03.09.2010 Seenotfall bei 2-3 m Grundseen (Niederlande) (Ausbildung)

 

Es ist schon eine Seltenheit, von einem Seenotfall zu erfahren, in den eine Gruppe von sehr erfahrenen Küstenkanuwanderern geraten ist. Es passierte am 13.06.10 vor der niederländischen Sandbank Noorderhaaks, die südwestlich von Texel (westfriesische Inseln) liegt.

 

9 Fahrtenleiter bzw. Ausbilder wollten bei einem 3-4 Bft. Wind aus West und Wassertemperaturen von 13° C sowie Lufttemperaturen von 17° C draußen vor der Küste ein paar Rettungsübungen machen. Sie starten - nachdem es die letzten beiden Tage zuvor mit bis zu 6 Bft. aus SW wehte -, bei Ententeichbedingungen und paddelten schließlich über die Untiefen der Sandbank Noorderhaaks. Sie genossen dort die anbrandenden Grundseen. Allmählich wurden jedoch die Brecher immer größer (2-3 m). schließlich war der Seegang kaum noch beherrschbar. Fast jeder kenterte. Einige rollten sofort hoch, andere stiegen solo oder mit Kameradenhilfe wieder ein. 3 Kanuten retteten sich aus dem Brandungsbereich und steuerten einen brandungsfreien Strandbereich auf der benachbarten Insel Texel an. 3 weitere Kanuten folgten ihnen. … Aber 3 Kanuten blieben zurück. Einer verlor ganz den Kontakt zu den anderen und kämpfte sich alleine durch. Ein anderer kenterte mehrmals, verlor schließlich sein Kajak samt seiner Seenotsignalmittel und trieb ca. 30 Minuten im Wasser bis der Dritte nach erfolgreichem Solo-Wiedereinstieg das Kajak des Zweiten sicherte und ihm schließlich den Wiedereinstieg ermöglichte. Durch Seekrankheit und einsetzender Unterkühlung geschwächt war jedoch der Dritte, der ca. 45 Minuten im Wasser schwamm, nicht mehr in der Lage, allein zu paddeln. Das war der Grund, um per UKW-Sprechfunkgerät die Seenotrettung von Den Helder zu alarmieren. Dank GPS konnte dabei mitgeteilt werden, wo sie sich aufhielten.

 

Wen der insgesamt 20 Seiten umfassende – auf Englisch verfasste – Bericht interessiert, kann ihn von Seakayaker.nl downloaden:

 

è www.seakayaker.nl/TMP/ReportSeaKayakIncidentNoorderhaaks13June2010.pdf

 

In dem Bericht wird auch auf einige Schwachpunkte dieser Übungsfahrt eingegangen.

Z.B.

 

1. Man sollte sich nicht darauf verlassen, dass die Rolle immer klappt. So rollten 4 Kanuten nach Kenterungen bei diesen schwierigen Bedingungen mehrfach erfolgreich hoch, aber irgendwann mussten sie doch aussteigen.

 

2. Man sollte seine Sicherheitsausrüstung immer dabei haben, auch bei Tagestouren. So besaßen 7 Kanuten ein UKW-Sprechfunkgerät. Nur 3 Kanuten hatten es jedoch mitgenommen.

 

3. Man sollte ein paar Seenotsignalmittel am Körper tragen, um im Falle einer Kenterung mit Bootsverlust auf sich aufmerksam machen zu können. So hatte der einzige Kanute, der nach einer Kenterung allein im Wasser schwamm, seine Signalmittel in der Tagesluke vor der Sitzluke verstaut.

 

4. Man sollte bei seiner Bekleidung darauf achten, dass sie auch wirklich den Wassertemperaturen angepasst ist. So reichten 13° C Wassertemperatur aus, um einen Kanuten, der mehrfach kenterte und ca. 40 Minuten im Wasser schwamm, derart zu unterkühlen, dass dieser – ins Verbindung mit einsetzender Seekrankheit – irgendwann nicht mehr in der Lage war, allein weiter zu paddeln.

 

5. Der zentrale Schwachpunkt war wohl jener, dass keiner sich ausdrücklich für all seine Mitpaddler verantwortlich fühlte, weil jeder dachte, dass die anderen mindestens so weit so kompetent wären, dass jeder auf sich selbst aufpassen könne. Einen offiziellen Fahrtenleiter für diese Fahrt gab es nicht.

