30.07.2012 Gruppenzusammenhalt bei Küstentouren (Ausbildung)

 

Ja, wie behält man als Fahrtenleiter bei einer Gruppen von Küstenkanuwanderinnen und –wanderern die Übersicht … und wie hält man all seine Mitpaddler zusammen?

 

Lösungen, Varianten, Grundsätze …

 

Nun, ganz einfach. Die Lösung lautet: „Last First“ , d.h.

 

 

Funktionieren tut das eigentlich nur dann, wenn der Langsamste vorne paddelt und alle anderen sich sehr diszipliniert zurück halten  …. was beim Stunden langen Paddeln den meisten schon recht schwer fällt:

 

è www.kanu.de/nuke/downloads/Langsamkeit-contra-Tempo.pdf

 

Eine Variante davon ist die „Nordfriesische Formation“:

 

 

Aber solch eine „Parallelfahrt“ lässt sich ab einer Gruppengröße von 4-5 Kanuten nur kurzzeitig erreichen, nicht aber erzwingen. Wind & Seegang und die kleinste Unachtsamkeit eines Kanuten beim Kurshalten sprengen sehr schnell eine solche Formation. Abgesehen davon, dass sie die Kommunikation der Kanuten untereinander erschwert – kann man sich doch nur mit seinen beiden unmittelbaren Nachbarn unterhalten – stellt sie bei Seegang ein Sicherheitsrisiko dar (è Kollisionsgefahr!); denn wenn einer nicht aufpasst und z.B. nach links abdriftet, müssen sofort alle Mitpaddler auf seiner linken Seite reagieren und ebenfalls nach links abdriften.

 

Was bleibt, ist für viele der „lockere Gänsemarsch“ (sog. „Entenpolonäse“):

 

 

Funktionieren kann das jedoch nur, wenn die Gruppe eine bestimmte Größe nicht überschreitet.

 

Gruppenprobleme

 

Zwei Kanuten reichen schon aus, um den ganzen Gruppenzusammenhalt wie eine Seifenblase zerplatzen zu lassen. Gründe dafür gibt es genug, z.B. Probleme mit

 

 

Gerade der letzte Punkt gibt häufig Anlass, die Mitpaddler „verzweifeln“ zu lassen. Da bleibt ganz plötzlich und unerwartet ein Mitpaddler zurück, um sich z.B. eine Jacke oder Mütze überzuziehen oder sich das Gesicht einzucremen oder sich einen Überblick auf der Seekarte zu verschaffen oder sein „kleines“ Geschäft zu erledigen, ohne das dem Gruppenverantwortlichen zu sagen. Ist der Gruppenzusammenhalt endlich wieder hergestellt, beginnt der nächste, unangemeldet seine Jacke überzuziehen …. usw. usf.

 

Konsequenzen & Ausnahmen

 

Erfahrenen Küstenkanuwandern sind sich dieser Probleme bei Gruppenfahrten mit nicht bekannten Mitpaddlern bewusst. Die meisten von ihnen ziehen daraus die Konsequenz, nur noch mit „seetüchtigen“ Kanuten aufs Meer hinaus zu paddeln, von deren „Gruppentauglichkeit“ sie überzeugt sind … und das auch nur bis zu max. 4-5 Bft. Wind (è max. „Salzwasserschwierigkeitsgrad“ (SSG) III). Das ist vernünftig; denn nicht seetüchtige Kanuten haben mit einem Kajak nichts auf dem Meer zu suchen, außer sie fahren so dicht entlang der Küste, dass sie jederzeit nach einer Kenterung schwimmend das sichere Ufer erreichen können … und das auch nur bis maximal 3 Bft. auflandigem Wind.

 

Ausnahmen bestätigen jedoch die Regel: Zwei erfahrene Küstenkanuwanderer können sich durchaus zutrauen, einen dritten, weniger erfahrenen Kanuten bis 3 Bft. Wind mit aufs Meer hinaus zu nehmen. Das sollten sie jedoch nur dann tun, wenn:

 

 

Für manche mag das etwas übertrieben klingen, aber andere sehen das ähnlich. Z.B.:

 

 

 

Ja, nicht seetüchtige Kanuten sind einfach nicht fit fürs Meer. Ihnen kann eine Gruppe – wenn überhaupt – nur unter extrem einfachen Bedingungen Schutz bieten. Deshalb ist, wenn im Folgenden von Gruppenzusammenhalt gesprochen wird, immer nur an Gruppen gedacht, deren Teilnehmer seetüchtig (d.h. zumindest seegangs-, kenter-, reise- und seenottüchtig) sind:

 

è www.kanu.de/nuke/downloads/Seetuechtigkeit.pdf

 

Wie aber kann der der Zusammenhalt einer Gruppe von seetüchtigen Küstenkanuwanderern positiv beeinflusst werden?

