23.12.2002 "Yukon Expedition" - ein Seekajak? (Ausrüstung)

Das von Prijon angebotene "Multitalent":

"Yukon Expedition" (PE)

(Maße: 440x61 cm; Sitzluke: 91x45 cm; Gewicht: ca. 27 kg; doppelte Abschottung; Volumen: ca. 460 Liter, und zwar verteilt auf: Bug: 60 Liter / Cockpit: 290 Liter / Heck: 110 Liter)

ist - nomen est omen - ein ganz normales Fluss- und Seen-Wanderkajak, trotz seiner doppelten Abschottung. Dass man lt. Prospektangaben mit ihm bis Wildwasserschwierigkeitsgrad II paddeln kann, macht aus ihm noch kein Wildwasserkajak, und dass ein normal talentierter Kanute mit ihm bis ca. Salzwasserschwierigkeitsgrad II (ca. V Bft.) kontrolliert paddeln kann, macht aus ihm natürlich auch noch kein Seekajak. Das ändert im Übrigen nichts daran, dass mit ihm u.a. einige beachtliche Arktis-Expedition erfolgreich durchgeführt wurden, oder ist es deshalb schon ein "Grönlandkajak"?

Z.B. berichtet Bernhard Schütte im neuesten KANU-MAGAZIN (Nr.1/03) von einer 70tägigen Tour über 1000 km entlang der Ostküste Grönland, bei der 3 "Yukon Expedition" eingesetzt wurden. Siehe hierzu auch meine Kurzfassung in:

www.kuestenkanuwandern.de/aktuell.html >"Aktuelle Info vom 19.11.02"

Warum er und seine 2 Kameraden sich für den "Yukon Expedition" entschieden haben, hat wahrscheinlich ganz simple Gründe:

  1. Das Kajak hat sich bei anderen deutschen Polar-Expeditionen bewährt. Um keine bösen Überraschung zu erleben, ist es nahe liegend, auf das gleiche Material zurück zu greifen!
  2. Mit dem Kajak soll auch notfalls tagelang übers Packeis gezogen werden. Dafür eignet sich insbesondere ein kürzeres, stabiles Kajak! - Mit einer Länge von 440cm und seinem PE-Material erfüllt der "Yukon Expedition" diese Bedingung. Der Mangel, dass das PE-Bootsmaterial für das Gleiten auf Schnee/Eis einen relativen hohen Reibungswiderstand haben soll, wurde durch Überstülpen einer PE-Folie behoben. Das war für B.Schütte und seine Gruppe wichtig; denn die ersten 3 Tage wurden die Kajaks nur über das verschneite/vereiste Land gezogen, später ging es dann manchmal tagelang über Treibeisfelder (8 Teile Eis / 2 Teile Wasser).
  3. Das Kajak sollte über so viel Volumen verfügen, dass auch das Gepäck (inkl. Proviant) für über 2 Monate mitgeführt werden kann! - Mit 460 Liter Volumen erfüllt der "Yukon Expedition" auch diese Bedingung. Ich kenne nur 5 Seekajaks, die voluminöser sind. Sie sind aber alle länger als 520cm und bestehen nicht aus PE.. Siehe hierzu meine Seekajak-Marktübersicht unter:
    www.kanu.de/spezial/kuestenpaddeln/marktuebersicht_seekajaks_einer.pdf
  4. Last not Least sollte das Kajak sicherlich auch nicht so kipplig sein. - Mit seiner Breite von 61 cm spricht einiges dafür, dass der "Yukon Expedition" manchen Ein-/Ausstiegs- bzw. Fahrfehler verzeiht.

In der Tat, der "Yukon Expedition" ist als echtes "Multitalent" ein "Klasse" für sich, wie z.B. das Faltboot. Aber ist es deshalb schon gleich ein echtes Seekajak? Nun, ein Küstenkanuwanderer mit guter Paddeltechnik & Kondition wird i.d.R. keine Schwierigkeiten haben, mit weniger leistungsfähigen Kanuten, die in "schnittigen" Seekajaks paddeln, mitzuhalten. Wenn er dazu noch perfekt rollen kann, sehen seine Begleitern schon sehr "alt" in ihren Seekajaks aus, wenn sie nach einer Kenterung aussteigen müssen. Also: Können kommt vor Ausrüstung, aber mit Ausrüstung paddelt's sich halt ein wenig komfortabler.