 

Ob ein Fahrtenleiter jedoch in der Lage gewesen wäre, diese Gruppe sicher wieder zurück an Land zu bringen, hängt aber vom Sicherheitsbewusst- und Verantwortungsbewusstsein sowie den Erfahrungen eines solchen Leiters ab. Es kann daher nicht ausgeschlossen werden, dass auch ein ernannter Fahrtenleiter mit der Gruppe durch die Grundseen gepaddelt wäre.

 

Dennoch ist ein Fahrtenleiter – egal wie kompetent die einzelnen Kanuten sind - wichtig; ist er doch dafür verantwortlich, die Übersicht über die Gruppe zu behalten … und die ging letztlich bei der Fahrt verloren. Ein Fahrtenleiter hätte sich außerdem nicht nur Sorgen gemacht, wo die vermissten 3 Kanuten geblieben sind, sondern er hätte sich auch darum - sofern er nicht selber zu den Vermissten gehört hätte – gekümmert, sie wieder zu finden, sei es mittelbar, dass er die Seenotrettung informiert, oder unmittelbar, in dem er sich selber mit 2 weiteren erfahrenen Kanuten auf die Suche nach den 3 Vermissten begibt.

 

Diese Suchaktion hätte natürlich nicht darin bestehen dürfen, erneut in den kritischen Grundseebereich zu paddeln; denn weitere Kenterungen wären dann nicht auszuschließen gewesen. Vielmehr hätte es jedem bewusst sein müssen, dass der kritische Grundseebereich lokal durch die Untiefen, die nördlich von Noorderhaaks liegen, begrenzt ist und dass der ablaufende Tidenstrom jeden gekenterten Kanuten, der neben oder ohne sein Seekajak im Wasser schwimmt, aus dem Untiefenbereich hinaus auf die offene See treiben würde. Folglich hätte ein Fahrtenleiter es veranlassen müssen, den Bereich nordwestlich der Untiefen vor Noorderhaaks – d.h. außerhalb der brechenden Grundseen -  nach den vermissten Kanuten abzusuchen. Alternativ wäre es wohl auch möglich gewesen, dass die einlaufenden Grundseen einen auf den Strand von Noorderhaaks hätte spülen bzw. treiben können – was ja wohl auch für 1 Kanuten zutraf - , aber ein Absuchen dieses Küstenstreifens wäre nachrangig gewesen; denn wer dort anlandet, für den bestand weniger Lebensgefahr, als für jenen, der draußen auf der offenen See trieb!?

 

6. Genauso wichtig wie die Ernennung eines Fahrtenleiters wäre es zumindest gewesen, zu Beginn der Fahrt eine Gruppenbildung (z.B. 3 Gruppen zu je 3 Kanuten) vorzunehmen, und zwar mit der Auflage, dass jede Gruppe quasi eine “geschlossene“ Einheit bildet, die „immer“ zusammen bleiben muss, egal was passiert!? Idee einer solchen Gruppenbildung ist zu verhindern, dass einzelne Kanuten vermisst gehen können. Verhindern kann eine solche Gruppenbildung jedoch nicht, dass dann eine ganze Gruppe „verloren“ gehen könnte.

 

Bemerkenswert an dieser Fahrt ist, dass eine solche Gruppenbildung unbewusst stattgefunden hat, jedoch erst als die Gewässerbedingungen äußerst schwierig waren:

 

 

Gerade am Beispiel der Zweier-Gruppe Onno und Arie kann man erkennen, welch zentrale Bedeutung eine Gruppe hat. Arie war wohl noch fit, aber hatte sein Seekajak verloren. Onno war nicht mehr fit, konnte sich jedoch mit Hilfe von Aries Seekajak, welches er treibend im Wasser entdeckt hatte, ein Päckchen bilden und so über Wasser halten. Schließlich gelang es Arie, das Päckchen schwimmend zu erreichen, mit Onnos Hilfe wieder in sein Seekajak einzusteigen, sein UKW-Sprechfunkgerät aus der Tagesluke seines Seekajaks zu holen und die Seenotrettung zu alarmieren.

 

Text: Udo Beier