18.11.2012 Team-Towing an Freyas 328. Fahrtentag (Ausbildung)

 

Es hängt meist vom „Blickwinkel“ ab, wie wir einen Sachverhalt beurteilen. Beim Schleppen eines Mitpaddlers unterwegs auf dem Meer ist mir das mal wieder dank eines im SEA KAYAKER (Dec. 1997, S.34-37) erschienenen Beitrags von Wayne Horodowich zum Thema:

 

„Team Towing: A New Way to Think About Towing“

 

deutlich geworden. Horodowich zeigt überzeugend auf, dass Schleppen nicht nur dann in Frage kommt, wenn es Probleme gibt, z.B.:

 

 

sondern auch z.B. weil:

 

 

In diesem Zusammenhang stellt Horodowich eine Verbindung zwischen Schleppen und Zweier-Paddeln her; denn in den Zweier setzt man sich i.d.R. doch nur aus den folgenden Gründen:

 

 

Gerade beim letzten Grund stellt sich hier die Frage, warum deshalb unbedingt im Zweier zu paddeln ist? Einer-Paddeln kommt doch eigentlich unserem Interesse viel näher!? Wenn ich will, kann ich doch auch im Einer immer bei einem Partner paddeln, und zwar neben und nicht hinter oder vor ihm, kann ihm direkt ins Gesicht sehen, statt immer über die Schulter schauen zu müssen, spritze ihn nicht mehr nass und werde auch nicht mehr von ihm nass gespritzt! Außerdem kann ich mein Tempo paddeln, meinen Kurs fahren und unterwegs auf dem Wasser auch mal mit jenen zusammen paddeln und mich mit ihnen unterhalten, die ich besonders mag … Auf das alles verzichte ich mehr oder weniger als Zweier-Paddler, nur weil ich ab und zu bei Gegen-/Seitenwind- bzw. Gegenstrompassagen bzw. in der letzten Stunde einer z.B. 6-stündigen Tagestour nicht mehr so recht mithalten kann oder will. Was spricht dagegen, sich in solchen Momenten vom stärksten Mitpaddler schleppen zu lassen, statt den ganzen Tag, den ganzen Paddelurlaub im Zweier zu verbringen?

 

Wer Zweier paddelt, bringt vielfach zum Ausdruck, dass einer der Zweier-Paddelgemeinschaft der „Schwächere“ ist. Kein anderer nimmt daran Anstoß. Keiner macht sich darüber irgendwelche Gedanken. Und auch der schwächere Zweier-Paddler käme nicht auf Idee, es peinlich zu finden, dass er im Zweier nur die „zweite Geige“ spielt. Es wäre doch nur logisch, wenn als Alternative solch sporadische Schleppaktionen während eines längeren Paddeltages ebenso neutral angesehen werden. Was heißt hier „neutral“, eigentlich müsste wir es positiv sehen, wenn jemand sich im Einer versucht und sich nur dann helfen lässt, wenn die Bedingungen etwas anstrengender werden!?

 

Und was hat das mit Freya Hoffmeister zu tun? Nun, am 328. Fahrtentag rund Südamerika hatten Freya & Peter viel vor. Sie wollten vom Campo Alegre bis zum 69 km entfernten Cerro Azul paddeln. In Anbetracht dessen, dass sie bislang im Tagesschnitt um die 5 km/h schnell waren, bedeutete das, an diesem Tag zwischen 13-14 Stunden paddeln zu müssen. Schon im Dunkeln gingen sie daher aufs Wasser. Die Uhr zeigte 5.15. Geplant war, bei Sonnenuntergang um18.10 Uhr wieder anzulanden; denn bei den hier vorherrschenden Brandungsbedingungen und den typischen steileren felsdurchsetzen Kies-Stränden war es nämlich nicht ratsam, erst im Dunkeln nach einem geeigneten „Landeplatz“ Ausschau zu halten und - wenn man ihn schließlich gefunden hat - dann dort auch anzulanden. Zunächst wurde die Tagesetappe flott angegangen, dann aber setzte ein Wind aus Nord-West ein, der erst mit 10 Knoten (Ende 3 Bft.), später mit 15 Knoten (Ende 4 Bft.) gegenan blies. Außerdem verabschiedete sich der bislang konstant Richtung Nord fließende Humboldtstrom. Ca. 15 km vor dem angepeilten Landeplatz im Cerro Azul zeigte ihr GPS an, dass sie erst bei einsetzender Dunkelheit anlanden würden. Sie mussten also ihr Tempo steigern … aber wie? Paddelten sie doch schon den ganzen Tag mit voller Kraft!

 

Ja, … bislang hatte Freya immer wieder ihrem Dänen geholfen, nun war er mal dran. Galt es doch, 15-20 Minuten früher als angezeigt den angepeilten Platz zu erreichen.

 

„It was up to me to decide to pull out this last safety option, as obviously it was may pride to break and to go on the hook and to use Peter’s still a bit stronger paddling power to get us both in safely in time.“ (Saftey first, Stolz beiseite: „Peter, Du hast mehr Power. Nimm mich an den Haken und lass uns Tempo machen, um noch vor Einbruch der Dunkelheit anzulanden.“) è http://freyahoffmeister.com/2012/11/14/tue-1311-2012-day-328/

 

Gesagt, getan. Punkt 18.10 landeten sie an, genau als die Sonne am Horizont verschwand.

 

Dank an Freya! Bislang hat sie uns gezeigt, dass es kein Zeichen der „Schwäche“ ist, nur mit durchschnittlich 5 km/h um Australien und nun auch um Südamerika herumzupaddeln. Mit der Inanspruchnahme der Hilfe ihres Teamkollegen haben wir nun erfahren, dass es keine „Schmach“ bedeutet, mal kurzzeitig geschleppt zu werden. Warum denn bloß? Auch wer im Team geschleppt wird, paddelt weiter!? Und: Geschleppt zu werden, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eines von Team-Geist … eines Team-Geistes, der beim Marathonpaddeln Usus ist, z.B. wenn man Konkurrenten erlaubt, auf Welle zu paddeln. Aber auch andere Sportarten bieten sich als Vorbild an: z.B. das Bergsteigen, bei dem das Sicherungsseil nicht nur zur Eigensicherung dient; oder das Rennradfahren bzw. das Marathonskating (zu Land und auf Eis), bei dem man nur gewinnen kann, wenn Dritte einem vorher erlauben, in ihrem Windschatten zu fahren bzw. zu gleiten.

 

Text: U.Beier