05.10.2008 Seenotfall an der Pazifikküste von Vancouver Island (Ausbildung)

 

Im SEA KAYAKER berichtet Doug Lloyd in dem Beitrag.

 

„The Cape of Storms:

Solo kayaker lost while rounding Brooks Peninsula“

 

über einen 60jährigen Kajakfahrer, der mehrere Tage solo entlang der Pazifikküste von Vancouver Island paddelte und bei einer Kapumrundung wohl von einem 6-7 Bft. Wind (in Böen 8 Bft.) mit 1-2 m Seegang überrascht wurde und seitdem vermisst wird.

 

Fakt ist, dass der Kanute vermisst wird und dass keiner den Seenotfall bezeugen kann. Dennoch gab es die Tage vorher und auch an jenem Sturmtag andere Kanuten, die den Solo-Paddler gesehen hatten. In seinem Bericht greift Doug Lloyd auf die Aussagen dieser Zeugen zurück, um daraus die Gründe für den wahrscheinlich tödlich ausgegangen Seenotfall abzuleiten.

 

Meines Erachtens gibt es im Wesentlichen 6 Gründe für dieses Unglück:

 

  1. Der Solo-Paddler war nicht fit genug, um bei diesem Seegang zu paddeln (Seegangstüchtigkeit) und im Falle einer Kenterung wieder hochzurollen (Kentertüchtigkeit), um dann weiter zu paddeln.
  2. Er informierte sich nicht tagtäglich über die Wetterlage.
  3. Er schlug zuletzt ein Standquartier auf und unternahm ohne Gepäck ein Tagestour, ohne auf eine Notübernachtung vorbreitet zu sein.
  4. Er wählte für seine Tagestour eine überwiegend von Steilküsten geprägte Passage, bei der nicht überall eine „Notlandung“ möglich war.
  5. Er besaß keine Kälteschutzkleidung (Neo oder Trockenanzug), die ihn bei der dort vorherrschenden Wassertemperatur von 8°C vor allzu schnell einsetzender Unterkühlung hätte schützen können.
  6. Er war nicht in der Lage, im Seenotfall z.B. per UKW-Sprechfunk bzw. Seenotbake auf sich aufmerksam zu machen (Seenottüchtigkeit).

 

Die plötzliche Wetteränderung überraschte ihn. Da er wohl für eine Notübernachtung nicht ausgerüstet war, versucht er trotz verschlechternder Wetterlage weiter zu paddeln, vorbei an zwei Kaps und einer Steilküste, auf die der Wind wehte, um sein Standquartier zu erreichen.

Irgendwann scheiterte er im immer schwerer werdenden Seegang und kenterte. Die mangelnde Kentertüchtigkeit hinderte ihn am Hochrollen bzw. am Wiedereinstieg per mitgeführten Paddlefloat. Da er solo paddelte, gab es keine Mitpaddler, die ihm behilflich sein konnten. So trieb er – getragen von einer Schwimmweste, aber unzureichend bekleidet gegen Unterkühlung - allmählich mit der Strömung hinaus auf das offene Meer, ohne auf seinen Seenotfall aufmerksam machen zu können, und blieb dort verschollen.

 

Der Hauptfehler des Solo-Paddlers war wohl die Entscheidung, vom aufgeschlagenen Standquartier eine Tagestour zu unternehmen, ohne auf ein Notbiwak vorbereitet zu sein. Damit setzte sich der Solo-Paddler unnötig in Zugzwang, nämlich unbedingt wieder zurück zu seinem Standquartier zu kehren. Dabei wurde er von zunehmend schwieriger werdenden Gewässerbedingungen überrascht und scheitert schließlich an ihnen.

 

Auch wenn sich dieser Solo-Paddler nicht an dem Motto von Doug Lloyd:

 

„Hope for the best, prepare for the worst!“

(Hoffe, dass alles gut gehen wird, aber rechne stets mit dem Schlimmsten!)

 

gehalten hat, möchte ich hier generell nicht zum Ausdruck bringen, dass dieser Solo-Paddler niemals hätte allein auf der Pazifikseite von Vancouver Island hätte paddeln dürfen. Immerhin hatte er schon vorher in dieser Gegend gepaddelt. Denn:

 

  • Ein Solo-Paddler muss nicht unbedingt Kälteschutzkleidung tragen und Seenotsignalmittel (Signalkugeln, UKW-Sprechfunkgerät bzw. Seenotbake) mit sich führen.
  • Er muss nicht unbedingt die Rolle bzw. die Solo-Wiedereinstiegstechniken beherrschen.
  • Er muss auch nicht unbedingt den Wetterbericht abhören, wenn es auch für dieses Revier äußerst hilfreich gewesen wäre zu erfahren, ob größere Dünung zu erwarten sei.
  • Er muss auch nicht brandungstüchtig, wohl aber schon etwas seegangstüchtig sein.

 

Dieser Verzicht auf die eigentlichen zentralen Fertigkeiten und Vorgehensweisen eines Küstenkanuwanderers setzt jedoch unbedingt Folgendes voraus:

 

  • Ein nur bedingt seetüchtiger Solo-Paddler muss sich ein Revier aussuchen, wo er bei einer Wetterverschlechterung sofort anlanden und ein Notbiwak errichten kann.
  • Es muss auch ein Revier sein, wo er dicht am Ufer entlang paddeln kann, sodass er nach einer Kenterung ohne große Probleme das rettende Ufer samt seinem kentertüchtigen Seekajak schwimmend erreichen kann, ohne dass die Gefahr besteht, hinaus aufs offene Meer getrieben zu werden.
  • Er muss über soviel Reservezeit verfügen, dass er nicht in Zugzwang gerät, unbedingt weiterpaddeln zu müssen, auch wenn die Gewässerbedingungen dagegen sprechen.

 

Wer sich als Kanute an diese beiden Bedingungen hält, der dürfte in der Lage sein, die geplanten Touren erfolgreich zu Ende bringen. Wer sich nicht daran hält, geht ein Risiko ein, d.h. setzt darauf, bei seiner Tour Glück zu haben. Der amerikanische Solo-Paddler setzte ebenfalls – mehr oder weniger bewusst - auf sein Glück und das kostete ihm – obwohl es bis dahin immer gut ging - dieses Mal sein Leben.

 

Text: U.Beier

Quelle: SEA KAYAKER, Nr. Oct. 2008, S.19-34 – www.seakayakermag.com