16.11.2002 "Wann ist ein Kajak ein Seekajak?" (Ausrüstung)

Die Palette der Ausrüstungsmerkmale, die für ein Seekajak typisch sind, ist vielfältig. Auf welche Merkmale sollte man bei einem Seekajak, mit dem man sicher aufs Meer hinaus paddeln und auch wieder an Land zurückkommen, achten? Die Beantwortung dieser Frage ist zum einen Ansichtssache:

Zum anderen hat diese Frage etwas mit "Seemannschaft" zu tun, die fordert, dass man bei der Ausrüstung nicht Folgendes unbeachtet lässt:

An ein Seekajak, dass nur entlang eines sicheren Sandstrandes gepaddelt wird, sind sicherlich geringere Anforderungen zu stellen, als an eines, welches Offshore eingesetzt wird (jenseits der berüchtigten "Basislinie"). Und ein Seekajak, welches während einer geführten Gruppenfahrt zum Einsatz kommt, braucht nicht so hohe Anforderungen erfüllen, wie eines, welches für eine Solotour genutzt wird.

Wenn man die Seetüchtigkeit eines Seekajaks beurteilen möchte, kommt man nicht umhin, in das Urteil die folgenden Anforderungskriterien einfließen zu lassen:

Aber welche Ausrüstungsmerkmale sind es nun, die diesen Kriterien entsprechen? Muss ein Seekajak

 

  1. doppelt abgeschottet sein (KT) (oder ist die dreifache Abschottung Pflicht, damit bei Tagestouren das wenige Gepäck nicht herumrutschen kann)?
  2. und über eine festinstallierte Lenzpumpe verfügen (KT) (oder reicht wirklich im Ernstfall eine tragbare Handpumpe aus, vorausgesetzt sie kann bei einer Kenterung wären des Lenzvorganges nicht verloren gehen)?
  3. ... und über eine Paddelfloat-Vorrichtung verfügen, an der man schnell und fest sein Paddel als Ausleger befestigen kann (KT) (oder soll man davon ausgehen, dass der Kanute stets die Rolle beherrscht)?
  4. genügend breit sein (ST) (aber ist das wirklich wichtig; denn Hauptsache ist doch, der Besitzer kommt mit dem Kajak zurecht)?
  5. .... aber nicht zu breit (RT) (eigentlich müsste so bei 62-63 cm die Obergrenze erreicht sein; aber ein starker Kanute käme u.U. auch noch mit einem breiteren Kajak locker mit, z.B. jener Rostocker Kamerad, der einst in seinem Zweier-Pouch solo mit den SäUen locker mithalten konnte)?
  6. genügend lang sein (ST&RT) (aber wie lang mindestens, etwa 470 cm oder reichen 450 bzw. 420 cm, wo doch in schwerer Brandung ein "Topolino" (ca. 220 cm) am idealsten wäre)?
  7. ... aber nicht zu lang (ST) (sind 581 cm (hier: "Viviane" von Kajaksport) schon zu lang oder erst 610 cm (hier: Looksha II von Necky) bzw. hängt das auch hier allein vom Paddelvermögen des Kanuten ab)?
  8. und von der Spantform eher einem "Eski" als einem Wildwasserkajak ähneln (ST) (aber wann ist ein "Eski" ein "Eski": wenn er einem westgrönländischen Kajak ähnelt oder einem sibirischen bzw. reicht es, wenn das Kajak nicht plantscht und bohrt (Voraussetzung: das Vorderdeck sollte gefirstet bzw. gewölbt sein, aber nicht völlig flach!) sowie dazu noch gut surft)?
  9. ein nicht zu großes Cockpit haben, und zwar was die Sitzlukenlänge betrifft (ST&KT) (sind 49 cm (hier: "Langeoog" von Weiter) zu wenig und 142 cm (hier: "Nomad" von Plastimo) zu viel; aber: Hauptsache man hat genügenden Schenkelhalt und die Brecher drücken die Spritzdecke nicht auf)?
  10. .... aber auch das Cockpitvolumen tangiert (KT&ST) (wo aber die liegt Obergrenze: bei 200 oder erst bei 247 Liter (hier: "Kodiak" von Prijon); letztlich hängt doch das von der Leistungsfähigkeit der Lenzpumpe und die Lenzbarkeit per TX-Lenzmethode ab, die wieder voraussetzt, dass das Heckschott möglichst dicht hinterm Sitz positioniert ist; dabei sollte ein Solo-Paddler nicht vergessen, dass es ihm kurzzeitig auch möglich sein müsste, mit einem gefluteten Cockpit im Seegang zu paddeln, und zwar solange bis er das Cockpit gelenzt hat)?
  11. .... und natürlich auch den Süllrand (KT) (da gibt es wirklich welche, an der man die Spritzdecke nur befestigen kann, wenn man warme Finger, Zeit & Geduld hat, sowie Ententeichbedingungen herrschen)?
  12. Sollte es über stramm montierte, dicke Rettungshalteleinen verfügen (KT) (und zwar auf dem Vorder- und Achterdeck)?
  13. .... und Toggles (KT) (und zwar so am Bug und Heck angebracht, dass man sich nicht die Hand quetschen kann, wenn man das Kajak nach einer Kenterung hält; aber was ist, wenn am Heck eine Flip-off-Steueranlage hängt)?
  14. ... sowie einer Paddelhalterungsleine (KT) (die schnell lösbar sein müsste)?
  15. über ein Kartendeck (NT) (mit 1, 2 oder 3 Kartenhaltegummis und natürlich einem ebenen Untergrund und Übergang zum Süllrand oder überlassen wir das dem Navigationsvermögen des Kanauten; denn ich kenne welche, die auch ohne Seekarte von Südwesthorn zur Pallas finden und auch wieder zurück)?
  16. ... und einen festinstallierten Kompass (NT) (oder reicht ein Handkompass)?
  17. in Signalfarbe gestrichen sein (VT) (reicht rot, das im Dunklen schwarz aussieht, oder muss es gelb, organge oder gar Uno-Blaut sein)?
  18. ... und mit Reflexstreifen versehen sein (VT) (kann aber auf eine Lichterführung verzichtet werden)?
  19. Muss Verpflegung & Getränke auf Deck griffbereit gelagert werden können (RT) (weil man unter Deck bei schwierigeren Gewässerbedingungen nicht mehr dran kommt)?
  20. und muss man unterwegs auch bei Seegang autark sein können (RT) (d.h. sich ar ohne Kameradenhilfe verpflegen können)?
  21. Wie sieht es mit der "Trimmbarkeit" aus (ST&RT) (muss ein Seekajak mindestens über ein variables Skeg verfügen bzw. sollte es unbedingt ein Steuer sein oder kann man auch gänzlich "unten ohne" auskommen)?
  22. Was ist mit der Start- und Anlandetauglichkeit bei Seegang bei sandige, schlickigem bzw. felsigem Untergrund (RT) (muss das Unterwasserschiff so stabil sein, dass man sich bei Grundberührung nicht sofort ein Loch holt; bzw. müssen Skeg bzw. Steuer so installiert sein, dass sie dabei nicht beschädigt werden können)?
  23. Sind auch die Seenotsignalmittel griffbereit zu lagern (Not-T) (oder reicht es, wenn man so etwas griffgünstig unter Deck liegen hat)?
  24. ... und was ist mit den Reservepaddel (Not-T) (müssen sie auf dem Vorderdeck griffbereit liegen oder reicht es, wenn sie auf dem Achterdeck irgendwie verstaut sind, letztlich so kompliziert, dass man sie weg lässt, so bald man einen Kameraden entdeckt, der sein Reservepaddel mit sich führt)?
  25. ... und was mit der Schleppleine (Not-T) (eigentlich sollte man sie so einsetzen können, dass sie sich nicht auf dem eigenen Achterdeck - etwa beim Reservepaddel bzw. dem vielfach zu hoch gezogenen Heckende - verheddern kann)?
  26. - und was mit dem Restauftrieb (KT) (sofern unterwegs wegen Beschädigung bzw. Gepäcklukendeckelverlust sowie Spritzdeckenbeschädigung über all Wasser eindringt; reichen dann ca, 35 kg aus)?

