11.03.2002 Zur Leistungsfähigkeit von Trockenanzügen (Ausrüstung)

Anlässlich der Diskussion über den Tod zweier deutscher Marinesoldaten Anfang März 2002 in der Ostsee wurde die Leistungsfähigkeit von Trockenanzügen in Frage gestellt. Im Folgenden sollen daher hierzu ein paar Fakten gebracht werden, die man hierüber in der Literatur findet. Es fehlen jedoch weitgehend Angaben darüber, wie diese Daten ermittelt wurden.

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FAKTENSAMMLUNG 1:

Durchschnittlichen Lebenserwartung (in Std.) bei unterschiedlicher Bekleidung (TA=Trockenanzug; Neo; sK=sonstige Kleidung) (M.Dundalski, Kanu-Sport 13/88):

a) bei + 5C Wassertemperatur: 3 Std. (TA); 1 Std. (Neo); 1/2 Std. (sK);

b) bei +10C Wassertemperatur: 6 Std. (TA); 2 Std. (Neo); 1 Std. (sK);

c) bei +15C Wassertemperatur: über 6 Std. (TA); 4 Std. (Neo); 2 Std. (sK).

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FAKTENSAMMLUNG 2:

Zeit bis zur Bewußtlosigkeit ("usefull consciousness") bei unterschiedlicher Bekleidung (TA, Neo= 5mm), nK=normale Kleidung, N=nackt) (Min/Max-Werte in Std.) (W.W.Forgey 1996):

a) bei + 5C Wassertemperatur:

mind. 5 Std.(TA); 2:25-2:50 Std.(Neo); 1-1:25 Std.(nK); 0:25-0:35 Std.(N);

b) bei +10C Wassertemperatur:

mind. 6 Std.(TA); 3:30-4:20 Std.(Neo); 1:50-2:45 Std.(K); 0:50-1:15 Std.(N);

c) bei +15C Wassertemperatur:

weit über 6 Std.(TA); 5 - über 6 Std.(Neo); 3:15-5:10 Std.(nK); 1:10-2 Std.(N).

FAKTENSAMMLUNG 3:

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Zeit bis zur Bewusstlosigkeit ("Time to Unconsciousness") bzw. bis zum Tod (in Std.) bei unterschiedlicher Bekleidung, bei rauher See und +6,1 C Wassertemperatur (Steinman/Kubilis 1990):

a) leichte Bekleidung: 0,8 - 2,6 Std. bzw. 1,3 - 4.3 Std.

b) 3,2 mm dicker, lose getragener Coverall: 1,9 - 6,0 Std. bzw. 3,0 - 9,9 Std.

c) 4,8 mm Neo: 3,1 - 9,9 Std. bzw. 4,9 - 16,2 Std.

d) Trockenanzug mit dicker Fleece-Unterbekleidung: 5,7 - 18,2 Std. bzw. 9,1 - 30,0 Std.

e) wie d) aber mit 5cm langem Riss in linker Schulter: 1,6 - 5,2 Std. bzw. 2,5 - 8,4 Std.

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Anmerkungen:

Übrigens:

Hinweis:

Die oben angebenen Zeitwerte zur "durchschnittlichen Lebenserwartung" bzw. zur "Usefull Consciousness" basieren teils auf Laboruntersuchungen, teils auf der Auswertung nicht repräsentativer Unfälle. Das schmälert aber nicht den Wert ihres Aussagehalts. Auch wenn die Zeitwerte von Person zu Person und von Situation zu Situation abweichen werden, die herausragende Stellung des Trockenanzugs bei der Vorbeugung gegen Unterkühlung gegenüber den anderen Bekleiduingsvarianten bleibt erhalten. D.h. egal welche der im Folgenden aufgeführten Beeinflussfaktoren im Einzelfall zu einer Minderung der Überlebenszeit führen könnte, keiner dieser Faktoren ist in der Lage, den Trockenanzug in seiner Eignung zum Schutz gegen Unterkühlung vom "Treppchen" zu stoßen:

  1. Faktor "Umgebung":
  2. Wasser-/Lufttemperatur;

    Windgeschwindigkeit,

    Strömung;

    Seegang;

  3. Faktor "Ausrüstung":
  4. Bekleidung/Kälteschutz,

    Auftrieb/Auftriebsmittel (ohnmachtssicher, Spraycap);

  5. Faktor "allgemeiner individueller Zustand":
  6. Körperaufbau/Unterhautfettgewebe;

    allgemeine Gesundheitszustand,

    Grundkondition,

    Nässe/Kälte-Akklimatisation;

    Ausmaß der sog. Zentralisation (d.h. inwieweit gelingt es dem Kreislauf, die zentralen Organe des Körpers vor der Kälte zu schützen);

  7. Faktor "aktuelle individueller Zustand":
  8. aktuelle Gesundheitszustand;

    Alkohol-/Medikamenten-/Drogeneinnahme;

    Tageskondition;

    Überlebensmotivation;

    Ausmaß der Angst;

  9. Faktor "tatsächliche Bedingungen vor bzw. Verhaltensweisen nach einer Kenterung":

unmittelbarer Ernährungszustand vor der Kenterung;

Grad der Erschöpfung vor der Kenterung;

Ausmaß der Auskühlung vor der Kenterung;

entkräftende Handlungen nach der Kenterung;

tatsächliche Verweildauer im Wasser

Ausmaß der Benetzung des Körpers mit Wasser.

 

Text: Udo Beier,

Literatur:

Dundalski,M., Das Problem der Unterkühlung. Eiskaltes Blut ...! in: Kanu-Sport, Nr. 13/88, S.287ff.

Forgey,W.W., The Basic Essentials of Hypothermia, 1996 (USA), S.50ff.