01.06.2014 Brandungsübungen: Learning by Doing (Ausbildung)

 

Am effizientesten Lernen wir etwas, wenn wir es tun! Das gilt auch für das Erlernen des Brandungspaddelns. Deshalb biete ich seit 1987 für den DKV, den Hamburger Kanu-Verband, meinen Verein, dem Alster-Canoe-Club und die ersten Jahr auch für die Salzwasserunion Brandungsübungen – je nach Windrichtung – in St. Peter-Ording oder Neustadt-Rettin an. Ziel dieser Brandungsübungen ist es, unter Anleitung selbst zu erfahren, wie wir mit einem Seekajak paddeln müssen, damit wir in der Lage sind. auch bei Brandungsbedingungen Strecke zu paddeln, ohne dabei zu kentern …. und wie wir uns zu verhalten haben, wenn wir doch einmal in der Brandung kentern sollten.

 

https://www.dropbox.com/sh/domu5ymm1tuqh6t/AACfIg5dbspd0D7ATO3CRBIUa#lh:null-IMG_0801.JPG (St.Peter-Ordings Brandungspanorama – Foto: U.Beier)

 

https://www.dropbox.com/sh/w41dlbxj3y8cjiz/AABs4kM_wP47e-LHEqyASXPta#lh:null-IMGP1425.MOV (Brandung Life - Video: Frank Müller)

 

Bislang haben fast alle Teilnehmer, die erfahrene Wanderpaddler sein sollten, innerhalb kurzer Zeit gelernt, auf was es beim Paddeln in der Brandung und beim Kentern im Wesentlichen ankommt. Die folgenden 10 Punkte mögen das Basiswissen des Brandungspaddelns zusammenfassen:

 

10-Punkte-Programm „Brandungspaddeln“

 

  1. Vorsorgemaßnahme: In der Brandung sollten wir immer mit Schutzhelm (è Kopfschutz) und Schwimmweste (è Kollisionsschutz) paddeln!
  2. Hilfestellung: Beim Starten und Anlanden unter Brandungsbedingungen ist Hilfestellung seitens der noch bzw. schon wieder an Land stehenden Mitpaddler „erste & letzte“ Pflichtaufgabe!
  3. „Robbenstart“: Beim Starten durch die Brandung ist das Seekajak so auszurichten, dass Wind, Welle & Strömung möglichst nicht das Boot quertreiben. Dann ist Eile geboten:

(a) Rein setzen,

(b) Spritzdecke schließen

(c) und mit ganzer Kraft per „Robbenstart“ Richtung tieferes Wasser robben, wobei wir mit der einen Hand uns auf dem Sand abdrücken und mit der anderen Hand den Paddelschaft so ergreifen, dass wir uns mit dem Paddelblatt gleichzeitig auf der anderen Seite auf dem Sand abdrücken können.

  1. Starttaktik: Bei der Fahrt durch einen Brecher sollten wir uns nach vorne beugen und dabei mit dem Paddelblatt so in den Brecher eintauchen, dass wir möglichst nicht mit dem Brecher rückwärts mitgenommen werden.
  2. „Seitwärtssurf“: Bei der Fahrt seitlich zum Brecher ist immer zur brechenden Welle hin zu stützen.
  3. Surfbedingungen: Bei der Fahrt mit dem Brecher sollten wir – sofern der Surf gewünscht ist – dann, wenn der Brecher das Heck anhebt,

(a) unser Gewicht nach vorne verlagern

(b) und kurz beschleunigen,

um so das Surfen zu erleichtern. Bricht dabei unser Seekajak seitwärts aus, so erfordert das blitzschnelle Korrekturschläge (z.B. Heck- bzw. Bugruder), anderenfalls kurvt unser Seekajak in den Seitwärtssurf, der ein sofortiges Stützen zum Brecher hin erforderlich macht, wenn wir nicht zu der der Welle abgewandten Seite („Wellenlee“) hin kentern wollen.

