderung vornehmen möchte.

 

Die Schleppleine am Oberkörper des „Schleppers“ befestigt.

Zwei Modelle werden vorgestellt, und zwar von „North Water“ und „Palm“.

Ein Vorteil dieses Systems ist, dass die Schleppleine unterwegs an einen anderen Kanuten weitergegeben werden kann.

 

Bei den Schleppleinen ist auf Folgendes zu achten:

 

  1. Haken bzw. Karabiner: Er muss auch mit kalten Händen bedient werden können. Die Öffnung muss groß genug sein, damit er leicht eingehakt bzw. ausgehakt werden kann. Es wird empfohlen, den Karabiner so zu befestigen, dass seine Öffnung nach oben zeigt; denn auf diese Weise kann verhindert werden, dass der Karabiner sich allzu leicht öffnen kann. Natürlich muss der Karabiner gepflegt werden, damit er nicht korrodiert.

Anmerkung: Am geeignetsten sind Karabiner aus Edelstahl mit einem extra Augen, (durch das die Schleppleine gezogen und nicht verrutschbar befestigt werden kann) und einem Schnappmechanismus, der über keine scharfen Kanten verfügt (sonst könnte sich dort beim Lösen des Karabiners die Rettungshalteleine verhaken) (gesehen bei: www.gadermann.de ).

  1. Auftrieb: Manche plädieren dafür, dass hinter dem Karabiner ein Auftriebskörper befestigt wird, damit der Karabiner nicht unter gehen kann. J.A. selber verzichtet jedoch darauf.
  2. Schleppleine: Sie sollte aufschwimmen und leicht sichtbar sein. Der Autor verwendet eine kurze Leine, die jedoch so lang sein sollte, dass das zu schleppende Kajak nicht das Heck des „Schleppers“ berührt. Eine solche kurze Leine erleichtert das schnelle Schleppen aus einer Gefahrenzone heraus. J.A. selber hat noch eine weitere Leine (Länge: 10-15 m) dabei, die er notfalls an der kurzen Schleppleine befestigt. Mit der langen Leine wird dann über größere Strecken geschleppt. Die Leine sollte dabei insgesamt so lang sein, dass der Seegang keinen all zu störenden Einfluss auf den Schleppvorgang hat (z.B. gilt es zu vermeiden, dass der „Schlepper“ ins Surfen gerät, während der zu schleppende Kanute sich mit seinem Kajak in eine Welle bohrt und umgekehrt).

Anmerkung: Solange nicht zwischen Felshindernissen entlang gepaddelt wird, genügt eigentlich ein einzige Schleppleinenlänge, die so zwischen 10-15 m liegen sollte.

  1. Gürtel: Auf alle Fälle sollte der Gürtel, sofern die Schleppleine daran befestigt wird, über ein Panik-Öffnung verfügen. Übrigens, jene Schwimmwesten, bei denen auf dem Rücken eine Schleppleine montiert ist, dürfte weniger geeignet für das Küstenkanuwandern sein, da sie viel zu weit oben befestigt ist.

Anmerkung: Es wird nichts darüber ausgesagt, wie die Schnalle, die im Notfall schnell zu öffnen ist, aussehen soll. Ich halte jene Schnallen, die wir im Panik-Fall öffnen, so dass der Gürtel bei Zug aus der Schnalle gezogen wird, für wenig geeignet. Besser finde ich jene Steck-Schnallen, die bei Rucksäcken eingesetzt werden. Die geben nämlich sofort den Gürtel frei, und zwar auch ohne Zug, sobald mit einer Hand die Steckschnalle aufgedrückt wird.

  1. Schleppleinenbeutel: Es wird empfohlen, die Schleppleine aus ihrem Beutel zu holen, bevor in kritischen Gewässerbereiche gepaddelt wird.

Anmerkung: M.E. genügt es, wenn der Beutel mit der Schleppleine um die Taille gelegt und der Schlepphaken so positioniert wird, dass er im Notfall sofort ergriffen und beim zu schleppenden Kajak befestigt werden kann. Die Schleppleine sollte jedoch so in dem Beutel verstaut sein, dass sie bei Zug ohne zu verheddern aus dem Beutel gezogen werden kann (siehe hierzu die beim Wildwasser verwendeten Wurfsäcke).

  1. Gummidämpfung: Es ist wichtig, eine unelastische Schleppleine mit einer elastischen Leine zu verbinden, damit der Zug, der unweigerlich beim Schleppen entsteht, abgedämpft werden kann.

Anmerkung: Zumindest auf deutschen Gewässern, wo nicht zwischen Felshindernisse gepaddelt wird, hat sich eine auf ganzer Länge elastische Schleppleine mit einem Durchmesser von 4-5 mm bewährt. Sie schwimmt wohl nicht und ist auch nicht so leicht sichtbar, aber sie reicht. Außerdem dämpft sie so stark den Zug ab, der beim Schleppen entsteht, dass der „Schlepper“ fast gar nicht merkt, dass er ein anderes Kajak schleppt.

