06.12.2014 Winterpaddeln (Ausbildung)

 

Es gibt Themen, die immer wieder angesprochen werden sollten. Das betrifft insbesondere jene Themen, die die Gefahren des Küstenkanuwanderns aufzeigen. Zu denken ist an die Gefahren, die von:

 

·         der mangelhaften Seetüchtigkeit eines Kanuten (hier: mangelhafte Ausrüstung, mangelhafte Beherrschung der Paddeltechniken und Rettungsmethoden);

·         der mangelhaften Kenntnis der Gewässerbedingungen (hier: Entwicklung des Wetters, insbesondere des Windes und der Wellen);

·         der mangelhaften Kenntnis der Wasser- & Lufttemperaturen;

·         der mangelhaften Kenntnis des Leistungsvermögens der Mitpaddler

 

ausgehen können.

 

Mit u.a. der vorletzten Gefahr befasst sich in diesem Jahr – genau zu Beginn der ersten Frostperiode - das KANU-MAGAZIN, Nr. 8/14, S.52-56. Sie veröffentlicht dort den folgenden Beitrag von Björn Nehrhoff:

 

„Heiß auf kalt. Workshop: So geht Winterpaddeln“

 

B.N. schreibt, dass „sich auch bei klirrender Kälte traumhafte Stunden auf dem Wasser erleben lassen.“ Quasi als „Beweis“ für diese Aussage wird ein doppelseitiges Foto abgedruckt, das einen gut ausgerüsteten Kanuten (=> doppelt abgeschottetes Kajak, Trockenanzug, Handschuhe, Schwimmweste, Thermoskanne) zeigt, der sich auf einem fast strömungslosen Kleinfluss treiben lässt und die tiefverschneite Landschaft bewundert.

 

Auf welche Gefahren des Winterpaddelns macht nun der Autor aufmerksam?

 

·         Unterkühlung, die mit Frieren & Muskelzittern beginnt, dem zunächst Kräfteschwund & Verwirrtheit folgen (1. Grad der Unterkühlung: „Erregungsstadium“), bis dann Müdigkeit, Krämpfe, Gefühllosigkeit (2. Grad der Unterkühlung: „Erschöpfungsstadium“) und schließlich Muskelstarre & Bewusstlosigkeit (3. Grad der Unterkühlung: „Lähmungsstadium“) einsetzen. Wie schnell die Unterkühlung sich auswirken und wie lebensbedrohend sie werden kann, darüber sagen etwas die Daten der US Coast Guard aus, auf die B.N. verweist: z.B. bei Wassertemperaturen zwischen +0,3 bis +4,5° C tritt bei Personen ohne Kälteschutz & Kälteakklimation die „Erschöpfung bzw. Bewusstlosigkeit“ innerhalb von 15-30 Minuten. Bei Temperaturen zwischen +4,5 bis +10° C dauert es etwas länger: 30-60 Minuten! Gegen allzu schnelle Unterkühlung sorgt entsprechende Bekleidung (z.B. Neo, Trockenanzug inkl. warmer Unterbekleidung, Neohaube, Handschuhe/Paddelpfötchen).

·         Handlungsunfähigkeit, setzt schon beim 1. Grad der Unterkühlung ein und führt dazu, dass wir z.B. nach einer Kenterung nach kurzer Zeit nicht mehr in der Lage sein werden, zurück ans rettende Ufer zu schwimmen (sog. Schwimmversagen) oder ins eigene Kajak wiedereinzusteigen, die Spritzdecke zu schließen, das Paddel zu ergreifen, effizient zu Paddeln bzw. rechtzeitig zu Stützen. B.N. verweist dabei auf eine Daumenregel von B.Schenk, die besagt, dass die Nutzzeit (gemessen in Minuten) der Wassertemperatur (gemessen in Grad Celsius) entspricht, d.h. bei +5°C Wassertemperatur hat ein leicht bekleideter und nicht kälteakklimatisierter Kanute gerade mal Ø 5 Minuten Zeit, um wieder zurück in sein Kanu zu kommen. Danach wird er wohl auf die Hilfe Dritter angewiesen sein.

·         Kälteschock, der u.a. dadurch eintritt, dass beim plötzlichen Untertauchen ins kalte Wasser die Atmung nicht mehr kontrolliert (=> Hecheln) werden kann. Wenn dann kaltes Wasser eingeatmet wird, kann das einen Krampf auslösen, der einen Atemstillstand zur Folge hat (sog. „trockenes Ertrinken“). U.U. können wir dem Kälteschock mit entsprechender „Kälteakklimatisierung“ entgegenwirken (z.B. bevor es aufs Wasser geht bzw. Kentergefahr besteht sollten wir uns abkühlen, nämlich Hände und Gesicht mit kaltem Wasser benetzen).