  1. Kenterreaktionen: Bei einer Kenterung sollten wir (a) möglichst zur brechenden Welle hin hochrollen, wobei das Hochkommen so kontrolliert zu erfolgen hat, dass wir nicht sofort wieder von dem Seegang zur anderen Seite hin gekentert werden. Ist nach der Kenterung der Ausstieg nicht zu vermeiden, sollten wir uns (b) - immer mit dem Seekajak voraus - von Wind, Welle & Strömung aus der Brandungszone (i.d.R. an den Strand) treiben lassen, statt sich in dem „Wellentohuwabohu“ von einem Mitpaddler beim Wiedereinstieg helfen zu lassen.
  2. Anlandebedingungen: Gelingt es uns sitzend in unserem Seekajak am Brandungsstrand anzulanden, sollte nur dort angelandet werden, wo der Strand so flach ausläuft, dass wir auf den Strand „surfen“ können. Bei steilern Stränden besteht nämlich „ohne Hilfestellung durch Dritte“ die Gefahr, dass wir mit dem Bug im Strand stecken bleiben, querschlagen, kentern und dann von der Brandung (sog. „Dumper“) samt Seekajak den Strand hoch- und runter gerollt werden.
  3. Achtung „Kollisionsgefahr“: (a) Beim Starten durch die Brandung sollte niemals direkt hinter einem gerade startenden Kanuten her gepaddelt werden. (b) Bei einem „Seitwärtssurf“-Kurs haben wir darauf zu achten, dass wir nicht direkt parallel nebeneinander, sondern seitlich versetzt paddeln. (c) Und bei einem „Surf“-Kurs (auch beim Anlanden), sollten wir erst dann mit dem Surfen beginnen, wenn sich vor uns keine anderen Kanuten aufhalten.
  4. Vorsichtsmaßnahmen: Befinden sich im Uferbereich Hindernisse (z.B. Buhnen, Felsen, Pfähle) so sollte dieser Bereich möglichst gemieden werden (Ausnahme: absolute Bootsbeherrschung, „Bomb-proof-Roll“). Und halten sich im Brandungsbereich Badende auf, so ist dieser Bereich unbedingt zu meiden!

 

Brandungsübungen 2014 (St. Peter-Ording)

 

Am 31.05.14 war es mal wieder soweit. 14 „Schüler“ wurden zu den Brandungsübungen in St. Peter-Ording zugelassen. Sie stammten aus den verschiedensten DKV-Vereinen (hier: ETV Kiel, HKC-Hamburg. Itzehoer Wasserwanderer, PCE-Rheine, TKV-Berlin und ACC-Hamburg). 7 erfahrenere Küstenkanuwanderer (und zwar Thomas & Angelika Martin (ETV-Kiel), Reinhard Dummer & Carsten Diekmann (Oberalster Hamburg), Matthias Kortenhaus (ACC-Hamburg) und Werner Maslonka (HKC-Hamburg) standen bereit, mich bei den Brandungsübungen zu unterstützen. Auf einen Betreuer kamen folglich jeweils zwei Schüler. Bei den prognostizierten 5 Bft. Wind aus Nordwest in Böen 6 Bft. war dieses „Betreuerverhältnis“ auch dringend notwendig, zumal es sich bei den Schülern um „EPP 3 (Küste)-Kandidaten“ handelte, die laut EPP-Bedingungen eigentlich nur nachzuweisen brauchen, dass sie bei 3-4 Bft. Wind paddeln können. Aber diese Brandungsübungen dienen ja in erster Linie der Vorbereitung einer 4-tägigen Einweisungsfahrt im nord- bzw. ostfriesischen Wattenmeer und da muss aus den aktuellen vorherrschenden Gewässerbedingungen anlässlich der Brandungsübungen das Beste gemacht werden. Hauptsache die „Jungs & Mädchen“ sind anschließend fit, um bei der bald folgenden Einweisungsfahrt zu wissen, was zu tun ist, wenn sie plötzlich mit Brandung konfrontiert werden.

