18.01.2008 Seenotfall während einer  133-km-Querung (Ausbildung)

 

Im SEA KAYAKER berichtet Paul McMullen (34) in dem Beitrag

 

„Crossing Lake Michigan“

 

darüber, wie er bei seiner 133 km weiten Solo-Querung des Lake Michigan (einer der Great Lakes) von Ost nach West nach 84 km in Seenot geriet. Bevor Paul zum Paddeln kam, war er Leichtathlet und US-Meister auf der Mittelstrecken sowie Rettungsschwimmer bei der US-Coast Guard. Für die Tour hatte er vorher 6 Wochen lang trainiert, zwei Wochen vor der Querung paddelte er 13 Std. auf einem 112 km langen Fluss

 

Gestartet war er von Grand Haven um 17.00 Uhr. Sein Ziel war Milwaukee, wo er hoffte, 16 Std. später – so um 9.00 Uhr - anzulanden, sofern er es wirklich schafft, Ø 8,3 km/h zu paddeln. (Zum Vergleich: Freya Hoffmeister hat bei ihrer Umrundung der neuseeländischen Südinsel die letzten 165 km in 32,5 Std. zurückgelegt, was Ø 5,1 km/h entspricht!) Die Lufttemperatur betrug +20°C und die Wassertemperatur lag knapp darüber. Zu seiner Ausrüstung zählte ein in Plastiktüten eingepacktes Handy, ein wasserdichtes GPS-Gerät, extra Batterien, tragbare Handlenzpumpe, Reservepaddel, Paddelfloat, Neo-Anzug, Schwimmweste, Seenotsignalkugeln, Seenotbake (EPIRB ACR Mini-B 300 ILS, welches das Notsignal auf 121,5 MHz ausstrahlt) und ein geliehenes Seekajak von Necky (ARLUK III). Verpflegung und Trinken hatte er für 5 Tage dabei.

 

Unterwegs im Seekajak hat er sich zunächst recht wohl gefühlt, lediglich wenn er stoppte, um zu Pausieren bzw. Telefonieren fühlte er sich im Seegang etwas unsicher. Alle 30 Minuten schaltete er nachts sein GPS an, suchte sich zu seinem Kurs einen Stern und paddelte dann – den Stern im Auge - weiter. Nach 45 km hat er keinen Handyempfang mehr. Er forcierte daraufhin sein Tempo, um möglichst bald wieder auf der anderen Seite des Ufers sein Handy wieder einsetzen zu können. In den Morgenstunden setzte dann Wind aus Südwest ein, ein Wind der prognostiziert wurde aber eigentlich etwas später kommen sollte. Immer mehr Wellen (90-150 cm) spülten über sein Seekajak. Die Spritzdecke leckte. Die Sitzluke füllte sich mit Wasser, sodass er ab & an die Spritzdecke öffnen und mit der tragbaren Handpumpe lenzen musste. So um 8 Uhr holte er sein Handy heraus und stellte fest, dass es völlig durchnässt war und nicht mehr funktionierte. Außerdem zeigte sein GPS an, dass er noch 48 km vom Ziel entfernt war und bei dem Gegenwind nur noch 3,2 km/h paddelte. Ihm wurde schnell bewusst, dass er nicht mehr 1 Std., sondern noch etwas 15 Std. bis zum Ziel benötigte, also nochmals genau so lange, wie er gerade unterwegs war. Das alles und der Seegang trugen dazu bei, dass er sich gar nicht mehr wohl fühlte. Die getrockneten Aprikosen und die Energiebarren kamen - samt irgendeinem Energiegetränk mit Zitronengeschmack - immer wieder „hoch“. Als er seine missliche Lage erkannte aktivierte er sein EPIRB und hoffte auf baldige Hilfe (ca. 30 Min.). Aber es passierte nichts. Nach 45 Minuten überlegte er sich, ob es nicht sinnvoller wäre, mit dem Wind wieder zurück zu paddeln. Da tauchte am Horizont ein 220 m langer Frachter auf, der voll auf ihn zu hielt. Als er etwa 70 m an ihm vorbei fuhr, sah er eine Person an Deck. Paul holte daraufhin – statt seiner Seenotsignalmittel - seine Pfeife heraus, blies kräftig hinein … und wurde tatsächlich bemerkt. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Matrosen, der zurück zum Steuerhaus lief. Dabei vergaß Paul, auf die herankommende Dampferwelle zu achten … und kenterte im Kabbelwasser der Windsee und Dampferwelle.

 

Ob er Rollen konnte, war dem Beitrag nicht zu entnehmen, und ob nach 16 Std. Dauerpaddeln die Rolle noch klappt, sei dahingestellt. Jedenfalls stieg er aus. Währenddessen stoppte der Frachter seine Fahrt, drehte um und kehrte zurück. Aber das dauerte ca. 30 Minuten, genug Zeit für Paul, um per Paddelfloat wieder einzusteigen. Nun, es gelang ihm wohl, auf das Heck seines Seekajaks zu krabbeln und seine Beine in die Sitzluke zu stecken, aber beim Umdrehen seines Körpers, um die Sitzposition wieder einzunehmen, kenterte er wieder. Nach dreimaligem Versuch gab er geschwächt auf und wartete auf den Frachter, der jedoch nur bis auf ca. 100 m an ihn herankam. Paul erkannt das. Er entschied sich dafür, all seine Ausrüstung zurückzulassen und zum Frachter hinüber zu schwimmen. Um 9.30 Uhr wurde er an Bord geholt, konnte gerade noch seinen Namen und die Tel.-Nr. seiner Frau nennen, dann übergab er sich und war kaum noch ansprechbar.

