07.10.2012 Freya Hoffmeister: Same Procedure as Every Day? - Freyas 290. + 291. Fahrtentag (Ausbildung)

 

Was macht denn Freya Hoffmeister? Eigentlich passierte bislang nichts Aufregendes! (Stand: 6.10.12) Liegt das etwa daran, dass sie nun bei der 2. Etappe ihrer auf 3 Etappen angesetzten Tour rund Südamerika seit 43 Tagen von ihrem dänischen Freund Peter Unold begleitet wird und im Team Gefahren eher umschifft werden, als wenn solo gepaddelt wird? Oder haben wir uns - zumindest ich mich - daran gewöhnt, dass die beiden seit dem 25.08.12 fast jeden Tag von 8 bis 17 Uhr unterwegs sind in Richtung Nord, und sich langsam aber stetig mit 30-50 km/Tag Peru nähern und folglich auch dem Äquator?

 

Wann wird gestartet?

 

Dabei paddeln die beiden doch in einem der schwersten Seekajakreviere der Welt, nämlich der Pazifikküste Südamerikas. Zurzeit kämpfen sie sich seit ihrem Start in Valparaiso noch entlang der endlosen chilenischen Brandungsküste. Insgesamt haben sie bisher über 1.300 km zurückgelegt. Bislang ist alles gut gelaufen. Kein einziges Mal benötigten sie fremde Hilfe, um mit ihren Seekajaks z.B. durch die Brandung raus bzw. rein zu kommen. Auf der ca. 1.100 km langen „Endspurt“-Strecke der 1. Etappe zwischen Puerto Montt und Valparaiso war das noch anders. Insgesamt 7x nahm Freya damals beim Starten bzw. Anlanden die Hilfe chilenischer Fischersleute in Anspruch.

 

Das Rezept für „Safer-Surf-Sea-Kayaking“ (I):

 

  1. Wenn die Brandung zu hoch ist, wird einfach nicht gestartet.
  2. Außerdem geht es nur aufs Wasser, wenn die Wetterprognose zumindest so weit okay ist, dass gute Chancen bestehen, beim nächsten ausgesuchten Anlandeplatz auch anlanden zu können.
  3. Ansonsten wird geduldig auf eine Verbesserung der Seegangsverhältnisse gewartet.

 

Wie werden Anlande- bzw. Startplätze gefunden?

 

Freya hat bezüglich des Aussuchens von Anlande- und Startplätzen jahrelange Erfahrungen. Hat sie doch Island, Neuseelands Südinsel und Australien nicht non-stop umrundet. GOOGLE EARTH ist ihr dabei eine unverzichtbare Hilfe; denn die von ihr mitgeführten topografischen Karten 1:400.000 liefern nicht jene Informationen, die wir von Karten 1:50.000 gewöhnt sind. Warum aber greift sie nicht auf 1:50.000er Karten zurück? Nun, erstens sind Karten mit solchem Maßstab in Südamerika nicht immer erhältlich, und zweitens würden die Transportkapazitäten ihrer Seekajaks überfordert, wenn für eine 2-3 Monate dauernde Zwischenetappe die nötigen Karten 1:50.000 mitgeschleppt werden müssten. Aber warum auch? Freya hat ein Notebook dabei und dank GOOGLE EARTH zoomt sie sich an die Pazifikküste von Südamerika heran und hält täglich Ausschau nach dem nächsten Anlandeplatz.

 

Wie solch ein Anlandeplatz auszusehen hat, weiß sicherlich Freya am besten. Bei einer 2-4 m hohen Dünung, die sich an der Küste zu einer noch höheren Brandung aufbäumt, bevor sie über die Felsen bzw. den Strand tost, müssen nämlich schon ein paar Bedingungen erfüllt sein.

 

Das Rezept „Safer-Surf-Sea-Kayak“ (II) dazu lautet:

 

 

Manchmal kann man das über GOOGLE EARTH erkennen, aber nicht immer. Das weiß auch Freya, so dass sie sich nicht damit begnügt, vorher nur einen einzigen Anlandeplatz auszusuchen. Vielmehr kundschaftet sie vor dem Start mehrere Anlandeplätze aus, die während einer Tagesetappe zu erreichen sind, und paddelt dann am Ende eines Tourentages nacheinander die ausgesuchten Plätze an. Derjenige Platz, der als erster einen „zufriedenstellenden“ Eindruck macht, an dem wird dann angelandet.

 

GOOGLE EARTH liefert aber nicht nur topografische Hinweise über die Eignung eines Anlandeplatzes, sondern auch noch weitere. Stehen z.B. am Rande der Bucht Häuser, kann u.U. davon ausgegangen werden, dass es in der Bucht auch Ecken gibt, wo der Seegang nicht so stark brandet … und gehören diese Häuser zu einer Fischersiedlung, dann gibt es mit großer Wahrscheinlichkeit auch dort einen geeigneten Landeplatz - wenn Freya Pech hat - jedoch nur für Motorboote.

