30.03.2015 Stützen & Kanten beim Seitwärtssurf (Ausbildung)

 

Im KANU-FORUM trägt Chillosaurus ein paar Einwände zur von mir vorgestellten „Brandungs-Seitwärtssurf-Simulation“ per Seilzug im Hallenbad vor:

 

http://forum.kanu.de/showthread.php?t=7615 (Post #3)

 

Auf zwei seiner Einwände möchte ich hier eingehen, und zwar:

 

1)    Beim Seitwärtssurf in der Brandung „will man eigentlich ohne Paddelstütze auskommen“!

2)    Beim Seitwärtssurf braucht man sich mit dem Oberkörper nicht hin zum Brecher zu neigen, „es reicht, die Hüfte auf der Strömungsseite (also der Seite, die dem Brecher abgewandt ist) anzuheben.“ D.h. „es ist stets ausreichend, das Boot nur soweit zu kanten, dass kein Wasser auf das Deck drückt.“

 

Bei den Erwiderungen auf diese Einwände sollte uns bewusst sein, dass es sich hier nicht um eine Art Seitwärtstransport auf einem fließenden Bach, sondern um den Seitwärtssurf in der Brandung handelt, bei dem ein Brecher einen Kanuten, der mit seinem Seekajak quer zur Welle liegt, seitwärts über die Wasseroberfläche treibt. Siehe hierzu das Video des Spaniers Xavi F., in dem eindrucksvoll neben dem Vorwärtssurf auch der Seitwärtssurf in der Brandungszone der Costa Brava demonstriert wird:

 

https://www.youtube.com/watch?v=Ej4uMv7lo2k

 

Immer zum Brecher hin stützen und neigen

 

Ein solcher Seitwärtssurf kann als gelungen angesehen werden, wenn der Kanute es schafft, dabei nicht zu kentern bzw. nach einer Kenterung wieder hochzurollen und den Seitwärtssurf fortzusetzen. Voraussetzung für das Gelingen des Seitwärtssurf ist:

 

·         der rechtzeitige Einsatz der flachen bzw. hohen Paddelstütze hin zur brechenden Welle, sofern diese das Potenzial dazu hat, den Kanuten samt Seekajak mit zu transportieren;

·         und die rechtzeitige und ausreichende Neigung des Kanuten und seines Seekajaks hin zur brechenden Welle, d.h. der Kanute muss seinen Oberkörper in Richtung Brecher neigen und dabei sein Seekajaks auf jener Seite hoch kanten, die dem Brecher abgewandt ist.

 

Drehmomente, die den Surfer kentern wollen

 

Um nun nachvollziehen zu können, ob es allein genügt, wenn der Kanute beim Seitwärtssurf sein Seekajak so auf der dem Brecher abgewandten Seite (=> Strömungsseite) hoch kantet, dass kein Wasser aufs Oberdeck drücken kann, sollte uns bewusst sein, dass beim Seitwärtssurf verschiedene Drehmomente auf das Seekajak einwirken, die allesamt dazu führen können, ein unbesetztes Seekajak über die Wasseroberfläche rollen zu lassen. Diese Drehmomente werden genau dann von einem herannahenden Brecher ausgelöst, wenn dieser auf den quer zum Brecher paddelnden Kanuten trifft und ihn mit transportiert (=> vor sich her treibt!), und zwar solange bis der Brecher seine Kraft verloren hat und sich in Schaum auflöst.

 

Die folgenden zwei Drehmomente lassen sich beim Seitwärtssurf unterscheiden:

 

(1)  jenes Drehmoment, das von den Wassermassen des heranrauschenden Brechers ausgeht, welches das Oberdeck des quer zum Brecher liegenden Seekajaks und den Oberkörper des aufrecht sitzenden Kanuten packt und versucht, zu jener Seite zu drehen und kentern zu lassen, die dem Brecher abgewandt ist (=> „Über-Wasser-Drehmoment“);

(=> wenn wir davon ausgehen, dass sich der Brecher von Backbord her nähert, wird der Kanute, der aufrecht paddelnd eine „12-Uhr-Stellung“ einnimmt, beim Kontakt mit dem Brecher sofort im Uhrzeigersinn Richtung „3-Uhr-Stellung“ und darüber hinaus gedreht … sofern er passiv in seiner Luke sitzen bleibt!)

(2)  das Drehmoment jenes Wassers, über das der Kanute vom Brecher getrieben wird und das aus seiner Sicht unter seinem Seekajak in Richtung Brecher strömt, dabei das Oberdeck (sofern nicht weg von der Strömung gekantet wird), zumindest aber das Unterwasserschiff, packt und versucht, es so umzudrehen, dass der Kanute weg vom Brecher kentert (=> „Unter-Wasser-Drehmoment“);

(=> der Kanute wird mit seinem Seekajak im Uhrzeigersinn gedreht, und zwar über die „3-Uhr-Stellung“ hinaus bis – je nach Stärke dieses Drehmoments bis zur „9-Uhr-Stellung“ und gegebenenfalls darüber hinaus, d.h. der Kanute rollt dann ohne eigenes Zutun und kentert erneut!)