 

10-Punkte-Programm zur Förderung des Gruppenzusammenhalts

 

  1. Die Gemeinschaft gleich gesinnter Kanuten wird vom Fahrtenleiter vor Fahrtantritt unterteilt in Gruppen zu je 3-5 Kanuten. Die Unterteilung nimmt der Fahrtenleiter nach Absprache mit den Teilnehmern vor. Befreundete Teilnehmer sind möglichst derselben Gruppe zuzuordnen.
  2. Damit der Gruppenzusammenhalt gewährleistet ist, wird für jede Gruppe ein erfahrener Kanute als Verantwortlicher (Gruppenverantwortlicher) ausgewählt, der auf den engen Zusammenhalt innerhalb seiner Gruppe und den eher lockeren Zusammenhalt mit den anderen Gruppen aktiv zu achten hat.
  3. Eine Gruppe fährt voraus und bestimmt den Kurs. Die anderen Gruppen folgen im Abstand, ohne dabei sich gegenseitig zu stören oder gar zu behindern. Die Reihenfolge der Gruppen untereinander nimmt der Fahrtenleiter nach Absprache mit den Gruppenverantwortlichen vor.
  4. Jede einzelne Gruppe sollte so zusammengesetzt sein, dass sie zur Not – d.h. bei immer schwieriger werdenden Gewässerbedingungen – auch in der Lage ist, selbständig, also ohne den Zusammenhalt mit den anderen Gruppen aufrechtzuerhalten, so paddeln zu können, das kein Kanute der Gruppe zurückgelassen wird.
  5. Der für eine Gruppe verantwortliche Kanute sollte so paddeln bzw. seine 2-4 Gruppenteilnehmer so positionieren, dass er sie in seiner Gruppe ständig im Blickfeld hat. Er sollte weiterhin die ihm benachbarten Gruppe im Auge behalten, um ihnen letztlich folgen und bei Bedarf zu Hilfe kommen zu können.
  6. Der Abstand zwischen den Gruppen sollte so bemessen sein, dass eine Kommunikation (z.B. Rufen, Pfeifen, Sichtzeichen, weißes Achtung-Signal) zwischen den benachbarten Gruppen möglich ist. Ideal wäre es bei mehr als drei Gruppen, wenn die Gruppenverantwortlichen mit Sprechfunkgeräten ausgerüstet sind, damit diese bei Bedarf schnell Kontakt untereinander aufnehmen können. Meist muss man sich jedoch damit begnügen, den Blickkontakt zu den anderen Gruppen zu suchen bzw. nicht zu verlieren.
  7. Die Gruppeneinteilung braucht nur dann eingehalten zu werden, wenn die Gewässerbedingungen anfangen, „kritisch“ zu werden. Der Fahrtenleiter bestimmt, ab wann in Gruppen zu paddeln ist (z.B. bei Wind ab 4-5 Bft., Grundseen, Stromkabbelung (Tide Races), Untiefen) bzw. ab wann alle Gruppen zu einer eng zusammenhängenden Gruppe (Pulk) zusammenkommen sollen (z.B. bei Querung eines dicht befahrenen Fahrwassers).
  8. Auch wenn nicht in Gruppen zu paddeln ist, d.h. jeder mit jedem zusammen paddeln kann und „darf“, sollte jeweils der für eine Gruppe verantwortliche Kanute die Mitpaddler seiner Gruppe nicht aus den Augen verlieren.
  9. Wenn wegen der zunehmenden Gewässerschwierigkeiten der Kontakt zum Fahrtenleiter nicht mehr aufrechterhalten werden kann, entscheidet letztlich jeder Gruppenverantwortliche für sich, wann er mit seiner Gruppe den Zusammenhalt mit den anderen Gruppen aufgibt und versucht, seine Gruppe allein sicher zurück an Land zu bringen.
  10. Der Fahrtenleiter hat darauf zu achten, dass der Zusammenhalt zwischen den einzelnen Gruppen gewährleistet ist und alle Gruppen der ersten Gruppe, die den Kurs vorgibt, folgen können. Bei zwei bis drei Gruppen kann der Fahrtenleiter auch zugleich verantwortlich für eine Gruppe sein. Ab vier Gruppen bietet es sich an, dass der Fahrtenleiter - möglichst mit Unterstützung einiger erfahrener Kanuten - allein nur für die Aufrechterhaltung des Zusammenhalts der einzelnen Gruppen untereinander bzw. für die Unterstützung der Gruppenverantwortlichen zuständig ist.