Was ist nun am "Yukon Expedition" aus dem Blickwinkel eines Küstenkanuwanderers zu kritisieren? Z.B.:

  1. Standardausrüstung: Rettungshalteleine (zu dünn und nicht stramm genug), Kartenhaltegummi (zu wenige und falsch positioniert), Haltegriffe (falsch positioniert), Kompass (fehlt), Lenzpumpe (fehlt) - Aber: das kann man alles selber verbessern bzw. nachrüsten!
  2. Süllrandmaße: Die 91cm Cockpitlänge ist trotz Schlüssellochform der Sitzluke etwas groß geraten. Ist das nun problematisch? Nun,

erstens kann es Probleme beim Ablesen der Seekarte geben;

zweitens kann es Probleme beim Paddeln im Seegang bzw. beim Rollen geben, insbesondere dann, wenn man keinen Schenkelhalt hat (jedoch: auf Grund der verstellbaren Schenkelstützen könnte diese Problem gelöst sein);

drittens kann es Probleme mit Brechern geben, da die Wasserwucht die Spritzdecke aufdrücken könnte; je "schlapper" die Spritzdecke um den Süllrand "hängt", desto leichter kann das passieren (sollte man solche Probleme mit der Spritzdecke habe, bietet es sich an, z.B. bei ZÖLZER eine Neo-Decke oder die "Super-Xtrem-Decke" (mit Druckstab und einem 10mm-, statt 6mm-Süllrandgummi maßgeschneidert anfertigen zu lassen);

viertens kann es wegen der übergroßen Spritzdecke Wiedereinstiegsprobleme geben, da die Spritzdecke beim Einsteigen überall hängen bleiben und nach dem Einsteigen sich überall verklemmen kann, notfalls muss man sich im "Yukon Expedition" hinstellen, um die Spritzdecke in Position zu legen;

und fünftens kann nicht ausgeschlossen werden, dass es bei kabbligem Seegang und klammen Händen Probleme mit dem Schließen der Spritzdecke geben kann.

  1. Volumen: 460 Liter ist für die übliche Wochenendpaddelei viel zu viel. Wenn das Kajak dann nicht richtig beladen ist, kann man Probleme mit dem Winddruck bekommen. Bei einer Tagestour ohne Gepäck sollte man schon ca. 100 kg wiegen, wenn man nicht ab 5 Bft in Schwierigkeiten geraten möchte.
  2. Cockpitvolumen: 290 Liter Cockpitvolumen ist fast schon "Weltrekord". Bei meinem "Sirus S" komme ich auf 115 Liter. Alles was über 200 Liter liegt, ist eigentlich nicht mehr akzeptabel, da nur unter großen Schwierigkeiten und mit großem Zeitaufwand lenzbar. - Die 3 Grönlandfahrer hatten übrigens die Abschottungen versetzt, um größere wasserdichte Stauräume zu erhalten; aber nicht jeder kann das und ob dann die Schottwände auf Dauer dicht bleiben, sei auch dahin gestellt.
  3. Bootsform: Der "Yukon Expedition" ist recht kurz, breit & gerade, aber: Kürze kurvt! Breite bremst! und gerader Kielverlauf bohrt & plantscht! Ob das für den "Yukon Expedition" zutrifft, kann nur ein Praxistest unter realistischen Bedingungen zeigen. Zumindest im "Seekajakforum.de" merkten einige an, dass der "Yukon Expedition" bohrt und seitenwindempfindlich ist. Und wie ist es mit der Schnelligkeit des "Yukon Expedition" bestellt? Seine geringe Länge (nur 440 cm statt der für Seekajaks üblichen 500 cm und mehr) und überdurchschnittliche Breite (61 cm statt der üblichen 55 cm und weniger) deuten darauf hin, dass man ab 3 kn (5,5 km/h) Fahrt schon ein kräftiger Kanute sein muss, wenn man mit den anderen mithalten möchte.

Text: Udo Beier