20.01.2014 Kursbestimmung (Ausbildung)

 

Das folgende Problem ist uns Küstenkanuwanderern nicht ganz unbekannt:

 

 

Das Ziel vor Augen

 

Ist unser Ziel sichtbar (z.B. eine Fahrwassertonne in der Ferne, ein Leuchtturm auf einer Insel, eine Durchfahrt zwischen zwei Inseln), gibt es eigentlich keine großen Probleme:

 

 

Setzt unterwegs eine Strom- bzw. Windabdrift ein, ist das nicht weiter schlimm; denn:

 

 

Außer Sicht

 

Aber was ist:

 

 

Nun, dann müssen wir den Kompasskurs hin zu diesem Ziel kennen.

 

Bestimmung des Kompasskurses

 

Wie aber bestimmen wir den direkten Kurs hin zu unserem Ziel? Können wir unser Ziel von einer Anhöhe an Land aus sehen, dann peilen wir mit einem Handkompass unser Ziel an und merken uns die Gradzahl. Anderenfalls gibt es drei Möglichkeiten, unseren Kompasskurs zu finden, vorausgesetzt wir verfügen über eine Seekarte bzw. Seekartenkopie mit exakten Angaben der Breiten-/Längengrade bzw. eine (topografische) Karte mit Längengraden:

 

1) GPS

 

Können wir auf ein GPS-Gerät zurückgreifen, entnehmen wir der Seekarte die Breiten-/Längengrad-Koordinaten für den Zielort und speichern diese als Wegepunkt in der Wegepunktliste unseres GPS-Gerätes ab. Wenn wir uns anschließend in unsere Seekajaks setzen, Fahrt aufnehmen und den gewünschten Wegepunkt aufrufen, zeigt uns das GPS-Gerät den Kurs an, den wir zu paddeln haben … aber nicht nur das.

 

Das GPS-Gerät zeigt uns zusätzlich auch an:

 

 

Voraussetzung bei der Arbeit mit einem GPS-Gerät ist jedoch, dass wir – sofern keine Seekarte eingespeichert ist - schon an Land alle gewünschten Koordinaten eingeben, am besten zu Hause, spätestens jedoch vor dem Start oder während einer Pause auf einer Sandbank/Insel; denn die Eingabe der Koordinaten unterwegs auf dem Wasser ist höchstens bei Flachwasserbedingungen und Flaute möglich. Mit zunehmendem Seegang bzw. Winddruck wird es nämlich immer schwerer, die Koordinaten exakt zu bestimmten und fehlerfrei abzuspeichern. Verschlechtert sich also plötzlich unterwegs auf dem Wasser die Sicht und haben wir nicht vorher die Koordinaten von Punkten abgespeichert, die in der Nähe unseres Zieles liegen, zeigt uns unser GPS-Gerät wohl immer die Koordinaten unseres aktuellen Standpunktes an, aber nicht den Kurs hinüber zu unserem Ziel.

 

2) Kartenwinkelmesser

 

Verfügen wir über kein GPS-Gerät oder wollen wir schon an Land wissen, in welcher Richtung - vom Startort aus betrachtet - unser Ziel liegt, können wir mit Hilfe eines Kartenwinkelmessers (Plotter, Kurslineal, Planzeiger) unseren Kurs vom Start- zum Zielort bestimmen.

 

Der Kartenwinkelmesser besteht i.d.R. aus:

 

 

Zur Kursbestimmung legen wir nun diesen Kartenwinkelmesser auf die Karte, und zwar so, dass:

 

(1)  der Drehpunkt genau auf dem Startpunkt liegt und

(2)  das Rechteck ausgerichtet an den benachbarten Längengraden samt Kompassrose exakt nach Norden zeigt.

(3)  Anschließend nehmen wir den Faden in die Hand und führen ihn straff zu unserem Zielpunkt.

(4)  Dort wo der straff gezogene Faden die Gradzahlen der Kompassrose schneidet, können wir am Schnittpunkt die Gradzahl ablesen, die unserem gesuchten Kurs entspricht.

