13.05.2013 Küstenkanuwandern: Eine situative Sportart (Ausbildung)

 

Wer häufiger entlang der Küste paddelt weiß, dass Küstenkanuwandern eine „situative“ Sportart ist; denn es kommt häufig anders, als wir planen. Zurückzuführen ist das meistens auf den Wind. Je nachdem:

 

 

können Gewässerschwierigkeiten entstehen, die für manchen Kanuten so schwierig sind, dass er an seine persönlichen Befahrbarkeitsgrenzen stößt … und schließlich kentert.

 

Erleben konnte ich das wieder mal mit einer Gruppe von Kanuten beim diesjährigen „EPP 3-Küste“-Kurs: „Einweisungsfahrt Nordsee (Spiekeroog & Co.)“. Geplant war Folgendes:

 

Planung:

09.05.13: Start vom Neuharlingersieler Hafen durchs Watt hinüber zum Zeltplatz von Spiekeroog (ca. 8 km).

10.05.13: Umrundung von Spiekeroog im Uhrzeigersinn mit Zwischenstopp auf Wangerooge (West) und dem Hafen von Harlesiel (ca. 36 km).

11.05.13: Start von Spiekeroog durchs Gatt hinüber zum Langeooger Wattfahrwasser, vorbei am Hafen von Langeoog (Pause), dann weiter übers Gatt hinüber zur Seeseite von Baltrum bis zum Ort (ca. 23 km).

12.05.13: Rückfahrt von Baltrum durchs Gatt mit Zwischenstopp im Hafen von Langeoog und dann weiter entlang des Neuharlingersieler Wattfahrwasser bis zum Hafen von Neuharlingersiel (ca. 23 km).

 

Leider prophezeite der Wetterbericht (è www.seewetter.de ) Donnerstag früh Folgendes für die nächsten Tage:

 

Wind (4-Tage-Prognose) (Wetteronline):

Do.: 3-5 Bft. aus S bis W in Böen 5-7 Bft. / Fr.: 5-6 Bft. aus SW in Böen 7-8 Bft.

Sa.: 4-5 Bft. aus SW in Böen 6-7 Bft. / So.: 4-5 Bft. aus SW bis W in Böen 5-7 Bft.

 

Ja, ab Freitag, 10.05., ist das kein Wetter fürs Küstenkanuwandern, insbesondere wenn Kanuten dabei sind, die das erste Mal auf der Nordsee paddeln.

 

Donnerstag (09.05.)

 

Frühmorgens um 6 Uhr prognostizierte WETTERWELT.de (ein SMS-Seewetterbericht) für:

 

Wind (Soll) (Wetterwelt):

12 Uhr = 3-4 Bft. aus W in Böen 6 Bft. und 18 Uhr = 2 Bft. aus W-NW in Böen 4-5 Bft.

 

Es bot sich also die Chance, wenigstens gleich am ersten Tag von Neuharlingersiel aus Spiekeroog entgegen dem Uhrzeigersinn zu umrunden; denn die 6er Böen müssten bei einem Rückenwindkurs Richtung Spiekeroog (Ost) zu schaffen sein. Außerdem würden wegen der Windrichtung auf der Seeseite von Spiekeroog nicht mit Brandung zu rechnen sein, außer jene, die auf einlaufende Düngung zurückzuführen ist.

 

Plan:

Start von Neuharlingersiel entlang des „Otzumer Balje“-Fahrwassers über das Spiekerooger Wattfahrwasser („Muschelbalje“) zur Ostseite von Spiekeroog und dann weiter entlang der Seeseite von Spiekeroog bis zur „Robbenplate“ und schließlich zum Zeltplatz von Spiekeroog (ca. 28 km)

 

Wir packten unsere Seekajaks auf der Westseite des Hafens von Neuharlingersiel im Windschatten des Deichs und des DGzRS-Rettungshauses. Bevor es in die Boote ging, stiegen wir nochmals auf den Deich, um uns ein letztes Mal von den Gewässerbedingungen zu überzeugen. Nun, es blies nicht mit 3-4 Bft aus West, sondern stetig mit 5 Bft. aus W-NW. Wenn dieser Wind so bliebe und vielleicht noch etwas weiter nördlich drehte, würden wir entlang der Seeseite von Spiekeroog eine Windsee erleben, die dazu taugte, nahe des Strandes so zu branden, dass einige Kanuten, die noch niemals in der Brandung fuhren, in Schwierigkeiten geraten könnten.

