17.10.2014 Wasserstandsberechnungen: Beispiel Neßmersiel (Ausbildung)

 

Im KANU-FORUM:

 

http://forum.kanu.de/showthread.php?t=16350 (Post # 5)

 

fragt Xcks nach, ob es stimmt, dass von Baltrum aus kommend der ca. 5 km direkt gegenüber am Festland liegende Hafen Neßmersiel mit dem Kajak frühestens 1 Std. vor HW Neßmersiel angelaufen werden kann?

 

(1) Xcks-Berechnung:

 

Bei seinen Berechnungen arbeitet er mit den folgenden Daten:

 

Niedrigwasser (NW) Baltrum = 13.00 Uhr

Hochwasser (HW) Neßmersiel = 19.50 Uhr

Hochwasserstand Seekartennull (HW SKN) Neßmersiel = 3,00 m

Wasserstandsveränderung in der 1. Std. (nach 12er-Regel) = 0,28 m,

was einem Tidenhub (TH) von 3,36 m (0,28x12) entspricht

Trockenfallende Höhe über Seekartennull (SKN) (Hafen Neßmersiel) („Watthöhe“) = 2,1 m

Mindestwasserhöhe für Kajak = 0,50 m (entspricht einem Mindestwasserstand von 2,60 m bei der Hafeneinfahrt von Neßmersiel).

 

Nach diesen vorgegebenen Daten haben wir um 19.50 Uhr (also bei Hochwasser) in der Hafeneinfahrt von Neßmersiel eine Wassertiefe von 0,90 m (=3,00-2,10).

1 Std. vorher beträgt die Wassertiefe 0,62 m (=3,00-0,28-2,10).

Wenn wir also mindestens 0,50 m Wasser unterm Kiel haben möchten (= Kielfreiheit), dürfen wir frühestens 1:15 Std. vor HW Neßmersiel in den Hafen einlaufen, also um 18.35 Uhr!

 

Insofern hat Xcks richtig gerechnet, wenn er auch teilweise falsche, d.h. für mich nicht nachvollziehbare Daten zugrunde legt und somit  zum falschen Ergebnis kommt.

 

Wie sieht nun aber die „richtige“ Wasserstandsberechnung aus? Nehmen wir mal an, wir arbeiten mit dem:

 

„Gezeitenkalender.

Hoch- und Niedrigwasserzeiten für die Deutsche Bucht und deren Flussgebiete 2014“

(hrsg. vom BSH)

 

dann können wir auf die folgenden Daten zurückgreifen, wobei ich, um die Vergleichbarkeit mit den Daten von Xcks zu ermöglichen, mit den Daten vom 7.7.14 rechne:

 

(2) Soll-Berechnung auf Basis des Gezeitenkalender (S.89,93,111+118 für 7.7.14 (Nipptide):

 

NW Baltrum = 13.09 Uhr

HW Neßmersiel = 19.26 Uhr

Mittleres Hochwasser (MHW SKN) Neßmersiel = ca. 3,40 m (=> Übernahme der Daten des Nachbarhafens Dorumersiel; denn die Daten für Neßmersiel sind nicht bekannt)

Mittlerer Tidenhub (MTH) = ca. 2,70 m (=> Dorumersiel)

Wasserstandsveränderung in der 1. Std. (nach 12er-Regel) = 0,225 m=0,23 m (=>1/12)

Wasserstandsveränderung in der 2. Std. (nach 12er-Regel) = 0,45 m (=>2/12)

Wasserstandsveränderung in der 3. Std. (nach 12er-Regel) = 0,675 m=0,68 m (=>3/12)

Watthöhe Hafeneinfahrt Neßmersiel lt. Seekarte) = 2,10 m

Mindestwasserhöhe für Kajak = 0,50 m (=> 2,60 m nötiger Wasserstand bei 2,1 m Watthöhe).

