20.01.2012 Seenotfall bei ablandigem Wind & Strom (Ausbildung)

 

Die größten und unberechenbarsten Gewässerschwierigkeiten beim Küstenkanuwandern sind bei auflandigem Wind zu beobachten. Wir brauchen uns bei einem mit 5-6 Bft. blasenden auflandigen Wind nur mal am Spülsaum eines Strandes oder einer kleinen Bucht inmitten einer Felsküste hinstellen. Von dort aus können wir einen Seegang mit all seinen Facetten beobachten, z.B. aufbäumende Grundseen, hineinlaufende Brecher, quer laufende Kreuzseen sowie explodierende Klapotis, und das alles vermengt mit Gischt, die kein Auge trocken lässt. Kein „Freizeitpaddler“ käme bei dem Anblick eines solchen Wellentohuwabohus auf die Idee, mit seinem Kajak dort hinaus zu paddeln.

 

Anders sieht das schon aus, wenn es mit 5 – 6 Bft. ablandig bläst. Am Spülsaum merkt man davon meist nur wenig. Hügel, Dünen, Bäume bzw. Büsche verhindern, dass sich am Boden der Wind so richtig entfalten kann. Ab und an fegen wohl Böen über die Köpfe, aber die See ist nur leicht gekräuselt, zumindest unmittelbar am Ufer. 1 Kilometer weiter draußen sieht es aber schon anders aus.

 

Ablandiger Wind ist tückisch und kann deshalb gefährlicher sein als auflandiger Wind. Insbesondere weniger erfahrene Küstenkanuwanderer, denen es gar nicht bewusst ist, dass es nur wenige hundert Meter weit draußen sehr viel heftiger winden & wellen kann, können bei ablandigem Wind schnell in Schwierigkeiten geraten. Sie achten bei einer Tour entlang der Küste gar nicht darauf, bei ablandigem Wind ganz bewusst, ganz dicht entlang der Küste zu paddeln. Stattdessen paddeln sie einfach ihren einmal eingeschlagenen Kurs und erlauben es so, dass der zunächst harmlos erscheinende Wind sie hinaus treiben lässt in einen Bereich, wo der Wind plötzlich so stark bläst, dass man nur noch mit viel Paddeltechnik, Entschlossenheit, Kraft & Ausdauer dagegen an und wieder zurück ans Ufer paddeln kann. Wehe, wenn dann eine kräftige Böe sich am Paddelblatt verfängt. Eine Kenterung mit Ausstieg ist nicht mehr ausgeschlossen und ein Wiedereinstieg nur dann möglich, wenn das gekenterte Seekajak nicht vom Wind mitgenommen wird und die Mitpaddler die nötigen Wiedereinstiegs- und Lenztechniken beherrschen. In der Zwischenzeit treibt aber der Wind den Kenterbruder und seine Helfer immer weiter hinaus in den immer rauer werdenden Seegang. ……………………..!?

 

Einen solchen Fall schilderte 2005 John Kraske im SEA KAYAKER:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Seenotfallanalyse-X.pdf

 

Nun berichtet Nick Scoville im SEA KAYAKER über einen ähnlich gelagerten Fall, bei dem gleichzeitig auftretender ablandiger Strom für zusätzliche Schwierigkeiten sorgte:

 

„Guide to the Rescue:

A kayak tour guide spots a family caught far from shore in strong winds“

 

Drei Deutsche, Vater (57) und Mutter (<50) paddelten jeweils in breiten und nur 4 m langen Einer-Faltbooten mit ihrem Kind (9), welches in einem kurzen Einer-PE-Seekajak (470x56 cm) saß, entlang der Küste nahe Seattle, und zwar von Port Townsend Richtung Point Wilson Lighthouse (s. Google Earth)). Obwohl der Verleiher des Seekajaks die Eltern darauf hinwies, sich beim Paddeln nicht mehr als 150 m vom Ufer zu entfernen, querten sie eine Bucht auf dem kürzesten Weg. Ihr Ziel war wohl der am Ende der Bucht liegende Leuchtturm. Sie machen sich dabei wohl keine Gedanken darüber, dass der ablandige Wind (4 Bft. in Böen 5 Bft.) und der zur Küste zunächst parallel verlaufende Strom (2,7 km/h) sie langsam aber stetig auf die offene See hinaus treiben ließ. Als sie das schließlich merkten, waren sie ca. 1,5 km vom Ufer entfernt. Dort aber wehte, wellte & strömte es so stark, dass die Familie es nicht mehr gemeinsam zurück an den nahen Strand schaffte.

 

Nick (26), ein Guide, der mit seiner Gruppe gerade an Land zurückkehrte (18.00 Uhr), bemerkte schon vorher die dort draußen sich allmählich immer mehr von der Küste entfernenden drei Paddler. Da er die kritischen Gewässerbedingungen vor Ort kannte, beschloss er, sofort wieder hinaus zu paddeln und  zu den fremden Kanuten zu eilen.

