24.04.2013 Zum Geradeauslauf eines Skeg-Seekajaks (Ausbildung)

 

Welcher Küstenkanuwanderer hat das nicht schon einmal mit seinem Skeg-Seekajak erlebt: Bei der Fahrt entlang der Küste weht von der Seite ein mäßig starker bis frischer Wind (4-5 Bft.). Die aufkommende Windsee bereitet ihm dabei keine Probleme, wohl aber der Winddruck; denn der lässt den Bug seines Seekajak immer wieder wie einen „Wetterhahn“ in den Wind drehen (= luvgierig; engl. „weathercocking“).

 

Welche Möglichkeiten zur Korrektur der Luvgierigkeit gibt es?

 

(1) Das verstellbare Skeg ist dafür gedacht, aus einem luv- oder leegierigen Seekajak ein neutral, also geradeaus laufendes Seekajak zu machen.

 

Bei Luvgierigkeit sollten wir das Skeg allmählich so weit herunterzulassen, bis das Seekajak neutral läuft. Wird das Skeg darüber hinaus noch weiter heruntergelassen werden, müsste das Seekajak leegierig werden.

 

So sieht die Theorie aus. In der Praxis kann es jedoch durchaus passieren, dass ein Seekajak auch dann noch luvgierig ist, wenn das Skeg ganz herausgelassen wird. Ein Grund dafür kann daran liegen, dass der Seekajakhersteller ein falsches Skeg eingebaut hat, z.B. ein zu kleines Skeg oder ein weniger wirksames Skeg (z.B. statt eines dreieckigen Skegs, dessen Fläche beim Herauslassen sich stetig vergrößert, ein Skeg in Flossenform, dessen Wirkung sich sogar wieder vermindert, wenn es ganz herausgelassen wird!). Ein weiterer Grund kann sein, dass das Seekajak beim Verladen der Ausrüstung vertrimmt wurde.

 

Erklärung: Das ausgefahrene Skeg verhindert, dass das Heck Richtung Lee und somit der Bug Richtung Luv abdriftet. Erreicht wird das dadurch, dass sich der Drehpunkt des Unterwasserschiffs beim allmählichen Herauslassen des Skegs nach hinten verlagert.

 

(2) Ist ein Seekajak falsch getrimmt, kann durch Gewichtsverlagerung, d.h. durch Umpacken schwererer Gepäckstücke Richtung Bug bzw. Heck eine Korrektur der Gierigkeit erreicht werden.

 

Bei Luvgierigkeit sollten wir solange Gewicht vom Bugbereich in den Heckbereich verlagern (z.B. 2-Liter-Trinkwasserflaschen), bis das Seekajak neutral läuft. Die Gewichtsverlagerung ist dabei umso wirksamer, je näher das Gewicht am Heckende gelagert wird.

 

Leider lässt sich eine solche Gewichtsverlagerung nur an Land vornehmen. D.h. fällt uns unterwegs auf, dass unser Seekajak luvgierig ist und dass wir dies nicht mit Hilfe unseres verstellbaren Skegs korrigieren können, müssen wir uns bis zum nächsten Landgang eine andere Möglichkeit zur Bekämpfung der Luvgierigkeit einfallen lassen; denn erst an Land wird i.d.R. ein Umpacken des Gepäcks möglich sein.

 

Erklärung: Durch eine Gewichtsverlagerung nach achtern taucht das Heck etwas mehr ins Wasser ein, gleichzeitig ragt der nun leichter gewordene Bug etwas mehr aus dem Wasser heraus. Der Bug bietet dadurch mehr Windangriffsfläche und zugleich bietet das Heck weniger Windangriffsfläche, sodass – letztlich wegen Verlagerung des Drehpunktes nach achtern - die Luvgierigkeit abnimmt, gegebenenfalls aber bei zu großer Gewichtsverlagerung in eine Leegierigkeit umkippt. Ist das Seekajak dann immer noch luvgierig, müssen weitere Wasserflaschen vom Bug- in den Heckbereich verstaut werden. Hier zeigt sich, wie wichtig es ist, dass Skeg-Fahrer nicht ihr ganzes Trinkwasser in einem voluminösen Wasserbeutel, sondern zumindest auch in zwei bis drei 2-Liter-Wasserflaschen verstauen; denn solche Wasserflaschen eignen sich aufgrund ihres geringen Volumens und ihres hohen Gewichts ideal zum Trimmen, da eine Verlagerung ruckzuck möglich ist.

 

(3) Nicht nur unter Deck verstautes Gepäck, sondern auch Deckslast kann zum Vertrimmen führen, da Deckslast eine zusätzliche Windangriffsfläche darstellt, die meist nicht mit Hilfe eines verstellbaren Skegs neutralisiert werden kann. Durch Verlagerung der Deckslast Richtung Bug bzw. Heck kann eine Korrektur der Gierigkeit erreicht werden.