 

Nach diesen Daten aus dem „Gezeitenkalender“ haben wir am 7.7.14 um 19.26 Uhr (also bei Hochwasser) in der Hafeneinfahrt von Neßmersiel eine Wassertiefe von 1,30 m (=3,40-2,10).

1 Std. vorher (18.26 Uhr) beträgt die Wassertiefe 1,07 m (=1,30-0,23),

2 Std. vorher (17.26 Uhr) beträgt die Wassertiefe 0,62 m (=1,07-0,45) und

3 Std. vorher (16.26 Uhr) beträgt die Wassertiefe 0,00 m (=0,62-0,68), d.h. die Fläche beginnt trockenzufallen.

 

Wenn wir unterm Kiel unserer Kajaks mindestens 0,50 m Wasser haben möchten, dürften wir nach diesen Daten frühestens ca. 2:10 Std. vorher in den Hafen von Neßmersiel hinein paddeln.

 

(3) Ist-Berechnung - Ungewissheiten (Fehler):

 

a) Es wird angenommen, dass die Daten von Dorumersiel und Neßmersiel identisch sind, was nicht unbedingt zu sein braucht.

b) Es wird mit „mittleren“ Werten für die Hochwasserhöhe (=> MHW SKN) gerechnet. Die „rechnerischen“ Werte kennen wir nicht. Wir finden jedoch „realistischere“ Werte in den ca. 240 Seiten umfassenden „Gezeitentafeln Europäische Gewässer“ (hrsg. v. BSH).

c) Wir kennen nicht die Ist-Werte für den Wasserstand von Neßmersiel, die nicht nur „astronomischen“, sondern auch „meteorologischen“ Einflüssen unterliegen. Z.B. bei länger andauerndem, stärkerem Wind aus SO wird das Wasser nicht so hoch auflaufen wie bei länger andauernder stärkerer Wind aus NW. Wer mehr über Wasserstandsabweichungen erfahren möchte, erfährt dies unter:

www.bsh.de/de/Meeresdaten/Vorhersagen/Gezeiten/index.jsp

http://www.bsh.de/aktdat/wvd/wahome.htm bzw. Tel. 040-31903190

d) Die Wasserstandsveränderungen (=> Tidenkurve) werden mit der 12er-Regel berechnet, die voraussetzt, dass diese Veränderungen einer Normalverteilung unterliegen, was in der Realität nur näherungsweise zuzutreffen braucht.

e) Die 12er-Regel geht von einer 6-stündigen Steig-/Falldauer der Gezeiten aus. In der Realität kann sie bis zu 0,30 h länger bzw. kürzer sein.

f) Die „trockenfallende Höhe über SKN“ (Watthöhe), die die Seekarte vor der Hafeneinfahrt vor Neßmersiel angibt, ist u.U. vor 5 Jahren gemessen worden, braucht also nicht mehr aktuell zu sein.

g) Das „Seekartennull“ (SKN) bezieht sich auf die „Lowest Astronomical Tide“ (LAT). D.h. in der Regel ist der Wasserstand bei Niedrigwasser höher und folglich die „Watthöhe“ niedriger anzusetzen.

 

(4) Realität:

 

Das alles kann dazu führen, dass die Wassertiefe z.B. in der Hafeneinfahrt von Neßmersiel höher, aber auch niedriger sein kann. Das muss uns Küstenkanuwanderern bewusst sein, wenn wir Wattfläche überpaddeln, und entsprechende Zeitreserven einplanen. Aber deswegen müssen wir keine Angst haben. Wenn wir nämlich in unserem Wattenmeer auf Grund laufen, gibt es höchsten ein paar Kratzer (z.B. weil wir gerade über eine Austern- bzw. Miesmuschelbank rutschen). Ansonsten brauchen wir – sofern das Wasser aufläuft - z.B. bei der Einfahrt in den Hafen von Neßmersiel nur darauf zu warten, bis das Wasser steigt, um dann weiter zu paddeln.