 

Anschließend werden ein paar Schleppmethoden erläutert:

 

1)      „Toggle-Schlepp“ („Toggle Tow“): In kritischen Situationen, bei denen ein Kenterbruder sehr schnell aus einem kritischen Gewässerbereich geschleppt werden soll, bietet es sich an, dass der schwimmende „Kenterbruder“ mit der einen Hand sein Kajak sichert (hier: am Bugtoggle festhält) und mit der anderen Hand sich am Hecktoggle des „Schleppers“ hält. Anschließend versucht der „Schlepper“ seinen Kameraden samt Kajak in ruhigeres Gewässer zu bugsieren.

Übrigens, bei kritischen Gewässerbedingungen ist es von Vorteil, wenn der Kenterbruder einen Schutzhelm trägt. Anderenfalls könnte es passieren, dass er bei Seegang etwas zu heftig mit dem Bug seines Kajaks bzw. dem Heck des „Schlepper“ in Berührung kommt.

2)      „Kontakt-Schlepp“ („Contact Tow“): Ein hilfsbedürftiger Kanute, der noch in seinem Kajak sitzt, wird dergestalt aus einem kritischen Gewässerabschnitt geschleppt, dass er sich mit seinem Kajak am Kajak des „Schleppers“ festhält. Dabei bietet sich an, dass der hilfsbedürftige Kanute in Bug-zu-Heck-Position sich so am Bug des „Schleppers“ festhält, dass er dem „Schlepper“ ins Gesicht sehen kann. Um ein Quertreiben des zu schleppenden Kajaks zu verhindern, bietet es sich an, den Bug dieses Kajaks in Höhe des Kartendecks des „Schleppers“ mit einer ganz kurzen Leine zu fixieren. Diese Leine sollte jedoch mit einer Steck-Schnalle ausgerüstet sein, sodass eine Panik-Öffnung möglich ist.

Anmerkung: Zumindest ein Fahrtenleiter sollte auf dem Kartendeck solch eine kurze Leine befestigt haben, damit er ohne große Vorbereitungen den „Kontakt-Schlepp“ durchführen kann.

3)      Kurze Schleppleine: Sie sollte eingesetzt werden, um einen hilfsbedürftigen Kanuten möglichst schnell aus einem kritischen Gewässerabschnitt zu schleppen.

4)      Lange Schleppleine: Auf sie sollte zurückgegriffen werden, wenn es erforderlich ist, einen hilfsbedürftigen Kanuten über eine längere Strecke zu schleppen. Die Schleppleine sollte dabei so lang sein, dass der Seegang den Schleppvorgang möglichst wenig behindert.

5)      „Päckchen-Schlepp“ („Rafted Tow“): Hier wird nicht ein Kajak, sondern es werden zwei Kajaks geschleppt, wobei in dem einen der hilfsbedürftige Kanute und in dem anderen ein fitter Kanute sitzt, dessen Aufgabe es ist, den hilfsbedürftigen Kameraden zu stützen, damit er beim Schleppen nicht kentert. Auf Folgendes sollte beim Schleppen geachtet werden:

a) Wenn es dem hilfsbedürftigen Kanuten besonders schlecht geht, empfiehlt es sich u.U., dass der ihn stützende Kanute in Bug-zu-Heck-Position neben ihm liegt und ihn auf diese Weise direkt ansprechen und Augenkontakt halten kann. Damit der hilfsbedürftige Kanute nicht seekrank wird, sollte sein Kajak vorwärts gezogen werden, folglich wird der stützende Kanute rückwärts gezogen.

b) Damit das Kajak des stützenden Kanuten sich nicht quer legt, sollten beide Kajaks mit der Schleppleine verbunden werden. Und damit der stützende Kanute die Möglichkeit hat, sich von der Schleppleine zu lösen, sollte sie zunächst durch seine Bug-Rettungsleine gezogen werden, bevor sie an der Bug-Rettungsleine des Kajaks befestigt wird, in dem der hilfsbedürftige Kanute sitzt.

c) Sollte es erforderlich sein, dass der hilfsbedürftige Kanute von zwei Kanuten zu stützen ist, bietet es sich an, noch einen zweiten „Schlepper“ einzusetzen („Multiple Tow“). Empfohlen wird dabei der „Line Tow“, bei der mehrere „Schlepper“ in einer Linie hintereinander schleppen.

d) Wenn über eine längere Strecke zu schleppen ist, bietet es sich u.U. an, den „Schleppverband“ (das „Päckchen“) auch hinten zusammenzubinden, um zu verhindern, dass die Kajaks hinten auseinander treiben und so für zusätzlichen Wasserwiderstand sorgen.

 

Quelle: OCEAN PADDLER, Nr. 2/07, S.52-55 – www.oceanpaddlermagazine.com