 

Auch am 290. Tourentag seit dem Start in Buenos Aires (Argentinien) Ende August 2011 haben die beiden auf diese Weise ihren Anlandeplatz, die Caleta Atala im Norden von Chile ausgesucht:

 

http://maps.google.com/?q=-22.2816,-70.2424 (Wer die Karte bzw. das Satellitenfoto genügend vergrößert, erkennt deutlich, dass dieser Bucht mehrere Felsvorsprünge vorgelagert sind, die jenen Schutz vor Brechern bieten, die Freya & Peter benötigen, um sicher anlanden zu können! Außerdem ist diese Bucht besiedelt!)

 

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection2Stage9Chile6AntofagastaArica#5799101413543848322

 

Die Punta Copaca war wohl die erste Anlandealternative, aber sie wurde bei der Besichtigung vor Ort verworfen:

 

http://freyahoffmeister.com/2012/10/07/sat-0610-2012-day-290/

 

„Hinter der Punta Copaca lag lt. GOOGLE EARTH ein kleiner geschützter Strand und vor Ort wurde auch der Strand entdeckt, aber der Felsvorsprung am Rand der Bucht bot keinen ausreichenden Schutz vor der 3-Meter-Dünung, die vom Südwesten her anrollte; denn die Dünung lief einfach um die eigentlich geschützte Ecke der Bucht herum und überspült mit seinen Brechern die gesamte Bucht.“

 

„Als nächstes kam die Bucht hinter der Punta Atala in Frage. Der Felsvorsprung ragte steil aus dem Meer heraus. Die Dünung brach davor mit viel Getöse, aber sie rollte nicht um die Ecke herum. Dahinter lag nicht nur ein geschützter Strand, sondern es lagen dort noch 6 Fischerboote. Ein gutes Zeichen … auch wenn der Strand recht steil und mit Felsen durchsetzt war und kleinere Dünungswellen immer und immer wieder den Strand hochspülten!“

 

Wie wird angelandet?

 

Nachdem sie sich fürs Anlanden in der Caleta Atala entschieden hatten, mussten sie nur noch den richtigen Moment zum Anlanden abpassen. Üblich ist es bei Gruppenfahrten, dass beim Anlanden unter Brandungsbedingungen:

 

 

Übrigens, beim Starten ist es genau umgekehrt:

 

·         Der erfahrenste Kanute startet als letzter, nachdem er hintereinander allen seinen Mitpaddlern geholfen hat, durch die Brandung hinaus zu paddeln.

(è Fahrtenleiterregel: „First in, last out!“)

 

Ohne Zweifel ist keiner erfahrener als Freya. Deshalb paddelte sie beim Anlanden vor, wartet den richtigen Moment ab, um hinter einem gerade durchrauschenden Brecher an den Strand zu paddeln, sprang aus ihrer Sitzluke heraus ins hüfttiefe Wasser, bevor die anrollende Brandungswelle wieder zurück ins Meer rauschte, ergriff den Bugtoggle ihres Seekajaks und zog es mit Hilfe des nächsten anrollenden Brechers hoch hinauf auf den trockenen Strand.

 

Anschließend war Peter dran. Geduldig wartete er – im Gegensatz zu früher - dieses Mal, bis Freya für ihn bereit stand, dann spurtete er hinter einem Brecher her, landete an, sprang aus seiner Sitzluke (während Freya nach dem Bugtoggle griff und sein Seekajak sicherte), stolperte wohl, verlor sein Gleichgewicht und wurde auf allen Vieren vom nächsten Brecher hoch auf den Strand gespült.

 

In der Tat, das kann auch eleganter ablaufen. Aber woher wissen wir, ob der steile Strand der Caleta Atala zu diesem Zeitpunkt eine trockenere Landung überhaupt zugelassen hätte?!

 

Nachtrag

 

Nach dem Lesen der ersten 43 Berichte der 2. Etappe rund Südamerika hatte ich den Eindruck, dass bislang nichts Aufregendes passiert ist. Lediglich der letzte Bericht vom 290. Tourentag erschien mir erwähnenswert zu sein, da Freya hier andeutete, an was sie alles denkt, wenn sie durch die Brandung sicher anlanden bzw. starten möchte.

