18.11.2010 Ach, was soll mir schon passieren (Ausbildung)

 

„Ach, was soll mir schon passieren?!“ Das sagten sich sicherlich sowohl Sandy Morgart als auch Michael Powers, als sie jeweils für sich allein – also solo - auf einem ihnen sehr vertrautem Gewässer paddelten, jedoch unter ihnen wenig vertrauten Bedingungen:

 

Und was passierte nun? Das kann man im SEA KAYAKER (SK) nachlesen:

 

Sandy Morgart: Cold and Alone on an Icy River, in: SK, Aug. 2010, S.19-23.

Michael Powers: Lost at Sea, in: SK, Oct. 2010, S.34-39.

 

Sandy (stellvertretender Vorsitzender eines Kajakclubs) unternahm im Winter auf dem teilweise vereisten Mississippi eine kleine Spritztour, kenterte plötzlich beim Durchfahren von knapp 5 mm dicken Eisschollen und musste aussteigen.

 

Beachtenswerte dabei ist:

 

·         dass Sandy davon ausging, dass er eine Flachwassertour bei Ententeichbedingungen unternahm, bei der für ihn keine Kentergefahr bestand; denn er war damit vertraut, Eisschollen zu durchfahren;

·         dass er schon lange nicht mehr gekentert ist und dass es noch länger her ist, dass er mal aussteigen musste;

·         dass er die Rolle beherrscht, zumindest im Sommer,

·         dass er eine Schwimmweste trug, aber darauf verzichtete, einen Neo oder „Trocki“ anzuziehen;

·         dass er Handy und tragbare Lenzpumpe nicht griffbereit verstaut hatte, nämlich im Heckgepäckraum;

·         dass er beim Einstechen des Paddels ins Eis plötzlich mit seinem Eski-Paddel wegrutschte und kenterte;

·         dass er nach dem zweiten Rollversuch ausstieg und danach im knapp über 0° C kalten Wasser schwamm (ca. 10 Minuten);

·         dass der Wiedereinstieg per Paddelfloat erst beim dritten Versuch klappte, dabei herrschten doch Ententeichbedingungen, aber auch „Eisbärenbedingungen“;

·         dass er, als er noch neben seinem Seekajak im Wasser schwamm, sein Handy und seine tragbare Lenzpumpe aus dem Heckgepäckraum holte, dabei aber vergaß, den Gepäcklukendeckel erneut wasserdicht zu verschließen;

·         dass er trotz Landnähe (ca. 1 km) mit seinem Handy keinen Netzempfang hatte (obwohl es am Startort noch funktionierte) und mit seinem UKW-Sprechfunkgerät, welches griffbereit auf Deck lagerte, über Kanal 16 trotz Mayday-Ruf ebenfalls keinen Kontakt zu Dritten herstellen konnte (denn das Personal der in der Nähe befindlichen Schleuse hörte nur Kanal 12 und 14 ab);

·         dass er erst bei seinem dritten Wiedereinstiegsversuch Erfolg hatte, nun aber auf seiner Lenzpumpe saß, die er beim Herausholen auf seine Sitzschale legte;

·         dass er sich nicht mehr traute, seine Lenzpumpe hervorzuholen, da er Angst hatte, dann erneut zu kentern; denn sein Seekajak war halb voll Wasser und dadurch recht kipplig geworden;

·         dass er zur Stabilisierung seines Seekajaks das mit Paddelfloat versehene Paddel als Ausleger weiterhin benutzte und mit dem Reservepaddel dann vorsichtig zurück zum nahen Startort paddelte (ca. 16 Minuten),

·         dass er trotz des eiskalten Wassers und trotz der fehlenden Kälteschutzbekleidung (Ausnahme: Neo-Handschuhe) so lange handlungsfähig blieb; denn das Kältezittern setzte erst ein, als er aus seinem Auto trockene Bekleidung holte und sich umzog;

·         dass er seiner zu Hause gebliebenen Frau wohl sagte, wo er entlang paddeln und wann er wieder zurückkehren wollte, aber diese Info hätte nach Sandys eigener Erkenntnis nur noch etwas genützt, um sein Seekajak und seine Körper zu bergen.

 

Michael (69) (Mitglied der „Tsunami Rangers“) verließ wegen eines privaten Termins vorzeitig seine in einer unzugänglichen Bucht zeltende Gruppe von 6 Kanuten, um allein im Nebel entlang der pazifischen Steilküste zurück zum ca. 10 km entfernt liegenden Startort zu paddeln und verlor dabei seine Orientierung.

