8.10.2004 „Kentertest“ – Zur Kippligkeit vollgelaufener Seekajaks (Ausrüstung)

 

Spätestens bei dem im August sich ereigneten Seenotfall vor Baltrum

 

è www.kanu.de/nuke/downloads/Seenotfallanalyse-II.pdf

 

stellt sich die Frage, inwiefern die „Kippligkeit“ eines Seekajaks (hier: Anfangs- und Endstabilität) nicht nur ein Aspekt der „Seegangstüchtigkeit“, sondern auch der „Kentertüchtigkeit“ ist.

 

So ist ein besonders kippliges Seekajak weniger seegangstüchtig als ein weniger kippliges. Wie verhält es sich nun mit der Kippligkeit eines Seekajak, dessen Sitzluke nach einer Kenterung mit anschließendem Ausstieg randvoll mit Wasser gefüllt ist? Wird es dadurch derart kipplig, dass der „Kenterbruder“ ohne Kameradenhilfe nicht mehr in der Lage ist, die Sitzluke im kabbligen Seegang zu lenzen, so kann man dem Seekajak die entsprechende „Kentertüchtigkeit“ absprechen. Ein solches nicht kentertüchtiges Seekajak mag wohl bis zur Kenterung seegangstüchtig sein. Nach einer Kenterung aber ist der „Kenterbruder“ auf fremde Hilfe angewiesen, um seine Tour fortsetzen zu können. Folglich ist es nicht mehr kentertüchtig.

 

Bislang zählen zu den Kriterien der Kentertüchtigkeit:

 

 

nun kommt noch Folgendes dazu:

 

 

Bei dem Anfangs erwähnten Seenotfall scheint die nicht mehr beherrschbare Kippligkeit des Seekajaks vom Typ „Esplora“, bei dem nach einer Kenterung mit anschließendem Ausstieg die Sitzluke geflutet war, dazu geführt haben, dass der „Kenterbruder“ nicht mehr in der Lage war, nach dem Wiedereinstieg per Kameradenhilfe sein Kajak ohne Kameradenhilfe zu lenzen bzw. mit gefluteter Sitzluke sicher aus dem kritischen Seegangsgebiet zu paddeln, d.h. der „Kenterbruder“ kenterte mehrmals und gab schließlich auf, in sein Kajak wiedereinzusteigen.

 

Natürlich könnte man das wiederholte Kentern dem kritischen Seegang zuschreiben, der immerhin so gefährlich erschien, dass die Kameraden es aus Gründen der eigenen Sicherheit vorzogen, den „Kenterbruder“ allein zurück zu lassen. Auch könnte man die Schuld am wiederholten Kentern statt beim Seekajak bei dem mangelnden Paddelvermögen (hier: Seegangstüchtigkeit) des gekenterten Kanuten suchen. Einiges spricht jedoch dafür, dass die Ursachen der Kenterungen nicht allein am Seegang bzw. am „Kenterbruder“ lagen. Im Rahmen der Diskussion zu diesem Seenotfall im SEEKAJAKFORUM.de (Diskussionspunkt „Rettung“ v. 15.09.04) wurde nämlich von einem Kanuten die Meinung vertreten, dass gerade der „Esplora“ extrem kipplig ist, wenn die Sitzluke randvoll Wasser ist: „Bei dem … Boot erschreckten mich allerdings die Nasslaufeigenschaften. … Meine Erfahrung ist, dass ein Esplora mit vollgelaufener Sitzluke katastrophal instabil ist, ständig Schlagseite bekommt und das schon bei weitaus harmloseren Bedingungen als die … geschilderten.“ (Mark, 7.09.04)

 

