27.04.2011 Zurückgelassen & Verschollen (Ausbildung)

 

Im OCEAN PADDLER berichtet Nigel Dennis in dem Beitrag:

 

„Lessons Learnt. Sea Kayaking Tragedy, Anglesey 2010“

 

über den folgenden Seenotfall, der sich am 29.8.10 an der Südwestküste der walisischen Insel Anglesey ereignete:

 

Ein Kajakclub plante für seine Mitglieder eine Sonntagsfahrt entlang „Holy Island“. Wegen des allzu heftigen ablandigen Windes (5-6 Bft. in Böen bis 7 Bft.) wurde die Clubfahrt abgesagt. 5 Clubmitglieder taten sich jedoch zusammen und gingen trotzdem aufs Wasser. Ihr Erfahrungsstand war recht gemischt, einige von ihnen waren noch recht unerfahrene Seakayaker.

 

Nachdem sie eine halbe Stunde Rettungstechniken übten, paddelten sie los … mit mehr oder weniger geeigneten Kajaks. Zumindest die später verunglückte Kanutin paddelte wohl ein Seekajak mit Skeg, welches aber nicht funktioniert haben sollte. Die Sicherheitsausrüstung wurde bis auf 2 Schleppleinen im Auto zurückgelassen.

 

Geplant war, die Insel südlich zu runden, um dann die Ostseite wieder hochzupaddeln. Ob ihnen das gelungen wäre, sei dahingestellt; denn sie hätten nach der Rundung gegen Wind & Strom paddeln müssen.

 

Zunächst paddelten sie im Windschutz der Küste. Zwischendurch machten zwei „stärkere“ Kanuten eine kurze Spritztour um eine kleinere Felseninsel herum, während die anderen drei im Windschatten warten sollten. Als die beiden zurückkehrten, mussten sie jedoch feststellen, dass die drei Mitpaddler von Tide & Wind aus dem Windschutz getrieben wurden, wobei einer kenterte und dabei sein Paddel verlor. Bei der folgenden Rettungsaktion trieben alle völlig aus dem Windschutz hinaus. Dem „Kenterbruder“ gelang wohl der Wiedereinstieg, aber ohne Paddel musste er bei dem vorherrschenden Seegang von einem anderen gestützt und dieses „Päckchen“ von dem stärksten Kanuten zurück an Land geschleppt werden. Auf Grund des heftigen Windes und der zunehmend stärker werdenden Tidenströmung gelang es vier von ihnen, erst 90 Minuten später an einem ca. 5 km vom Startort entfernten Strand südwestlich von Anglesey anzulanden (ca. 15.30 Uhr)

 

Die fünfte Kanutin konnte mit ihrem Seekajak und dem nicht funktionierenden Skeg weder das Tempo noch den Kurs ihrer Mitpaddler halten. Sie fiel immer mehr zurück und ward nach einer halben Stunde nicht mehr gesehen.

 

Warum keiner sie begleitete, darüber gab es keine Erklärung. Infrage dafür gekommen wäre entweder der vierte Kanute, der als einziger noch frei paddelte (wahrscheinlich kämpfte er aber selber mit seinem Kajak und dem Seegang) oder jener Kanute, der den „Kenterbruder“ im „Päckchen“ stützte. Dann hätte halt der vierte Kanute das Stützen des „Kenterbruders“ übernehmen können. Auch wurde nicht erklärt, warum nicht gleich zu Anfang, als jeder sah, dass die fünfte Kanutin nicht mithalten konnte, diese Kanutin ins „Päckchen“ „abkommandiert“ wurde, und welche Rolle der zweite „starke“ Kanute übernahm.

 

Anscheinend war der erste „starke“ Kanute ganz mit dem Schleppen von zwei seiner Miitpaddler beschäftigt und von der Angst gezeichnet, ja nicht weiter hinaus in die offene See getrieben zu werden, und der vierte Kanute damit, bei der Schleppgemeinschaft zu bleiben.

 

Als alle vier Kanuten schließlich die - die ganze Zeit dicht vor sich liegende - Küste erreichten, war wohl keinem von ihnen bewusst, dass der seit einer Stunde nicht mehr gesehenen Kanutin etwas passiert sein könnte. Sie nahmen wohl 25 Minuten (ca. 15.55 Uhr) nach dem Landgang Kontakt mit der Seenotrettung auf, meinten aber, dass die fünfte Kanutin bestimmt irgendwo sicher angelandet sei. Erst 3 Stunden später informierten sie um 19.00 Uhr die Seenotrettung darüber, dass eine Kanutin vermisst wird und erst 2 Std. später um 21.00 Uhr legt das Rettungsboot ab.