 

Unterwegs begegneter er der Mutter, die alleine versuchte, das Land zu erreichen, was sie schließlich auch schaffte! Nach einem kurzen Informationsaustausch paddelte Nick weiter Richtung Vater & Sohn.

 

Schon von weitem bemerkt Nick, dass die beiden in dem immer höher werdenden Seegang kaum noch paddelten. Er teilte dem Vater mit, dass er seinen Sohn zurück an Land schleppen werde und bat ihn, ihm zu folgen. Dann schleppte er los, ohne den – wohl panisch reagierenden (!?) - Vater daran hindern zu können, in die falsche Richtung zu paddeln. Der Vater hatte wohl Probleme mit dem Seegang und paddelte gegen Wind & Strom auf den nahen Leuchtturm am Ende des Kaps zu, ohne jedoch zu bemerken, dass er sich immer mehr vom Land entfernte. Um wenigstens zunächst das Kind zu retten, behielt Nick seinen Kurs bei und erreicht um 18.30 Uhr das Land. Dort warteten schon die Mutter auf ihr Kind und der Boss des kommerziellen Küstentourenunternehmens auf Nick, seinen Guide.

 

Anschließend paddelte Nick wieder hinaus, um den total erschöpften Vater im draußen fast 1 m hohen Seegang zu entdecken und „einzufangen“. Er befestigte seine Schleppleine an seinem Faltboot und schleppte los. Nach 15 Minuten kenterte jedoch der Vater in der rauen See. Im Nu lief das Faltboot bis zum Süllrand voll Wasser … trotz „Seasock“ (Seasock = eine am Süllrand befestige Hülle, in dem der Kanute sitzt und die dafür sorgt, dass bei einer Kenterung Wasser nur in die Hülle, nicht aber in den Bootsrumpf eindringen kann; das funktioniert jedoch nur dann, wenn der „Seasock“ dicht ist und bei einer Kenterung mit Ausstieg nicht zusammen mit der Spritzdecke vom Süllrand gelöst wird!). Das Faltboot schwamm plan an der Wasseroberfläche und konnte daher nicht mehr mit einer Handpumpe gelenzt. Zwei Kenterschläuche hielt es an der Wasseroberfläche. Wiedereinstiegsversuche scheiterten jedoch daran, dass das Faltboot unterging, sobald der Vater sein Gewicht auf sein Boot verlagerte. Abgesehen davon war der Vater durch die lange Paddelei und die Kälte (bei 12° C Wassertemperatur war er nur mit einem T-Shirt bekleidet!) zur erschöpft, um selber noch aktiv zu seiner Rettung beizutragen. Das Faltboot wurde daher aufgegeben und Nick forderte den Vater auf, sich am Bug seines Seekajaks festzuhalten. Dann öffnete er seine Handluke, ergriff sein Handy und versuchte, um 18.56 Uhr die Polizei zu alarmieren.

 

Die Zeit drängte; denn in 1:40 h war Sonnenuntergang. Die Verständigung per Handy war wegen des Windes sehr schlecht und die Polizei anscheinend auf solch einen Seenotruf nicht vorbereitet. Zum Glück kam 5-10 Minuten später ein größeres Segelboot vorbei mit einem Schlauchboot im Schlepp. Aber irgendwie traute sich die durchweg etwas ältere Segelbootmannschaft (>80!) die Rettungsaktion nicht zu. Immerhin rief sie über UKW-Kanal 16 den Seenotfall aus („Mayday“) und benachrichtigte so die Coast Guard und die Schifffahrt. Ansonsten war sie peinlich darauf bedacht, mindestens 10 m Abstand zu Nick und dem Vater zu halten. Dabei hatte das Segelboot eine Hecktreppe, die Badende den Zu- und Abgang erleichtert.

 

Dann ging alles recht schnell: Vom nahen Hafen aus legte ein Fährschiff ab, änderte seinen Kurs und fuhr auf die beiden Kanuten zu. Gerade als ein Rettungsboot heruntergelassen wurde, eilte ein „Lotsenboot“, ein 5-Meter-Schlauboot, heran, zog den insgesamt ca. 30 Minuten im Wasser schwimmenden Vater an Bord, fragte Nick nach seinem Befinden, brauste an den nahen Strand, wo ein Krankenwagen schon wartete, und kehrte wieder zu Nick zurück, um ihm bis zum Strand Begleitschutz zu geben! Nach 20 Minuten war auch Nick angelandet.

 

Zwei Tage später bot Nick einen Rettungskurs im Schwimmbad an. Drei Teilnehmer kannte er schon, nämlich die drei aus Deutschland.

 

Text: U.Beier

Quelle: SEA KAYAKER, Nr. Febr. 2012, S.50-54 – www.seakayakermag.com