 

Also entschlossen wir uns, direkt entlang des Fahrwassers von Neuharlingersiel zum Hafen von Spiekeroog, dann weiter zur Ostseite von Langeoog und schließlich zum Zeltplatz von Spiekeroog zu paddeln (ca. 16 km). Das verlief auch ohne Probleme; denn der 5er Wind war doch nur eine längere Böe und ging bald zurück. Schließlich herrschten Schwachwindbedingungen. Schade, dass wir nicht die Umrundung gewagt hatten.

 

Übrigens, auf WINDFINDER.com konnte dann nachträglich (d.h. bis 7 Tage zurück) der reale Wind abgerufen werden:

 

Wind (Ist) (Windfinder):

12.00 Uhr = 3 Bft. aus SW in Böen 5 Bft. und 18.00 Uhr = 3 Bft aus NW in Böen 4 Bft.

 

Freitag (10.05.)

 

Am nächsten Tag wurde neu geplant bei folgender Windprognose:

 

Wind (Soll) (Wetterwelt):

12 Uhr = 5 Bft. aus SW-W in Böen 7 Bft. und 18 Uhr = 4 Bft. aus SW in Böen 7 Bft.

 

Na, vielleicht kommen die 7er Böen nicht und der 5er Wind kommt von achtern. Auf der Seeseite würde es dann mit 4 Bft. aus SW blasen, also besteht zumindest von der Windsee her keine Brandungsgefahr. Und die prognostizierten 7er Böen könnten wir abwettern, wenn wir dicht entlang des Strands von Spiekeroog paddelten.

 

Plan (10.05.13):

Start vom Zeltplatz Spiekeroog entlang des „Otzumer Balje“-Fahrwassers zum Wattenhoch des Spiekerooger Wattfahrwassers („Muschelbalje“). Dann weiter bis zur Ostspitze von Spiekeroog und schließlich über die Seeseite und der „Robbenplate“ zurück zum Zeltplatz von Spiekeroog (ca. 31 km).

 

Geplant & realisiert? Nun, es wehte mit 5 Bft. aus SW. Im Watt vor dem Zeltplatz herrschten mäßige Brandungsbedingungen. Also setzte ich erst einmal Brandungsübungen an (hier: Starten durch die Brandung und üben der flachen und hohen Stütze in Richtung Brecher), damit die Kanuten fit sind, wenn unterwegs Brandung oder brechende Windsee zu durchfahren ist. Als alle wussten, wie ca. 50 cm hohe Brandung zu meistern ist, wurde es am Festland über Neuharlingersiel immer dunkler. Das waren wohl die Wolken, die die 7er Böen bringen sollten. Und sie kamen auch, wenn auch nicht zum Zeltplatz von Spiekeroog, aber zur Ostspitze von Spiekeroog, wo zwei leistungsfähige Kanuten mit den Böen arg zu kämpfen hatten. Außerdem brach dort über den Untiefen einlaufende Dünung, die bei der Wetterlage (seit Tagen wehte es aus Richtung SW) gar nicht hätten dort einlaufen dürfen!?

Zum Glück verzichteten wir auf unsere Umrundung und übten dafür noch ein bisschen in der Brandung vor dem Zeltplatz. Anschließend wurde Spiekeroog zu Fuß erkundet.

 

Übrigens, so wehte es dann tatsächlich:

 

Wind (Ist) (Windfinder):

12.00 Uhr = 5+ Bft. aus S in Böen 7+ Bft. und 18.00 Uhr = 3 Bft aus W in Böen 4 Bft.

 

Samstag (11.05.)

 

Mit dem folgenden Wind war zu rechnen:

 

Wind (Soll) (Wetterwelt):

12 Uhr = 3 Bft. aus S-SW in Böen 5-6 Bft. und 18 Uhr = 4 Bft. aus S-SW in Böen 6 Bft.

 

Bis auf die Böen war alles okay. Die Windrichtung versprach eine nahezu brandungsfreie Seeseite von Spiekeroog. Außerdem verfügten nun die Kanuten etwas über Brandungserfahrungen. Also wurde die Umrundung von Spiekeroog entgegen dem Uhrzeigersinn geplant.

 

Plan:

Start vom Zeltplatz entlang des Otzumer Balje-Fahrwassers hinüber zum Hafenstrand von Harlesiel, dann nach einer Pause weiter zur Ostspitze von Spiekeroog abschließend Richtung Gatt und weiter entlang der Seeseite von Spiekeroog vorbei an der „Robbenplate“ zurück zum Zeltplatz (ca. 36 km)

 

Geplant & realisiert! Der Wind blies die ganze Zeit aus südwestlicher Richtung mit 3-5 Bft. Diese Bedingungen erlaubten uns sogar, von Harlesiel aus kommend auf der Westseite von Wangerooge kurz anzulanden. Auf der Seeseite trat dann das ein, was prognostiziert wurde. Schauerböen mit 6+ Bft. aus SW, die über eine Stunde uns „duschten“ und den Brillenträgern fast die Sicht auf die von der einlaufende Dünung erzeugten Brandung nahmen. Das Tempo ging auf 2-3 km/h zurück und danach kamen wir wegen des Gegenwindes nur noch mit 3-4 km/h voran. Die nächsten Fronten liefen zum Glück vor bzw. hinter uns vorbei. Schließlich erreichten wir trotz der widrigen Windverhältnisse vorzeitig die „Robbenplate“, und zwar noch vor dem Strömungskipp. Danach paddelten wir die letzten Kilometer dicht entlang der Wattkante gegen die Strömung, und das schneller als zuvor gegen den Wind.

