04.01.2013 Warum ein zuhause gelassenes Buch einen Seenotfall auslösen kann! (Ausbildung)

 

Im SEA KAYAKER versucht Aras Kriauciunas in dem Beitrag:

 

„The economics of safety“

 

zu analysieren, welche Faktoren dafür bestimmend sind, wann wir auf Küstentour gehen und wann nicht. Er arbeitet insgesamt die drei folgenden Faktoren heraus:

 

F = erwartete Freude während der Küstentour

L = erwartetes Leid während der Küstentour

G = entgangener Nutzen alternativer Gelegenheiten

 

und zeigt graphisch deren Einfluss auf die Go- oder No-Go-Entscheidung auf. Statt mit einer Graphik können wir jedoch auch z.B. mit der folgenden Formel arbeiten:

 

P = (F minus L) > G

 

denn nur wenn der „Nutzen einer Paddeltour“ (P), der sich aus der Differenz von “Freude” und „Leid“ ergibt, größer ist als der „Nutzen alternativer Gelegenheiten“, wird hinaus aufs Meer gepaddelt.

 

Um es vorwegzunehmen, mit dieser Formel kann praktisch nicht kalkuliert werden, da wir nicht in der Lage sind, untereinander vergleichbare Werte für F, L und G zu ermitteln. Abgesehen davon werden weniger erfahrene Küstenkanuwanderinnen und -wanderer nicht in der Lage sein, das Ausmaß von „Leid“, welches sie u.U. bei kritischer werdenden Gewässerbedingungen erleiden könnten, voll zu erfassen. Mangelt es ihnen doch meistens an:

 

 

Dennoch ist diese Formel nicht ganz wertlos:

 

Sie verdeutlicht uns nämlich das Zusammenspiel zwischen „Freude & Leid“, insbesondere aber den Einfluss „alternativer Gelegenheiten“ auf unsere Entscheidung, mit den Seekajaks zu starten oder nicht zu starten.

 

Bei der Tourenplanung und -durchführung sollten wir daher G gleichermaßen berücksichtigen wie wir es mit F und L tun. Und für den Fall, dass kritische Gewässerbedingungen bevorstehen, sollte sich z.B. ein Fahrtenleiter überlegen, wie er die „alternativen Gelegenheiten“ attraktiver gestalten könnte, damit seine Mitpaddler seinen Vorschlag, einen Ruhetag einzulegen, statt hinaus ins „Ungewisse“ zu paddeln, zumindest ohne großes „Murren“ akzeptieren.

 

Und an was für „alternative Gelegenheiten“ ist hier zu denken?

 

Nun, auf einem guten Übernachtungsplatz legen wir eher einen Ruhetag ein, um eine Schlechtwetterfront durchziehen zu lassen, als auf einem unebenen, bei einem Dauerregen schnell unter Wasser stehenden, voll dem Wind und der Gischt ausgesetzten Platz, der nichts, aber auch gar nichts bietet, um den Ruhetag ohne große Langeweile zu überstehen. Wenn ein solcher Platz dann auch noch eine schöne Aussicht hat, in der Sonne liegt, genügend Auslauf- bzw. Ausflugsmöglichkeiten bietet und in der Nähe Trinkwasser nachgefüllt werden kann, ist das ein Trumpf, der spätestens am 2. oder gar 3. Zwangs-Ruhetag sticht, wenn es heißt: „Stürzen wird uns in die aufgewühlte See oder bleiben wir noch einen weiteren Tag an Land?“

 

Die Entscheidung für eine Zwangspause wird auch erleichtert, wenn:

 

 

Die Bedeutung „alternativer Gelegenheiten“ (G) soll im Folgenden beispielhaft veranschaulicht werden:

 

1) Alternativen, die den Tourenstart beeinflussen können

 

Wir haben uns eine „Traumtour“ ausgedacht, bei der alles stimmen wird: Land & Leute, Wind, Wellen & Wasser und Fauna & Flora. Sie wird uns bei abwechslungsreichen Gewässerbedingungen durch eine atemberaubende Landschaft mit geschützten Pausenplätzen führen, deren Tagesetappen machbar sind und stets in Traumbuchten enden. Mehr „Freude“ wird uns eine Tour kaum bieten können!? Und dennoch kann es passieren, dass wir solch eine Tour nicht wie geplant machen werden.

