18.01.2008 Schlepp-Varianten (Ausbildung)

 

Im SEA KAYAKER stellt der Brite Jonathan Ray in dem Beitrag:

 

„Strategies for Towing“

 

zwei Varianten vor, um einen z.B. wegen Seekrankheit oder Sehnenscheiden-, Schulter-, Konditions- bzw. Steuer-/Skeg-Problemen geschwächten Kanuten mit seinem Kajak zu schleppen. Dabei ist beiden Varianten gemeinsam, dass der zu schleppende Kanute stets von einem zweiten Kanuten gestützt wird, d.h. ein „Päckchen“ (Floß) mit ihm und seinem Kajak bildet.

 

  1. In-Line Tow:

Hier schleppen 3 Kanuten in Reihe - also hintereinander paddelnd - das an letzter, also vierter Stelle liegende „Päckchen“.

 

  1. Fan Tow:

Hier schleppen 3 Kanuten im Fächer – also parallel nebeneinander paddelnd – das hinter ihnen liegende „Päckchen“.

 

Zum Schleppverband gehören bei J.R. stets 4 helfende Kanuten und ein „schwächelnder“ Kanute. Er setzt bei der Beschreibung dieser Schlepp-Varianten seinen Schwerpunkt darauf, wie sich die 3 „Schlepper“ mit dem vierten Kanuten (den „Stützer“), der den zu schleppenden Kanuten stützt, so abwechseln, dass alle 4 Helfer ihre Kraft voll beim Schleppen entfalten können.

 

Die Beschreibung der beiden Schlepp-Varianten ähnelt – was die Abwechslung zwischen „Schlepper“ und „Stützer“ betrifft - dem „Windschatten“-Fahren beim Fahrradfahren. Dabei wird vernachlässigt, dass beide Schlepp-Varianten mit 3 „Schleppern“ - egal ob nun hinter- oder nebeneinander schleppend - äußerste Disziplin und größtes paddlerisches Können oder flaches Wasser verlangen. Anderenfalls sind die „Schlepper“ nicht in der Lage, die vielen Schleppleinen stets unter Zug zu halten. Wenn aber die Schleppleinen durchhängen, können sie sich leicht am Skeg, Steuer, Heckende bzw. am Gepäck, welches auf dem Achterdeck verstaut ist, verhaken. Die Folgen sind offensichtlich: statt ihre Kraft so einzusetzen, dass sie wirklich schnell vorankommen, müssen sie sich immer wieder darum kümmern, die verhakten Schleppleinen freizubekommen.

 

Ich selber präferiere daher den:

 

Hier werden nur 2 Kanuten als „Schlepper“ eingesetzt, die nebeneinander paddeln.

 

Damit diese Schlepp-Variante auch wirklich effizient funktioniert, sollten beide Schleppleinen gleich lang sein. Denn beim „V-Schlepp“ neigen beide „Schlepper“ dazu, möglichst auf gleicher Höhe zu paddeln, was unweigerlich dazu führt, dass die längere Schleppleine immer wieder durchhängt, was ein effizientes Schleppen erschwert.

 

Ähnliches habe ich mal bei einer Querung der Deutschen Bucht erlebt, als ein Faltbootfahrer konditionell überfordert wurde und schon nach ca. 10 km geschleppt werden musste. Alle verfügbaren Schleppleinen waren unterschiedlich lang. Da es den jeweiligen „Schleppern“, egal welche Kanuten dazu „abgeordnet“ wurden, nicht gelang, beide Schleppleinen unter Zug zu halten, gingen wir schließlich dazu über, dass abwechslungsweise immer nur einer schleppte. Erst am Ende der Tour, als die Kraft langsam nachließ, klappt es mit dem „V-Schlepp“, da es den „Schleppern“ mit der kürzeren Schleppleine mittlerweile egal war, wenn der Kumpel mit der längeren Schleppleine etwas vorne weg paddelte.

 

Empfehlenswerter ist es jedoch, wenn die Schleppleine aus einer einzigen durchgehenden Elastikleine (4-5mm) besteht, die über eine Umlenkrolle (Block) vom einem zum anderen „Schlepper“ läuft und danke des Blocks für eine entsprechende Kraftverteilung auf beide „Schlepper“ sorgt. (Am Block selber hängt nochmals ca.1,50 m Elastikleine, die über einen Karabiner mit dem zu schleppenden Kajak verbunden ist.) D.h. sollte mal der eine „Schlepper“ etwas schneller paddeln, fällt wohl der zweite „Schlepper“ etwas zurück (denn er wird quasi von dem kräftiger schleppenden Kumpel nach hinten gezogen), aber er hat dank der Elastikleine und der Umlenkrolle immer noch Zug auf seiner Seite der Schleppleine und kann somit auch aus dieser Position heraus, zum Tempomachen beizutragen. Außerdem können auf diese Weise auch mal engere Passagen – wo 2 oder gar 3 Kanuten nebeneinander nicht durchpassen – durchfahren werden.

 

Übrigens, diese Elastikschleppleine (sog. „Multifunktions“-Schleppleine) kann so zusammengesteckt werden:

 

·         dass eine zweite Person längsseits zum „Schlepper“ geht, die zweite Hälfte der Schleppleine vom „Schlepper“ zugereicht bekommt, sodass nun der „V-Schlepp“ beginnen kann.