 

Und wie wehte es dann tatsächlich:

 

Wind (Ist) (Windfinder):

12.00 Uhr = 4 Bft. aus SW in Böen 5 Bft. und 17.00 Uhr = 4 Bft aus SW in Böen 6+ Bft.

 

Sonntag (12.05.)

 

Die Rückfahrt war angesagt und die Windprognose lautete:

 

Wind (Soll) (Wetterwelt):

6 Uhr = 4 Bft. aus SW-W in Böen 6 Bft. und 12 Uhr = 4-5 Bft. aus W in Böen 6 Bft.

 

Ich plante:

 

Plan (A):

Start vom Zeltplatz entlang der Seeseite von Langeoog, dann Umrundung von Langeoog (West) mit Zwischenstopp im Hafen von Langeoog, schließlich weiter entlang des Neuharlingersieler Wattfahrwasser bis zum Hafen von Neuharlingersiel (ca. 36 km).

 

Nun, der Wind war wegen der angekündigten 6er Böen grenzwertig, aber dieses Mal stellten sich „meine“ Kanuten quer. Sie wollten sich nicht gleich am nächsten Tag nochmals um eine Insel „quälen“. Außerdem ging’s ja noch am selben Tag per Auto nach Hause und da wollte keiner während eines „Sekundenschlafes“ am Steuer verunglücken. Schließlich hätten wir auch schon so bei Sonnenaufgang (5.28 Uhr) starten und spätestens um 4.00 Uhr aufstehen müssen. Also einigen wir uns auf Plan (B):

 

Plan (B):

Start vom Zeltplatz gegen die Seitenströmung des auflaufenden Wasser durchs Gatt hinüber zum Anfang des Langeooger Wattfahrwassers (hier: Tonne LW8) und dann entlang der „Hullebalje“ hinunter Richtung Süd bis zum Neuharlingersieler Wattfahrwasser. Von dort aus sollte es dann über das Wattenhoch („Baklegde“) gehen und weiter zum einzigen Stück Sandstrand (ca. 20 m breit) auf der Westseite des Leitdammes des Hafens von Neuharlingersiel (ca. 11 km).

 

Den Plan konnten wir realisieren, obwohl wir bei der „Seilfähre“ hinüber zur Tonne LW8 zeitweise auf der Stelle paddelten und daher schon die nächste Tonne (LW6a) anpeilen mussten. Zum Glück wurden wir von 6er Böen verschont, aber der 5er Wind aus West, also direkt von achtern, bescherten uns am Ende der Tour herrliche Windsurfbedingungen:

 

Wind (Ist) (Windfinder):

11.00 Uhr = 3 Bft. aus SW in Böen 4+ Bft. und 13.00 Uhr = 3+ Bft aus W in Böen 5+ Bft.

 

Wer vorher noch nicht so richtig Surfen konnte, der lernte es jetzt!

 

Ende gut, alles gut!?

 

Übrigens, dieser Kurs fiel auf das 4-tägige „Himmelfahrtswochenende“. Das ist ein beliebter Termin für passionierte Seakayaker bzw. Küstenkanuwanderer beiderlei Geschlechts. Beim Start in Neuharlingersiel lagen an der Einsatzstelle über 60 Seekajaks, die alle mehr oder weniger gleichzeitig bepackt wurden. Am Strand vorm dem Zeltplatz wurden später über 150 Seekajaks gezählt. Der halbe Zeltplatz wurde von Kanuten belegt, die andere Hälfte war nur deshalb frei, weil keiner sein Gepäck soweit schleppen wollte. Wie ich gehört habe, sind alle heile dort angelandet und heile wieder nach Hause gekommen.

 

Text: Udo Beier

Links:

Über den Kurs:  www.kanu.de/nuke/downloads/Kurs-Spiekeroog-Hausaufgaben.pdf

Über Seetüchtigkeit: www.kanu.de/nuke/downloads/Seetuechtigkeit.pdf

Über Touren rund Spiekeroog: www.kanu.de/nuke/downloads/Tour-Spiekeroog.pdf