17.11.2013 Nordsee ist Mordsee!? Zur Gefährlichkeit des Küstenkanuwanderns (Ausbildung)

 

Gibt es eigentlich Unfälle, bei denen jemand beim Paddeln entlang der deutschen Nord- bzw. Ostseeküste schwer verletzt wurde oder gar tödlich verunglückte? Mir fallen seit 1985 nur zwei Todesfälle ein:

 

 

Und ich kenne keinen Fall, bei dem jemand beim Küstenkanuwandern schwere Verletzungen erlitt (z.B. bei Fahrten durch die Brandung oder Felsgärten) bzw. bei dem andere durch Küstenkanuwanderer in große Not gerieten (z.B. bei Kollisionen mit anderen Schiffen).

 

Mir liegt jedoch eine dpa-Meldung vom 12.9.13 vor, die von 250 Badetoten in der Zeit von Juni bis Mitte August 2013 berichtet. Manch andere Freizeitsportdisziplin weist ähnliche Zahlen auf, z.B. Bergwandern/-steigen, Skifahren, Radfahren!

 

Andere Länder, andere Ängste, andere Vorschriften!

 

Besteht also überhaupt ein Grund, sich über die Sicherheit des Küstenkanuwanderns Sorgen zu machen bzw. gar Befahrungsregelungen zur Erhöhung der Sicherheit beim Paddeln entlang der Küste zu fordern? Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, z.B.:

 

 

Nun, in Anbetracht der gegen Null tendierenden Anzahl kritischer Seenotfälle, die beim Küstenkanuwandern entlang der beiden deutschen Küsten passierten, werden die Behörden, sofern sie sich über die „Sicherheit“ des Freizeitsports Gedanken machen, das Küstenkanuwandern sicherlich nur unter „ferner liefen“ führen. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn jedes Jahr -zig Leute beim Küstenkanuwandern verunglückten.

 

Warum passiert denn nichts?

 

Warum aber passieren gerade beim Küstenkanuwandern so wenige Unglücke? Auf alle Fälle liegt das auch daran, dass Küstenkanuwandern nicht die Massen mobilisiert. Es besitzen wohl immer mehr Wanderfahrerinnen und –fahrer ein Seekajak, aber nur ein Bruchteil von ihnen paddelt damit auch entlang der Küste. Es gibt jedoch noch drei weitere Gründe, warum so wenige Kanutinnen und Kanuten auf dem Meer verunglücken:

 

  1. Wenn Kanutinnen und Kanuten ans Meer denken, werden meist „Urängste“ geweckt und Vorurteile geschürt („Nordsee ist Mordsee!“). Viele von ihnen sind sich nämlich nicht nur der Gefahren bewusst, die mit einer Küstentour verbunden sein können (z.B. Wasser, Wind, Seegang, Strömung, Nebel, Gewitter, Untiefen, Felshindernissen und Schiffsverkehr), sondern auch der Ängste & Qualen, wenn sie gegebenenfalls für Stunden „ohnmächtig“ in Gewässerbedingungen geraten, die sie weder sitzend in ihrem Kajak, noch – nach einer Kenterung – schwimmend im Wasser beherrschen. So etwas motiviert, sich zu Hause auf das Küstenkanuwandern vorzubereiten und dann unterwegs entlang der Küste vorsichtig zu verhalten, um den Gefahren aus dem Weg zu gehen.

 

  1. Die Gefahren einer Küstentour sind überwiegend anderer Natur, als jene, die wir beim Wildwasserpaddeln, Schwimmen, Radfahren, Bergwandern bzw. Klettern erleben. Sie kommen nicht aus „heiterem Himmel“ und lassen uns nicht sofort scheitern, wie z.B. der Klemmunfall beim WW-Paddeln; der Krampf beim Schwimmen; der Lkw, der uns beim Radfahren urplötzlich von der Fahrbahn abdrängt, stürzen lässt und schließlich überfährt; der Absturz in den Bergen, weil wir stolpern bzw. den Halt am Fels verlieren. Wenn wir beim Küstenkanuwandern in Gefahr geraten, kentern wir nicht sofort, sondern kämpfen u.U. noch stundenlang, bis uns schließlich ein Kaventsmann oder eine Unachtsamkeit doch noch kentern lässt. Aber dann ist es mit uns noch längst nicht vorbei; denn eine Kenterung ist eigentlich noch kein Unfall. Vielmehr sind wir zunächst nur nass geworden und schwimmen im mehr oder weniger kalten Wasser. Anders als bei einem Klemmunfall im Wildwasser, wo wir spätestens nach 3-5 Minuten ohne Sauerstoff kaum noch Überlebenschancen haben, können wir je nach Wassertemperaturen & Kälteschutzbekleidung schwimmend bzw. treibend im Wasser u.U. noch nach Stundenüberleben, bevor wir soweit unterkühlen, dass wir ohnmächtig werden und schließlich ertrinken. Wenn wir also auf dem Meer verunglücken, nämlich kentern und aussteigen müssen, lässt uns das Meer noch sehr viel Zeit. Zeit, die wir bei entsprechenden Fähigkeiten zum Überleben nutzen können.