·         Bergungstod, den jenem passieren kann, der das „Erschöpfungsstadium“ erreicht hat, aber während seiner Rettung so unsachgemäß hin & her bewegt wird, dass sich das in seinen Gliedern befindliche kalte Blut bis zum Körperkern vordringt und so zum Kreislaufkollaps führt („Afterdrop“). Deshalb ist es wichtig, stark unterkühlte Personen nur liegend zu transportieren.

 

Jeder Mensch kann bei entsprechend niedrigen Temperaturen die Folgen der Unterkühlung erleiden. Kanuten sind davon nicht ausgenommen. Letztlich hängt das lt. B.N. davon ab, „wie auskühlungsanfällig (sie) sind, ob sie sich vorher konditionell ausgepowert haben wie gut sie sich durch Akklimatisation der Kälte anpassen können.“ Damit hat der Autor alles angesprochen, aber er hätte ruhig etwas konkreter werden können:

 

Kanuten unterkühlen nur dann langsamer, wenn sie:

 

·         „Kaltduscher“ sind (also weniger kälteempfindliche Personen sind, die sich im Laufe der Zeit an kaltes Wasser gewöhnt haben),

·         entsprechenden Kälteschutz tragen,

·         sich vorher abkühlen, bevor sie ins Wasser fallen,

·         ihren Kreislauf durch die sportliche Betätigung hochgefahren haben.

 

Aber gerade Kanuten können besonders unterkühlungsgefährdet sein, wenn sie z.B.

 

·         sich unausgeschlafen bzw. nicht ausgeruht ins Kajak setzen,

·         durch zu anstrengende Paddelei „ausgepowert“ sind,

·         durch falsche Pauseneinteilung ausgehungert & durstig sind,

·         durch allzu langes Paddeln unter unwirtlichen Bedingungen sowieso schon frösteln,

·         gerade erst von einer den Kreislauf belastenden Krankheit (z.B. Fieber) genesen sind (=> mindestens 3 Tage fieberfrei!).

 

Das größte Risiko als Kanute zu unterkühlen besteht dann, wenn er bei Gewässerbedingungen paddelt, die zu Kenterungen führen können. B.N. empfiehlt daher, dass wir im Winter „bei der Touren- und Routenwahl konservativer vorgehen (sollten) als im Sommer. Es gilt Risiken zu minimieren, nicht alleine aufs Wasser zu gehen und nicht die eigenen Grenzen auszuloten.“

 

Aber als Kanute können wir nicht nur unterkühlen, wenn wir nach einer Kenterung aussteigen und im Wasser schwimmen müssen, sondern – und darauf weist B.N. nicht deutlich hin - auch dann, wenn wir nach einer Kenterung wieder sofort hochrollen können. Wer dann nur einen Neo trägt, wird schneller auskühlen als einer, der eine Trockenjacke bzw. einen Trockenanzug anhat (sog. „Wetchill“). Und auch einer, der mit Trockenjacke bzw. Trockenanzug paddelt, kann von Wind ausgekühlt werden und so langsam unterkühlen (sog. „Windchill“). In KANU-SPORT, Nr. 12/14, S.34, ist gerade ein Beitrag darüber erschienen:

 

„Praxis. Windchill 2.0. Es ist spürbar wärmer geworden!“

 

Ihm können wir entnehmen, dass bei einem Wind, der mit 3 Bft. weht (=> „schwacher“ Wind), Lufttemperaturen von 0°C (bzw. +5°C) so empfunden werden, als ob -4° bis -5°C (bzw. +2° bis +1°C) herrschen.

 

Winterkanuten sollten sich also der Gefahren bewusst sein, die nicht nur von kaltem Wasser sondern auch von kalter Luft in Verbindung mit Wind ausgehen können. Wer also im Winter nur bei Windstille paddelt, der minimiert nicht nur die Kentergefahren, d.h. braucht nicht zu fürchten, dass plötzlich einfallende Windböen bzw. brechende Wellen einen umschmeißen, der kühlt auch sonst nicht so schnell aus, wie einer, der bei Gegenwind und spritzenden Wellen versucht, Strecke zu paddeln.

 

Die Unterkühlung ist jedoch nur die eine Seite des Winterpaddelns, die andere ist jene, sich so zu verhalten und auszurüsten, dass Kälte & Eisgang einem beim Paddeln möglichst wenig anhaben können. Darauf geht Björn Nehrhoff ebenfalls ein. Wen das interessiert, der kann das in seinem Beitrag nachlesen. Und wer noch mehr über Unterkühlung erfahren möchte, der kann sich den folgenden Beitrag downloaden:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Gefahr-Unterkuehlung.pdf

 

Text: Udo Beier