04.02.2008 12 Kenterungen vor Lands End (Cornwall/GB) (Ausbildung)

 

Im OCEAN PADDLER wird in dem Beitrag

 

„Lands End“

 

über einen Seenotfall berichtet, der sich am 27. Dez. 2006 ereignet hatte und in dem insgesamt 9, größtenteils sehr erfahrener Küstenkanuwanderer verwickelt waren. Zur Gruppe gehörten 1 Zweier und 7 Einer. Die 9 hatten sich mehr oder weniger unverbindlich und unorganisiert zu einer Tour verabredet. Nicht jeder kannte jeden. Gestartet  wurde von Sennen Cove aus kurz nach Hochwasser. Zuvor wurde Ausrüstung & Können gecheckt, sowie die – wie bei den Briten üblich – Coast Guard informiert. Zunächst sollte zum ca. 2 km entfernt liegenden Lands End (der westlichste Punkt Großbritanniens) gepaddelt werden und dann weiter zur ca. 2 km westlich davon liegenden Insel Longship.

 

Es wehte ein südlicher Wind mit 4 Bft., prognostiziert wurden südöstlicher Wind mit 4-5 Bft., der später auf Südwest drehen und auf 5-6 Bft zunehmen sollte. Die einlaufende Dünung war etwa 1 m hoch, prognostiziert wurden 1,50 m. Vor Lands End und weiter draußen brach die See, was u.a. darauf zurückzuführen war, dass der Tidenstrom gegen den Wind lief. Das Ziel Longship wurde daher gestrichen. Jedoch sollte vorsichtig Richtung Lands End weiter gepaddelt werden; denn die auf dem Weg liegende Gamper Bay gewährte etwas Schutz vor der rauen Stromkabbelung (Tide Race), die sich zwischenzeitlich etwas weiter draußen aufgebaut hatte. Im Kehrwasser der Bucht wurde die Lage nochmals besprochen und ein jeder gefragt, ob er sich zutraue, hinaus in diesen Seegang zu paddeln. Lediglich einer fühlt sich beim Anblick der Gewässerbedingungen unsicher und bat darum, dass ein erfahrener Kanute ihn begleiten möge.

 

1., 2., 3. + 4. Kenterung:

 

Dann paddelten als Test zunächst die beiden Zweier-Fahrer (A) und zwei Einer-Fahrer in die Stromkabbelung. Die anderen wollten anscheinend diesen Test nicht abwarten, sondern paddelten ebenfalls los, und zwar ging es mit einem sehr erfahrenen Einer-Fahrer (B) zunächst etwas zurück gegen die Tide, um dann genug Raum zum Umfahren der Stromkabbelung zu haben.

 

Währenddessen durchfuhr der 670 cm lange Zweier die erste ca. 3 m hohe, brechende Welle am Eingang des Tide Race. Von Weitem wirkt er in dem Brecher winzig und zerbrechlich. Das veranlasste wohl die zwei Einer-Fahrer sofort kehrt zu machen, um zurück zur Gruppen zu paddeln. Dabei kenterte einer von ihnen. A half erfolgreich beim Wiedereinstieg.

 

Dann kenterte der zweite Einer-Fahrer. B verließ daraufhin seine Gruppe, um ihm zu helfen und nach dem Wiedereinstieg zu stützen. Er bat A und den anderen Einer-Fahrer eine Schleppleine herauszuholen und ihn mit dem Gekenterten im „Päckchen“ in den Windschutz der nahen Steilküste zu schleppen. Jedoch weigerten die sich – wohl in Anbetracht des kabbligen Seegangs -, dies zu tun. Zum Glück kam ein weiterer Einer-Fahrer zu Hilfe und stützte den Gekenterten, sodass nun B in der Lage war zu Schleppen. Aber es war zu spät, um in die Bucht zurückzukehren. Die Strömung nahm sie einfach mit, sodass sie voll in die Stromkabblung trieben.

 

Dabei kenterte ein weiterer Einer-Fahrer. Mit Hilfe von A gelang der Wiedereinstieg. Dann kenterte er wieder, rollte aber hoch. Da er sich recht unsicher fühlte, paddelte er zum „Päckchen“, welches immer noch B schleppte, um dort Halt zu finden.