 

 

 

Aber was ist, wenn wir zu diesem Zeitpunkt über keine Alternativen verfügen, weil z.B. das Urlaubsgesuch genehmigt ist, aber nicht mehr zurückgezogen werden kann; ein neues Urlaubsgesuch für eine später dann angesetzte Tour nicht mehr genehmigt wird; alles gepackt ist; der Hund schon in der „Hunde-Pension“ untergebracht ist; und der Partner – wie verabredet - sich wegen eigener Unternehmungen verabschiedet hat? Ja, dann geht der Wert für G auf Null herunter oder wird u.U. sogar negativ! Alles spricht also dafür, unsere „No-Go“-Entscheidung mangels „alternativer Gelegenheiten“ zu überdenken. Spätestens jetzt beginnt der Zeitpunkt, ab dem wir unsere Bewertungen für F und L korrigieren, um doch noch einen Start zu rechtfertigen. D.h. wir werden also eine Höherbewertung von F vornehmen (è „Das ist die letzte Chance, eine solche Tour zu machen!“) und für L einen niedrigeren Wert ansetzen (è „Lasst uns erst einmal zum Startort fahren! Vielleicht trifft der Seewetterbericht für das von uns ausgewählte Revier nicht zu?“) - Ja, und dann stehen wir am Startort. Es stürmt, der Regen kommt waagerecht und die See ist weiß. Da nehmen wir schnell auch eine Neubewertung von G vor und fahren anschließend wieder Heim, weil es einem plötzlich bewusst wird, dass es zuhause doch noch Alternativen gibt, die einem Aufenthalt an der Küste bei diesem Schietwetter vorzuziehen sind.

 

 

 

Die „alternative Gelegenheit“ kann jedoch auch eine alternative Küstentour in einem anderen Revier sein. Statt bei Gegenwind und Strom-gegen-Wind-Bedingungen z.B. auf der Nordsee in Nordfriesland zu paddeln, bietet es sich u.U. an, stattdessen gleich z.B. zur Schlei zu fahren und mit Rückwind 1-2 Tage bis nach Schleimünde zu paddeln. Dort angekommen können wir immer noch sehen, wie die Gewässerbedingungen sich entwickeln werden. Auf alle Fälle bietet die Ostseeküste bei Wind aus West etwas Windschutz (è ablandiger Wind), sodass wir dort relativ windgeschützt weitere 1-2 Tage paddeln und biwakieren können. Spätestens nach 3-4 Tagen wird sich aber die Wetterlage sicherlich so geändert haben, dass wir noch weitere Paddelmöglichkeiten entlang der Ostseeküste nutzen können, auch wenn der Wind dreht und auflandig bläst.

 

2) Alternativen, die den Tourenablauf beeinflussen können

 

Wir sind z.B. schon 4 Tage unterwegs. Jeden Tag wurde von morgens bis abends gepaddelt. Am nächsten Tag sollte es hinausgehen, weit hinaus bis zu einer einsamen Insel. Aber: Am Morgen des 5. Fahrtentages windet & wellt es. 5 Bft. Wind in Böen 7 Bft. sind angesagt und Regenschauer. Wird gepaddelt? Nun, auch wenn wir meinen, dass wir bei einer solchen Querung mehr „Freude“ als „Leid“ (F>L) erfahren werden, d.h. die Etappe machbar ist, ist es uns bewusst, dass es eine sehr anstrengend Tour wird und dass es ungewiss ist, wie die Übernachtungsmöglichkeiten draußen auf der Insel sind.

 

 

 

 

 

 

3) Alternativen, die das Tourenende beeinflussen können

 

Wer hat das nicht schon einmal unterwegs auf einer Küstentour erlebt. Es wird ein letztes Mal übernachtet. Am nächsten Morgen soll z.B. ein Hafen angelaufen und die Tour dort beendet werden. Am übernächsten Tag geht es nämlich wieder zur Arbeit …. Aber für diese letzte Etappe werden 6 Bft. und in Böen 7-8 Bft. prognostiziert … zu viel für einige Mitpaddler.

 

 

 

 

(F-L) > (-G)  è (F-L)+G > 0

 

und zwar allein schon deshalb, weil wir in solch einer Situation dazu neigen, uns „schön zu rechnen“, d.h.