 

Last not Least

 

Je größer die Teilnehmerzahlen und je mehr Gruppen es gibt, desto schwere wird es, für den nötigen Gruppenzusammenhalt zu sorgen. Jeder Fahrtenleiter sollte es sich daher überlegen, ob er es wirklich verantworten kann, Küstenkanuwandertouren mit mehr als 2-3 Gruppen zu veranstalten. Die Gefahr, dass einzelne Kanuten den Gruppenzusammenhalt sprengen oder den Anschluss zur Gruppe verlieren, ist einfach zu groß. Vielfach ist ohne Rückendeckung durch motorisierte Hilfskräfte die Sicherheit der einzelnen Teilnehmer nicht mehr zu gewährleisten.

 

Je höher die Gewässerschwierigkeiten werden, desto eher ist mit Problemen zu rechnen, die den Gruppenzusammenhalt in Frage stellen können. Der Fahrtenleiter sollte daher schon beim Angebot einer Küstentour z.B. in einem Info-Blatt zur Tour deutlich machen, mit welchen Schwierigkeiten (è Wind, Welle, Strömung; Fahrtstrecke/-dauer) zu rechnen ist und welche Erfahrungen (z.B. 5er-Wind-, Brandungs-, Rollerfahrungen; Ausdauer) vorausgesetzt werden. Er kann auf diese Weise erreichen, dass u.U. jene Interessenten von sich aus auf die Teilnahme verzichten, die nicht so leistungsfähig sind. Weiterhin bietet es sich an, von den ihn nicht bekannten Interessenten einen Personalbogen ausfüllen zu lassen, in dem Auskunft über den Ausbildungs- und Leistungsstand zu geben ist. Wie das aussehen kann, ist dem Info-Blatt eines EPP 3 (Kurses) zu entnehmen:

 

è www.kanu.de/nuke/downloads/Kurs-Spiekeroog-Info.pdf

 

Den Gruppenzusammenhalt zu gewährleisten erfordert „Disziplin“ von jedem einzelnen. Der Fahrtenleiter und die einzelnen Gruppenverantwortlichen können jedoch dazu beitragen, dass es den Teilnehmern leichter fällt, „diszipliniert“ zu paddeln:

 

 

Schließlich sollte der Fahrtenleiter ausdrücklich darauf hinweisen, dass jeder Kanuten seinen Gruppenverantwortlichen persönlich darüber zu informieren hat, wenn er aus welchen Gründen auch immer (z.B. Fotografieren, Seehundwatching), pausieren bzw. die Gruppen verlassen möchte.

 

Gruppenfahrten hinaus aufs Meer, die als Wanderfahrt ausgeschrieben sind, sollten nicht zu Wettfahrten „entarten“. D.h. man startet gemeinsam, paddelt gemeinsam und landet auch wieder gemeinsam an. Zwischenspurts stressen nur die schwächeren Mitpaddler und schon Kilometer vor dem Ziel angesetzte Endspurts sprengen den Gruppenzusammenhalt und stellen u.U. ein Sicherheitsproblem dar, tragen aber zumindest zur Demotivation der Letzten bei.

 

Gruppen bei „Schönwetter“ zusammenzuhalten, ist meist kein Problem, wohl aber bei „Schlechtwetter“. Wenn man gegen einen 5er Wind anpaddeln muss und das zu allem Überfluss auch noch über Flachwasserbereiche, dann muss die Geschwindigkeit über Grund stimmen, wenn man nicht auf der Stelle paddeln möchte. Es gibt dann Momente, wo es besser ist, umzukehren als weiter zu paddeln. Wenn man sich aber für das Weiterpaddeln entschieden hat, weil das angepeilte Ziel zum Greifen nahe ist, muss ab & an mal der Zusammenhalt zur nächst folgenden Gruppe – jedoch nicht auf Kosten der Sicherheit -etwas gelockert werden, damit alle Mitpaddler sehen, dass es doch vorangehen kann, wenn man seine letzten Kräfte mobilisiert.

 

Text: Udo Beier

Links:

è www.kanu.de/nuke/downloads/Gruppenfahrten.pdf

è www.kanu.de/nuke/downloads/Kameradschaft.pdf

è www.kanu.de/nuke/downloads/Gemeinschaft.pdf

è www.kanu.de/nuke/downloads/Angstbewältigung.pdf

è www.kanu.de/nuke/downloads/Solotouren.pdf

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