 

https://www.dropbox.com/sh/vnavyrpo5utirij/AACvIn8v2P-uREiwcejzz-cDa#lh:null-IMGP1428.JPG (Startbereit - Foto: Frank Müller)

 

Der Strand von St. Peter-Ording ist ein ideales Gebiet für Brandungsübungen, solange der Wind aus westlicher Richtung kommt und sofern darauf geachtet wird, nicht in die Badezone zu geraten. Die gleichzeitig über das Wasser „rasenden“ Kitesurfer tragen eher zu Belebung bei, als dass sie eine Gefahr für uns Kanuten darstellen. Für die sind wir „Bäume“, die es zu umfahren gilt. Ausweichmanöver unsererseits sind bei deren „fliegenden Tempo“ ohne wesentliche Relevanz.

 

St. Peter-Ording bietet einen flach auslaufenden Strand, bei dem sich die Brecher in mehreren Stufen dem Strand nähern, wobei die Brecher immer höher & mächtiger werden, je weiter sie entfernt vom Strand sind. Ideal ist es dabei, die Brandungsübungen während der Niedrigwasserphase zu beginnen, so dass wird uns langsam an die bei auflaufendem Wasser immer stärker werdenden Brecher gewöhnen können. Vorteilhaft ist es dabei, dass – sofern wir uns nicht zu weit in die Brandung hinaus wagen - wir im Falle einer Kenterung mit Ausstieg von Wind & Welle wieder an den Strand getrieben werden, statt von dem weiter draußen vorherrschenden Gezeitenstrom mitgenommen zu werden.

 

Übungsprogramm in 5 Schritten

 

Die Brandungsübungen liefen dabei wie folgt ab:

 

  1. Trockenübungen: Üben der flachen & hohen Paddelstütze auf dem trockenen Strand.
  2. Flachwasserübung: Anschließend üben der Paddelstütze im flachem Wasser (ca. 40-50 cm tief) und danach im tieferen Wasser (ca. 100 cm tief), also so tief, dass wir uns beim Misslingen der Stütze mehr oder weniger leicht auf dem Grund abstützen können („Tiefe Stütze“), ohne gleich zu kentern.
  3. Beschleunigungsübungen: Sollte nur vereinzelt Brandung auftreten, wird nun das Stützen geübt, nachdem wir unser Seekajak beschleunigt haben, und zwar so, dass wir möglichst während eines Beschleunigungsganges das Stützen jeweils links und rechts, und zwar flach und hoch, üben.
  4. Stützübungen in den Brechern: Sollten die Brandungsbedingungen so stark sein, dass solche „Beschleunigungsübungen“ nicht möglich sind, sind jene Kanuten, die über keine Brandungserfahrungen verfügen, vom Betreuer zu „Fuß“ in die Brandung zu ziehen, wo sie das Durchfahren der ersten Brandungswelle üben, und zwar vor- & rückwärts, um sich langsam an diese aufschäumenden Brecher zu gewöhnen. Anschließend zieht der Betreuer ihr Seekajak quer zu den Brechern, damit das Stützen seitwärts zum Brecher geübt werden kann, und zwar mehrmals auf der einen und später auf der anderen Seite.
  5. Learning by Doing: Danach geht es dann zusammen mit dem Betreuer – jeder in seinem Seekajak – in die vordere Brandung. Anschließend wird immer weiter in die Brandungszone gepaddelt, um das Brandungspaddeln gegen die Brecher, den Seitwärtssurf und schließlich den Surf (inkl. das „Wenden“ in der Brandung, also die 180°-Kurve) zu üben. Die „Schüler“ agieren dabei immer selbständiger und sammeln so ihre Erfahrungen, wie sie ihren Oberkörper zu positionieren haben (z.B. nach vorne, zur Seite oder nach hinten geneigt), damit sie von ihrem Seekajak nicht „abgeworfen“ werden. Sie haben lediglich darauf zu achten, sich nicht so weit von ihrem Betreuer zu entfernen, wie der Betreuer darauf zu achten hat, seine beiden „Schüler“ nicht aus den Augen zu verlieren.

