25.11.2013 Risikobehaftete Entscheidungen (Ausbildung)

 

Sicherheitsaufklärung kann auf verschiedene Art & Weise erfolgen, z.B.:

 

Vermittlung von theoretischen (Grund-)Kenntnissen: In Frage kommen hier Indoor-Kurse, die in der Regel auch immer zur Erhöhung der Sicherheit beitragen können. Zu denken ist hier an folgende zu vermittelnde Inhalte: z.B. Gezeiten-, Wetter-, Gewässer-, Navigations-, Verkehrskunde; Fahrtenplanung, Gruppenführung, seetüchtige Ausrüstung, Paddeltechniken und Rettungsmethoden.

 

Sammlung praktischer Erfahrungen: Gedacht ist hier an Outdoor-Kurse bzw. Touren, bei denen Kanutinnen und Kanuten unter Aufsicht, ansonsten aber sehr selbständig im Rahmen des „Learning by Doing“ eigene Erfahrungen sammeln sollen.

 

Analyse von Seenotfällen: Aktuelle Seenotfälle werden auf ihre ganz konkreten Ursachen hin in einer Art Fall- & Fehleranalyse untersucht, aufbereitet und bereitgestellt, um anderen die Möglichkeit zu bieten, aus den Fehlern Dritter zu lernen.

 

Aber auch durch die:

 

Herausarbeitung von typischen Entscheidungsmustern, die zu Seenotfällen für können: Diesem Aufklärungsansatz liegt die Idee zu Grund, dass jeder Seenotfall wohl auf konkrete Fehler zurückzuführen ist, dass aber hinter jedem Fehler ein bestimmtes Entscheidungsmuster steht, das letztlich ursächlich dafür ist, dass diese Fehler gemacht wurden.

 

Im Folgenden soll sich mit solchen Entscheidungsmustern auseinandergesetzt werden, die uns veranlassen, nicht alles zu unternehmen, was für unsere Sicherheit wichtig ist. Ziel ist es, zu einer Versachlichung der Unfallursachenanalyse beizutragen, die uns daran hindert, sich von den Unfallursachen einer bestimmten Person zu distanzieren, z.B. nach dem Motto: „Solch dumme Fehler können mir doch nicht (mehr) passieren!“ Sie spricht insbesondere die erfahreneren Küstenkanuwanderer an, die ansonsten beim Thema „konkrete Fehlermöglichkeiten beim Küstenkanuwandern“ nicht mehr ansprechbar sind, weil sie eigentlich meinen, genug über das Küstenkanuwandern zu wissen.

 

Ich beziehe mich dabei auf eine Unfallanalyse, die versucht, die Entscheidungen von Wintertourengehern zu typisieren, die ursächlich für Lawinenunfälle wurden:

 

http://avtrainingadmin.org/pubs/mccammonhtraps.pdf (2004)

 

Danach haben Wildwasserfahrer diese Entscheidungstypologie aufgegriffen und „eins zu eins“ auf das Paddeln im Wildwasser übertragen:

 

http://whitewaterrescue.blogspot.co.uk/2011/02/decision-making.html (2011)

 

Nun möchte ich dieser Art de Unfallanalyse auf das Küstenkanuwandern übertragen. Aufmerksam auf diese Entscheidungstypologie machte mich shovelhead im SEEKAJAKFORUM:

 

http://www.seekajakforum.de/forum/read.php?1,78759

 

Leider wurde zu diesem Thema nicht sehr zielführend gepostet. Lediglich einmal unternahm Kan(g)oo kurz & knapp den Versuch:

 

http://www.seekajakforum.de/forum/read.php?1,78759,78797#msg-78797

 

die in der Literatur genannten Typen, die auf typische Entscheidungsmuster (sog. „Daumenregeln“) zurückzuführen sind, nämlich die Typen:

 

 

als “vermeidbare Risiken” zu identifizieren und diese wie folgt zu klassifizieren:

 

 

Diese Typologie soll nun hier aufgegriffen und entsprechend ergänzt werden. Dabei ist anzumerken, dass diese typischen Entscheidungsmuster in erster Linie nur Unfälle betreffen, die von erfahreneren Küstenkanuwanderern gemacht werden können. Die Ursachen von Unfällen also, die auf die Unbedarftheit, Unerfahrenheit, Unwissenheit, Inkompetenz und Blauäugigkeit zurückzuführen sind und die von Leute begangen werden, die eigentlich weniger Ahnung vom Küstenkanuwandern haben, werden hier nicht weiter analysiert.