 

Der Brite Jeff Howard hat einen solchen Kartenwinkelmesser („Sea Kayak Navigation Aid“) entwickelt, der auf die Bedürfnisse der Küstenkanuwanderer zugeschnitten ist. Auf seiner Homepage wird in einem Video seine Anwendung erläutert:

 

www.howardjeffs.com/sea-kayak-navigation-aid/ (Preis: ca. 18,- € zzgl. Porto)

 

Ebenfalls bietet der ALPENVEREIN (DAV) einen Kartenwinkelmesser („DAV-Plananzeiger“) an:

 

www.dav-shop.de > Suche: „Planzeiger“ (Preis: 6,40 € (bzw. 8,50 €) inkl. Porto für (Nicht-)Mitglieder)

 

Weiterhin gibt es einen sog. „Portland-Plotter“ (ca. 38 cm lang) (ca. 23,- € bei www.hansenautic.de ). Der Faden wird bei ihm durch das Rechteck ersetzt, das in die Richtung des Kurses gelegt wird. Anschließend drehen wir das Raster der Kompassrose parallel zum nächst liegenden Längen- bzw. Breitengrad“ und lesen den Kurs ab:

 

www.nautisches-lexikon.de/b_navi/grundbegriffe/x_plotter.html

 

An Land lässt sich ein solcher Kartenwinkelmesser recht einfach einsetzen. Unterwegs bei Wind & Welle fällt uns jedoch die Handhabung, je nachdem wie plan die Karte auf dem Kartendeck liegt, nicht mehr ganz so leicht; denn seine Bedienung erfordert zwei Hände und eine ebene Unterlage.

 

3) Augenmaß

 

Verfügen wir über kein GPS-Gerät und keinen Kartenwinkelmesser, sondern nur über eine Karte mit Längengraden und einen Kompass auf Deck, bereitet das beim Küstenkanuwandern keine großen Probleme. Sind wir doch nicht mit einem Segelschiff unterwegs, dass bei einer Grundberührung sofort in Seenot geraten kann. Mit etwas Augenmaß kommen wir auch ohne diese beiden Navigationsmittel zurecht, solange wir bis 360 zählen, etwas Kopfrechnen können und wissen, bei wie viel Grad Norden (N = 0° = 360°), Osten (O = 90°), Süden (S = 180°) bzw. Westen (W = 270°) liegt.

 

Wie sollten wir nun vorgehen, um unseren Kurs zu bestimmen?

 

Wir richten unsere Karte anhand der Länggrade nach Norden aus und schätzen nur ab, in welcher Himmelsrichtung unser Zielort liegt:

 

Beispiel: Das Ziel liegt auf 15°

 

Die „15°“ können wir jedoch mangels Kartenwinkelmesser nicht errechnen, sondern nur „per Augenmaß“ schätzen. Dabei gehen wir so vor:

 

 

Beispiel: Das Ziel liegt auf 265°

 

 

In Anbetracht dessen, dass:

 

 

ist solche eine ungefähre Abschätzung des Kurses nicht für einen Yachtführer, wohl aber für uns Küstenkanuwanderer ohne große Risiken verbunden.

 

Klar Kimming!?

 

Es wird jedoch von uns vorausgesetzt, dass wir bei unserer Fahrt Richtung dem geplanten Ziel stets den vor uns liegenden Horizont daraufhin absuchen, ob nicht unser Ziel schon sichtbar ist. Dabei ist es wichtig abzuschätzen, wie weit es noch bis zum Ziel ist und wann wir (bei einer von uns vorzugebenden Geschwindigkeit (z.B. 5 oder 6 km/h)) etwa bei dem Ziel sein müssten. Ca. 10-12 Minuten vor der geschätzten Zielankunft müssten wir dann verstärkt Ausschau nach dem ca. 1 km entfernt liegenden Ziel halten und – wenn wir es entdecken – eine entsprechende Kurskorrektur vornehmen.

 

Was ist aber, wenn wir unser Ziel nach Ablauf der geschätzten Fahrtzeit nicht entdecken?

 

 

Text: Udo Beier