 

Wenn einer der beiden „Schlepper“ irgendwann erschöpft ist, kann eine dritte Person als „Schleppe“ einspringen. D.h. die dritte Person kommt längsseits, fordert den Schleppverband auf zu stoppen und bittet den neben ihm paddelnden „Schlepper“ die Schleppleine bei sich zu lösen und an ihn zu übergeben. Dann kann es weitergehen. Der Wechsel dauert ca. 30 Sek.

 

Ein weiterer Vorteil dieser „Multifunktions-Schleppleine“ besteht darin, dass es i.d.R. genügt, wenn der Fahrtenleiter als einziger solch eine Leine auf Deck mit sich führt; denn er kann sich sicher sein, dass diese seine Schleppleine immer funktioniert, was bei den Schleppleinen, die manche Kumpel so mit sich führen, nicht immer zutreffen mag.

 

Was schlägt nun konkret J.R. vor:

 

  1. Es sollen immer 3 Personen schleppen, obwohl die Gefahr, dass sich die Schleppleinen verhaken können, bei 2 „Schleppern“ geringer ist.
  2. Der Austausch der „Schlepper“ soll stets wie folgt stattfinden:

(a)   Beim „In-Line Tow“ löst der vorne weg paddelnde 1. „Schlepper“ seine Leine, packt sie zusammen, paddelt zum Päckchen und legt sich anstelle des „Stützers“ an die Seite des „schwächelnden“ Kanuten. Der ehemalige „Stützer“ paddelt nun vor, setzt sich aber nicht an die erste Stelle des Schleppverbandes, sondern an die letzte Stelle. Wie das erfolgen soll, wird leider nicht beschrieben: Wahrscheinlich übernimmt er die Schleppleine des 3. „Schleppers“ und gibt dem nun zum 2. „Schlepper“ aufgestiegenen „Schlepper“ seine Schleppleine, die er beim 3. „Schlepper“ am Bug befestigt und sich dann selber um die Taille legt???!!!) Da das alles etwas Zeit in Anspruch nimmt, können währenddessen all die anderen Pause machen, sich erholen und etwas essen („Have a breather, snack, etc.“) oder versuchen, diesen ganzen Schleppverband so auf Kurs zu halten, dass sich die Schleppleinen nicht irgendwo verhaken.

(b)   Beim „Fan Tow“ sieht es schon einfacher aus: Z.B. löst der linke „Schlepper“ seine Schleppleine, lässt sie ins Wasser fallen, paddelt zum „Päckchen“ und ersetzt dort den „Stützer“, der nun an seine Stelle tritt, wobei er vorher die Schleppleine des vormals linken „Schleppers“ aus dem Wasser holt und um seine Taille legt.

 

Übrigens, ein allgegenwärtiges Problem beim Schleppen ist, dass das geschleppte „Päckchen“ während eines Zwischenstopps bzw. während des Schleppens nach vorne treibt und die nicht mehr unter Zug stehenden Schleppleinen sich irgendwo verhaken kann. Als „GAU“ ist dagegen anzusehen, wenn eine Welle das „Päckchen“ zum Surfen bringt, so dass dieses die „Schlepper“ überholt und u.U. zum Kentern bringt. Da Letzteres gerade beim Anlanden durch die Brandungszone passieren kann, ist eigentlich vom Schleppen durch die Brandung abzuraten. Nur im äußersten Notfall und wenn es keinen Ausweg gibt, sollte es gewagt werden, jemanden durch die Brandung zu schleppen.

 

Mir selber ist es mal bei einem 7-Bft.-Wind passiert, dass der Schleppverband bestehend aus einem Schlepper und dem „Päckchen“ von Wind und Welle sofort quer zur Brandung getrieben wurde, sodass der Schlepper gar nicht mehr in der Lage war, Richtung Strand zu paddeln. Ich selber hielt als Helfer im „Päckchen“ den im Wellenluv sich befindlichen „notleidenden“ Kanuten mit seinem Kajak fest. Als dann die nächsten Brecher herangerauscht kamen, setzt der „Schleudergang“ ein: Der erste Brecher packte meinen Kumpel, transportierte sein Kajak bis hinauf zum Wellenkamm und schmiss ihn dann mit seinem Kajak über mich und mein Kajak ins Wellenlee. Anschließend packte mich derselbe Brecher, transportierte mich ebenfalls samt Kajak hoch, um mich dann über den nun gekenterten Kanuten zu schmeißen. Als wir ausstiegen, konnten wir zum Glück stehen und uns aus dem „Kajak/Paddel/Wellen/Paddelsicherungs- & Schleppleinen-Tohuwabohu“ befreien.

 

Eine Kurzfassung des Beitrags steht ab sofort auf der Sea-Kayaker-Homepage als Download zur Verfügung.

 

Text: U.Beier – www.kanu.de/kueste/

Quelle: SEA KAYAKER, Nr. Febr. 2008, S.49-54

è www.seakayakermag.com/2008/Feb08/Technique01.htm