 

Alle beiden Drehmomente führen dazu, das Seekajak um die Längsachse rollen zu lassen, und zwar im Uhrzeigersinn bzw. entgegen dem Uhrzeigersinn, je nachdem ob der Brecher von Backbord oder Steuerbord herangerauscht kommt. D.h. der Kanute kentert mit seinem Seekajak, wenn es ihm nicht gelingt, durch entsprechendes Verhalten die Drehkraft, die von diesen beiden Drehmomenten ausgeht, zu kompensieren (neutralisieren).

 

Exkurs: Rollen beim Seitwärtssurf: -Diese beiden Drehmomente sorgen dafür - sofern der Kanute nichts dagegen unternimmt, um sie zu kompensieren -, dass er weg vom Brecher durchkentert und bei genügend starkem Drehmoment ohne eigenes Zutun vor dem Brecher wieder hochrollt. Kentert nun ein Kanute während des Seitwärtssurf, so kann er zum Erleichtern der  Rollen diese beiden Drehmomente ausnutzen, und zwar dergestalt dass er zum Brecher hin hochrollt. Versucht er dagegen auf der Seite, die dem Brecher gegenüberliegt, hoch zu rollen, so wird ihm das erst möglich sein, wenn der Seitwärtssurf beendet ist. Während des Seitwärtssurf selbst sind diese Drehmomente so stark, dass ein Kanute dagegen nicht anrollen kann.

 

Kanten & Neigen

 

Versäumt der Kanute, beim Seitwärtssurf auf der Strömungsseite sein Seekajak hochzukanten, drückt das heranströmende Wasser so stark auf das Oberdeck, dass er sofort Richtung „3-Uhr-Stellung“ gedreht wird und eine Kenterung unabwendbar ist!

 

Mit dem rechtzeitigen Hochkanten des Seekajaks auf der Seite, die dem Brecher abgewandt ist, gelingt es dem Kanuten nur, die Kraft des „Unter-Wasser-Drehmoments“ zu vermindern, nicht aber auszuschalten. D.h. die beiden Drehmomente bleiben auch weiterhin wirksam und das Hochkanten allein hilft dem Kanuten nicht, einer Kenterung vorzubeugen. Vielmehr muss er etwas Anderes tun, das diese beiden Drehmomente vollständig kompensiert.

 

Als Verhaltensmaßnahme kommt dabei allein die Neigung (Lehnen) des Kanuten und seines Seekajaks hin zum Brecher infrage; denn damit „fängt er gleich zwei Fische mit einem Haken!“:

 

·         Mit der Neigung des Kanuten hin zum Brecher wird nämlich mehr oder weniger bewusst bzw. automatisch auch das Seekajak hin zum Brecher geneigt, was zum Hochkanten des Seekajaks auf der Seite führt, die dem Brecher abgewandt ist, und auf diese Weise dem zweiten Drehmoment jene Kraft nimmt, die eine Kenterung garantiert zur Folge hat.

·         Und mit der Neigung des Oberkörper des Kanuten hin zum Brecher (=> der Oberkörper wird von der „12-Uhr-Stellung“ hin zur „9-Uhr-Stellung“ geneigt!) wird ein entgegenwirkendes Drehmoment aufgebaut, der das Seekajak genau in die entgegengesetzt Richtung dreht, in die die beiden anderen Drehmomente es zu drehen versuchen.

 

Ob die Neigung des Kanuten hin zum Brecher genügt, um das erste und zweite Drehmoment zu kompensieren, hängt von der Kraft ab, die von diesen beiden Drehmomenten ausgeht. Rauscht z.B. ein 2-3-Meter-Brecher heran, kann sich wahrscheinlich der Kanuten soweit zum Brecher neigen wie er will; denn es wird ihm es sicherlich nicht gelingen, mit dem Drehmoment, das von seiner Körperneigung hin zum Brecher ausgeht, die Kraft, die von den beiden anderen Drehmomenten ausgeht, auszugleichen. Wahrscheinlich wird der Brecher den Kanuten mitnehmen und samt seines Seekajaks über die Wasseroberfläche rollen lassen.

 

Ein geübter Brandungsfahrer wird i.d.R. vorher erkennen, ob es Zweck hat, sich in Richtung solch eines mächtigen Brechers zu neigen. Tut er es dennoch, besteht die Gefahr, dass er, der aufgerichtet in seinem Seekajak sitzt und sich zum Brecher neigt, beim unfreiwilligen Rollen seines Seekajaks aus seiner Sitzluke geschleudert wird. Deshalb ist ihm anzuraten, - sofern er es nicht vorzieht, dem Brecher auszuweichen - kurz bevor der Brecher ihn erreicht die Rollposition einzunehmen (=> Oberkörper nach vorne legen und das Paddel parallel zum Seekajak) und sich solange vom Brecher mitnehmen und rollen zu lassen, bis er meint, dass sich die beiden Drehmomente soweit abgeschwächt haben, dass er eine Chance hat, durch Aufrichten seines Oberkörpers ein weiteres Rollen zu verhindern.

