23.11.2014 Seekajak-Schlepp-Varianten (Ausbildung)

 

Es gibt die verschiedensten Gründe, unterwegs auf Küstentour einen Mitpaddler bzw. eine Mitpaddlerin zu schleppen:

 

 

Genau der letzte Grund veranlasste z.B. Freya Hoffmeister im November 2012 an ihrem 328. Fahrtentag rund Südamerika, sich von ihrem Gefährten Peter Unold auf den letzten 15 km einer 69 km langen Tagesetappe entlang der peruanischen Pazifik-Küste schleppen zu lassen, um noch vor Einbruch der Dunkelheit den weit und breit einzig möglichen Anlandeplatz zu erreichen:

 

www.kuestenkanuwandern.de/ausbild/121118.html

 

Schlepp-Varianten

 

Freya & Peter hatten keine andere Wahl und entschlossen sich, mit Hilfe des:

 

 

ihr Tempo zu steigern. Beim „Solo-Schlepp“ kommt eine ca. 10-15 m langen Schleppleine (ca. 10-15 m Leine (schwimmbar; Ø 10 mm); oder ca. 8-10 m Elastikleine (Ø 4-5 mm)) zum Einsatz, mit der die schwächere Person von einer stärkeren Person geschleppt wird. Hierbei handelt es sich um jene Schleppmethode, die am stärksten anstrengt (sofern die schwächere Person nicht mehr mitpaddeln kann), aber die am einfachsten auszuführen ist; denn es kann sich im rauen Seegang nur eine Schleppleine verheddern (z.B. an der Steueranlage, am Hecktoggle bzw. am Gepäck, welches auf dem Achterdeck lagert). Sie eignet sich daher eher für nicht zu lange Schlepppassagen und macht eigentlich einen steten Austausch der schleppenden Person erforderlich.

 

Befinden sich in einer Paddelgruppe zwei starke Personen, die in Einer-Kajaks paddeln, bietet sich entweder der:

 

 

an, bei dem die beiden Personen nebeneinander paddelnd gleichzeitig die schwächere Person schleppen. Vorteilhaft ist es hierbei, dass die Last von zwei Personen getragen wird. Nachteilig an dieser Schleppmethode ist jedoch zum einen die Koordination der beiden schleppenden Personen im rauen Seegang (hier: den richtigen Abstand zueinander halten, d.h. nicht zu weit auseinander paddeln bzw. nicht einzeln vorpreschen und den anderen weit hinter sich lassen) und zum anderen das Problem, dass Skeg-Kajaks desto schwerer auf Kurs zu halten sind, je weitere das „V“ auseinandergeht. Übrigens, dieses Koordinationsproblem verstärkt sich, wenn die beiden schleppenden Personen über unterschiedlich lange Schleppleinen verfügen, was im Allgemeinen die Regel ist.

 

Insbesondere bei unterschiedlich langen Schleppleinen bzw. bei Skeg-Kajaks bietet sich der:

 

 

an. Hier wird nicht nebeneinander sondern hintereinander geschleppt. D.h. die stärkste Person befestigt – sofern der Seegang das zulässt - ihre Schleppleine am Kajak der zweitstärksten Person und diese befestigt dann ihre Schleppleine schließlich am Kajak der zu schleppenden schwachen Person. Diese Schleppmethode erfordert eine gute Abstimmung zwischen der ersten und zweiten Person, anderenfalls könnte es passieren, dass zum einen die erste Person allein sowohl die zweite und die dritte, schwächere Personen schleppt, und zum anderen, dass die zweite Person z.B. bei einem unfreiwilligen Surf die erste Person überholt und u.U. quer zieht. Während beim „V-Schlepp“ eine der zwei starken Personen sich während des Schleppens kurzzeitig erholen kann, in dem sie sich so weit zurückfallen lässt, dass kein Zug mehr auf ihrer Schleppleine ist, ist das beim „Reihen-Schlepp“ nur bedingt möglich, und dann auch nur für die an erster Stelle liegende Person.

 

Mehr als zwei Personen sollten beim „aktiven“ Schleppen im Seegang bzw. ab 3-4 Bft. Wind nicht eingesetzt werden. Die Kraftersparnis rechtfertigt nicht die zunehmenden Abstimmungsprobleme, die schließlich darin enden können, dass mindestens eine der vielen Schleppleinen verheddert und einen „Abbruch“ der Schleppaktion mit anschließendem „Neustart“ erforderlich macht.

 

Eine Ausnahme gibt es jedoch: Wenn die zu schleppende schwächere Person so entkräftet ist, dass für sie Kentergefahr besteht, ist es vorteilhaft, wenn eine weitere Person sich zumindest „passiv“ am Schleppen beteiligt, d.h. mit ihrem Kajak hinüber zur schleppenden Person paddelt, sich längsseits legt, dessen Kajak ergreift (hier: ein Floß/Päckchen bildet), um es zu stabilisieren und so vorm Kentern zu bewahren. Gut, wenn dann beide Kajaks über fest gespannte Rettungshalteleinen verfügen.