 

Bei Luvgierigkeit sollten wir einen leichten Packsack (statt auf dem Achterdeck) auf dem Vorderdeck verstauen oder wir versuchen, das Volumen des Packsacks zu verkleinern, z.B. in dem wir den Packsack etwas komprimieren oder Gepäckstücke, die im Packsack verstaut sind, doch noch unter Deck bzw. notfalls bei den Mitpaddlern, die über freien Laderaum verfügen, lagern.

 

Erläuterung: Durch die Packsackverlagerung wird die Windangriffsfläche im Bugbereich erhöht und im Heck vermindert, sodass wir mit ihrer Hilfe die Luvgierigkeit vermindern oder sogar kompensieren können. Ist der Packsack jedoch zu schwer, drückt er den Bugbereich etwas tiefer ins Wasser, sodass sich ungünstigenfalls die Windangriffsfläche des Bugs im Vergleich zur Windangriffsfläche des Hecks nicht verändert, was dazu führt, dass die Luvgierigkeit bleibt. Allein schon deshalb ist darauf zu achten, dass - wenn wir schon mit Deckslast paddeln müssen – die Deckslast möglichst leicht ist und zunächst möglichst dicht hinter der Sitzluke gelagert wird.

 

(4) Lässt sich unterwegs auf dem Wasser die Gierigkeit nicht beheben, bietet es sich bis zum nächsten Landgang an, mit Paddeltechnik der Gierigkeit entgegenzuwirken.

 

Z.B. können wir mit Hilfe von Bogenschlägen bzw. mit Ankanten auf der Luvseite des Seekajaks ein Gieren des Seekajaks in den Wind verhindern. Außerdem sollten wir versuchen, die Hebelwirkung des Paddels zu verändern, indem wir die ansonsten mittig den Paddelschaft haltenden Hände Richtung Leeseite verschieben. Im Extremfall könnte die im Lee liegende Hand fast das Paddelblatt berühren.

 

… und was müssen wir bei Leegierigkeit tun?

 

Ist das Seekajak leegierig, wird umgekehrt verfahren. D.h.:

 

 

Wie finden wir den „Trimmpunkt“ unseres Seekajaks?

 

Wenn wir effizient paddeln wollen, sollten wir den „Trimmpunkt“ unseres Seekajaks kennen, d.h. jenen Punkt, bei dem unserer Seekajak bei Seitenwind neutral läuft, also weder luv- noch leegierig ist. Um den „Trimmpunkt“ zu finden, gehen wir wie folgt vor:

 

 

Dieser Bereich stellt den „Trimmpunkt“ dar. Wir sollten ihn uns gut merken (er liegt meist im vorderen Bereich des Sitzes).

 

Wenn wir nun zu Beginn einer Tagesetappe in unserem Skeg-Seekajak unser Gepäck verstauen, sollten wir, bevor es aufs Wasser geht, prüfen, ob wir so gepackt haben, dass unser Seekajak bei dem von uns ermittelten „Trimmpunkt“ in der Waage liegt. Wenn nicht, dann muss halt das Gepäck so verlagert werden, bis dass der „Trimmpunkt“ zugleich den Gewichtsmittelpunkt bildet.

 

Übrigens, auf Deckslast sollte bei einem Skeg-Seekajak grundsätzlich verzichtet werden; denn die Größe eines Skegs ist nicht dafür ausgelegt, die Gierigkeit, die durch Deckslast verursacht wird, zu neutralisieren.

 

Handelt es sich um ein Steuer-Seekajak, sollten wir es ebenfalls neutral trimmen, aber wenn wir das vergessen, ist das nicht ganz so schlimm, weil wir eine etwaige Luv- bzw. Leegierigkeit mit dem Steuer leichter korrigieren können als mit Paddeltechnik. Solche Steuerkorrekturen führen wohl zur Erhöhung der Bremswirkung des Steuerblatts, aber solange wir mit dem Steuer-Seekajak keine Rennen fahren wollen und alle 2 Stunden Pause machen, wirkt sich diese zusätzliche Bremswirkung kaum auf unseres durchschnittliches Tempo aus.

 

…. und was machen wir mit dem Skeg beim Surfen?

 

Ein großes Problem beim Surfen ist das „Ausbrechen“ des Seekajaks. D.h. statt dass unser Seekajak beim Surfen mit viel Tempo immer weiter geradeaus läuft, kurvt es mehr oder weniger plötzlich nach links oder rechts. Ein voll ausgefahrenes Skeg erleichtert dabei den Geradeauslauf oder anders ausgedrückt: erschwert das Ausbrechen. Das Verzwickte dabei ist bloß, dass ein ausbrechendes Seekajak, dessen Skeg voll ausgefahren ist, schwerer wieder auf Kurs zu bringen ist, als eines, dessen Skeg eingefahren ist. Ohne Skeg ist ein Seekajak einfach drehfreudiger.

 

Für den Kanuten, der die nötigen Paddeltechniken zur Korrektur des Ausbrechens wirklich beherrscht (hier: Bug- und Heckruder, plus Ankanten bei schwierigen Seegangsbedingungen), bietet es sich an, mit voll ausgefahrenem Skeg zu surfen. Alle anderen sollten das Skeg lieber drinnen lassen.

 

Text: Udo Beier