 

Das Kajak der fünften Kanutin wurde später ca. 30 km entfernt an die Küste getrieben. Die Kanutin selber ist seitdem verschollen.

 

In der anschließenden Beurteilung dieses Seenotfalls führt Nigel Dennis die verschiedensten Punkte an, die die unterschiedlichen Küstenerfahrungen der Kanuten, die unvollkommenen Führungsqualitäten der „stärkeren“ Kanuten, die nicht immer seetüchtige Ausrüstung und die fehlende Notfallausrüstung betreffen. Knackpunkte waren wohl:

 

  • die fehlende Seegangstüchtigkeit des „Kenterbruders“ und seine fehlende Paddelsicherungsleine,
  • die mangelhafte Kondition der verschollenen Kanutin, das nicht funktionstüchtige Skeg an ihrem Seekajak und fehlende Seenotsignalmittel,
  • das fehlende Gefahren- und Verantwortungsbewusstsein der beiden „stärkeren“ Kanuten,
  • aber auch das mangelhafte Einfühlungsvermögen der Coastguard, die im Gegensatz zu uns in Deutschland u.a. auch dafür zuständig ist, darüber informiert zu werden, wenn eine Gruppe von Kanuten aufs Meer hinaus paddelt und wenn sie wieder an Land zurückkehrt.

 

Es ist mir unverständlich, dass:

 

(1.)  die Coastguard bei den vorherrschenden Gewässerschwierigkeiten nicht hinterfragt hatte, was die Kanuten eigentlich vorgehabt hatten und warum sie denn so sicher seien, dass die fünfte Kanutin irgendwoanders angelandet sei. Ein paar solcher Fragen hätten genügt, um zu erkennen, dass es sich hier um Kanuten handelte, die nur über wenig Küstenerfahrungen verfügten und kaum etwas über das Leistungsvermögen der einzelnen Mitpaddler wussten.

(2.)   die Coastguard nach dem um 19.00 Uhr ausgelösten Alarm noch 2 Stunden brauchte, um auszulaufen, obwohl ihr bewusst sein musste, dass die verschollene Kanutin wahrscheinlich spätestens ab 15.30 Uhr im Wasser trieb und ab 22.00 Uhr die Dämmerung einsetzte.

 

Trotz alldem sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Kanute, der das Päckchen mindestens 90 Minuten lang Richtung Strand schleppte, obwohl es kräftig wehte, wellte und strömte, harte Paddelarbeit geleistet hat und damit zeigte, dass er etwas vom Paddeln verstand. Aber bei Küstentouren reicht Kraft und Paddeltechnik allein nicht aus, zumindest nicht, um eine Gruppe sicher zurück an Land zu bringen.

 

Nigel Dennis geht in seiner Kritik dabei so weit, dass er meint, dass solche Fahrten typisch für Fahrten von Clubkameraden seien: Alle Mitpaddler sind hoch motiviert, aber selten ist einer so kompetent, um die Sicherheit der Gruppe zu gewährleisten. In seiner Kritik geht er so weit, dass er sogar für kleinere Gruppen fordert, dass sie mindestens von zwei „Leader“ (Fahrtenleitern) geführt wird. Für diesen Seenotfall vor „Holy Island“ mag er Recht haben; denn der erste Fahrtenleiter hätte sich um den Schleppverband kümmern können und der zweite um die immer mehr zurückfallende Kanutin. Aber was hätten diese beiden Fahrtenleiter gemacht, wenn alle vier Mitpaddler in Schwierigkeiten geraten wären und jeder diese Schwierigkeiten nur hätte überwinden können, wenn ihnen jeweils zwei starke Kanuten zur Seite gestanden hätten. Insofern sorgen auch bei kleineren Gruppen zwei Fahrtenleiter nicht für entscheidend mehr Sicherheit, wenn die einzelnen Mitpaddler der Gewässerschwierigkeit nicht mehr gewachsen sind. Der Vorteil von zwei Fahrtenleitern besteht allein darin, dass sie u.U. eher über den Sachverstand verfügen zu erkennen, dass die Mitpaddler von den Gewässerbedingungen überfordert werden könnten, und über die Autorität, den Mitpaddlern klar zu machen, dass sie bei dem Wetter und der Tide nichts auf dem Wasser zu suchen haben, wenn sie nicht ihr Leben riskieren wollen.

 

Text: U.Beier

Quelle: OCEAN PADDLER, Nr. 25/11, S.32-35

Link zum Nachlesen: http://oceanpaddlermagazine.com/3D-Issues/OP25-3D/