 

  1. Das Risiko, unterwegs zu verunglücken, kann insbesondere beim Küstenkanuwandern durch entsprechende Ausbildung & Ausrüstung recht niedrig gehalten werden. Wenn wir und unsere Ausrüstung seetüchtig (è seegangs-, kenter-, navigations-, verkehrs-, seenot- und reisetüchtig) sind und wir eine Route wählen, die wir bei den zu erwartenden Gewässerbedingungen und folglich auch der prognostizierten Wetterlage beherrschen können, dann kann uns nur noch ein Unglück scheitern lassen (z.B. Materialschaden, Kreislaufkollaps, Kollision mit Dritten, Blitzschlag).

 

Ja, da uns Küstenkanuwanderern bewusst ist,

 

 

bemühen wir uns, mit möglichst wenig Risiko entlang der Küste bzw. hinaus aufs Meer zu paddeln. Oder anders ausdrückt: Die Angst, unterwegs entlang der Küste „Pech“ zu haben, verbunden mit dem Bewusstsein, dass uns das Meer fast immer die Chance bietet, mit unserem eigenen „Pech“ fertig zu werden, motiviert uns, nur vorbereitet & gerüstet auf das Meer hinaus zu paddeln. Und deshalb kommen wir trotz aller Gefahren, die wir beim Küstenkanuwandern ausgesetzt sind, immer wieder heile zurück ans Festland.

 

Wann aber sind wir gut vorbereitet & gerüstet für eine Küstentour?

 

Zur Vorbereitung zählt u.a. Folgendes:

 

www.wetteronline.de/segel > Nordsee oder Ostsee

BSH: Gezeitenkalender … für die Deutsche Bucht (jährlich aktualisiert; 135 S.)

www.hansenautic.de (Seekartensortiment)

www.kanu.de/nuke/downloads/Fahrtenplanung.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Routenwahl.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/SSG.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Gefahren&Risiken.pdf

D.Burch: Fundamentals of Kayak Navigation (1999, 340 S.)

R.Killen: Simple Kayak Navigation (2006, 135 S.)

www.kanu.de/nuke/downloads/Fahrregeln.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Navigationstüchtigkeit.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Solotouren.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Gruppenfahrten.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Kameradschaft.pdf

www.kayakpaddling.net

www.kanu.de/nuke/downloads/Paddeln-Wind&Seegang.pdf

D.Cooper: Rough Water Handling (2012, 187 S.)

G.Brown: Sea Kayak (2006, 192 S.)

www.kayakpaddling.net

www.kanu.de/nuke/downloads/Kaltwasserpaddeln.pdf

R.Schumannn & J.Shriner: Sea Kayak Rescue (2001, 127 S.)

 

 

und zur Ausrüstung u.a. Folgendes:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Seetuechtigkeit.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Seekajakkauf-Stichpunkte.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Volumen&Sitzhalt.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Ausruestungsgegenstaende.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Rettungshalteleine.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Toggle.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Trockenanzug.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Rettungsweste.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Signalmittel-Uebersicht.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Sichtbarkeit.pdf

 

Was aber ist, wenn wir schlecht vorbereitet & gerüstet sind?

 

Nun, dann ist der Seenotfall noch längst nicht vorprogrammiert! Meist ist das uns bewusst. Wir wählen daher ein Gewässer aus, dass nicht so stark von Wind & Gezeiten dominiert wird, und legen die Route so, dass wir – sobald die Gewässerbedingungen kritischer werden – jederzeit anlanden können. Natürlich gibt es einige unter uns, die das alles wenig bekümmert. Sie setzen voll auf ihre Seegangstüchtigkeit und ihr Gespür für drohende Gefahren, paddeln mit ihren unabgeschotteten Langeinern einfach los bis hinter den Horizont … und kommen bislang auch immer wieder zurück ans sichere Festland. Das sind halt echte „Seebären“, mit denen wir uns aber nicht vergleichen sollten.

 

Text: Udo Beier