27.11.2008 Abdrift: Über Deckpeilung, Transit und „Hundekurve“ (Ausbildung)

 

In OCEAN PADDLER wird in dem Beitrag:

 

“To Afraid to Ask …. But I Thought a Transit was a Van?“

 

wird erläutert, wie wir bei seitlichem Strom bzw. Wind von A über eine freie Wasserfläche nach B kommen. Wo ist das Problem? Wir paddeln einfach auf B zu! Drei Situationen sind dabei zu berücksichtigen, wobei zwei davon uns Probleme bereiten:

 

Situation 1: Wenn es nicht strömt bzw. windet, oder wenn wir mit Strom und Wind bzw. gegen Strom und Wind paddeln, gibt es für uns kein Problem: Wir peilen B an und halten dann einfach auf B zu. Fertig!

 

Situation 2: Es strömt bzw. windet von links und lässt uns nach rechts abtreiben, auch wenn wir stets auf B zu halten. Die Folge: Wir paddeln eine Kurve (die sog. „Hundekurve“ links), statt auf dem geraden Weg (sog. „Transit“-Weg) auf B zuzufahren. Diese Abdrift können wir selber leicht beobachten, wenn die Landschaft hinter bzw. vor B strukturiert ist (z.B. Häuser, Türme, Windmühlen, Bäume oder Felsen stehen hinter B bzw. Seezeichen, Felsnadel im Wasser oder Schiff vor Anker stehen vor B). Steht nämlich hinter B ein Haus (= ) und befindet sich – wenn wir von A nach B schauen – direkt hinter dem Haus ein Turm (= ) merken wir bei einer Abdrift (= Strom- bzw. Windversatz) nach rechts, dass der Turm hinter dem Haus scheinbar nach rechts auswandert. Wenn wir aufmerksame Kanuten sein möchten, die B auf dem direkten Weg erreichen wollen, achten wir bei der Querung ständig darauf, dass der Turm hinter Haus stehen bleibt, quasi von ihm abgedeckt wird (sog. „Deckpeilung“). Sowie der Turm nach rechts auswandert, weil die Strömung bzw. der Wind uns nach rechts versetzt, korrigieren wir unseren Kurs sofort, paddeln etwas gegen den Strom (quasi wie eine „Seilfähre“) bzw. Wind, damit beide Peilmarken hintereinander aufgereiht bleiben. Wandert plötzlich der Turm nach links aus, haben wir entweder (a) unseren Kurs zu stark nach links korrigiert oder (b) es strömt nicht gleichmäßig stark, d.h. die Strömungsgeschwindigkeit hat sich vermindert, da wir u.U. gerade eine Untiefe queren, die die Strömung abbremst. Für unsere Kursnavigation spielt das jedoch keine Rolle; denn in beiden Fällen müssen wir etwas schwächer nach links vorhalten.

 

Situation 3: Es strömt bzw. windet von rechts und lässt uns nach links abtreiben, auch wenn wir stets auf B zuhalten. Wir merken das daran, dass der Turm hinter dem Haus scheinbar nach links auswandert. Sobald wir das merken, müssen wir unseren Kurs solange nach rechts korrigieren, bis wieder der Turm hinterem Haus steht. Nach einigem Hin & Her haben wir schließlich unseren Kurs gefunden, bei dem Haus und Turm in Deckung stehen.

 

D.h. bei seitlicher Strömung bzw. Seitenwind dürfen wir nicht direkt auf unser Ziel zufahren, sondern müssen vorhalten, und zwar so stark, wie Strom bzw. Wind uns abtreiben wollen. Wir stark wir vorhalten müssen, hängt von der Stromstärke bzw. der Windstärke. Beides zu kennen, ist interessant, aber – solange wir unser Ziel B vor Augen - haben nicht wichtig. Wichtig ist allein das hinter B die beiden Peilmarken (hier: Haus und Turm) in Deckung stehen bleiben.