 

Übrigens, am 4.10.14 setzte ich kurz nach 12 Uhr an der Steganlage des „Nordsee-Yacht-Club Neßmersiel“ ein (=> HW Neßmersiel = 7.44 Uhr / Nipptide), also 4:30 h nach HW Neßmersiel, und fuhr bei einem 3er Wind aus Süd hinüber nach Baltrum. Ich paddelte wohl die ersten hundert Meter in höchstens 40 cm Wassertiefe, aber ich kam voran, auch wenn ich mit dem Paddel das verschlickte Watt aufwühlte.

 

Warum in der Realität ein solch später Start, nämlich 4.30 h nach HW Neßmersiel, noch möglich war, obwohl die Berechnungen darauf hindeuten, dass das nur bis 2:10 h nach HW Neßmersiel möglich sein dürfte, liegt sicherlich an den unrealistischen Watthöhenangaben der Seekarte bzw. dem so niedrig angesetzten SKN (LAT) vor der Hafeneinfahrt von Neßmersiel. Ohne die Empfehlungen ortskundiger Küstenkanuwanderer hätte ich mich jedoch nicht getraut, so spät nach Hochwasser zu starten; denn lt. den Soll-Berechnungen müsste der Hafen spätestens 3 h nach HW beginnen trockenzufallen, egal ob nun Spring- oder Nipptide ist. Wenn das zugetroffen wäre, hätte ich 4:30 h nach HW nicht mehr durch den verschlickten Hafen hinaus Richtung Baltrum paddeln können und meinen Start frühestens auf 2:10 h vor dem nächsten Hochwasser, also auf 18.30 Uhr, verlegen müssen. Erst dann hätte ich rein rechnerisch den Hafen auf eigenem Kiel verlassen können und bei untergehender Sonne (SU = 18.55 Uhr) in Richtung Baltrum paddeln können …. und das gegen die Tide; denn erst ab 20.42 Uhr (= HW Neßmersiel) lief an diesem Tag das Wasser wieder ab. Ja, wer zu spät kommt, den bestraft die Tide. Und wer zu früh kommt, erspart sich Stress!

 

(5) Starten/Anlanden im trockenfallenden Hafen von Neßmersiel:

 

Übrigens, wenn wir in den Hafen hinein paddeln können, heißt das noch längst nicht, dass wir dann dort problemlos aussteigen können, und umgekehrt, wenn wir aus dem Hafenbecken herauspaddeln können, bedeutet das noch längst nicht, dass wir dann dort ohne Schwierigkeiten in unsere Seekajaks steigen und lospaddeln können. Meist sind nämlich die Ränder innerhalb der Hafenbecken verschlickt und etwaige Slipanlagen (Rampe) reichen nicht immer bei jedem Wasserstand bis ins Wasser.

 

Beim Starten ist das nicht immer problematisch; denn es geht in der Regel vom Hafenrand „bergab“ – also durch die Schlick rutschend - ins Wasser. Wer das „Schlickrutschen“ beherrscht, erreicht dann nicht völlig verschlickt & verschlammt das Wasser:

 

 

 

Wenn wir jedoch im Schlick anlanden müssen, heißt es anschließend samt Seekajak im Schlepptau „bergauf“ zu krabbeln. Ab einer bestimmten Schlicktiefe ist das fast unmöglich.

 

Was nun den Hafen von Neßmersiel betrifft, so besteht die Möglichkeit während der Segelsaison über die Steganlage des dort ansässigen Yacht-Clubs fast immer zu starten bzw. anzulegen. Leider ist die Steganlage mit einer Tür verschlossen. Insbesondere um von Land aus auf die Steganlage zu kommen, benötigen wir ein Clubmitglied mit Schlüssel. Ansonsten verfügt der Hafen noch über zwei Slipanlagen, die m.E. zumindest beim Anlanden uns erst frühestens ca. 2 Std. vor Hochwasser von Nutzen sind.

 

Text: Udo Beier

Link: www.kanu.de/nuke/downloads/12er-Regel.pdf