 

Anfangen will ich hier mit den:

 

(1) Routineentscheidungen („Gewohnheit“)

 

Routineentscheiden beruhen auf Gewohnheiten, die nicht weiter hinterfragt werden, da sie sich in der Vergangenheit bewährt haben. Sie sind einem so vertraut, dass sie im Laufe der Zeit mit immer weniger werdenden Überlegungen durchgeführt und dabei schließlich von einer Einstellung geprägt werden, die rückblickend in totaler „Oberflächlichkeit“ endet.

 

Das betrifft z.B. die Fahrtenplanung zu Hause, den Ausrüstungscheck am Startort und die Fahrtendurchführung unterwegs auf dem Meer.

 

Die ersten Male wird alles bedacht:

 

 

Je häufiger wir dabei eine bestimmte Tour in einem bestimmten Revier durchführen, desto vertrauter wird sie uns. Schließlich ist es soweit, dass wir uns, keine große Sorgen über Wind, Gezeiten & Gewässerschwierigkeiten zu machen, in unser Seekajak setzen und kurz mal unsere geliebte, ach so vertraute Route ohne (aktuelle) Seekarte abpaddeln. Z.B. so wie jene erfahrenen Küstenkanuwanderer, die gegen Wind und Tide bei einsetzender Dämmerung mit unerfahrenen Kanuten die 8 km hinüber zu ihrer Lieblingsinsel paddelten und drüben nicht – wie gedacht – eine Stunde später anlandeten, sondern erst 4 Stunden später. Nun, alle sind heile auf der Insel angekommen, letztlich weil solche Fehler das Meer eher verzeiht, als das Wildwasser oder ein Lawinenhang.

 

Eine solche Routineentscheidung kann auch die Inspektion der Ausrüstung betreffen. So wird darauf verzichtet, auf die Vollständigkeit der Sicherheitsrausrüstung zu achten (z.B. Spritzdecke, Paddelsicherungsleine, Schleppleine, Schwimmweste, Seenotsignalmittel). Oder die Intaktheit der Ausrüstung wird im Laufe der Zeit in immer größer werdenden Abständen überprüft, bis schließlich die Ausrüstung gar nicht mehr inspiziert wird (z.B. die Steueranlage mit seinen Steuerseilen, Umlenkrollen, Schäkeln u.v.a.m., da sie doch bislang immer okay war). D.h. in Sachen Ausrüstung wird immer mehr „geschludert“. Das ändert sich erst dann, wenn etwas passiert, also etwas beim eigenen Seekajak oder bei einem Seekajak der Mitpaddler kaputt geht. So wird z.B. nicht mehr:

 

 

oder es wird z.B.:

 

 

Das alles würde sicherlich nicht passieren, wenn wir eine Tour planten und durchführten, die in ein uns bislang unbekanntes Revier geht.

 

(2) Entscheidungsbindung („Sturheit“)

 

Küstenkanuwandern ist eine „situative“ Sportart. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass flexibel auf Änderung der Gewässerbedingungen zu reagieren ist, und zwar insbesondere dann, wenn eine Erhöhung der Gewässerschwierigkeiten zu einer Überforderung der Leistungsfähigkeit einzelner Mitpaddler führen könnte.

 

Schon der Beginn einer Tour kann davon betroffen sein. Nach stunden- oder gar tagelanger Anreise stehen wir am Startort und erleben kritische Gewässerbedingungen. Gerade wenn diese Bedingungen „grenzwertig“ sind, kann es vorkommen, dass dennoch gestartet wird, letztlich weil wir nicht die Kraft und nicht das Selbstbewusstsein haben, unsere lange vorher festgelegt Planung, an diesem Tag zu starten, zu korrigieren.

 

Ein Lösung dieses Problems kann übrigens ein „Start auf Probe“ bieten, d.h. wir starten mit der Auflage, wieder zurück zum Startort zu paddeln, um dann dort – nachdem jeder die Gewässerbedingungen selber erlebt hat – die Entscheidung zu treffen, ob nun endgültig gestartet werden kann oder doch noch eine Verbesserung der Gewässerbedingungen abgewartet werden soll. Von Vorteil ist es dabei, wenn der Startort Alternativen zum Paddeln bietet, z.B. eine Gaststätte bzw. einen Aufenthaltsraum, Besichtigungsmöglichkeiten, Zelt-/Übernachtungsmöglichkeiten oder eine Schiffspassage zur nächsten Insel (damit man wenigstens hinaus aufs Wasser kommt und nicht mehr länger auf dem Festland „festhängt“!).