 

5., 6., 7., 8. + 9. Kenterung:

 

In der Zwischenzeit war auch die zweite Gruppe in die Stromkabbelung geraten. Zwei kenterten und stiegen aus. A kam ihnen zu Hilfe, während B, der das aus 3 Seekajaks bestehende Päckchen an der Schleppleine hatte, den Versuch aufgab, zurück in die schützende Bucht zu paddeln. Stattdessen versuchte er nun, etwas weg von der Küste zu paddeln, da dort draußen die Stromkabbelung nicht so hoch war. Das „Päckchen“ bestand jetzt schon aus 4 Einern.

 

Plötzlich geriet B beim Schleppen ins Surfen. Die Schleppleine hielt den Zug nicht aus und riss. Die Leine konnte jedoch wieder geflickt werden. Dann ging es weiter. B bat die Zweier-Mannschaft (A) die Schleppleine zu übernehmen. Das klappte. Anschließend paddelte B zu den beiden „Schwimmern“, half ihnen beim Wiedereinstieg und wollte sie zum „Päckchen“ begleiten. Dabei kenterten wieder beide, stiegen aus, ließen ihre Seekajaks und Paddel wegtreiben, schwammen den Seekajaks hinterher, erreichten sie und warteten, den Toggle ihrer Seekajaks fest im Griff, auf Wiedereinstiegshilfe. Als mal wieder Brecher den einen „Schwimmer“ überspülten, riss sein Toggle ab. Trotzdem klappte der Wiedereinstieg. B versuchte anschließend die beiden per „Contact-Tow“ (sog. Päckchen-Schlepp, d.h. die zu schleppenden Kanuten halten sich am Seekajak von B fest, während dieser paddelt) zum anderen „Päckchen“ hinüber zu bringen. Ein weiterer Kanute versuchte währenddessen die verloren gegangen Paddeln einzusammeln. Beim Zurückpaddeln - mit drei Paddeln in den Händen - überraschte ihn eine sehr kräftige Böe und kenterte ihn.

 

Ein Leck geschlagenes Seekajak wird aufgegeben:

 

Währenddessen gab es mit dem „Päckchen“ - bestehend aus 4 Seekajaks - Probleme. Der Zweier kam irgendwann mal bei einer riesigen Welle ins Surfen und anschließend folgte das „Päckchen“. Dabei rammte das „Päckchen“ den Zweier so unglücklich, dass in den Rumpf eines Einers Wasser einbrach. Der betroffene Einer-Fahrer sollte aussteigen, um den Grund für den Wassereinbruch zu suche (!?). Dabei schlug – was bei dem Seegang eigentlich zu erwarten war - seine Sitzluke voll Wasser, sein Seekajak begann zu sinken, wurde aufgegeben und sein Besitzer wurde angewiesen, sich am Bug des Zweiers festzuhalten.

 

10., 11. + 12. Kenterung:

 

Bis dahin hatten sich zwei Gruppen gebildet, die eine, um welche sich A kümmerte, und die andere, die von B Richtung „Päckchen“ von A geschleppt wurde. Weiterhin schwamm in der Nähe noch ein Kanute allein mit seinem Kajak fest im Griff. Nachdem B die Gruppe von A erreichte und seine Kanuten dem „Päckchen“ anvertraute, paddelte er hinüber zu jenem Kanuten, der allein im Wasser trieb. Da stürzte ein gewaltiger 3-4 Meter hoher Brecher über das „Päckchen“ und brachte 3 der 4 Kanuten mit ihren Seekajaks zum Kentern. Trotz der widrigen Umstände gelang es jedoch allen, hochzurollen bzw. wiedereinzusteigen und das „Päckchen“ neu zu bilden.

 

Zwischenzeitlich wurde der Zweier von einem Brecher überspült, sodass der am Bug hängende  „Schwimmer“ seinen Halt verlor und abtrieb. Jedoch gelangt es A, ihn wieder „einzusammeln“.

 

Alle Mann an Bord der Coast Guard, nur die Seekajaks wurden zurückgelassen …!

 

Die Gruppe trieb den Tide Race herunter und war fast am Ende der Stromkabbelung angekommen. B plante schon die Notlandung in einer Bucht. Da tauchten in der Ferne ein Flugzeug und etwas später ein Boot und ein Hubschrauber auf. Es war die Coast Guard, die von Leuten an Land, aber auch von zwei Kanuten per UKW-Sprechfunk und Handy um Hilfe gerufen worden war.