 

Was machen wir aber nun, wenn die Strömung (z.B. ab 6 km/h) bzw. der Wind uns so stark abtreiben lassen, dass wir unser Ziel B nicht auf dem kürzesten Weg erreichen können, d.h. weil der Turm hinter dem Haus einfach z.B. nach rechts auswandert, egal wie stark wir vorhalten und wie schnell wir paddeln? Nun, zwei Fälle sind dabei zu unterscheiden:

 

(1) Zu starke Querströmung: Wir halten maximal 45° vor und nehmen in Kauf, dass wir rechts etwas unterhalb von B (z.B. eine Inselbucht) ankommen. Haben wir die Insel erreicht, paddeln wir dann gegen den – hoffentlich unter Land etwas schwächeren – Strom hinauf zu unserem Ziel B. Unter Umständen müssen wir dann unter Land mögliche Kehrwasser auszunutzen, um nicht ganz so stark gegen den Strom anpaddeln zu müssen. Sollte die Strömung so stark sein, dass wir an der angepeilt Insel vorbei driften, müssen wir mehr als 45° vorhalten bzw. abwarten, bis es nicht mehr so stark strömt.

 

(2) Zu starker Seitenwind: Wir könnten genauso fahren, wie was oben bei starker Querströmung empfohlen wurde. Nur das vertrackte daran ist, dass es unter Land meist nicht so stark strömt, aber auf Grund von Windeffekten stärker wehen kann. Insofern müssen wir u.U. stärker als 45° vorhalten oder – falls wir dann kaum noch Strecke paddeln – uns ein anderes Ziel suchen bzw. auf das Abflauen des Windes warten.

 

Abb.: Abdriftkontrolle per “Seilfähre”

 

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    x                         

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≈≈≈≈ θ ≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈x≈≈≈

                                   x

Situation 1:

Strom/Wind von hinten

= keine Abdrift

= kein Vorhalten nötig, da

   und sich decken!

Situation 2:

Strom/Wind von links

= Abdrift nach rechts,

= Vorhalten nach links ◄ bis

   und sich decken!

Situation 3:

Strom/Wind von rechts

= Abdrift nach links,

= Vorhalten nach rechts ►

   bis und sich decken!

Erläuterungen: = Haus; = Turm; θ = Kajak; ▒ = Land;

                          → / ← = Strömungs-/Windrichtung = Abdrift; ç / è = Vorhalten bis Haus und Turm in Deckung

 

Rückwärtige Abdriftkontrolle bzw. Geschwindigkeitskontrolle: Übrigens, in dem Beitrag wird auch darauf hingewiesen, dass wir die Abdriftkontrolle auch vornehmen können, wenn die Peilobjekte hinter uns liegen, d.h. wir uns den Peilobjekten nicht näheren, sondern uns von ihnen entfernen. Außerdem können wir die Abdriftkontrolle auch als Geschwindigkeitskontrolle einsetzen. Sehen wir beim Paddeln gegen den Strom bzw. mit dem Wind seitwärts von uns zwei Peilobjekte, die sich längere Zeit decken, ist die Gegenströmung bzw. der Gegenwind ist so stark, dass wir nicht vorankommen. Wandert jedoch das hinter Peilobjekt (hier: der Turm) am Horizont mit uns mit (siehe die Grafik von Situation 2) machen wir Fahrt.

 

Positionskontrolle: Schließlich wird die Abdriftkontrolle auch beim Spielen in der Brandung empfohlen. Wenn wir uns beim Starten in die Brandung die Lage zweier Peilobjekte zueinander merken, können wir später prüfen, wie sich die beiden Peilobjekte zueinander verschoben haben und daraus ableiten, wie weit wir in welche Richtung beim Surfen abgetrieben sind, wo wir uns etwa auf der Seekarte befinden und wohin wir wie weit fahren müssen, um zum Startort wieder zurückzukehren.

 

Quelle: OCEAN PADDLER, Nr. 12/08, S.52-53 – www.oceanpaddlermagazine.com