16.04.2008 Das “Petrussen Maneuver“ (Ausbildung)

 

Ich erlebte es erstmals Mittel der 80er Jahre. Ein Kamerad kenterte, stieg jedoch nicht aus, aber rollte auch nicht hoch, sondern blieb in seiner Luke sitzen, trieb auf und versuchte einige Zeit lang, mit seinem Kajak zu schwimmen, und zwar solange, bis er sich am Kajak einer herbeigeeilten Kameradin festhalten konnte. Leider kannten beide nicht die:

 

 

Die potenzielle Retterin fürchtete daher zu kentern und forderte den Kenterbruder auf, sofort wieder ihr Kajak loszulassen. Was dieser auch tat. Da ihm irgendwann die Luft zum Atmen knapp wurde, stieg er aus und wartete auf „richtige“ Hilfe!

 

Übrigens, Bernhard Hillejan wieder entdeckte diese Varianten des „Kajakschwimmens“ und propagierte es bei der Salzwasserunion als eine Variante zur Vermeidung des Ausstiegs nach einer Kenterung:

 

 

Alles Gute wird halt – wenn es in Vergessenheit gerät – immer mal wieder neu erfunden:

 

in: Sea Kayaker, April 2006, S.47-56

è www.seakayakermag.com/2006/April06/eskimo_roll01.htm

siehe auch: Seekajak, 96/05, S.14-15 – www.salzwasserunion.de

è www.kuestenkanuwandern.de/aktuell.html > Info v. 22.05.05 (Ausbildung)

 

Es ist deshalb auch nicht erstaunlich, dass selbst die Eskimos, die ja bekanntlich die nach ihnen genannt Rolle erfunden und bis zur Perfektion weiterentwickelt haben, diverse Varianten zur Vermeidung des Ausstiegs auch schon kannten. Die Beschreibung einer Variante finden wir bei:

 

è www.qajaqusa.org/OK/petrussen_maneuver/Petrussen_Maneuver.html

siehe auch: Sea Kayaker, Aug. 2000, S.15-17 – www.seakayakermag.com

 

der dabei auf zwei Beiträge von: John Heath:

 

in: Sea Kayaker, Oct. 1999, S.11-13 – www.seakayakermag.com

 

(hier: Balance Brace)

in: Sea Kayaker, June 2000, S.55

 

zurückgreift. Im ersten Beitrag erläutert Heath 3 Varianten des Wriggens (Sculling Brace), das es einem Kenterbruder ermöglicht, sich an der Wasseroberfläche zu halten. Der Auftrieb wird jedoch nicht durch Schwimmbewegungen erzeugt, sondern mit Hilfe des Paddels, mit dem gewriggt wird. – Übrigens, ich habe eine dieser Varianten auch einmal vor langer Zeit für mich neu „erfunden“, und zwar im warmen und klaren Wasser vor Korsikas Küste. Ich fragte mich damals, was eigentlich passieren würde, wenn ich nach einer Kenterung nicht hochrollen, sondern hochwriggen würde. Nun, weil unser Körper fast schwerlose im Wasser hängt, treibt er beim Wriggen allmählich an die Wasseroberfläche. Es genügt dann ein leichter Stützschlag und schon befinden wir uns wieder in aufrechter Stellung in unserem Kajak! Als ich das später im trüben Wattwasser der Nordsee praktizieren wollte, klappt es leider nicht mehr.

 

In dem zweiten Beitrag wird ein Foto von einem Grönländer Kanuten gezeigt, wie er auf dem Rücken liegend mit ausgebreiteten Armen auf der Wasseroberfläche treibt, ohne sein Kajak verlassen zu müssen. Sein Kajak ist recht schmal und von niedrigem Volumen. Ob dies auch in voluminöseren Kajaks gelingt, sollte jeder Mal selber ausprobieren. Siehe hierzu ein paar Fotos von Freya Hoffmeister (die letzten beiden Foto-Reihen):

 

è http://qajaqunderground.com/photo-gallery/?album=1&gallery=1

 

… und was ist nun unter diesem „Manöver“, welches der Grönländer Peter Petrussen mal in seiner Jugend als erster (?) praktiziert haben sollte, zu verstehen:

 

  1. Nach einer Kenterung steigen wir nicht aus, sondern bleiben in der Sitzluke unseres Kajaks.
  2. Anschließend gehen wir so in Position, als ob wir zur Bogenschlag-Rolle ansetzen wollen, d.h. wir drehen uns seitwärts und strecken die Hände parallel zu unserem Kajak aus dem Wasser (so als ob wir unser Paddel in Rollposition bringen wollten),
  3. Die Hände strecken wir dabei soweit aus dem Wasser, dass wir uns mit ihnen am Unterwasserschiff unseres Kajaks festhalten können.
  4. Wenn wir gelenkig genug sind, gelingt es uns auf diese Weise mit unserem Kopf zum atmen aus dem Wasser zu kommen.
  5. In dieser Position verharren wir so lange, bis Hilfe kommt.

 

Wann wird dieses „Manöver“ am ehesten gelingen?

 

 

Ob dieses „Manöver“ auch noch bei kabbeliger See funktioniert, muss jeder, der es ansonsten bei „Ententeichbedingungen“ schafft, selber ausprobieren! Entscheidend ist dabei, dass wir zumindest solange uns an der Wasseroberfläche halten können, bis ein Helfer herbeigeeilt kommt, an dessen Kajak wir uns dann hochziehen können (sog. „Eskimo-Rettung“); denn nichts ist betrüblicher für ein Retter mitzuerleben, wie ein Kenterbruder aussteigt, obwohl dieser sich ein paar Sekunden später am Kajak des Retters hätte festhalten und per Hüftknick hochziehen können.

 

Text: U.Beier – www.kanu.de/kueste/