Daraufhin anwortete der betroffene Kanute wie folgt: „… ich kann sagen, dass es nur wirklich brenzlig wurde, weil eine Weiterfahrt mit dem nicht komplett gelenzten Cockpit nahezu unmöglich war. Ich habe gepumpt, was die (tragbare) Handpumpe hergab. Da die großen Wellen eine dauerhafte „Päckchenbildung“ aber nicht zuließen, musste ich bald die Maßnahme einstellen und versuchen mit der nicht akzeptablen Wassermenge am Po zu fahren – was mir nicht gelungen ist. Ich kann (die) Meinung zu den Nasslaufeigenschaften nur bestätigen. … ich konnte das Boot nicht lenzen, weil sich mit Sicherheit meine (tragbare) Handpumpe in der Situation als lächerlich dargestellt hat und weil möglicherweise das Cockpitvolumen (von ca. 200 Liter) sehr groß ist.“ (Gottfried Huesmann, 8.09.04)

 

Mangels eigener Erfahrung mit dem „Esplora“ habe ich mich an Peter Unold, Mitglied der dänischen Seekajakvereinigung „Havkajakroerne“, gewandt, der ein erfahrener Seekajakfahrer ist, bekannt durch seine Touren rund Dänemark und entlang der vollständigen schwedischen Küste. P.Unold fuhr jahrelang den

 

mit folgender Volumenverteilung: ca. 60 Liter Bug, 200 Liter Cockpit + 90 Liter Heck,

 

und ist in diesem Jahr umgestiegen auf den

 

mit folgender Volumenverteilung: ca. 70 Liter Bug, 135 Liter Cockpit + 100 Liter Heck.

 

Ich fragte ihn, „ob er irgendwelche Erfahrungen darüber hat, dass der „Esplora“ extrem kipplig ist, wenn seine Sitzluke randvoll Wasser ist? Ist der geflutete „Esplora“ kippliger als der geflutete „Inuk“?“

 

P.Unold antwortete: „Ja absolut. Der „Esplora“ ist definitiv sehr, sehr kipplig, wenn sein Cockpit geflutet ist. Viel kippliger als ein „Inuk“, dessen Cockpit ebenfalls geflutet ist. Das war eine große Überraschung für mich, als ich das entdeckte. Man muss das Cockpit nach „Reentry & Roll“ lenzen, bevor man weiter paddeln kann. Der „Inuk“ dagegen ist bei geflutetem Cockpit nur wenig kippliger, als bei leerem Cockpit. Das ist schon seltsam, denn der „Inuk“ ist nur 50 cm breit, während der „Esplora“ 52 cm misst.“

 

Ob es sich hierbei nur um subjektive Eindrücke handelt, die nicht verallgemeinert werden dürfen, sei dahingestellt. Eckehard Schirmer, Referent für Küstenfahrt des LKV Schleswig-Holstein, wundert sich nicht über solche Aussagen; denn der „Esplora“ verfügt im Mittschiff über einen ausgeprägten U-Spant, welcher für eine hohe Anfangsstabilität aber eine niedrige Endstablität sorgt. Da ein Seekajak mit einem gefluteten Cockpit ohnehin etwas kippelt, wird die Kippligkeit eines Seekajaks nach einer Kenterung mit anschließendem Wiedereinstieg in die randvoll mit Wasser gefüllte Sitzluke in erster Linie von seiner Endstabilität geprägt und die ist anscheinend beim mit ca. 160 Liter Meerwasser beladenem „Esplora“ (Hinweis: das Cockpitvolumen beträgt ca. 200 Liter, wovon vom Kanuten nach dem Wiedereinstieg nur ca. 40 Liter verdrängt werden können!) im Seegang nicht für jedermann/-frau beherrschbar.

 

Ich empfehle daher jedem Kanuten, der einen „Esplora“ oder ein anderes Seekajak kaufen möchte, den „Kentertest“ zu machen, d.h. die Sitzluke des zum Kauf infrage kommenden Seekajaks randvoll mit Wasser zu füllen und dann während einer kurzen Probefahrt (möglichst bei Seegang) zu prüfen, wie kipplig es sich verhält. Auf diese Weise kann jeder recht einfach prüfen, ob für ihn die oben geäußerten Vermutungen zutreffend sind.

 

Text: Udo Beier