 

Da ich ihre Schilderung vorbildhaft fand, hatte ich versucht, die Kernpunkte insbesondere sicheren Anlandens unter Brandungsbedingungen herauszuarbeiten … um dann festzustellen, dass schon am nächsten Tourentag, dem 291. Tag, Freya selber sich nur noch teilweise daran hielt:

 

è http://freyahoffmeister.com/2012/10/08/sun-0710-2012-day-291-6/

 

Ja, so schnell kann es passieren, dass die eigenen Grundsätze ignoriert werden:

 

Freya & Peter wollten im chilenischen Hafenort Tocopilla einen Zwischenstopp einlegen, um u.a. ihre Trinkwasservorräte aufzufüllen. Zum Anlanden kam aber nur ein etwas steilerer Sandstrand infrage, der ungeschützt der Brandung ausgesetzt war. Auf GOOGLE EARTH ist bei entsprechender Vergrößerung das deutlich zu erkennen:

 

è http://maps.google.com/?q=-22.0878,-70.1978

 

Statt zum Hafen zurückzupaddeln, riskierten aber beide mit dem Anlanden das „Stranden“ am Sandstrand:

 

·         Freya versuchte es als erste. Kaum dass sie – jedoch viel zu nah am Strand - auf Position gegangen war, um von dort aus den rechten Moment zum Anlanden durch die vor ihr liegende Brandungszone abzupassen, bauten sich unbemerkt hinter ihr ein paar größere Dünungswellen zu „Sturzbrechern“ auf, die so plötzlich kurz hinter ihr brachen, dass sie kerzte und kenterte (das erste Mal mit ihrem neuen Seekajak). Als sie wieder hoch rollte, kam schon die nächste Dünungswelle herein, steilte auf, brach, überspülte sie, schlug sie quer und nahm sie im Seitwärtssurf mit auf den Strand. Mit etwa Glück & Geschicklichkeit kam sie aus ihrer Sitzluke raus und konnte mit Hilfe des an den Strand rauschenden Wassers des nächsten Brechers ihr Seekajak ins Trockene ziehen.

 

·         Nun war Peter dran. Da er erlebte, unter welchen Umständen Freya den Strand erreicht hatte, war er gar nicht mehr so sicher, ob das der richtige Anlandeplatz für ihn war. Per UKW-Sprechfunk nahm er Kontakt mit Freya auf, die ihn trotz allem dazu überredete, zu versuchen anzulanden. Er möge nur auf ihr Signal zum Anlanden achten. Ab dann lief alles wieder vorbildhaft ab. Wohl wissend, dass die Düngung immer im Gruppen angerollt kommen, wobei nicht nur jede „siebte“ Gruppe besonders hoch aufläuft, sondern auch jede „siebte“ besonders niedrig ausfällt, beobachteten beide den Seegang und warteten und warteten sehr geduldig darauf, dass irgendwann mal, wenn auch nur für einen kurzen Moment, etwas niedrigere Dünung angerollt kam. Als es endlich so weit war, gab Freya, die von Land aus den Seegang besser überblicken konnte, schließlich das Okay-Zeichen zum Anlanden. Peter spurtete los und surfte kurz darauf problemlos durch kleinere Brecher hindurch hinauf auf den Strand. „Lucky Peter today!“, meinte Freya. Nun, jeder ist seines Glückes Schmied. Ohne die nötige Portion „Geduld“ hätte dieser Strandgang auch als „Strandung“ enden können!

 

Lassen wir „Daheimgebliebene“ uns überraschen, wie sich Freya & Peter weiter vorkämpfen werden Richtung Äquator. Am 292. Tourentag lief zumindest alles wieder vorbildhaft ab:

 

Die Wind- und Swell-Prognose (Swell = Dünung) versprach für die nächsten beiden Tage schwierige Gewässerbedingungen. Folglich blieben beide vorsichtshalber an Land, auch wenn am frühen Morgen noch alles unschwierig aussah.

 

Jetzt hatten sie wenigstens etwas Zeit, sich um ihre Homepage, Lebensmittelversorgung und Ausrüstung (hier: Steuerblattersatzbeschaffung) zu kümmern.

 

Text: U.Beier

Link:

Freya’s Blog: http://freyahoffmeister.com/freyas-blog/

s. auch: www.kuestenkanuwandern.de/ausbild/120426.html

Fotos:

 

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection2Stage8Chile5ValparaisoAntofagasta#5793986002377024866

 

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection2Stage8Chile5ValparaisoAntofagasta#5793996501508349986

 

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection2Stage8Chile5ValparaisoAntofagasta#5793983521388407410

 

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection2Stage8Chile5ValparaisoAntofagasta#5793983503142780290

 

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection2Stage8Chile5ValparaisoAntofagasta#5793982886924161954

 

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection2Stage8Chile5ValparaisoAntofagasta#5793982566089593026

 

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection2Stage8Chile5ValparaisoAntofagasta#5793981964328555906

 

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection2Stage8Chile5ValparaisoAntofagasta#5789127093989938194

 

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection2Stage8Chile5ValparaisoAntofagasta#5789125599751213394

 

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection2Stage8Chile5ValparaisoAntofagasta#5785434202094968642