14.02.2008 Kälteschock: 5 Präventivschläge (Ausbildung)

 

Die plötzliche Abkühlung der Haut eines Kanuten, der kentert und ins kalte Wasser fällt, kann unkontrollierbare Reaktionen des Körpers hervorrufen. Diese Reaktionen können sofort, spätestens nach 30 Sekunden, eintreten und bis zu 2-3 Minuten andauern. Bei Leuten, die nicht ans kalte Wasser gewöhnt sind, können solche Kälteschockerscheinungen – sicherlich bei entsprechend hohen Lufttemperaturen - schon bei +25° C Wassertemperatur beobachtet werden, ansonsten wird es unterhalb von +15°C gefährlich.

 

Die Schockerscheinungen können sich auswirken auf:

 

  1. den Kreislauf (hier: Verdoppelung des Herzschlags; Herzrhythmusstörungen, Erhöhung des Blutdrucks, Verminderung des Bluttransportes, Herzstillstand) (problematisch insbesondere für ältere, weniger fitte Leute);
  2. das Atmen (hier: plötzlich sehr tiefes unkontrollierbares Luftholen bis zu 2-3 Liter Luftvolumen, unkontrolliert schnelles Atmen (bis zu 10x schneller) (Hyperventilation), Atemblockade, Atemnot (schon nach 10 Sek.));
  3. das Gleichgewichtsgefühl (hier: Unmöglichkeit, unter Wasser zu erkennen, wo oben bzw. unten ist).

 

und werden unterhalb von +5° C noch von einer Art Kälteschmerz begleitet, der zusätzlich dazu beitragen kann, dass Panik entsteht.

 

Welche Vorbeugemaßnahmen bieten sich an, damit wir keinen „Kälteschock“ erleiden?

 

1. Verhinderung:

 

Wir sollten bei Kaltwasserbedingungen in einem Kajak paddeln, welches nicht so kipplig ist, und das bei Gewässerbedingungen, bei denen praktisch keine Kentergefahr besteht (sog. „Ententeichbedingungen“). Und sollte doch einmal gekentert werden, müssen wir in der Lage sein, möglich schnell wieder zurück ins Kajak zu kommen.

 

2. Fitness:

 

Wer körperlich fit, nicht fett ist, der hat die größeren Chancen, den Kälteschock zu überstehen. Viel Körperfett hilft wohl gegen die fortschreitende Unterkühlung, nicht aber gegen den Kälteschock. Eine gerade überstandene Krankheit könnte die Empfänglichkeit für den Kälteschock erhöhen.

 

Wer sich warm gepaddelt hat, dürfte dagegen weniger Probleme mit dem Kaltwasser bekommen; wer jedoch durch eine allzu lange Tour ausgepowert ist und zudem schon etwas fröstelt, der sollte möglichst anlanden; denn wenn er erst einmal kentert, sind die keine Kraftreserven mehr da, um den Kälteschock zu überstehen.

 

3. Kälteschutz:

 

Je mehr Haut mit dem kalten Wasser in Berührung kommt, desto stärker kann sich der Kälteschock auswirken. Deshalb ist es wichtig, dass wir möglichst viel Bekleidung tragen inkl. einer wasserdichten Überbekleidung. Gut wäre ein Neo-Anzug, ideal ein Trockenanzug inkl. Neopren-Kopfschutz. Lediglich die Hände würden uns dann noch Probleme bereiten, insbesondere dann, wenn wir statt mit Handschuhen mit Paddelpfötchen paddelten.

 

4. Auftrieb:

 

Für den Fall, dass ein Kälteschock eintritt, würden eine Schwimmweste vor dem Untergehen und eine Rettungsweste vor dem Ertrinken retten. Bzgl. der halbautomatischen Rettungswesten tritt jedoch das Problem aus, dass der Kälteschock uns daran hindern könnte, den Aufblasmechanismus auszulösen. Deshalb ist es ratsam, in der Kaltwasser-Saison die halbautomatische Rettungsweste in eine vollautomatisch umzustellen.