 

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„Nachher ist man immer klüger als vorher, Außenstehende sowieso!“ Bei diesen „Safety“-Berichten“ des SEA KAYAKERS ist es ständige Praxis, aus solchen Fällen Konsequenzen („Lessons Learned“) abzuleiten. Dieses Mal war es Brian Day, der aufzeigen sollte, was an der Tour bedenkenswert war. Folgendes hebt er dabei hervor:

 

  • Paul, paddelte seit 1997, also 9 Jahre, meist in Sit-on-Top-Kajaks, ca. 40 Std. in Kajaks mit geschlossener Sitzluke, Kentererfahrungen hat er bislang nur bei Rettungsübungen gesammelt;
  • Er hat wohl sein Tempo überschätzt und es ist ihm wohl nicht bewusst gewesen, dass er über 10 und mehr Stunden sowie – wenn auch bei spät einsetzendem – Gegenwind, wesentlich langsamer sein kann.
  • Er hat die Ost-West-Querung gewählt, obwohl der vorherrschende Wind von West nach Ost weht.
  • Er startete im September, obwohl im Juni/Juli der Wind auf dem Lake Michigan nicht so stark bläst.
  • Er ist gestartet, obwohl er wusste, dass so nach 12-13 Std. Gegenwind einsetzen würde.
  • Er ist in einem Seekajak gepaddelt, das ihm nicht vertraut war. Er wählt es, weil es von der Länge her, mehr Tempo versprach, d.h. sich mit weniger Wasserwiderstand paddeln ließ (nicht wissend, dass dieser relativ niedrige Wasserwiderstand sich erst ab einem Tempo bemerkbar macht, das er nur anfänglich erreichen konnte). Der Preis dafür war hoch: das Seekajak war kippliger, was sich zu Beginn der Tour nur beim Pausieren bemerkbar machte, später vor Abbruch der Tour auch beim Paddeln in kabbeligere See; die leckende Spritzdecke machte Notstopps erforderlich, um die Sitzluke zu lenzen; und das enge Cockpit ließ allmählich seine Füße einschlafen.
  • Er hat sich auf sein Handy als einziges Kommunikationsmittel verlassen, obwohl er – statt sich einen dafür vorgesehenen wasserdichten Behälter zu besorgen - es nur in mehr oder weniger dichte Tüten packte. Nun, jeder Seekajaker hat hier seine „Geheimtipps“. Er steckte sein Handy insgesamt in 3 (!) übereinander gestülpte Tüten mit Zippverschluss. Um sich jedoch unterwegs besser zu verständigen, holte er wohl sein Handy aus diesen Tüten, die ihm dann in einem unachtsamen Moment weg flogen. Geblieben war ihn schließlich nur noch ein Beutel mit anderem Gepäckkram. Dieser Beutel war jedoch undicht, sodass schließlich das Handy nicht mehr funktionstüchtig war.
  • Ein UKW-Sprechfunkgerät hatte er nicht dabei, obwohl er als Coast-Guard-Angehöriger hätte wissen müssen, dass er nur mit einem solchen Gerät eine Chance hatte, unterwegs mit anderen Schiffen Kontakt aufzunehmen.
  • Ob der Matrose bei dem Wind und den Fahr- und Wellengeräuschen wirklich die Signalpfeife gehört hat, sei dahingestellt. Jedenfalls vergaß Paul in der Aufregung, seine Seenotsignalmittel zu zünden.
  • Diese Aufregung führt auch dazu, dass er in seiner Not bzw. Panik nicht mehr in der Lage war, sich sowohl auf den herannahenden Retter als auch auf den Seegang zu konzentrieren, sodass er in einer Situation kenterte, die er in einem fitten Zustand sicherlich gemeistert hätte.
  • Das Notsignal der Seenotbake wurde nicht gehört; denn die verwendete Seenotbake vom Typ 121,5 MHz ist völlig antiquiert und für die offene See nicht geeignet. Ihr Signal benötigt Stunden (Ø 70 Min., max. 12 Std.), um empfangen und geortet zu werden und der Ort erstreckt sich auf ein Bereich, der mehrere Seemeilen groß sein kann (ca. 15-31 km). Empfohlen werden daher Seenotbaken vom Typ 405 MHz mit eingebautem GPS. Das Notsignal soll innerhalb weniger Minuten (ca. 5 Min.) empfangen werden können und die Ortung soll bis auf 75-100 m genau sein.
  • „No fewer than three on the sea!“ – Sicherlich hätte eine Dreier-Gruppe die Situation besser gemeistert, sei es, dass sie:

a)      bei der Wetterlage gar nicht gestartet wäre;

b)      anfänglich kein so hohes Tempo gepaddelt und unterwegs mehr Pausen eingelegt hätte, sodass die Kraftreserven nicht so schnell aufgebraucht wären;

c)      die Kenterung eines einzelnen nicht zum Seenotfall hätte werden lassen;

d)      von der Ausrüstung her u.U. mehrfach abgesichert wäre (hier: jeder hat ein Handy dabei);

e)      die auftauchenden Schwierigkeit (hier: beschädigtes Handy; zu geringes Tempo) mental eher gemeistert hätten.

 

Zum Schluss stellt sich die Frage, warum für solche eine Querung Paul auf einem Fluss Strecke trainiert hat und nicht bei Touren hinaus auf die offene See?

 

Quelle: SEA KAYAKER, Febr. 08, S.17-23 – www.seakayakermag.com