 

Brandungserfahrungen

 

Die „Kunst“ des Brandungspaddeln besteht nun darin, als Kanute:

 

·         zu erkennen, bis zu welcher Brecherhöhe bzw. –geschwindigkeit er eine Chance hat, erfolgreich seitwärts zu surfen;

·         und zu erahnen, wie weit er sich hin zum Brecher legen muss, damit ihn die beiden Drehmomente nicht gleich in die andere Richtung drehen und kentern lassen.

 

Neigt der Kanute sich zu wenig hin zum Brecher, hat er schon „verloren“. D.h. er wird von den beiden Drehmomenten sofort in die andere Richtung gedreht. Wenn der Kanute nicht vorher abschätzen kann, wie viel Drehmoment er mit seiner Körperneigung aufbauen muss, um die beiden anderen Drehmomente zu kompensieren, ist zu empfehlen, sich zunächst einmal maximal zum Brecher hin zu neigen (=> „9-Uhr-Stellung“). Dann besteht natürlich die Gefahr, dass ein unerfahrener Kanute, der die Paddelstütze noch nicht beherrscht, die Balance verliert und plötzlich zum Brecher hin im Wasser versinkt (=> Richtung “8-Uhr-Stellung“) und kentert.

 

Ein Kanute aber, der Paddelstütze & Hüftknick beherrscht, der wird es schaffen, eine Kenterung hin zum Brecher zu vermeiden und mit Hilfe der Paddelstütze jene Körperneigung zu finden, bei der das Drehmoment, welches von seiner Körperneigung ausgeht, die beiden anderen Drehmoment kompensiert. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass das Drehmoment, welches von der Köperneigung aus geht, stets etwas größer sein muss als die beiden anderen Drehmomente zusammen; denn nur so hat der Kanute die Möglichkeit, sich mit Hilfe der Paddelstütze beim Seitwärtssurf über Wasser zu halten. D.h. der Kanute muss beim Seitwärtssurf sich nicht nur kräftig zum Brecher hin neigen, sondern er muss sich dabei auch mit dem Paddel auf dem abfließenden Wasser des Seitwärtssurf so abstützen, damit er nicht hin zum Brecher kentert.

 

Seitwärtssurf: Anfang & Ende

 

Auf Folgendes hat der Kanute jedoch noch beim Seitwärtssurf zu achten:

 

·         Zu Beginn des Seitwärtssurfs muss der Kanute sich schon zum Brecher hin neigen, kurz bevor dieser ihn überspült; denn nur dann hat er eine Chance, vom Brecher nicht sofort gekentert zu werden.

·         Und am Ende der Surfphase, also wenn der Brecher an Kraft verliert und der Seitwärtssurf sich immer mehr verlangsamt, muss der Kanute sich langsam mit Hilfe von Paddelstütze & Hüftknick wieder aufrichten, wenn er nicht im Wasser versinken und kentern will.

 

Für einen geübten Brandungsfahrer ist das kein Problem; denn er richtet sich mit einem Druck aufs Paddelblatt bei gleichzeitigem Einsatz des Hüftknicks auf. Ein ungeübter Kanute aber, der in der einmal eingenommenen Körperneigung verharrt, dem könnte es passieren, dass er nach erfolgreichem Seitwärtssurf doch noch langsam aber sicher ins Wasser sinken wird, weil es ihm nicht gelingt, sich mit Hilfe der Paddelstütze zurück auf die „12-Uhr-Stellung“ zu drehen.

 

Fazit:

1, Beim Seitwärtssurf in der Brandung ist es wichtig, dass der Kanute sich und sein Seekajak zunächst möglichst weit hin zum Brecher neigt.

2. Während des Seitwärtssurfen balanciert der Kanute mit Hilfe der flachen oder hohen Paddelstütze seine Körperneigung soweit aus, dass er immer etwas Druck auf das stützende Paddelblatt hat.

3. Vergisst er jedoch dabei, sein Seekajak hin zur Strömungsseite hoch zu kanten, verursacht das auf das Oberdeck strömende Wasser solch ein starkes Drehmoment, dass der Kanute – egal was er tut – sofort weg vom Brecher kentern wird.

4. Und verpasst er es, sich rechtzeitig zum Brecher hin zu neigen, lassen die beiden Drehmomente, die zum einen vom anrauschenden Wasser des Brechers und zum anderen von dem unter dem surfenden Seekajak entlang strömenden Wassers erzeugt werden, den Kanuten sofort weg vom Brecher drehen und kentern.

5. Beim Seitwärtssurf kann nicht gegen diese beiden Drehmoment hoch gerollt werden, d.h. wir müssen immer zum Brecher hin eskimotieren.

 

Kanuten, die Rollen können und somit die Paddelstütze und den Hüftknick beherrschen, gelingt in der Regel dieser Seitwärtssurf im Hallenbad spätestens im zweiten Versuch.

Alle übrigen Kanuten schaffen es jedoch spätestens beim dritten Versuch. Wenn sie dann immer noch kentern, liegt es meist an der zu zögerlich ausgeführten Paddelstütze bzw. an der fehlenden Körperneigung hin zum Brecher!

 

Text: Udo Beier