Fragen über Fragen, deren Beantwortung leicht fällt, wenn man nur im Auge hat, mit einem optimal für eine Küstenkanuwanderung ausgerüsteten Kajak unterwegs zu sein. Anders sieht es da schon aus, wenn zu klären ist, was zur Mindestausrüstung eines Seekajaks gehört. M.E. sollte diese Mindestausrüstung sicherstellen, das ein Seekajak über genügend:

verfügt.

Schon 1993 hatte ich einmal zusammen mit dem damaligen SaU-Ausbildungsleiter Christian Harms versucht, einen allgemeinen Ausrüstungsstandard für Seekajaks zur Diskussion zu stellen (vgl. "Seekajak", Nr. 41, S.61-64). Ansätze hiervon finden sich auf der DKV-Homepage wieder:

www.kanu.de/spezial/kuestenpaddeln/kaufen.htm

Der Protest war damals vorprogrammiert. Heute wird es sicherlich nur punktuell anders sein; denn die Küstenkanuwanderer sind schon eine besondere "Spezies" unter den Kanuten. Sie nehmen sich und natürlich ihr Seekajak gern zum Maßstab - ich schließe mich da nicht aus - und akzeptieren es ungern, wenn Dritte andere Maßstäbe bzw. Standards ansetzen.

Aber langfristig werden wir wohl nicht umhin kommen, uns hierüber Gedanken zu machen, wenn wir verhindern wollen, das dritte Stellen dies zu ihrer Sache erklären und sich plötzlich berufen fühlen, über uns zu "richten". Die französischen Behörden sind da - in anderen Bereich sonst sehr tolerant - schon sehr bestimmend. Es ist zu hoffen, dass die übrigen EU-Länder sich dabei nicht gegenseitig überbieten werden und erkennen, dass in Anbetracht der geringen Zahl von Seenotfällen, die durch das Küstenkanuwandern ausgelöst werden, z.Zt. in Europa dazu wirklich kein Handlungsbedarf besteht.

Text: Udo Beier