 

Bemerkenswert dabei ist:

 

·         dass Michael zu den erfahrensten Steilküstenpaddlern seines Vereins zählt und er diesen Küstenabschnitt schon –zig Male gepaddelt ist;

·         dass es schon beim Start recht neblig war (ca. 50 m Sicht);

·         dass der Wetterbericht vorher schon das Eintreffen höherer Dünung angekündigt hatte, welche sich entlang des Steilküstenbereichs als gefährliche Brandung bemerkbar macht, die bei Nebel nur mit großem Risiko befahrbar ist;

·         dass er „nur“ deshalb startete, weil er seiner Frau versprochen hatte, sich bei ihr zu verabschieden, bevor sie verreiste;

·         dass ein Kamerad sich bereit erklärt hatte, ihn zu begleiten, aber Michael das ablehnte;

·         dass seine Mitpaddler davon abrieten, bei den momentanen Gewässerbedingungen allein zurück zu paddeln, aber sie es nicht verhinderten, dass er es dennoch tat;

·         dass er, ohne zu frühstücken, startete, und seine Verpflegung nicht griffbereit lagerte, da er meinte in ca. 2 Stunden sein Ziel erreicht zu haben, nicht ahnend, dass er insgesamt 8 Stunden unterwegs sein wird, bis er endlich anlanden konnte;

·         dass er das erste Mal bei Nebel diesen Küstenabschnitt entlang paddelte;

·         dass er gleich nach dem Start, als er die geschützte Bucht verließ, auf fast unbezwingbare Brecher traf, die ihn sofort kentern ließen;

·         dass er trotz der Kenterung seine Tour nicht abbrach, sondern sein Sit-on-Top-Seekajak erneut bestieg und dann erfolgreich durch die Brandung hinaus paddelte;

·         dass er draußen auf dem Wasser keinen Kontakt mit seinen zurück gebliebenen Kameraden aufnehmen konnte, da er kein UKW-Sprechfunkgerät dabei hatte;

·         dass er draußen weitab von der Steilküste außerhalb des Brandungsbereichs paddeln musste und dabei im dichten Nebel nicht mehr wusste, an welchem Punkt der Steilküste er sich gerade befand;

·         dass er sich lediglich an einem Kompass orientieren konnte, der in seiner Armbanduhr integriert war, und am Geräusch der Brandung;

·         dass er wegen der Brandung keine Möglichkeit gehabt hatte, sich der Steilküste so weit zu nähern, dass er erkennen konnte, wo er sich etwa befanden;

·         dass er seine Seekarte und sein GPS-Geräte zu Hause gelassen hatte, da er meinte, dass er das befahrene Gebiet genügend – zumindest bei Sichtbedingungen – kannte;

·         dass er unterwegs nur etwas trinken, jedoch nichts essen konnte, was ihn immer mehr schwächte;

·         dass er, erst als sich ganz plötzlich der Nebel ein wenig lichtete und die Dünung etwas nachließ, sich orientieren und anschließend an einem zur Straße hin zugänglichen Platz, der ca. 17 km vom eigentlichen Ziel entfernt lag, anlanden konnte.

 

Ja, es ist nochmals gut gegangen. Beide schafften es rechtzeitig, Land zu erreichen. Sie haben vieles falsch gemacht. Ihr Hauptfehler war jedoch der, dass sie nicht damit rechneten, auf einem ihnen sehr vertrautem Gewässer jemals in Schwierigkeiten zu geraten. Wer aber denkt, dass er eine harmlose Tour vor sich hat, der wird kaum bereit sein, sich so zu rüsten, wie auf einer Tour bei denselben Gewässerbedingungen auf einem unbekannten Gewässer (sog. „Verharmlosungs-Effekt“).

 

Übrigens, dass Sandy diese 10 Minuten im knapp über 0° C kalten Wasser überlebt hatte, ohne gänzlich handlungsunfähig zu werden, sollte uns nicht dazu verleiten zu denken, dass wir das mindestens genauso gut packen würden.

 

Zusammenfassung: Udo Beier

Quelle:

S.Morgart, Cold and Alone on an Icy River,

in: Sea Kayaker, Aug. 2010, S.19-23

è www.seakayakermag.com/2010/Oct10/icyriver.htm

M.Powers, Lost at Sea. A lone Tsunami Ranger has a close call on the Oregon coast,

in: Sea Kayaker, Oct. 2010, S.34-39

è www.seakayakermag.com/2010/Dec10/lostatsea.htm