11.10.2002 Rettungssäcke - obsolet? (Ausrüstung)

Immer mal wieder werden Rettungssäcke als Möglichkeit zur Milderung der Unterkühlungsprobleme zur Diskussion gestellt. Die Vorschläge mit dem Rettungssack, in den man nach einer Kenterung mit endgültig missglücktem Wiedereinstieg "krabbeln" sollte, stammen spätestens aus den frühen 80er-Jahren. Wenn dennoch vereinzelt in dem einen oder anderen Seekajak-Lehrbuch der Sack als Rettungsmittel erwähnt wird, so liegt das wohl einfach daran, dass sie - wie mit vielen andere Passagen auch - hier einfach nicht auf dem neuesten Stand sind.

1986 machte ich Bekanntschaft mit diesem Ausrüstungsteil und habe - da die propagierten Voreile plausibel erschienen - mir sofort solch einen Sack besorgt und stets auf dem Achterdeck dabei gehabt. Später habe ich ihn durch einen entsprechenden als "Overall plus Kapuze" geschnittenen Sack ausgetauscht. Und als ich dann 87/88 meinen ersten Trockenanzug kaufte, verbannte ich dieses Ausrüstungselemente aus meinem auf Deck brandungssicher unter einem Netz verstautem Equipment (1 Rauchfackel, 1 gr. Seenotrakete, 1 Schleppleine, 1 Blitzleuchte, 1 Paddlefloat, 1 Flasche Wasser, 1 Kiste Verpflegung, 1 Apfel, 1 Messer; gegebenenfalls darüber gepackt: 1 Trockenanzug).

Nun, wer Platz hat, kann sich ja zusätzlich solchen einen "Sack" draufpacken. Besonders Longdistance-Offshore-, zumindest Solo-Küstenkanuwanderer böte sich dies an, wohl nicht als 2. Möglichkeit, wohl aber als 3., 4. Möglichkeit.

Aber was spricht dafür? Nun, vielleicht trägt das zur Beruhigung bei, wenn man unterwegs auf dem Wasser ist und es kritisch wird: "Notfalls gehen ich in den Sack!" Dieses Vertrauen gibt einem vielleicht die Kraft, am Rande der "Panik" vorbeizupaddeln. Aber ist dieser Beruhigungseffekt objektiv begründet? Rein logisch, quasi aus der "Schreibtischwarte" heraus, müsste eigentlich etwas dran sein an der "Effizienz" eines solchen Sackes. Leider handelt es sich jedoch dabei nur um eine Vermutung, die sich im empirischen Test nicht verifizieren ließ. Bei einem Test u.a. zur Wirksamkeit von Trockenanzügen prüfte man nämlich auch ab, wie wirksam der Kälteschutz eines Trockenanzuges ist, wenn er einen 5,08 cm langen Riss hat. Das Ergebnis war ernüchternd und sollte die "Anti-Trocki-Fraktion" hier im Forum zu denken geben:

Die "Time of Incapacity" (von schlanken Personen (hier: 11,1% Körperfett); bei 6,1° C Wassertemperatur) unterschied sich dabei in Abhängigkeit der Bekleidung wie folgt:
= 0:24 - 1:18 Std. (bei leichter Bekleidung);
= 0:54 - 2:42 Std. (bei Trockenanzug mit 5 cm langem Riss an der linken Schulter

inkl. dicker Faserpelzbekleidung);
= 2:54 - 8:48 Std. (bei Trockenanzug inkl. dicker Faserpelzbekleidung);

Rein prozentual verdoppelt man als einfacher 08/15-Paddler mit dem Sack wohl die Chance zu überleben. Rein zeitmäßig fehlen aber die entscheidenden Stunden an Sicherheit, die einem nur ein Trockenanzug bieten kann.

Nun, es wurde schon früher hier im Forum pauschal dagegen geschrieben, dass ein Trockenanzug mit einem 5 cm langen Riss nicht mit einem Sack zu vergleichen sei! Leider wurde die Begründung nicht mitgeliefert; denn ein kaputter Trocki (hier Riss; ein anderes Mal ein defekter Reißverschluss bzw. eine eingerissen Manschette) wird doch allemal so dicht halten, wie ein Sack, in den man im Wasser einsteigt und dann

a) entweder bis unter die Achseln hochzieht und dort hält;

b) oder über die Arm bis zum Hals hochzieht und dann dort mit den Händen zu hält oder - bei einem Sack deluxe - mit einer Kordel zuzieht und damit im Kauf nimmt, mit dem Sack unkontrolliert - mal Kopf über, mal Kopf unter - im Seegang zu treiben und dabei zu ertrinken, bevor sich überhaupt die ersten Anzeigen der Unterkühlung bemerkbar machen.

Ich kann daher nur jenen empfehlen, sich noch zusätzlich einen Sack auf's Achterdeck zu legen bzw. an der Rettungsweste zu verstauen, wenn sie wirklich für jede Sekunde gewonnene Überlebenszeit kämpfen .... Nur, wenn sie den Kampf gegen die Unterkühlung wirklich ernst nehmen, frage ich mich, warum sie sich nicht gleich sich z.B. für den Trockenanzug entscheiden!?

Übrigens, bei meiner letzten 2 1/2-tägigen Tour Anfang Oktober "Rund Fehmarn" holten - als es anfing mit 5-7 zu blasen -, plötzlich 3/4 der Gruppe einen Trockenanzug und der Rest einen Neo heraus!

Ja, da hilft kein "lamentieren". Ich kann mich noch an die frühen 90er-Jahre z.B. in der SaU erinnern, wo sich eine "Anti-Schott-Fraktion" vehement für die Akzeptanz von Kajaks als Seekajaks einsetze, die über keine mind. doppelte Abschottung verfügen. Ich prophezeie, Ende dieses Jahrzehnts wird auch diese "Anti-Trocki-Fraktion" das Schicksal der "Anti-Schott-Fraktion" ereilen. Wegen am eigenen Körper erlebter negativer Erfahrungen (eine ungeplante Kenterung bei kaltem Wasser reicht i.d.R.!), wird auch dieser letzten Fraktion die "Anhängerschaft" einfach ausgehen, sei es weil

Text: Udo Beier