 

Schleppen ohne Schleppleine!?

 

Nun gibt es Momente, wo eine Person in ihrem Seekajak ohne Einsatz einer üblichen Schleppleine zu „transportieren“ ist, sei es, weil „Gefahr in Verzug“ besteht, da eine z.B. wegen eines Sach- bzw. Körperschadens nicht mehr handlungsfähige Person auf ein Hindernis, in ein befahrenes Fahrwasser bzw. in einen Bereich mit gefährlichem Seegang treibt oder nicht mehr in der Lage ist, sich aufrecht in ihrem Kajak zu halten. Ja, dann muss ein „Päckchen“ gebildet werden, und zwar so, dass die stärkere Person in der Lage ist, mit Paddelschläge dieses Floß aus dem kritischen Bereich zu „transportieren“:

 

 

Das kommt insbesondere dann in Frage, wenn eine Zweier-Gruppe unterwegs ist. Kurzzeitig kann aber dieser „Päckchen-Transport“ auch für größere Gruppen in Betracht kommen, und zwar dann solange, bis eine dritte Personen in der Lage ist, das „Päckchen“ mittels „Solo-Schlepp“ zunächst aus der Gefahrenzone und dann später Richtung einer geeigneten Anlandestelle zu schleppen.

 

Wie ein solcher „Päckchen-Transport“ aussehen kann, dazu gibt es mehrere Vorschläge:

 

  1. Längsseits zum Kajak der schwächeren Person legt Bug-zu-Bug eine stärkere Person mit seinem Kajak an, nimmt eine in Höhe des Kartendecks gelagerte & befestigte 60 – 180 cm lange Befestigungs-Leine (z.B. Elastikleine mit ca. Ø 5 mm) und befestigt das eine Ende am Bugbereich des Kajaks der zu transportierenden Person. Dann paddelt die stärkere Person los, wobei sich der Bug des zu transportierenden Kajaks in Höhe der Hüfte der stärkeren Person befindet. Während des Schleppens hält sich die zu schleppende Person am Schlepper-Kajak (in Höhe des Hecks) so fest, dass beide Kajaks versetzt aber parallel zueinander liegen. Die kurze Befestigungsleine sorgt dafür, dass der Bug des zu transportierenden Kajaks nicht ausbrechen kann. Übrigens, je länger diese Befestigungsleine ist, desto weniger stört das zu transportierende Kajak die stärkere Person beim Paddeln. Wie diese Schleppmethode inkl. die dabei zu verwendende Befestigungs-Leine in der Praxis aussehen könnte, ist dem folgenden Video von Gordon Brown zu entnehmen: www.youtube.com/watch?v=1OhowpFVDe8 (2013)

 

  1. Verfügen wird nicht über eine solche kurze, griffbereit gelagerte Befestigungs-Leine, so kann dieses Päckchen in derselben Formation (hier: Bug-zu-Bug-Position, jedoch seitlich hintereinander versetzt) vorwärtsgepaddelt werden, wobei die zu transportierende Person sich entweder am Heck bzw. am Bug des „Schlepper-Kajak“ festhält. Dabei müssen wir jedoch damit rechnen, dass mangels Befestigung bzw. wegen eingeschränkter Handlungsfähigkeit der schwächeren Person der Bug des zu transportierenden Kajaks ausscheren kann und dadurch die stärkere Person nicht nur am Vorwärtspaddeln, sondern auch am Kurshalten behindert. Deshalb ist der „Päckchen-Transport“ eher nur geeignet, um kürzere Passage zu überwinden.

 

  1. Eine weitere Variante des „Päckchen-Transports“ besteht darin, dass die beiden Päckchen bildenden Kajaks Bug-zu-Heck liegen, und zwar so seitlich versetzt, dass beide Personen Blickkontakt haben. D.h. die schwächere Person hält sich am Bug des Schlepper-Kajaks fest. Ein Nachteil auch dieser Methode ist, dass es der schwächeren Person beim Transport nicht immer gelingt, ihr Kajak parallel zum Schlepper-Kajak zu halten. In einem Video von Seakayaking.TV können wir ab der 1:40 Min. sehen, wie dieser „Bug-zu-Heck-Päckchen-Transport“ abläuft:

www.youtube.com/watch?v=SP87sKGaMtE (2012)

Siehe hierzu auch den Beitrag von A.Matthews:

www.wavelengthmagazine.com/2010/10sp/10sp_skillset.html

 

Übrigens, ATLANTIC KAYAK TOURS erläutert in dem Beitrag “Sea Kayak Towing” die verschiedenen Schlepp-Varianten und stellt jede Variante grafisch dar:

http://kask.org.nz/wp-content/uploads/Towing.pdf (1998)

 

Text: Udo Beier

Literatur:

Nehrhoff von Holderberg,B.: (Ab)Schleppen leicht gemacht

Teil 1: Schlepptechniken auf offenen Gewässern, Kajak-Magazin, Nr. 4/13, S.34-37

Teil 2: Schleppleinen-Systeme (5+1 Modelle), Kajak-Magazin, Nr. 5/13, S.46-47