 

Die Retter näherten sich bis auf 200-300 m und drehten dann wieder ab. Erst als B ein Seenotsignal zündete, wurden sie entdeckt. Dann ging alles sehr schnell, die schwächsten Kanuten wurde zuerst an Bord geholt und anschließend mussten alle anderen – obwohl sie sich fit fühlten und zurück an die nahe Küste paddeln wollten – ihre Seekajaks zurücklassen und ebenfalls an Bord des Rettungsboots klettern. Zuvor hatte jedoch B mit seiner Schleppleine alle Seekajaks mit einer Leine verbunden; denn die Seenotretter versprachen, dass ein weiteres Rettungsboot alle Seekajak bergen würde. Bis auf das Leck geschlagene Seekajak wurden auch alle Boote zurück an Land gebracht. Die ganze Aktion war um 13 Uhr beendet.

 

Lessons learned?

 

Am Ende seiner Schilderung führt der Autor des Beitrags noch ein paar Punkte an, auf die er bei seiner nächsten Tour achten würde. Z.B.:

 

a) Punkte, die die Ausrüstung betreffen:

 

  • Die Seenotsignalmittel, das UKW-Sprechfunkgerät bzw. Handy und etwas Verpflegung sollten stets griffbereit so verstaut werden, dass diese Dinge auch bei rauer See herausgeholt werden können.
  • Für den Fall, dass ein Seekajak verloren geht bzw. erst später geborgen wird, sollten das UKW-Sprechfunkgerät, etwas Geld und – sofern mit Auto angefahren wird - ein Reserveschlüssel des Autos am Körper getragen werden. Außerdem sollte zusätzliche Reservebekleidung im Auto gelagert werden.
  • Jeder Kanute sollte eine Schleppleine dabei haben, die leicht lösbar ist und auch mal an einen Kameraden weitergegeben werden kann.
  • Die Paddelsicherungsleine sollte die richtige Länge haben (max. 1,50 m?) und an beiden Enden gelöst werden können.
  • Reservepaddel sollten mitgeführt und so verstaut werden, dass sie auch bei rauer See herausgeholt werden können.
  • Im Seekajak sollte eine Kopie des Personalausweises plus Tel.-Nr. der Seenotrettung (für Deutschland per Handy: 124124) verstaut werden.
  • Die Ausrüstung ist vor Antritt der Tour zu checken (z.B. Toggles, Rettungshalteleine, Steueranlage und -leinen, Schleppleine).
  • Die Seekajaks sollten möglichst eine auffälligere Farbe haben (z.B. gelb oder rot), damit die Seenotretter sie leichter entdecken können.
  • Zur Übungen sollte auch mal bei rauen Gewässerbedingungen ein Seekajak mit geflutetem Cockpit gepaddelt werden.

 

b) Punkte, die das Gruppenverhalten betreffen:

 

  • Bei Gruppenfahrten sollten sich die Mitpaddler vorher einigen, wer die Gruppe führt.
  • Vor Antritt einer Tour sollten die Erfahrungen und die Ausrüstung der einzelnen Mitpaddler gecheckt werden.
  •  Es sollte einem bewusst sein, dass weniger erfahrenen Mitpaddler ihre Grenzen nicht beurteilen können.
  • Deshalb sollte während einer Tour beobachtet werden, wie die einzelnen Mitpaddler mit den Gewässerbedingungen zurechtkommen.
  • Wenn es Probleme mit den Gewässerbedingungen gibt, wird es auch Probleme mit der Kommunikation zwischen den Mitpaddlern geben, die u.a. auf Angst und auf die daraus sich entwickelnde eingeengte Wahrnehmungsfähigkeit (sog. „Tunneleffekt“) zurückzuführen sind.
  • Je nach Gewässerbedingungen ist es ratsam, die Mitpaddler zusammenzuhalten bzw. einzelnen Untergruppen zuzuordnen, wobei darauf zu achten ist, dass jede Untergruppen über die nötige Ausrüstung und jeder Gruppe ein erfahrener Kanute als Gruppenleiter zugeordnet wird.

 

Quelle: OCEAN PADDLER, Nr. 4/07, S.10-11 – www.oceanpaddlermagazine.com