 

https://www.dropbox.com/sh/domu5ymm1tuqh6t/AACfIg5dbspd0D7ATO3CRBIUa#lh:null-IMG_0826.JPG (Geschafft! – Foto: U.Beier)

 

https://www.dropbox.com/sh/xgemvkn2xdn9qo4/AAAYUWKIgmJiKc4mp6eQfB2wa#lh:null-P5310271.JPG (Unterwegs – Foto: Thomas Martin)

 

https://www.dropbox.com/sh/domu5ymm1tuqh6t/AACfIg5dbspd0D7ATO3CRBIUa#lh:null-IMG_0821.JPG (Frauenpower – Foto: U.Beier)

 

https://www.dropbox.com/sh/domu5ymm1tuqh6t/AACfIg5dbspd0D7ATO3CRBIUa#lh:null-IMG_0816a.jpg (Im Wellental – Foto: U.Beier)

 

https://www.dropbox.com/sh/domu5ymm1tuqh6t/AACfIg5dbspd0D7ATO3CRBIUa#lh:null-IMG_0817d.jpg (…. u.s.w. – Foto: U.Beier)

 

https://www.dropbox.com/sh/xgemvkn2xdn9qo4/AAAYUWKIgmJiKc4mp6eQfB2wa#lh:null-P5310266.JPG (Hohe Stütze zur brechenden Welle – Foto: Thomas Martin)

 

https://www.dropbox.com/sh/domu5ymm1tuqh6t/AACfIg5dbspd0D7ATO3CRBIUa#lh:null-IMG_0804b.jpg (Auf Kollisions-Kurs – Foto: U.Beier)

 

https://www.dropbox.com/sh/domu5ymm1tuqh6t/AACfIg5dbspd0D7ATO3CRBIUa#lh:null-IMG_0805b.jpg (Getroffen! – Foto: U.Beier

 

https://www.dropbox.com/sh/xgemvkn2xdn9qo4/AAAYUWKIgmJiKc4mp6eQfB2wa#lh:null-P5310273.JPG („Brandungskanuwandern“ – Foto: Thomas Martin)

 

https://www.dropbox.com/sh/domu5ymm1tuqh6t/AACfIg5dbspd0D7ATO3CRBIUa#lh:null-IMG_0843b.jpg (Auf Anlandekurs – Foto: U.Beier)

 

Fazit

 

Die Brandungsübungen gingen zunächst über 2 Stunden und nach einer Pause nochmals über 1:15 Stunden. Hätte „Kenterbier“ ausgegeben werden müssen, wären sicherlich mehrere Kisten fällig gewesen. Ich glaube, dass danach alle erschöpft, aber zufrieden anlandeten und nun mit mehr Selbstbewusstsein bei der nächsten Küstentour der anrauschenden Brandung begegnen werden. Das trifft sicherlich auch für eine meiner Schülerinnen zu, die zuvor noch nicht in der Brandung gepaddelt ist. Anfangs, als ich – bis zum Bauch im Wasser - sie in die Brecher zog, war sie der reinste „Spielball“ der Wellen. Recht schnell aber merkte sie, wie sie sich mit ein paar Paddelschlägen in der Brandung vor und zurück bewegen bzw. seitwärts zu den Brechern halten konnte, ohne dass das prompt mit einer Kenterung bestraft wurde. Das war auch eigentlich zu erwarten. Sie paddelte nämlich im letzten Jahr über 1.000 km. Das aber ist die beste Voraussetzung dafür, sich auf Tour entlang der Küste zu begeben; denn jenen Leuten mit weniger als 400 km/Jahr fehlt meist einfach noch das nötige „Bootsgefühl“, um sicher durch kabbligen Seegang paddeln zu können.

 

Text: Udo Beier

Links:

www.kanu.de/nuke/downloads/Brandungsfahren.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Brandungstaktik.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Brandungsuebungen-Starkwind.pdf

http://forum.kanu.de/showthread.php?t=16081 (Hecktransport eines Kenterbruders)

http://forum.kanu.de/showthread.php?t=15947 (Basiskönnen)

http://forum.kanu.de/showthread.php?t=15905 (Kollisionsgefahren)

http://forum.kanu.de/showthread.php?t=7493 (Allgemeine Grundlagen)

http://forum.kanu.de/showthread.php?t=7615 (Brandungsübungen im Flachwasserhallenbad)

http://forum.kanu.de/showthread.php?t=7326 (Start durch die Brandung)

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