 

5. Verhalten:

 

Am besten ist es, wenn wir nicht so plötzlich ins Wasser fallen. Leider ist das bei einer Kenterung nicht immer zu vermeiden. Dennoch könnten wir versuchen, beim Kentern so schnell auszusteigen, dass der Kopf gar nicht erst unter Wasser taucht. Ansonsten sollten wir uns nach dem Ausstieg zunächst einmal an unserem Kajak festhalten, ganz ruhig verhalten (damit das Wasser, welches in unsere Bekleidung eindringt und erwärmt, nicht durch kaltes Wasser ausgetauscht wird) und abwarten, bis der Kälteschock vorbei ist.

 

6. Akklimatisation:

 

In der Tat besteht die Möglichkeit, sich ans kalte Wasser zu gewöhnen. Das ist nichts Neues. Manche Väter drängten ihre Söhne, im kalten Wasser zu schwimmen, um sie „abzuhärten“. Und wir wissen ebenfalls von „Winterschwimmern“, dass die u.a. deshalb in der Lage sind, auch bei winterlichen Temperaturen draußen bei Wassertemperaturen von unter +10° C Schwimmen zu gehen, weil sie durch tagtägliches Schwimmen draußen im Freien ihren Körper an die Kaltwasserbedingungen akklimatisiert haben.

 

Ich persönlich kenne solch einen Schwimmer, der sommers wie winters täglich in der Nordsee schwamm, und zwar so lange bis er im Winter einmal wegen Grippe 14 Tage aufs Schwimmen verzichteten musste. Danach war er so „entwöhnt“, dass er die restliche Wintersaison nicht mehr in der Lage war, sich erneut an die Kaltwasserbedingungen anzupassen. Dass er überhaupt zum „Winterschwimmer“ wurde, lag sicherlich daran, dass er nicht so kälteempfindlich war. Dass er aber das kalte Wasser wirklich auch ertragen konnte, setzte halt kontinuierliches Training im kalten Wasser voraus.

 

Dieser „Trainingseffekt“ konnte auch in Laborversuchen nachgewiesen werden:

 

·         7 Versuchspersonen mussten - nur mit Badehose bekleidet - tagtäglich 40 Minuten lang in +15°C kaltem Wasser schwimmen. Dabei wurde in der ersten Minute zwei zentrale Indikatoren des Kälteschocks gemessen, und zwar sowohl der Herzschlag (Schläge/Minute) als auch das Atemvolumen (Liter/Minute).

·         Das Ergebnis war eindeutig: Am 7. Tag sank das Atemvolumen auf 30 Liter/Minute (zum Vergleich: 76 Liter/Minute am 1. Tag) und der Herzschlag ging auf 84 Schläge/Minute zurück (statt 118 Schläge/Minute am 2. Tag).

 

Übrigens, es wurde weiterhin festgestellt, dass die Kälteschockreaktionen um 50% zurückgehen können, wenn wir uns vorher 5 Tage lang uns täglich für 2 Minuten dem kalten Wasser aussetzen. Und das Besondere daran soll sein, dass dieser Akklimatisationseffekt ca. 1 Jahr anhalten kann, obwohl nur 5 Tage dafür „trainiert´“ wurde. D.h. wer tagtäglich 2 Minuten kalt duscht (Wassertemperatur ca. +10°C), dürfte deutlich größere Chancen haben, den Kälteschock zu überstehen.

 

Auch wenn mir dieser „Trainingseffekt“ bewusst ist, setze ich als „Warmduscher“ beim Kaltwasserpaddeln lieber auf meinen Trockenanzug, sodass ich mich eigentlich im Falle einer Kenterung nur noch vor den kalten Händen fürchten muss, die spätestens bei Wassertemperaturen unter +5°C nach ca. 30 Sekunden anfangen werden, so stark zu schmerzen, dass sie ca. 5 Minuten nach der Kenterung nicht mehr zu gebrauchen sind, und zwar weder zum in Kajak zurückklettern, noch zum Spritzdecke schließen oder gar zum Paddeln.

 

Text: U.Beier – www.kanu.de/kueste/

Quelle: F.Golden/M.Tipton: Essentials of Sea Survival (2002), S.59-67.