 

Und unterwegs muss ebenfalls immer wieder situativ auf wechselnde Gewässerbedingungen reagiert werden. D.h. ein Kurs wird vorgegeben, da aber Wind, Welle & Strom anders eintreffen, als erwartet wurde, sind immer mal wieder Korrekturen am Kurs- bzw. der Pausenplanung bzw. der Zielvorgabe vorzunehmen. Das ist typisch für das Küstenkanuwandern und es ist kein Zeichen von Inkompetenz oder Wankelmütigkeit, wenn ein Fahrtenleiter öfters seinen Plan ändert, d.h. seine Kursangaben korrigiert. Trotzdem können allzu häufige Kurskorrekturen die Mitpaddler so beunruhigen, dass sie schließlich an der Kompetenz ihres Fahrtenleiters zweifeln. Das merkt auch ein Fahrtenleiter. Überfordert ihn die Tour, kann es durchaus passieren, dass er Stärke & Kompetenz demonstrieren will und mit einem Mal irgendwann unterwegs an seinem Plan, d.h. an seiner vorher allen Teilnehmern mitgeteilten Entscheidung stur festhält, obwohl sie eigentlich erneut korrigiert werden müsste.

 

(3) Entscheidungsanpassung („Unterordnung“)

 

Gruppenfahrten entlang der Küste laufen anders ab als Solo-Touren. Sie erfordern immer eine Abstimmung unter den Mitpaddlern.

 

Die Abstimmung kann nun derart ablaufen, dass wir als einzelne stets akzeptieren, was die Gruppe oder der Fahrtenleiter vorgibt („Entscheidungsanpassung“). Der Grund für solch ein Verhalten kann darin liegen:

 

 

Damit tragen wir dazu bei, dass in der Gruppe keine „Unruhe“ entsteht. Das geschieht jedoch auf Kosten der Sicherheit, wenn berechtigte Einwände i.S. Sicherheit nicht vorgetragen werden; denn was nicht kritisiert wird, kann nicht diskutiert werden, und was nicht diskutiert wird, kann nicht insoweit abgewogen werden, ob nun ein Sicherheitsrisiko besteht oder nicht.

 

Wichtig ist es also, dass Einwände stets vorzutragen sind. Jedoch sollten wir dabei so vorgehen, dass aus unserem Einwand kein Vorwurf abzuleiten ist:

 

 

Anschließend liegt es an den Mitpaddlern bzw. dem Fahrtenleiter zu reagieren, jedoch so, dass der den Einwand vortragende Mitpaddler nicht bloß gestellt wird.

 

Wichtig ist, dass die Berechtigung von Einwänden ernsthaft geprüft und gegebenenfalls nach Lösungsmöglichkeit, d.h. nach Auswegen gesucht wird.

 

Ideal wäre es, wenn der Einwand vor dem Start vorgetragen wird; denn dann hätten wir zum Diskutieren nicht nur noch etwas Zeit, sondern wir hielten uns dann auch noch in einer Umgebung auf – nämlich an Land und nicht auf dem Wasser -, wo wir unsere Einwände vortragen können, ohne dass Wind- bzw. Seegangsgeräusche die Verständigung erschweren.

 

Die Diskussion an Land gibt dem Fahrtenleiter auch die Chance, statt seine Mitpaddler zu überreden, ihnen die Möglichkeit zu bieten, in dieser Angelegenheit eigene Erfahrungen zu sammeln, und zwar in dem er seiner Gruppe vorschlägt, unter der Bedingung eine Probefahrt hinaus in den kabbeligen Seegang und bei dem böigen Wind zu unternehmen, dass anschließend wieder zum Startort zurückgekehrt wird, um dann gemeinsam sich zu besprechend, ob die Gruppe immer noch die Gewässerbedingungen für zu kritisch erachtet.

 

Eine andere Möglichkeit zur Gefahreneinschätzung & -minderung bestände darin, die Tour so zu legen, dass zwischendurch immer wieder die Möglichkeit bestände, sich von den Strapazen der Tour zu erholen (z.B. im Windschatten von Inseln) oder dort die Tour für diesen Tag ganz abzubrechen. D.h. die Tour wir in Unterabschnitte unterteilt, die einzeln angegangen und abgehakt werden können. Und wenn das nicht möglich ist, ist nach einer anderen Route, die auch zum selben oder einem anderen Ziel führt, Ausschau zu halten.

 

(Fortsetzung)

 

Text: Udo Beier