 

F = wird zu hoch angesetzt: „Bei dem Seegang macht es doch erst richtig Spaß. Das sind doch die idealen Surfbedingungen.“

L = wird zu niedrig angesetzt: „Der Wind kommt doch die meiste Zeit von hinten. Um anzukommen, brauchen wir kaum noch zu paddeln. Das sind doch keine Kenterbedingungen und wenn, dann wird hochgerollt. Nur wer seine Grenzen überschreitet, kommt voran.“

G = wird negativ bewertet: „Ich muss morgen an meinem Arbeitsplatz sein, sonst kann ich gleich meinen Job aufgeben.“

Summa summarum = Solange wir nicht mit einem Seenotfall rechnen, wird gepaddelt!

 

In einer ähnlichen Situation befand sich im Juli 2010 ein Brautpaar, das auf Spiekeroog heiraten wollte. 1 Stunde nach dem Mittagshochwasser startete es mit dem Trauzeugen in Kanus (!?) von Neuharlingersiel hinüber zum Hafen von Spiekeroog. Vom Westen her zog eine tiefschwarze Gewitterwolke auf. Die Drei wollten anscheinend nicht die Hochzeit verschieben (G<0) oder sich das Geld für das Bootstaxi sparen (G<0), jedenfalls trauten sie sich zu, die knapp 8 km bis Spiekeroog noch vor Einsetzen der Sturmböen zurückzulegen (F>L)). Doch sie kamen nicht so schnell voran, wie sie es erhofften, sei es, dass die Tide an diesem Tag noch nicht so stark strömte bzw. der Gegenwind zu stark wehte bzw. der Seegang zu steil war. Jedenfalls erwischte sie die Gewitterböe, die an diesem Tag mit 10-11 Bft. über die Insel zog, und kenterte sie. Ein gerade vorbei fahrendes Fischerboot holte das Brautpaar an Bord. Der Dritte schaffte es, an Land zu schwimmen. Ja, und ich befand mich mit meinem Auto auf dem Weg von Neuharlingersiel nach Hamburg. Als die orkanartigen Gewitterböen über die Wilhelmshavener Autobahn wehte, musste ich Slalom um die Bäume fahren, die auf die Autobahn stürzten.

è http://forum.kanu.de/showthread.php?t=4199

 

Fazit

 

Aras Kriauciunas ist es in seinem Beitrag gelungen, im Zusammenhang mit Seenotfällen die Bedeutung „alternativer Gelegenheiten“ („alternative plans“) herauszuarbeiten. Wem war das vorher bewusst, dass ein in einer gemütlichen Bucht gelegener windgeschützter Übernachtungsplatz mit Ausflugsmöglichkeiten ins Hinterland oder manchmal auch nur ein auf die Tour mitgenommenes Buch dazu beitragen kann, bei kritischen Gewässerbedingungen an Land zu bleiben, statt hinaus aufs Meer ins Ungewisse zu paddeln!?

 

Wenn wir nach den Ursachen eines Seenotfalls suchen, sollten wir uns daher in Zukunft stets zwei Fragen stellen:

 

(1) Warum sind die Küstenkanuwanderer hinaus aufs Meer gepaddelt?

(2) Warum sind sie nicht an Land geblieben?

 

Natürlich sind sie hinaus gepaddelt, weil ihnen nicht bewusst war, dass sie:

 

 

aber vielleicht ahnten sie ja, dass die Gewässerbedingungen grenzwertig sind. Dennoch wollten sie nicht an Land bleiben und einen Ruhetag einlegen, weil sie es für unzumutbar hielten, am letzten Übernachtungsplatz noch eine weitere Nacht zu verbringen.

 

Für einen Fahrtenleiter z.B. heißt das, dass er zum einen vor einer Tour prüft, ob seine Mitpaddler fit für die geplant Küstentour sind, und dass er zum anderen während einer Tour nicht nur die Entwicklung der Gewässerbedingungen im Auge behält, sondern auch  prüft, ob der nächste in Frage kommende Übernachtungsplatz dazu taugt, notfalls dort auch mal 3 Tage abzuwettern.

 

Text: Udo Beier

Quelle: SEA KAYAKER, Nr. August 2012, S.31-36

Link: http://www.seakayakermag.com/2012/Oct12/econ.htm

 

Nachtrag: Woran liegt es nun, dass Küstenkanuwanderer immer mal wieder bei Bedingungen auf dem Meer paddeln, bei denen sie an ihre Grenzen stoßen und sie Leid (L) erfahren, das in keiner Weise durch die Freude (F) gerechtfertigt ist, die sie meinen, unterwegs auf dem Meer zu erleben? Nun, das liegt schlichtweg an der Unerfahrenheit dieser Kanuten. Zu denken ist z.B. an Folgendes: